Sandra K. Ferber

Eine Weihnachtsgeschichte

Mhm, Marzipan! Tabea liebte den nussig-süßen Duft von Marzipan. Behutsam steckte sie den kleinen, weißen Schneemann wieder in ihre Tasche zurück. Ihre kleine, weißhaarige Großmutter hatte ihn ihr gestern geschenkt, nachdem sie zusammen über den Weihnachtsmarkt gebummelt waren und sich die obligatorische Tüte heiße Maronen geteilt hatten. Jetzt war er schon ganz klebrig und ihm fehlte die Spitze der roten Marzipan-Rübe, die er als Nase trug. Aber er duftete um so herrlicher.
Tabea kauerte im geheimnisvollen Dunkel der Treppe, die hinab zum Keller führte. Immer kam sie hierher, wenn sie über etwas nachdenken wollte; hier war es ruhig. Der vertraute, warme Geruch, den das alte Holz der Stufen ausströmte, war ihr eine tröstliche Umarmung, wenn sie traurig war, die dämmrigen Winkel ein Versteck, wenn sie etwas ausgefressen hatte. Und wenn sie einfach nur ein bißchen für sich sein wollte, wie jetzt gerade, war hier die einsamste Stelle im Haus. Gedankenverloren strich sie über die alte, rissige Innenseite der Kellertür. Viel lieber als das in adrettem Weiß gestrichene Äußere mochte sie diese echte, unverfälschte Seite der Tür.
Im Haus herrschte noch Trubel. Von rechts, aus der Küche, hörte sie hektisch die Topfdeckel klappern. Wenn sie durch den Türspalt nach draußen schielte, konnte sie genau auf die Wohnzimmertür schauen. Sie war verschlossen; natürlich war sie das, das war sie doch immer um diese Zeit. Aber wenn sie den Kopf schief legte und ganz angestrengt horchte, dann konnte sie jetzt ein leises Rascheln, ein zartes Klirren hören. Das war ihr Vater, der den Tannenbaum schmückte, den er gestern noch im Wald geschlagen und unbemerkt ins Haus gebracht hatte. Wie der Baum wohl aussehen würde? Doch leider konnte sie diesen geheimnisvollen Klängen nicht lange lauschen, denn schon tobten wieder ihre beiden Brüder über den Flur, die sich wie immer um die begehrten selbstgebackenen Zimtsterne rauften und lachend und kreischend durchs ganze Haus jagten.
Argo, Tabeas kleiner Spitz-Foxterrier-Mix war auch schon völlig außer Rand und Band, wie sie leise kichernd feststellte. Wie wild drehte er sich auf dem glatten, frischgebohnerten Parkettboden des Flurs schlitternd und kratzend um sich selbst, hartnäckig seinen eigenen Schwanz verfolgend.
Nichts deutete noch auf die besondere festliche Ruhe hin, von der Tabea wußte, daß sie bald einkehren würde. Jene besondere Ruhe, die nur dem Weihnachtsabend eigen war.

Müde und satt saß Tabea wohlig in den alten, großen Sessel gekuschelt, der schon im Haus ihrer Großeltern einen Platz gehabt hatte. Leise verrann die Aufregung, die sie gerade noch empfunden hatte. Vor wenigen Stunden noch hatte sie unruhig auf ihrem Stuhl am Esstisch gesessen und ihren Teller mit dem, wenn auch leckeren, Essen nur geschafft zu leeren, weil sie wußte, daß vorher das Wohnzimmer nicht betreten werden durfte. Dann, als endlich auch der letzte Rest Soße aufgetunkt war, hatte ihr Vater die kleine, goldene Glocke geläutet und sie war hinter ihren Brüdern her ins besonders festlich geschmückte Wohnzimmer gestürmt. An der Schwelle verharrte sie ehrfurchtsvoll. Das Licht war gelöscht worden. Aus einer dunklen Ecke des Zimmers heraus strahlte der prachtvoll geschmückte Baum. Seine Zweige waren über und über besteckt mit Bienenwachskerzen, die ihr warmes Licht und ihren märchenhaften Duft verschwendeten. Ganz feierlich war Tabea zumute, als sie den Raum mit langsamen Schritten durchmaß und sich zu ihren Brüdern vor den Weihnachtsbaum setzte.
Die Erwachsenen hielten sich im Hintergrund, als zum zweiten Mal der helle Klang des Glöckchens ertönte und man gleich darauf dumpfe Schritte über den Flur heranstapfen hörte. Aufgeregt, erwartungsvoll sah Tabea zur Tür. Ob sie ihn heute wiedersehen würde? Ob er wohl dabei war? Sie konnte sich noch gut an das letzte Jahr erinnern; damals war er dabei gewesen.
Unerträglich langsam schob sich die Tür auf und ein schwarzer, grober Stiefel wurde sichtbar, über den ein wohlbekannter roter Mantel hing. Tabea hielt den Atem an. Jetzt trat er einen Schritt ins Zimmer, der gute, alte Weihnachtsmann und zog den prall gefüllten Sack hinter sich her. Aber war er auch dabei?
Ihren Platz zu verlassen, traute sie sich nicht, beugte sich nur zur Seite, soweit es ging, um an dem rotbemantelten Mann vorbeilinsen zu können. Aber sie hatte kein Glück; der weiß wallende Rauschebart versperrte ihr die Sicht. Sie lauschte angestrengt, hörte aber nur das laut schallende "Ho ho ho!" mit dem Weihnachtsmann nun endlich ganz den Raum betrat und den Blick freigab.
Hätte sie gewagt, die feierliche Stille zu stören, sie hätte laut gelacht vor Freude, ihn wiederzusehen. Er war noch schöner, als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte. Das Haar war von noch hellerem Gold, die üppigen Falten des langen Gewands von noch strahlenderem Weiß, die Flügel, die ganz den Türrahmen ausfüllten, noch prächtiger als in ihrer Erinnerung. In ihren Träumen hatte er nicht wundervoller sein können. Obwohl 'er' eigentlich falsch zu sein schien, denn ihr Engel war ja eine wunderschöne Frau. Ob man dann wohl 'Engelin' sagt? tauchte ein flüchtiger Gedanke auf und trieb auch gleich wieder davon auf dem Lächeln, das dieses lichte Wesen ihr schenkte.


Und nun saß sie hier, müde und satt in dem gemütlichen Sessel ihrer Großeltern. Satt von all den Plätzchen und dem opulenten Weihnachtsessen war sie, aber vor allem satt, herrlich satt von dem Bewußtsein, daß sie einen Engel hatte, der sie nie alleine ließ, nie, auch wenn sie ihn nur einmal im Jahr sehen durfte. Der immer für sie da war, über sie wachte und sie schützte und sie mit unsichtbarer Hand leitete. "Ich bin dein Schutzengel, kleine Tabea.", hatte er gesagt. Für immer und immer und immer.
Schläfrig tauchte ihr Blick durch das tiefe Grün der Tanne. Das warme Licht der Kerzen spiegelte sich leise flackernd in den glänzenden, goldenen und samtroten Kugeln, unter denen sich die Zweige sanft nach unten bogen. Grün und Gold und Rot... Weihnachten... Der heilige, der magische Abend.
Tabea ließ ihre Augenlider ein Stück weit sinken und aus den gelben Kerzenflammen wurden strahlende Sterne. Und wenn sie die Augen noch ein wenig mehr zusammenkniff, konnte sie Sternschnuppen aus ihnen machen, die mit ihrem funkelnden Schweif durch ein dunkel verschwommenes Tannennadelall schwirrten.
Ob es wohl stimmte, daß gerade ein Engel geboren wurde, wenn ein neuer Stern am Himmel aufstrahlte? Und stimmte es dann auch, daß ein Engel starb, wann immer ein Stern vom Himmel fiel? Aber was geschah dann mit dem Menschen, der unter dessen Schutz gestanden hatte? Vielleicht hatte jeder Mensch ja auch mehrere Schutzengel. Es gab ja so unendlich, so unzählbar viele Sterne am Himmel; so viele Menschen gab es doch sicher nicht. Aber die Tiere, mußten die nicht auch beschützt werden? Sie dachte an den Spaziergang im letzten Sommer, als ihr Hündchen Argo in den kleinen Teich gefallen war, mitten zwischen die Seerosen. Um dort wieder heil herauszukommen, hatte es doch sicherlich einen Schutzengel gebraucht. Und vor Gott sind alle gleich, sagte ihre Großmutter immer. Wenn also alle Menschen einen Engel hatten, dann auch alle Tiere. Die Hunde und Katzen und Mäuse und Mücken. Sahen die Engel, die auf die Tiere achtgaben, wohl auch aus wie strahlendschöne Menschenfrauen? Oder waren das dann kleine Hunde-, Katzen-, Mäuse- und Mückenengel? Ein ganz schönes Gedränge mußte da jedenfalls herrschen, in der himmlischen Welt. Warum war ihr das bloß nicht eher in den Sinn gekommen? Dann hätte sie doch mal fragen können. Ihren Engel hätte sie fragen können, lächelte sie glücklich. Ihr Engel, für immer und immer und immer und immer...


Als Tabea wach wurde, fand sie sich im alleine im dämmrigen Wohnzimmer wieder. Die Kerzen waren gelöscht worden, nur der matte Schein der Flurbeleuchtung, der durch den Spalt der angelehnten Tür drang, ließ sie ihre Umgebung erkennen. Jemand hatte sie fürsorglich in eine warme Decke eingehüllt.
Sie war immer noch müde; lange konnte sie nicht geschlafen haben. Wie spät es wohl war? Wo waren die anderen? Gedämpftes Gelächter gab ihr die Antwort. Man hatte sich in das geräumige Esszimmer zurückgezogen.
Noch ganz benommen von dem kurzen Schlaf wickelte sich Tabea aus ihrer Decke und tappte durch den Flur. Vor der Tür zum Esszimmer entschloß sie sich, erst einmal leise in die Hocke zu gehen, um einen neugierigen Blick durchs Schlüsselloch zu werfen. Sie konnte ihre Mutter erkennen, die sich lachend mit den Großeltern unterhielt. Argo lag schlafend unter einem Stuhl; man hörte ihn leise schnarchen. Die Brüder waren wohl schon ins Bett geschickt worden. Da sollte sie doch die Gelegenheit beim Schopf packen und in der Küche nachforschen, ob sich noch ein paar der leckeren Zimtsterne finden ließen.
Tabea schlich so unauffällig wie möglich durch den Gang in Richtung Küche und wäre trotz aller Vorsicht beinahe über die große Tasche gestolpert, die offenbar jemand recht nachlässig neben der Haustür abgelegt hatte. Ärgerlich gab sie dem Hindernis, das sie beinahe zu Fall gebracht hätte, einen kleinen Tritt und wollte schon weiterhuschen. Aber das war ja gar keine Tasche! Das war ja der Sack, aus dem der Weihnachtsmann sie vorhin beschenkt hatte. Was tat der denn noch hier? Und leer war er auch nicht, wie er hätte sein sollen. Sich umschauend vergewisserte sie sich, daß die Luft rein war und zog den groben Stoff auseinander. Mit dem weißen Tuch, das ihre Finger fanden und der kleinen Feder, die ihr entgegenfiel, wußte sie nichts anzufangen, bis ihre ganze Hand schließlich in Federn griff, durch die sie harte Pappe ertastete. Was hatte das zu bedeuten? Das waren aber doch nicht die Flügel ihres Engels?! Wie sollte er sie da beschützen? Mit Flügeln aus Pappe konnte man doch nicht fliegen. Ein Engel mit Flügeln aus Pappe war gar kein Engel. Jetzt nur nicht weinen.
Wo war ihr Vater? Der würde Rat wissen. Im Esszimmer hatte sie ihn nicht gesehen, so stolperte sie hastig die Treppe hinauf, wo die Schlafzimmer lagen. Im Bad sah sie Licht brennen und öffnete die Tür leise ein kleines Stück.
Tabeas Blick fiel auf einen breiten Rücken, der in einem roten Mantel steckte. Was machte denn der Weihnachtsmann in ihrem Badezimmer? Doch war da kein üppiges, weißes Kraushaar, das eigentlich über den Kragen hätte fallen sollen, sondern die braune Kurzhaarfrisur, die sie von ihrem Vater kannte. Es war auch eindeutig die Stimme ihres Vaters, die sie jetzt leise lachen hörte. "Na, mein knackiger, kleiner Engel...", konnte sie ihn murmeln hören, während er die unbekannte Frau enger an sich drückte, die keine weißen Flügel hatte aber wunderschönes, goldenes, langes Haar und einen lächelnden Mund, den sie jetzt auf die Lippen ihres Vaters presste.

Tabea schloß die Tür. Ungesehen fiel ein Stern durch die Nacht.

Sandra K. Ferber