Robert Schumann

Kunstverständnis der Romantik

In der Epoche der Romantik sind zwei Begriffe von elementarer Bedeutung: Gefühl und Individualität. In der Musik rücken die klassischen Formen in den Hintergrund und die Kompositionen werden freier und ungebundener, beschreiben oft Stimmungen, Bilder oder Situationen in einer bildhaften, tonmalerischen Sprache.

Gleichzeitig wird Individualität als wesentliche Forderung an Künstler und ihre Werke formuliert, was zur Ausbildung des Virtuosentums führt. Geiger wie Niccolò Paganini und Pianisten wie Franz Liszt steigen zu gefeierten Stars der Musikszene auf und entfachen Begeisterungsstürme wie in heutiger Zeit die Popstars.

Robert Schumann versucht in seinen Kompositionen bewusst, diesen Teufelskreis des reinen Virtuosentums zu durchbrechen. Insbesondere seine Klavierwerke sind poetische Kurzgeschichten, die weniger für den virtuosen Pianisten als für den sensiblen Künstler geschrieben sind. Darüber hinaus ist Robert Schumanns Musik zutiefst autobiographisch und ein Mittel, die Krisensituationen und Schicksalsschläge seines Lebens zu verarbeiten.

Biografie

Kindheit und Jugend

 
Robert Schumann ©
Bertelsmann Lexikon Verlag,
Gütersloh

Robert Alexander Schumann wird am 8. Juni 1810 als jüngstes von fünf Kindern des Verlagsbuchhändlers Friedrich August Gottlob Schumann und seiner Frau Johanna Christiane in Zwickau geboren. Von klein auf ist Robert von Büchern umgeben, die er im Laufe seiner Jugend nicht nur zu schätzen, sondern auch zu lieben weiß. Daneben spielt Musik bereits früh eine wichtige Rolle in seinem Leben. In seinem späteren Leben sollten beide Kunstrichtungen - die der Literatur ebenso wie die der Musik - eine wesentliche Rolle spielen. Bereits in den 1820er Jahren versucht sich Robert sowohl als Komponist als auch als Schriftsteller.

Seinen ersten Klavierunterricht erhält der musikalisch talentierte Robert im Alter von sieben Jahren bei Gottfried Kuntsch, dem Organisten der Zwickauer Marienkirche. Als Robert allmählich den Fähigkeiten seines Lehrers zu entwachsen beginnt, erscheint ein Lehrerwechsel sinnvoll. Der Komponist Carl Maria von Weber scheint dafür die richtige Person zu sein, doch bevor es zu einem Unterrichtsverhältnis kommen kann, verstirbt Weber am 5. Juni 1826. Als im August desselben Jahres auch Roberts Vater stirbt, ist die musikalische Karriere des Sechzehnjährigen zunächst beendet.

Jurastudium

Auf Wunsch seiner Mutter beginnt Robert 1828 ein Jurastudium in Leipzig. Doch der sensible und künstlerisch veranlagte junge Mann kann sich für trockene juristische Fragen nur wenig begeistern. Und so genießt Robert in Leipzig vor allem das reiche kulturelle Angebot und atmet den freien Geist der Studentenstadt mit ihren unzähligen Anregungen ein. In dieser Zeit widmet er sich vor allem der Literatur und nimmt seine schriftstellerische Betätigung wieder auf. Gleichzeitig entstehen, angeregt durch die Musik Franz Schuberts, auch wieder eigene Kompositionen.

Musikalisch - und später auch persönlich - ist in dieser Zeit die Begegnung mit dem Musikalienhändler und Klavierlehrer Friedrich Wieck (1785-1873) für den angehenden Komponisten von entscheidender Bedeutung. Robert vervollkommnet bei ihm nicht nur seine pianistischen Fähigkeiten, sondern gewinnt vor allem erstmals Einblicke in die Kompositionslehre. Als Beispiel dient dazu Johann Sebastian Bachs Werk "Das Wohltemperierte Klavier".

Im Frühjahr 1829 wechselt Robert Schumann an die Heidelberger Universität, um sein Studium fortzusetzen. Doch auch hier bewegt sich der Jurastudent wieder mehr auf künstlerischen Pfaden. Ein erfolgreiches erstes öffentliches Konzert im Januar 1830 bestätigt Roberts Berufung zum Musiker. Endgültig entscheidet er sich für den Weg des Künstlers nach einem Konzert des Geigers Paganini, das Schumann in Frankfurt erlebt. Danach ist ihm klar, dass auch er solche schöpferischen Fähigkeiten in sich trägt und diese ausleben muss. In dieser Phase seines Lebens wird Friedrich Wieck zum Zünglein an der Waage, das über die weitere Zukunft Robert Schumanns entscheidet: sein positives Urteil über einen Erfolg als Musiker lässt die Einwände von Roberts Mutter verstummen.

Pianist oder Komponist?

Daraufhin macht sich Robert in den folgenden Monaten mit Feuereifer an die musikalische Arbeit und übt zeitweilig wie ein Besessener. Doch die ersehnte Karriere als Konzertpianist sollte ihm versagt bleiben, denn die gesundheitlichen Folgen aus diesem Fanatismus lassen nicht lange auf sich warten. Robert leidet manche Tage unter grenzenlosen Schmerzen, das pianistische Aus bedeutet jedoch 1832 die Versteifung des rechten Mittel- und Zeigefingers.

Auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten kommt nun der Komponist Schumann mehr und mehr an die Oberfläche. Aufbauend auf der bei Friedrich Wieck erworbenen musiktheoretischen Basis erhält Robert eine profunde Ausbildung bei Heinrich Dorn (1800-1892), dem Musikdirektor des Leipziger Hoftheaters. Doch aufgrund kontroverser künstlerischer Vorstellungen wird dieses Unterrichtsverhältnis seitens des Lehrers schon bald wieder beendet. Dennoch sollte das erworbene Wissen für den zukünftigen Komponisten von bleibendem Wert sein.

Schriftsteller oder Komponist?

Zu dieser Zeit regt sich in Robert Schumann auch wieder das literarische Interesse. Eine Vereinigung der beiden Künste Literatur und Musik sieht der Komponist in der Herausgabe einer neuen musikalischen Zeitschrift, in der er nicht nur der Musikkritik wieder zu echtem Stellenwert verhelfen will, sondern durch die er auch die musikalische Bildung auf breiter Ebene verbessern möchte. Die "Neue Leipziger Zeitschrift für Musik" (später. "Neue Zeitschrift für Musik") erscheint erstmalig am 3. April 1834 und nimmt schon bald einen Großteil von Schumanns Zeit in Anspruch, denn die drei Mit-Gründungsmitglieder fallen einer nach dem anderen aus.


Felix Mendelssohn-Bartholdy
(1809-1847)
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Gütersloh

Wichtig in dieser Leipziger Zeit wird für Schumann vor allem der Kontakt zu dem Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy, mit dem ihn bald sowohl eine menschliche als auch eine künstlerische Freundschaft verbindet. Mehrere von Schumanns Werken werden durch Mendelssohn als Leiter der Gewandhauskonzerte uraufgeführt, so die Symphonie Nr. 1 in B-Dur (Frühlingssymphonie) am 31. März 1841.

 

Dresden

Ende 1844 verlegt Robert Schumann sein künstlerisches Betätigungsfeld nach Dresden. Die Stadt steht zu dieser Zeit unter dem musikalischen Zepter Richard Wagners, mit dem es trotz konträrer kompositorischer Ideen jedoch vor allem auf dem Gebiet der Oper zu einem regen Gedankenaustausch kommt. 1847/48 entsteht Schumanns Oper Genoveva, der jedoch aufgrund eines mangelhaften Librettos nur ein kurzes Bühnenleben beschieden ist.

Düsseldorf

Nach fünf musikalisch unbefriedigenden Jahren in Dresden nimmt Robert Schumann im Jahr 1850 die Stelle des Musikdirektors in Düsseldorf an, wo er am 2. September mit großen Ehren empfangen wird. Neben den Konzerten des "Allgemeinen Musikvereins" obliegt Schumann auch die Veranstaltung von vier geistlichen Konzerten pro Jahr sowie die Leitung des Niederrheinischen Musikfestes. Auf diese Weise bietet sich dem Komponisten eine ideale Möglichkeit, seine eigenen Werke (ur)aufzuführen.

Dadurch angespornt und durch die öffentliche Anerkennung bestätigt, erlebt der Komponist Schumann in den nächsten Jahren eine überaus produktive Zeit. 1850 entstehen das Konzert a-Moll für Violoncello und Orchester op. 129 sowie die Symphonie Nr. 3 in Es-Dur op. 97. Darüber hinaus erfreuen sich seine Werke seit Ende der 1840er Jahre auch zunehmender Wertschätzung im Ausland.

Doch die komplexe Persönlichkeit Robert Schumanns sowie die Programmgestaltung seiner Konzerte führen diese zunächst erfolgreiche musikalische Ära schon bald zu einem unerfreulichen Ende. Schumann kämpft zunächst noch gegen diese Entwicklung, doch muss er angesichts der schweren gesundheitlichen Probleme, die diese künstlerische Krise auslöst, im Oktober 1854 endgültig seinen Posten als Musikdirektor aufgeben.


Johannes Brahms (1833-1897)
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Musikalische Inspiration bedeutet für Schumann in dieser Zeit die Begegnung mit dem Geiger Joseph Joachim, dem er sein Violinkonzert d-Moll widmet, und die Freundschaft zu dem jungen Komponisten Johannes Brahms, den er mit einem euphorischen Artikel in der "Neuen Zeitschrift für Musik" protegiert.

 

 


Krankheit und Tod

Schumanns Gesundheit war bereits während seiner Schulzeit labil. Mit dazu beigetragen haben über die Jahre mehrere Todesfälle im Familien- und Freundeskreis, die jedes Mal das Gefühl des Verlassenwerdens und der Unsicherheit in Robert Schumann verstärken. Die Todesfälle ziehen sich wie ein roter Faden durch Robert Schumanns Biografie und jeder einzelne ist wie ein allmähliches Sterben seiner Seele, wodurch er sich immer mehr in sich selbst zurückzieht. Durch sein nach innen gekehrtes Wesen versucht Robert, alle Konflikte mit sich selbst und in Zwiesprache mit seinem Tagebuch auszutragen. Darüber hinaus zerbricht er wie jeder hypersensible Mensch am Ende an dem Konflikt und der Unfähigkeit, ein bürgerlich-erfolgreiches Leben mit einem künstlerisch-erfüllten Leben zu verbinden.

Ab Februar 1854 leidet Robert Schumann verstärkt unter so genannten Gehörsaffektionen, deren Ursache in nervlicher Anspannung zu suchen sind. Der Komponist hört nicht nur einzelne Töne in seinem Kopf, sondern vollständige symphonische Themen, die seinen Kopf so schmerzen, dass er wahnsinnig zu werden glaubt. In seiner Verzweiflung unternimmt er am 27. Februar 1854 einen Selbstmordversuch. Robert Schumann wird danach in die psychiatrische Klinik Endenich bei Bonn eingeliefert, wo er am 29. Juli 1856 stirbt. Zwei Tage später wird er im engsten Familien- und Freundeskreis auf dem Alten Friedhof in Bonn beigesetzt.

Robert und Clara


Clara Schumann (1819-1896)
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Robert Schumann begegnet Clara Wieck erstmalig im Jahr 1828 im Hause ihres Vaters Friedrich Wieck. Nach einer anfänglichen künstlerischen Freundschaft, die sich in einem regen Briefwechsel dokumentiert, wird aus dieser Beziehung über die Jahre allmählich Liebe. Claras Vater versucht mit allen Mitteln eine Verbindung zwischen den Beiden zu verhindern, sowohl schriftlich als auch persönlich, und geht mit seiner Tochter - nachdem er einen offiziellen Heiratsantrag an Claras 18. Geburtstag brüsk abgeleht hat - auf Konzertreise, doch auch eine dreijährige Trennungszeit vermag die Gefühle der beiden Liebenden nicht zu ändern. Schließlich bleibt Robert Schumann keine andere Wahl, als durch eine Eingabe an das Appellationsgericht in Leipzig die Heirat zu erzwingen. Nachdem durch einen Bescheid vom 11. August 1840 dafür die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen worden sind, heiraten Robert Schumann und Clara Wieck am 12. September in aller Stille in Schönefeld bei Leipzig.

Trotz dieser gemeinsam überwundenen Hindernisse sollte es im Alltag des Ehepaares Schumann nicht immer reibungslos ablaufen. Ursache dafür ist einerseits der Interessenskonflikt von Clara Schumann als Ehefrau und Mutter sowie als Künstlerin. Bereits vor ihrer Ehe war sie eine international anerkannte und gefeierte Pianistin, die auf diese künstlerische Betätigung in ihrer Ehe nicht vollkommen verzichten will. Robert Schumann sollte diese Tatsache in seinem künstlerischen Selbstbewusstsein oft empfindlich treffen. Dennoch haben sich beide Partner immer wieder gegenseitig inspiriert und bereichert und Clara Schumann hat nach Roberts Tod seine Werke in ganz Europa verbreitet.

Werk

Kunst als autobiographisches Medium

Ähnlich wie bei Franz Schubert stellt auch bei Robert Schumann die Musik die einzige Möglichkeit dar, um die eigene Biografie zu verarbeiten und eine eigene Identität zu entwickeln.

Schumanns kompositorische Arbeit vollzieht sich in nach Gattungen getrennten Phasen. Dabei bilden unter den rund 150 Werken die Klavier- und Vokalwerke einen deutlichen Schwerpunkt. In den ersten zehn Jahren komponiert Schumann vor allem Klaviermusik; hier sind vor allem die Kinderszenen op. 15 und das Album für die Jugend op. 68 zu nennen, die bis heute zum Standard-Repertoire eines jeden Klavierschülers zählen. In das Jahr der Eheschließung mit Clara fallen Lieder und Chöre - darunter die als Hochzeitsgabe komponierten Myrten op. 25. Die Stimme ist in diesen Monaten das Medium, durch das er das, was "in (ihm) wogt und tobt" am besten auszudrücken vermag. Das folgende Jahr 1841 steht vor allem im Zeichen der symphonischen Komposition, 1842 entstehen zahlreiche kammermusikalische Werke und 1843 widmet sich Schumann dem Oratorium. Nach einer ruhigeren Schaffensphase sind die Jahre zwischen 1849 und 1853 noch einmal von fruchtbarer Kreativität gekennzeichnet, in denen die Vokalwerke deutlich im Vordergrund stehen.

Bibliografie

Arnfried Edler: Robert Schumann und seine Zeit, Laaber-Verlag, Laaber 1982

Barbara Meier: Robert Schumann (rororo Monographie 50522), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1995

Peter Sutermeister: Robert Schumann. Eine Biographie nach Briefen, Tagebüchern und Erinnerungen von Robert und Clara Schumann, Heliopolis-Verlag Ewald Katzmann, Tübingen 1982