Traumtod

Die Fahrt

Intro

...Ganz genau wußte ich eigentlich nicht, wohin ich gerade fuhr. Die Musik und die Nacht führten mich... So wie mein ziemlich über dem Normalpegel schwankender Alkoholspiegel. Ich hatte die alte Kassette von Them ausgekramt, mir ein paar Drinks gegönnt und wollte eigentlich schlafen. Aber die Nacht war zu jung und zu schön, um sie schlafend im Bett zu genießen. Ich machte mich auf, nicht ganz ohne Hintergrund...
Na ja, sie hat mich verlassen. Das wäre ein Grund. Dies ist jedoch schon eine ganze Weile her. Nun, zwei Monate. Kann man da eine Beziehung als erloschen gelten lassen, mit all den Sehnsüchten, die darin verstrickt sind? Interpretation ist alles. Das Leben geht weiter. Ich hasse diese Art von Sprüchen. Wem haben sie geholfen?

160km/h. Nicht übel. Bedenke man den alten Motor dieser ausrangierten Möhre... Bedenke man den Einfluß des Alkohols. Bedenke man den Einfluß des Fahrers auf den Wagen... Ich habe keine Ahnung, wohin es mich treibt. Ich weiß nur, daß es in fünf Stunden Tag wird. Gleich ist mein Benzin leer. Muß tanken. Muß mich wieder nüchtern stellen. Das schaff ich schon. Is‘ ja nicht das erste mal...

Wenn man sich mal die Gründe überlegt! Ich wäre zu eigensinnig. Wie albern. Nun gut, ich hab meine Fehler gemacht, ich geb’s zu. Aber Eigensinn ist der Grund eine Beziehung zu beenden? Scheiße, ich glaub ich muß eher einen Kaffee trinken...

Zwei Kilometer, dann die nächste Tankstelle. Diese verdammten Autobahnen machten mich an. Sie machten mich verdammt noch mal an. Aber es mußte nacht sein. Der warme Wind. Die laue Nacht, der klare Himmel... All das, und der Geschmack eines kalten Bourbons auf den Lippen...

Scheißegal, wenn es illegal ist, wenn ich meinen Schein dadurch verliere... Ich liebe diese Momente...

Ich weiß nicht mehr genau, wie lang ich schon unterwegs war. Es mußten zwei Stunden sein. Oder waren es schon drei? Ich weiß es einfach nicht mehr. Alles, was mir klar war, war der Verlust eines Menschen, den ich einmal liebte. Sie hat mich aus irgendeinem Vorwand verlassen, und sie hat gelogen. Das war quasi die Spitze des Eisberges. Sie hätte mir klar sagen können, daß sie einen anderen kennengelernt hat. Das sie glaubt sich neu verliebt zu haben... Aber ich bin zu eigensinnig. Was für ein Grund. Ich hätte ganz einfach daran arbeiten können, wenn es denn wirklich so gewesen wäre.
Und gestern hat sie ihre Klamotten abgeholt. Zehn Minuten. Nach zwei Jahren Beziehung, nach zwei Monaten Trennung hat sie zehn verdammte Minuten für mich übrig...
Lächerlich. Und dann dieser erhabene Blick. Mir wird schwindelig. Ich bekomme Wutanfälle, wenn ich daran denke.
Ich hatte noch dreihundert Meter bis zur Ausfahrt. Wegen dem Alkoholgeruch steckte ich mir eine Zigarette an und kaute auf einem Kaugummi.

"You must leave now, take what you need..."

Van Morrisson bescherte mir eine Gänsehaut.
Auf der Ausfahrt betrachtete ich die Tankstelle. Eine kleine, wahrscheinlich private Station. Es war nur ein Wagen zu sehen. Und der stand nicht an der Säule. Wahrscheinlich die Karre vom Tankwart...

Kapitel Eins

Die Tankstelle

Ich lenkte meinen Wagen auf den Parkplatz neben dem ein wenig heruntergekommen Häuschen, in dem der Besitzer irgendwo herumsitzen mußte. Der Parkplatz war sehr sauber, obwohl die ganze Anlage irgendwie ziemlich altertümlich und überholt aussah. Ich fühlte mich ein wenig an Hitchcok erinnert, an irgendeinen alten Film, mit heller Leuchtreklame und nebeligen Straßen. Mit Nachtschwärmern und Betrunkenen.
Das Häuschen stand genau in der Mitte der Anlage. Davor standen vier Zapfsäulen, nicht die neuesten, aber sauber. Erinnerte an Edward Hoppers Gemälde. Große, weiß- rote Säulen.
Irgendwie hatte ich das Bedürfnis weiterzufahren. Irgendetwas stimmte mich nicht gerade angetan von dieser Umgebung. Angst vor der Dunkelheit hatte ich nicht gerade, aber ich mußte zugeben, daß dieser Moment mehr als unheimlich war. Ich weiß nicht woran es lag, aber es war ein anderes Gefühl an dieser Tankstelle zu halten als an einer der hiesigen in meiner Großstadt. Na ja, hier war nun mal nichts los. Es war Nacht, kein Mensch zu sehen, außer Bäumen und einer nicht befahrenen Autobahn gab es hier nichts als diese Tankstelle mit ihren alten Zapfsäulen und mich. Komischerweise kam mir unpassend ein Gedanke an eine längst gelebte Zeit, als ich mit einer Freundin die Nächte durchstreifte. Wie wir uns fühlten, als wir darüber redeten, als wäre es ein Gefühl wie ‚auf der Flucht‘.. Bonny&Clyde... Wir hörten ruhige Musik, parkten auf einem einsamen Feldweg irgendwo in einer fremden Stadt, rauchten einen Joint, hatten Sex und schliefen gedankenlos im Arm der Nacht ein.
Der Geschmack des Bourbons kam mir wieder hoch...
Ich gebe zu, ich hatte Hemmungen den Wagen auszumachen. Dieses befremdende Gefühl in der Magengegend fragte mich intuitiv, was wohl wäre, wenn der Wagen in einer passenden Situation nicht mehr anspringen würde. Genau wußte ich nicht, was mein Magen mir da gerade zu erzählen versuchte, aber es machte mir Angst. Die Luft war schön, aber ich war nicht fähig das zu realisieren. Eine Windböe strich mir durch die Haare. Es duftete nach einem indianischen Sommer...
Mir jedoch wurde flau. Warum eigentlich? Wovor hatte ich Angst?
Ich machte den Wagen aus, schaltete das Radio ab. Der Kühler war noch eine halbe Ewigkeit zu hören, bevor ich die Tür öffnete, das Fenster schloß und ausstieg. Oh man, meine Beine zitterten, aber das lag am Alkohol. Hätte man mich erwischt wäre ich den Schein losgewesen. Aber da hatte ich schon oft Glück. Und stoned fahren war eben, leider Gottes, einfach nur befriedigend. Ich hatte mal eine Freundin, die mir nach Beendigung unserer Beziehung die Polizei
auf den Hals hetzte. Meine Güte, war das ein Akt denen eins vorzuspielen. Danach habe ich ihr eben die Freundschaft gekündigt...
Na ja, und jetzt stand ich da. An einer dämlichen Tankstelle und mir zitterten die Beine. Ich schloß die Tür und prüfte den Sitz meiner Hose. Rechts von mir lag die Auffahrt zur Bahn, daneben ein Waldstück, links die Wand des Gebäudes. Als ich um die Ecke bog sah ich die Person, der der Wagen gehören mußte: Eine gutaussehende Mittzwanzigerin, der Tankwart...
Brünett, ca. 1,70m groß, gut gebaut und auch aussehend. Mein Gott. Wie kitschig! Da verfahre ich mich in einen Ort der Düsterkeit, mach mir fast die Hosen voll und treffe stoned an einer Tankstelle, mit einem miesen Gefühl so eine Schönheit! Tja, da fiel mir nichts mehr zu ein. Ich wußte nicht, ob ich lieber wieder fahren sollte, weil mir das zu unheimlich war, oder schnell rein gehen sollte, um mir eine Flasche Jim Beam zu kaufen, und mit dieser Frau flirten... Zigaretten hatte ich auch nicht mehr, also ging ich rein. Die Tür öffnete nicht automatisch, wie in den Großstädten. Ich drückte das Metall an der Tür. Sie ging nicht schwer, wie zu erwarten. Im Raum roch es nach, ich glaube, es waren diese Duftbäume, die sich jeder zweite in den Wagen hing. Aber den Geruch zu definieren war schwer. Irgendwas zwischen Vanille und Waldduft. Groß war die Hütte hier nicht, aber irgendwie urig. Wie gemütlich eine Tankstelle eben sein kann...
"Guten Abend", rief ich als höflicher Mensch der Frau entgegen. Sie saß am Tresen und hob ihren Kopf. "Hallo", erwiderte sie prompt. Hübsch war sie wirklich, da fiel mir nicht mehr zu ein. Eine gutaussehende Frau um diese Zeit allein an einer Autobahn war merkwürdig...
Ich schnappte mir ein paar Flaschen Cola, eine Tüte Chips und bewegte mich an den Pornos vorbei auf sie zu. Wie geplant bat ich um eine Flasche Whiskey und zwei Schachteln Zigaretten. Sie hatte kein Namensschild auf ihrem Hemd, wie es bei unseren Tankstellen – Bediensteten der Fall war.
Sie holte eine Tüte hervor, berechnete meine Waren und packte alles gekonnt und schnell ein.
Als ich ihr den Schein gab traf ich mal wieder eine meiner spontanen Entscheidungen, für die ich nie etwas konnte...
"Gibt es hier eine Möglichkeit zu übernachten?" fragte ich leise. Mein Gott. Wie peinlich. Stand da draußen Motel dran oder war ich blind? Wahrscheinlich hatte ich es in meiner mittlerweile vergessenen Angst übersehen. Aber Leuchtreklamen waren vorhanden. Mehrere. Ich hatte sie nur nicht richtig beachtet.
"Alle Zimmer frei. Wir haben zwar nur zwei, aber du kannst dir eins aussuchen".
Sie hatte eine angenehme Stimme, und sie duzte mich. Wie nett. Ich wollte sie fragen, was sie allein hier macht, um diese Zeit, ob sie keine Angst hat, aber ich wußte daß es sich dumm und komisch anhören würde. Ich fragte also lieber erst mal nach dem Preis für ein Zimmer. Wie albern. Und das als halbwegs erwachsener Mann... Langsam brummte mein Schädel. Das mochte am Alkohol liegen. Vielleicht aber auch an der miesen Beleuchtung in diesem Raum. Wie alle Läden waren Leuchtstoffröhren in Kunststoffgehäusen die Lichtspender. Wie bizarr man manchmal in diesem Licht aussah, wenn die Augen schon ein wenig überstrapaziert waren... Fünfzig Mark für eine Nacht waren eigentlich OK. Auch wenn es sich nur um eine Tankstelle handelte.
"Hi. Ich heiß Molly", stellte sie sich mir vor, nachdem sie den Schlüssel für das Zimmer aus einer Schublade kramte. Molly war kein schlechter Name, irgendwie witzig, passte nicht zu ihr. "Wenn du Fragen hast, mußt du dich mit mir abfinden", wie nett. Natürlich gingen mir intuitiv tausend Fragen durch den Kopf. Aber nach dem Tag und meiner Laune zu urteilen hielt ich besser den Mund und ließ mir das Zimmer zeigen. "Ich bin Sam", entgegnete ich mit einem Lächeln, und ihr erwidertes Lächeln stach mir fast in die Augen. Sie hatte schöne Zähne! Mein Gott, weiß wie ein Eisberg. Aber ich dachte trotz ihrer Schönheit nicht daran mich direkt in sie zu verlieben. Dafür steckte noch zu viel von Ronda in mir. Warum haben meine Frauen eigentlich immer so seltsame Namen? Na ja, ich schlurfte Molly hinterher, an den Konserven und wieder an den Pornos vorbei, durch die Eingangstür.
Wir mußten nach rechts, wo mein Wagen stand und noch immer tickte. Die Tür zum Flur der Zimmer war direkt neben meiner Beifahrertür. Ich hatte sie jedoch nicht beachtet...

Das Zimmer

Ziemlich modrig roch es hier. Auf dem Flur stand eine alte Palme, vermutlich aus Kunststoff. Es gab zwei Türen, eine rechts und eine links. Altes, dunkles Holz, zum Glück keine Stahltüren. Das erinnerte mich immer an einen kalten Knast. Doch hier war es einigermaßen gemütlich. Die Tür knarrte nicht. Sie ließ sich leicht öffnen. Meine Tür war die linke... Direkt mit Fenster zum Wald.
Das Fenster neben dem Eingang zum Shop, mit den altmodischen Gardinen mußte also entweder das Fenster des Büros oder das des rechten Zimmers sein.
Im Grunde war es hier urgemütlich. Ein Zimmer, ein Bad. Rechts neben der Tür stand ein kleiner Schrank für meine Klamotten, rechts an der Wand ein großes Bett, Tapeten, die den Gilb nicht so schnell zu erkennen gaben, gegenüber dem Bett ein Fernsehschrank, links davon die Tür zum Bad.
Man konnte es ohne weiteres ein paar Nächte hier aushalten.
Ich schmiß meine Tasche auf das Bett, und dachte an den Jim Beam, den Geschmack, den ich im Mund hatte und an meine Ex. Aber irgendwie sträubten sich mir die Haare.
Molly legte den Schlüssel auf die Kommode, auf der der Fernseher stand und hauchte mir ein "Gute Nacht" in den Raum.
Schöne Stimme, dachte ich, und Molly ging.
"Tea for two..."
Als die Tür zuschnappte bereitete ich mir fast zwanghaft einen Drink vor. Irgendwie ging es schon so schnell, daß ich mir fast schon als Alkoholiker vorkam.
Aber diesen Gedanken wollte ich lieber schnell verdrängen,. Immerhin war ich eh schon ziemlich angetrunken. Ich setzte mich aufs Bett und ließ den Drink durch meine Kehle gleiten...
Ich saß sehr lange da. Die Uhr hatte ich vor mindestens einer Stunde abgelegt und sie bis jetzt nicht mehr angesehen. So langsam kamen wieder Depressionen in mir auf. Ich dachte an vergangene Zeiten, an den vielen Kummer, an die Sorgen, Ängste, die Verletzungen, die ich in mir trug.
Irgendwie ging mir der Ablauf der letzten Wochen noch einmal durch den Kopf. Fair gelaufen ist es ja nicht unbedingt, aber lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende... Gegenüber der Tür war ein kleines Fenster, daß ich öffnete. Es war nicht sehr laut draußen, ich konnte tatsächlich den Wind hören und noch merkwürdiger war, daß kein Gestank der Abgase in meiner Nase lag. Es roch eher ganz neutral, zwischendurch mit einer Brise Waldluft. Es war eigenartig. Viel Inventar gab es hier nicht, geschweige denn einen Fernseher, dafür ein altes Kofferradio. Ich spielte ein wenig mit meinem Drink, nahm einen großen Schluck und machte das Radio an. Es klang irgendwie hölzern, aber das hatte in meinen Augen etwas von Nostalgie. Das Lied kannte ich nicht, aber es gefiel mir. Mein Blick richtete sich wieder auf das Fenster...
Immer diese Gedanken. Immer wieder kam mir der Gedanke an diese Frau, der ich alles hatte geben wollen. Da mein Kopf in Bezug auf meiner Liebe zu ihr immer wieder weich wurde hätte ich es noch immer getan. Auf der anderen Seite hätte ich auch alles darum gegeben sie aus meinem Kopf und Herzen zu bekommen. Doch ich wußte nicht wie... Ich hatte es mit anderen Beziehungen versucht, ich hatte Freunde, die sich um mich kümmerten. Ich unternahm viel in meiner Freizeit, aber nichts hatte es geschafft mir diese Frau aus dem Kopf zu schlagen. Ich liebte sie mehr als ich es je hätte erklären können.
Und nun saß ich fast besoffen in einem Motel- Zimmer und philosophierte mir etwas von Nostalgie und Liebe vor, dabei stand mir doch Prinzip alles offen, was mir meine angehenden Depressionen hätte nehmen können. Aber ich trank, und bei jedem weiteren Schluck schmeckte es mir besser. Jeden Morgen stand ich mit einem dicken Schädel auf und mir verging alles, wenn ich ans trinken dachte. Abends hatte ich die Flasche wieder in der Hand. Eigentlich trank ich immer. Immer wenn es um Frauen ging; Immer wenn es um Arbeit ging; Wenn es um Geld ging. Ich fuhr betrunken Auto, sang die Lieder im Radio mit und hupte den Huren in unserem verruchtestem Stadtviertel nach, ohne ihre Dienste wirklich zu beanspruchen. In diesen Momenten habe ich die Freiheit geliebt. Dummerweise hatte ich da meistens eine Beziehung. Und die ging meistens kurz nach diesen Freiheitsdrängen in die Brüche, weil ich sie beendete. Weil ich meine Freiheit brauchte. Dieses Freiheitsgefühl liebte ich. Es war das größte und schönste Geschenk für mich. Doch oft kam es vor, daß ich mich mies und allein fühlte. Da konnte noch soviel Wind durch meine Haare streichen und der Whiskey noch so gut schmecken, mir fehlte die Frau, die sich mit mir unterhielt, die mich unterhielt. Mein Whiskey schmeckte mir aus diesen Pappbechern auch nicht sonderlich gut, doch langsam ließ das Dröhnen in meinem Schädel nach. Wenigstens zwei Zwecke erfüllte mir dieses Zeug heute, das halbwegs vergessen können und das Vertreiben der Kopfschmerzen, die ich vom Suff hatte.
Hätte mir jemand erzählt für wozu es mir sonst noch alles in den folgenden Tagen geholfen hätte, ich hätte es nicht geglaubt...

Die Nacht

Irgendwie muß eine Stunde voller Gedanken einfach so vergangen sein, ohne daß ich es wirklich bemerkte. Ich saß bei geöffnetem Fenster auf meinem Motel- Bett, den Aschenbecher voller Zigaretten und die Flasche Jim Beam halb ausgetrunken; Den Blick aus dem Fenster in die Nacht gerichtet. Die Sterne funkelten ohne den Blick durch ein paar Wolken der Nacht zu stören, und wieder kam mir der Begriff "Kitsch" in den Sinn.
Das Lied im Radio, dem ich die ganze letze Stunde folgte kannte ich, "I Know" von "Jude", ich mochte diesen Song wirklich...

"Yoe’ve got such a pretty smile..."...

Ich wußte nicht wieviel Uhr es gerade war, und es interessierte mich auch nicht. Ich war mir nicht mal sicher, wieviel Zigaretten ich geraucht habe, es mußte eine ganze Schachtel gewesen sein, aber mir kratzte nicht mal der Hals. Das Einzige was mich störte waren dieser Pappbecher und die Einsamkeit.
Ich wollte einsam sein, aber es war immer das gleiche.
Ich war allein, und mir fehlte in diesen Momenten dann etwas, eine Person zum reden, jemand der mir zuhörte, dem ich zuhörte. Am liebsten wäre mir eine Frau gewesen, klar: Eine neue Frau, der Reiz des Neuen mußte her. Aber mir erfüllte sich dies Glück immer in den ungelegensten Momenten, wenn ich gar nicht damit rechnete. Oh Gott, stürzten plötzlich Storys auf mich ein, die ich an die Wand hätte kleistern können, die sich alle mit dem Thema "Der Reiz des Neuen" beschäftigten...
Nächtefüllend diskutierte ich darüber mit Freunden, mit Freundinnen, jeweils ohne ein wahres Ergebnis.
Außer bei Ronda fühlte ich trotzdem immer eine Befriedigung in den Gesprächen; Ich wußte, daß trotz der Ergebnislosigkeit wenigstens der ideelle Austausch stattfand. Nur bei Ronda nicht, und ich weiß bis heute nicht wieso.
Wir führten Gespräche, auf die jede andere Beziehung stolz gewesen wäre, aber es bewirkte nichts. Ich fühlte mich immer dazu gezwungen über mich nachzudenken, und niemals machte es den Anschein daß sie es auch tun würde, im Gegenteil.
Allein darüber mußte ich die letzte Stunde nachgedacht haben, und wieder kam ich zu keinem Ergebnis.
Jude war fertig und ich drückte meine Zigarette aus. Mein Gott, wie wichtig war Musik für mein Leben! Mein Blick richtete sich auf meine Uhr, die ich irgendwo auf das Bett gelegt hatte, um nicht auf die Zeit zu achten. Ich war weg, weit weg von allem was mich hätte erinnern können, dennoch war ich gefangen in den Erinnerungen der Vergangenheit.
Halb Eins. Und die Geschichte meines Lebens sollte in dieser Nacht nicht enden...
Die Zigaretten in die Gesäßtasche, die leere Cola- Flasche mit Jim Beam und Cola gemischt maschierte ich zur Tür, und hätte fast den Schlüssel vergessen, wie peinlich wäre das gewesen! Das Radio ließ ich an, den ich wollte mich hinter der Tankstelle an das Gebäude mit Blickrichtung Horizont lehnen und dabei die nächtlichen Ergüsse der DJ’s erleben, die meist wirklich gute Platten zu spielen wußten. Ich zog die Tür hinter mir zu und bewegte mich im dunklen Flur auf die Eingangstür zu. Zuerst fand ich den Lichtschalter nicht. Beim Abtasten der Tür aber drückte ich ihn durch Zufall, und im Anblick des grellen Lichtes erkannte ich meinen Schatten, dreimal. Ich kann mich nicht mehr an die Anzahl der Lampen in dem Flur erinnern, aber es waren keine drei. Wieder spielte Jimmy einen Streich mit mir. Wie egal mir das doch war...
"Mein Wagen tickte nicht mehr" dachte ich, und ich blamierte mich vor mir selber.
"Scheiß Alkohol", und ich drehte den Verschuß auf. Hätte mich jemand jemals nach einer Metapher für den Moment den ich jetzt hatte gebeten, wäre ich ihm mit einem

"stell dir die Sonne vor, wie sie im Meer versinkt, du deine Frau im Arm hältst und ihr euch wortlos, nur mit euren Blicken berührt und versteht, im Radio läuft "Wonderfull Tonight" von Eric Clapton und der Wind streichelt ihr Haar während du ihre Hand hältst"

entgegengekommen und hätte ihm den Abend schmackhaft gemacht. Obwohl ich vor drei Minuten über den Alkohol fluchte genoß ich ihn immer mehr. Ich vergaß Ronda. Die Tür fiel hinter mir sachte ins Schloß. Mein Wagen war gewaschen, und er sah endlich mal gut aus, so blau mit dem Licht des Mondes auf dem Lack. Irgendwie liebte ich ihn, mochte er noch so alt sein. Er hatte mich noch nie enttäuscht und mich auf allen Abenteuern begleitet.
Aber über den Wagen wollte ich gar nicht nachdenken, lieber über die Nacht. Links strahlte noch immer die Leuchtreklame die Zapfsäule an, und ein paar Scheinwerfer nahmen den kahlen Bäumen die Sicht. Ich dachte über meine Begegnung mit Molly nach. Kurz holte ich mir ihr Äußeres in den Sinn, ihre brünetten Haare, aber die Augenfarbe fiel mir nicht mehr ein...

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