Uwe Götze

Erschienen auf www.uwegoetze.de

BK kam vor einiger Zeit in ein Land, in dem Demokratie herrschte. Allerdings fand er immer wieder Menschen des Landes, die sich bei ihm beklagten, dass die da oben doch eh machten, was sie wollten.
BK reihte diese Aussage unter den allgemeinen Unzufriedenheiten, wie sie auch im besten Land vorkommen, ein und ging seinen Geschäften nach.
Die folgenden Jahre brachten schlechter werdende Geschäfte und zunehmende Unzufriedenheit. Auch BK ertappte sich immer wieder dabei, wie er die undemokratische Formel Die da oben machen doch eh, was sie wollen! zur eigenen Unzufriedenheitsabwehr einsetzte.
Inzwischen liefen BKs Angelegenheiten so schlecht, dass er, durch die nutzlos freigewordene Zeit, sich intensiver um seine Mitmenschen kümmern konnte. BK, der sich als Gast in diesem bewussten Land bewusst zurückhielt, dem aber anderseits die sich infolge fehlerhafter politischer Entscheidungen verschlechternden Verhältnisse täglich neue Not zufügten, und so den undemokratischen Fluch zur existenziellen Bedrohung werden ließen, BK also versuchte in Gesprächen den Grund der undemokratischen Beschwörung und seiner täglich bewiesenen Wirksamkeit zu finden.
Das Land war reinlich und beachtete alle Formalien, die die demokratische Form erforderte. Wahlen verliefen ruhig und unter hoher Beteiligung. Die Politiker (und vor allem die Innen) erwiesen sich im persönlichen Gespräch als gutmeinende, edel intentionierte Menschen, die aus wirklich annehmbaren Beweggründen das verpönte Feld der Politk mit großer Hoffnung auf Verbesserung des Lebens ihrer Wähler betreten hatten, ihre Fürsorge auch durchsetzten und dabei auch nicht davor zurückschreckten, ihre Bürger umzuerziehen, natürlich nur zu ihrem Besten, zum Besten der Bürger, versteht sich und das sollte nicht ironisch werden, schließlich waren sie gute Menschen, die Bürger und die Politker.
BK fand, dass sie, die Politiker, nicht schlechter seien als der Rest der Bürger, vielleicht sogar noch ein wenig besser. Keiner seiner Gesprächspartner schien an der allgemeinen Misere schuld zu sein, noch hatte er eine Erklärung, warum es nicht oder nur so unerträglich schleppend mit den von der Mehrheit als richtig erkannten Reformen voranging. Es war viel die Rede von globaler Komplexität und dass Demokratien furchtbar träge und entschlossen seien, das sei halt der Preis der Freiheit. BK hielt dagegen, dass die schrecklichen Regime des auslaufenden Jahrhunderts von den Demokratien erfolgreich überwunden worden seien. Wie das denn zusammenpasse? Die Antworten erfolgten verschwommen, der Augenblick war gegangen, die Formeln hatten wieder eingesetzt.

BK war inzwischen der Fürsorge anheimgefallen und musste so sein Selbstbestimmungsrecht aufgeben. Er hatte jetzt nur noch Zeit, denn ohne Hoffnung bleibt für die Betroffenen die Welt stehen und sie entfernen sich stündlich von ihren glücklicheren Artgenossen.
Nicht dass sich an der Reinlichkeit des Landes für BK dadurch etwas verändert hätte, oder dass er jetzt in materiellem Elend leben hätte müssen (nun er war arm, aber er würde nicht verhungern, er hatte kein Geld, aber ein dichtes Dach über dem Kopf), nur hörte und gebrauchte er die undemokratische Formel Die da oben machen doch eh, was sie wollen! jetzt täglich mehrmals.
Dann nahten endlich Wahlen und man sprach, dass der Regierungschef endlich am Ende seiner Brauchbarkeit angekommen wäre und der Gegenkandidat gute Chancen habe, vereinige er doch die Hoffnungen und guten Wünsche der Benachteiligten auf sich und die seien sichtbar in der Mehrheit. BK schätze die Verheißungen, entsprechend seinem skeptischen Naturell, weniger optimistisch ein, und leider behielt er recht.
Die neuen Sieger richteten sich ein und begannen, mit viel Elan, zu regieren. Der undemokratische Fluch verschwand aus den Gesprächen der Menschen, es hatte sich noch zwar nichts zum Guten verändert, aber so was braucht Zeit, beruhigte man sich gegenseitig, aber es kommt, es kommt, es wird kommen, das ist schon mal sicher.
Für BK begann eine nervöse Zeit, jede aktuelle Nachricht konnte ihn persönlich betreffen, seine Situation beeinflussen, so dass er wieder seinen Angelegenheiten als freier Mensch nachgehen können werde.
Im Laufe des Frühjahrs hörte man den undemokratischen Fluch wieder häufiger, die Vorhaben der neuen Regierung blieben aus den gleichen, unerfindlichen Gründen stecken, wie es bereits den Vorgängern geschehen war. Ratlosigkeit brach sich in allen relevanten Kreisen Bahn.
Die Bürger entzogen in den folgenden Wahlen der Regierung ihre Zuneigung und bleiben entweder zu Hause oder liefen zu den abgewählten Parteien über, vorzugsweise aber murmelten sie die undemokratische Beschwörung Die da oben machen doch eh, was sie wollen! , so als könnten sie damit die notwendige Veränderung herbeirufen.
Sonst trauten sie sich nichts zu tun, denn es herrschte Demokratie in ihrem Lande.
BK aber verließ fluchtartig dieses Land. Als er den exterritorialen Teil des Flughafen erreicht hatte, drehte er sich um, blickte zurück auf das reinliche, ordentliche Land und sagte: „Schade. Sie haben alles, was zu einer ordentlichen Demokratie und der Freiheit gehört. Leider können sie diesem undemokratischen Fluch nicht entkommen und müssen unter gutgemeinter Fremdbestimmung leben. Aber wo der demokratische Geist fehlt.... „
 

Uwe Götze