Walter P. Siment

Das Jahrhundertereignis

Hektisch und nervös richtete ich heute morgen meinen ersten Blick zum Himmel. Graue Nebelschwaden bildeten einen riesigen Wolkenteppich, der schwer über der Landschaft lag. Es war zum Heulen: ausgerechnet jetzt, wenige Stunden vor dem "Jahrhundertereignis" verhinderte die von Horizont zu Horizont reichende Wolkendecke den Blick auf die Sonne. Sollte das Wetter gerade heute das Erlebnis einer Sonnenfinsternis trüben?

Da für meinen Wohnort nur eine teilweise Verfinsterung vorausgesagt war, wollte ich mit meiner Familie in die nahe Totalitätszone aufbrechen. Trotz des ungünstigen Wetters verstaute ich Teleskop und Fotoausrüstung im Auto. Kaum war ich fertig, brachte mich etwas anderes so richtig zum Sieden: Meine Familie ließ sich durch Papas Hektik überhaupt nicht anstecken. Die beiden Herrn Söhne agierten demonstrativ lahm. Sie hatten sogar Zeit zum obligaten Morgenstreit. Erst als sie meine, nichts Gutes verheißende Stimmung bemerkten, beendeten sie ihren Bummelstreik. Endlich konnte ich mich nach dem nervenaufreibenden Warten ins Auto setzen. Auch ins Wettergeschehen kam jetzt Bewegung. Leichter Wind zerrte an der Wolkendecke und ließ sie dünner und heller werden, bis einzelne Löcher das Blau des Himmels freigaben. Weil wir Staus auf den Autobahnen befürchteten, fuhren wir großteils auf völlig unbekannten Nebenstraßen. Unser Weg schlängelte sich über sanft ansteigende Hügel, durch schattige Wälder und durch idyllische gelegene Ortschaften. Angenehm überrascht genossen wir den Unterschied zum gewöhnlich benutzten Einerlei der Autobahn. Während der Fahrt schauten wir immer wieder zum Himmel und verfolgten die blauen Löcher in der Wolkendecke. Allmählich kam die Sonne zum Vorschein und heizte den Wagen auf. Schwitzend erreichten wir schließlich Fürstenfeld und beobachteten den ersten Kontakt des Mondes mit der Sonne. Da uns der Parkplatz neben einer stark befahrenen Straße nicht zusagte, flüchteten wir auf einen nahe gelegenen Hügel. Von hier aus bot sich uns eine tolle Aussicht auf weite Teile der Oststeiermark. Kaum war ich aus dem Auto gestiegen, hörte ich jemanden sagen:

"Ah, die Familie Siment ist auch vertreten!" Zu unserer großen Überraschung ist unter den zahlreichen Sonnenfinsternis-Beobachtern unser ehemaliger Kaplan Hans Pock. Während wir fasziniert zuschauen, wie der Mond immer mehr die Sonne verdeckt, wird es meinen Söhnen langweilig. Mein 10-jähriger "Kleiner" findet bald einen Spielplatz, auf dem er eine Burg baut. Schwieriger ist es mit dem pubertierenden "Großen". Er sitzt frustriert im Auto und will nicht verstehen, dass ich das Naturschauspiel nicht durch laute Musik aus dem Autoradio stören lassen will. Nach einer Stunde wird das Sonnenlicht immer fahler. Alles scheint in ein silbrig schimmerndes Licht getaucht zu sein. Begeistert fotografiere ich die schmale Sonnensichel, als mein Film plötzlich am Ende ist. Ich will ihn zurückspulen, doch er ist ausgerissen. Verärgert öffne ich den Fotoapparat und ziehe das jetzt sicher ordentlich belichtete Filmband aus dem Gehäuse. Alles, was ich bisher abgebildet habe, ist vernichtet! "Maaama! Dem Papa ist der Film gerissen!" höre ich einen meiner Söhne laut rufen. Da meine Frau (aus unerklärlichen Gründen) so tut, als ob sie nichts hören würde, erklingt derselbe Satz noch einmal, nur diesmal greller und peinlicher. Während der Kernschatten des Mondes auf uns zurast, spanne ich einen neuen Film ein. Ein leichter Wind kommt auf, und seltsame Schattenwellen streifen über den Asphalt. Ganz plötzlich verschwindet die hauchdünne Sonnensichel ganz. Am Rand blinkt noch kurz ein greller Lichtschein auf, der Augenblicke danach erlischt. Rund um den Mond leuchtet der wunderbare Strahlenkranz der Sonne auf. Beim Blick durch das Fernrohr sehe ich Details der Sonnenkorona. Sogar eine von der Sonne wegschießende Protuberanz ist zu erkennen. Links unter der Sonne funkelt die Venus. Die Gegend um uns ist in ein Dämmerlicht getaucht. Die wenigen Wolken, die noch kurz zuvor silbrig weiß gestrahlt hatten, sind jetzt schwarz. Unter ihnen glüht ein Abendrot am Horizont. Schnell richte ich den Blick wieder auf den faszinierenden Anblick der Sonne. Auf einmal bricht auf der rechten Seite ein greller Lichtschein hervor. Ein Raunen geht durch die Reihen. Rasch zeigt sich eine schmale Sonnensichel, während neuerlich Schattenschlieren über den Boden streifen. Alle setzen wieder ihre futuristisch anmutenden, silbrig glänzenden Sonnenschutzbrillen auf. Es wird immer heller und die Ersten fahren mit ihren Autos fort. Wir führen noch einige kurze Gespräche. Auf den Gesichtern der Menschen spiegelt sich die Freude und die Dankbarkeit, das seltene Ereignis miterlebt zu haben.

Uns stellt sich jetzt nur noch eine Frage: "Was machen wir mit unseren Sonnenschutzbrillen?" Sollen wir sie wirklich bis zum Jahr 2081 aufbewahren, wenn sich in der Steiermark der Mond wieder vor die Sonne schieben wird?

W. P. Siment, 11.8.1999

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