Veilchenfest

Das Veilchenfest


Als Herzog Otto III., dem die Nachwelt den Beinamen »der Fröhliche«  gab über die österreichischen Länder herrschte, begannen die  Wiener, die schlimme Zeiten hinter sich hatten, ihres Lebens wieder froh zu  werden, und allerlei Spiel und Kurzweil bereiteten manch frohe Stunde.
Unter den Lustbarkeiten, die damals gebräuchlich waren, stand das sinnige  »Veilchenfest« obenan. Der Glückliche, der das erste Veilchen  fand, bedeckte das Blümlein sorgsam mit seinem Hut und rannte spornstreichs zum Herzog, um ihm die Freundenbotschaft zu überbringen, daß sich dieser liebliche Bote des Frühlings ans Tageslicht hervorgewagt habe. Unverzüglich ließ der Herzog nach altem Brauch den festlichen Zug zum Pflücken  des ersten Veilchens einberufen und zog, begleitet von Musik in Gesellschaft  fröhlicher Herren und Frauen und gefolgt von einer großen Schar neugieriger  Städter, zum Fundort, um das Veilchenfest einzuleiten.
Es war an einem heiteren Vorfrühlingstag des Jahres 1325, als ein schlanker  Rittersmann langsam am Fuß des Kahlenberges dahinschritt, die Augen forschend  zur Erde gerichtet, als suche sein Blick etwas auf dem Boden, der sich schüchtern  mit dem ersten Grün zu bedecken begann. Plötzlich stockte sein Fuß, freudig bückte er sich zur Erde nieder und rief aus: »Ich hab's.  Das erste Veilchen des Jahres blüht vor mir.« Rasch zog er seinen Hut und legte ihn sorgfältig über das Blümlein, das wie ein Stern  neben dürrem Gestrüpp hervorlugte. Schnell eilte der Ritter stadtwärts und stand bald in der Burg, wo er sich bei dem Herzog melden ließ, um ihm die freudige Kunde zu bringen, daß er den ersten Frühlingsboten gefunden habe.
»Gern will ich das heitere Frühlingsfest feiern«, erwiderte  freundlich der Herzog, »und ich freue mich doppelt, daß gerade Ihr,  Herr Neidhart von Reuenthal, mein lustiger Rat, den glücklichen Fund gemacht habt. Ich will auch meine Gemahlin zu dem frohen Fest mitbringen.«
Unter tiefen Bücklingen entfernte sich Herr Neidhart, erfreut über die huldvollen Worte des Herzogs. Bald bewegte sich ein fröhlicher, jubelnder Zug aus der Stadt gegen den Kahlenberg. Allen voran stolzierte der lustige Rat,  Herr Neidhart, an diesem schönen Frühlingstag und aus diesem festlichen Anlaß sich seiner Würde doppelt bewußt. Hinter ihm schritt  die Musik mit Trompeten, Posaunen und Pauken, dann kam eine Schar weißgekleideter  Jungfrauen, denen im festlichen Schmuck das stolze Herzogspaar folgte. Den Abschluß bildeten in langen Reihen die Ritter und Adeligen, die Bürger und das gewöhnliche  Volk. Endlich war man an die Stelle gelangt, wo das Veilchen seines Pflückers  harrte. Dort lag auch der Hut. Neidhart ließ einen Kreis um den Fundort bilden; aller Augen waren auf den Hut gerichtet, der den lieblichen Frühlingsboten bedeckte. Jetzt schritt der Herzog, gefolgt von seinem Rat, an den Hut heran und hob ihn feierlich empor, um das erste Veilchen zu begrüßen. Da schoß jähe Zornesröte in sein Gesicht, wütend warf er dem  wie zu Stein erstarrten Neidhart den Hut vor die Füße; denn nicht  ein Veilchen war unter dem Hut verborgen, sondern übelriechender Unrat  »Das ist Euer Veilchen, Neidhart«, schrie der Herzog erbost; »wahrhaftig, Ihr treibt üblen Scherz mit uns! Wenn Ihr schon meine Person mit solchen traurigen Späßen nicht verschonen wollt, so hättet Ihr doch  meine Gemahlin, der Herzogin, diesen Anblick ersparen können!« Mit finsterer Miene wandte er sich ab und schickte sich an, mit seiner Gattin die  Fahrt in die Stadt anzutreten.
Neidhart war wie aus den Wolken gefallen, während ringsumher lautes Gelächter  erscholl. »Verzeiht, Herr«, stieß er mühsam hervor, »mir ist da ein übler Streich gespielt worden. Das kann nur einer meiner Feinde getan haben, einer von den hiesigen Bauern. Aber wenn ich den Kerl erwische, bei Gott, der soll nichts zu lachen haben!«
Verächtlich schritt der Herzog an seinem Rat vorbei, in angeregter Unterhaltung  über den Vorfall folgte die Gesellschaft. Die Menge aber, der das erhoffte  Fest entgangen war, wollte schimpfend und fluchend dem unschuldigen Opfer zu Leibe rücken, um an ihm ihr Mütchen zu kühlen. Doch Herr Neidhart  zog es vor, durch eilige Flucht der Rache des enttäuschten Volkes zu entgehen. Als er sich nicht weiter verfolgt sah, verlangsamte er seine Schritte, in Gedanken  den Übeltäter verwüschend, der ihm diese böse Suppe einbrockt  hatte. So näherte er sich dem Dörfchen Heiligenstadt, und hier wandelte ihn die Lust an, mit einem Humpen Wein den Ärger und die Schmach hinabzuspülen,  die mm ihm angetan hatte. Beim Dorfwirtshaus trat eben die Jugend zum fröhlichen  Reigen an, in ihrer Mitte aber prangte auf einer Stange - ein Veilchen. Das  konnte nur sein Veilchen sein! Zornbebend zog Neidhart einen der Burschen, der  ihn nicht kannte, zur Seite und fragte ihn, woher das Blümlein stammte.  Da erzählte ihm der Junge lachend, daß eigentlich Neidhart von Reuenthal  das Veilchen gefunden habe; zwei Bauern, die er ihm namentlich nannte, hatten  ihn dabei beobachtet, während seiner Abwesenheit das Veilchen gepflückt und den Unrat dafür an seine Stelle gelegt.
Neidhart hatte genug gehört. Wie der Blitz fuhr sein Schwert aus der Scheide und zwischen die Bauern hinein, die entsetzt auseinanderstoben. Doch mehrere Leute trugen böse Wunden davon.
Mit dem Veilchen, das er von der Stange gerissen hatte, eilte der Ritter sogleich  in die Stadt und drang zu seinem Herzog vor, dem er den Streich der beiden Bauern erzählte sowie die Rache, die er dafür genommen hatte. Lachend hörte  der Herzog seinen Bericht und versicherte ihn seiner erneuten Huld. »Ihr werdet Euch aber«, sagte er schließlich, »die Bauern nicht  eben zu Freunden gemacht haben!«
»Das will ich auch gar nicht«, meinte Neidhart von Reuenthal darauf, »denn diese Schandtat, die sie mir vor Euren Augen zugefügt haben, kann ich nimmer vergessen.« Und die Heiligenstädter Bauern waren und blieben auch seine Feinde, wie er der ihrige, bis an sein Lebensende.