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“Sira - Die Legende” Ein Roman in mehreren Büchern, hier nur das
Kapitel 1
Über der kleinen schmuddeligen Hafenstadt Kork brütete die Sonne ungnädig vor sich hin. Dennoch herrschte reger Betrieb auf den kleinen schmalen, grob gepflasterten Straßen. Tess war gerade auf dem Weg zu der Spelunke, in der sie arbeitete, da bemerkte sie einen Menschenauflauf. Neugierig wie sie nun einmal war, steuerte sie darauf zu, um zu sehen was es hier gab. Schon von Weitem hörte sie eine männliche Stimme klar und deutlich eine Geschichte erzählen. Sie drängte sich zwischen die Menschen, um einen Blick auf den Erzähler zu werfen. Es war ein dunkelhäutiger großer Mann, der vor Kraft zu strotzen schien. Seine braune Haut glänzte in der Sonne und seine kahle Kopfhaut sah wie poliert aus. Er schaute mit großen braunen Augen sanft in die Runde und erzählte von einer Legende, die Tess bisher nur bruchstückhaft kannte. „Vor langer, langer Zeit kam die Kriegerin durch einen Zufall, ich sage es einfach mal so, denn es war eigentlich eine Entführung, auf diese Planeten und in diese Galaxis. Wie ihr alle bestimmt wißt, ist sie keine von uns gewesen, sondern stammte von dem legendären Planeten Hyade ab. Ihr Erscheinen brachte alle Personen, die mit ihr in Berührung kamen, durcheinander. Aber das ist eine andere Geschichte. Was ich nur berichten möchte ist, daß sie, bevor sie überhaupt zu der Legende werden konnte, die schwersten Zeiten als Sklavin verbracht hatte. Ihr Herr war hart und unerbittlich. Doch sie verstand es immer wieder zu fliehen oder ihren Dickkopf durchzusetzen. Sie mußte mehrere schwere Kämpfe überstehen, wie zum Beispiel gegen die Ritter Agamemnons, wilde Tiere oder sogar gegen einen Drachen, der sie um ein Haar getötet hätte. Doch schaffte sie es auch sich dem verrückten Levtar, der es sich in den Kopf gesetzt hatte die Weltherrschaft zu übernehmen, zu widersetzen und ihn nieder zu zwingen. Mit meinen eigenen Augen habe ich gesehen, wie sie seinem Leben ein Ende bereitete, indem sie ihm den Kopf von den Schultern abschlug. Ich habe nie einen Menschen kämpfen sehen, wie sie es vermochte. Sie war schnell wie eine Schlange, klug wie ein Adler und mutig wie ein Bär. Sie schien nie Angst gehabt zu haben, und doch war sie ein Mensch wie ihr und ich. Sie liebte das Leben und ihre Kinder, die sie zahlreich ihrem Herren geboren hatte. Ich weiß, ich erzähle euch hier nichts Neues, doch ich möchte dem Vorurteil zuvorkommen, ihr Herr habe sie nur aus Rache oder Neid umgebracht. Im Gegenteil, er hat sie von einem schweren Leiden befreit, indem er ihr das Leben nahm. Er tat aus Liebe zu ihr und glaubt mir, es war ihm nicht leicht gefallen, diese harte Entscheidung zu treffen.“ Der Erzähler schwieg einen Moment und schien in seinen Erinnerungen versunken zu sein. Ein kleiner zerlumpter Junge fragte vorlaut: „Wie war sie denn? War sie hübsch?“ Der Mann schaute auf, blickte flüchtig zu einem anderen Mann, der etwas abseits in der Menge stand und mußte leicht lächeln. Seine Augen nahmen einen seltsamen Glanz an, als er antwortete: „Ja, das war sie. Wenn ihr sie so gesehen hättet, wärt ihr nie auf die Idee gekommen, die große Kriegerin vor euch zu sehen. Sie war groß, schlank, sehr fraulich und sehr gefühlvoll. Ihre Haare waren lang und hell, und sie glitzerten wie flüssiges Gold, wenn die Sonne auf sie herabschien. Ihre Augen waren wie klare blaue Seen, in denen man sich verlor, wenn man zu lange in sie hineinschaute. Jeder Mann, der sie sah, war ihr schnell verfallen, doch sie wies alle von sich ab. Ein Bann hielt sie an ihrem Herren, und sie dachte nicht einmal daran sich einem anderen Mann hinzugeben.“ Tess verzog verächtlich das Gesicht. Diese angeblich so tolle Kriegerin muß ja eine wahre Heilige gewesen sein. Tess selber war eine Prostituierte, die für Geld mit jedem Mann mitging. Mit wie vielen Typen sie es schon getrieben hatte, wußte sie selber schon lange nicht mehr, aber es war das Einzige, was sie konnte und womit sie sich legal ein wenig Geld verdienen konnte. Nebenbei nutzte sie allerdings jede sich bietende Gelegenheit, um die Männer, die meist stark betrunken waren und nach einer langen Seereise ihre Heuer versoffen, auszurauben. Tess war erst seit wenigen Wochen in dieser Stadt, da ihr in der vorherigen das Pflaster langsam zu heiß wurde. Es war dort schon ein Verdacht geäußert worden, daß sie die Taschendiebin sein sollte, also hatte sie sich schleunigst aus dem Staub gemacht und ihren Arbeitsort gewechselt. Hier hatte sie schnell, auch Dank ihres vorlauten Mundwerks, einen Platz gefunden, an dem sie ihrem Gewerbe nachgehen konnte. Jetzt stand sie in der Menge und lauschte verächtlich den Worten des schwarzen Mannes, der weitere Fragen zu der berühmten Kriegerin beantwortete. Tess nutzte die Gelegenheit und stahl blitzschnell die Geldbörsen der in den Bann der Geschichte gezogenen Leute. Dabei sah es für Außenstehende, die sie beobachten sollten, nur so aus, als würde sie sich langsam ihren Weg durch die Menge bahnen, um weiter zu ziehen. Mit einem letzten Blick auf den Erzähler wollte sie sich umdrehen. Der Mann schaute in diesem Augenblick ihr direkt in die Augen und stutzte kurz. Tess mußte lächeln und zwinkerte ihm kess zu. Mit einer obszönen Geste drehte sie sich dann um und verschwand aus seinem Blickfeld. Trax war verwirrt. Er hatte eben eine Frau gesehen, die in schäbigen Kleidungsstücken zwischen den Leuten gestanden hatte. Ihre roten, kurzen Haare standen fettig zu allen Seiten von ihrem Kopf ab, ihr Gesicht war dermaßen grell geschminkt, das es seinen Augen schon weh tat, sie länger als nur wenige Sekunden zu betrachten. Eigentlich würde er sich nicht wegen einer solchen Gestalt durcheinander bringen lassen, doch für einen Moment hatte er ihr direkt in die Augen geschaut und das hatte ihn verwirrt. Für einen Augenblick dachte er, er hätte in Siras Augen gesehen. Doch schnell verschwand dieser Eindruck wieder, und er begann sich einzureden, er hätte es sich nur eingebildet, weil er zu diesem Zeitpunkt an sie dachte und von ihr erzählte. Dann sah er die eindeutige Geste dieser Frau und wußte, eine Straßennutte vor sich zu haben. Hastig schaute er zu Sarrat, der zu seiner Linken zwischen den Menschen stand. Dieser hatte den kleinen Vorfall beobachtet, verstand aber Trax´ Verwirrung nicht. Sarrat rieb sich über der Augenklappe die Stirn und zuckte mit den Schultern. Trax schaute wieder in die Menge und sagte: „So, das wäre alles, was ich im Augenblick von der Kriegerin zu berichten habe. Vielen Dank für euer Zuhören.“ Dann stand er von dem Faß auf, auf dem er gesessen hatte und ging langsam zu seinem Begleiter. Sarrat hatte seinen langen Haare, die zum Teil Grau, zum Teil noch tiefschwarz waren, zu einem Zopf gebunden und schaute ihm mit seinem gesunden Augen entgegen. Trax und Sarrat waren beide sehr groß gewachsenen Männer, denen man die Kraft in ihren Körpern gut ansah. Beide waren durchtrainiert und bei jeder ihrer Bewegung spielten die Muskeln unter ihrer Haut. Allein vom Äußerlichen unterschieden sie sich schon von dem hiesigen Seefahrervolk. Ihre Kleidung war nicht verschlissen und schäbig, sondern gepflegt und sauber. Auch war offensichtlich, das die Stoffe kostbarer als nur Leinen waren. Sarrat schaute Trax an und fragte: „Was war denn eben mit dir los? Was hattest du?“ Trax schmunzelte und schüttelte den Kopf. Leise sagte er: „Ich sehe schon Gespenster. Ich habe eben tatsächlich geglaubt, die Augen dieser Nutte zu kennen und für einen Moment glaubte ich, in Siras Augen zu schauen.“ Sarrat sah sich um und fragte dann: „Meinst du diese komische Frau, die dir offensichtlich zu verstehen gegeben hat, daß sie dich nicht abweisen würde?“ Trax nickte nur. „Hmm.“ schmunzelte Sarrat und mußte grinsen. „Ich habe sie ebenfalls beobachtet. Ein ganz schön raffiniertes Ding, die Kleine. Sie hat, während du erzählt hattest, die Leute reihenweise ausgeraubt. Flinke Finger hat sie, das muß man ihr lassen. Und keiner hat etwas bemerkt.“ Trax schüttelte den Kopf und zuckte mit den Schultern. Er packte sein Schwert, das Sarrat ihm reichte und wandte sich zum Gehen. „Komm, wir suchen ein Zimmer für die Nacht. Morgen früh haben wir dann noch genug Zeit, um das Schiff zu bekommen.“ Sarrat schaute sich umher und reckte sich. Dann sagte er: „Ja, wir haben es zwar noch früh, aber ein Nickerchen in einem richtigen Bett kann nicht schaden. So, wie ich mich fühle, könnte ich tagelang durchschlafen. Wir sollten auch langsam mal das Herumziehen aufgeben und nach Askon zurückkehren. Ich weiß immer noch nicht, warum wir eigentlich losgezogen sind.“ Trax drehte sich zu ihm um und sagte ernst: „Das weißt du doch genau. Ich konnte einfach nicht auf Askon bleiben, nachdem was dort geschehen ist. Ich kannte sie nicht so lange wie du oder die Anderen, aber dennoch fehlt sie mir. Sie war mein Freund und ich bin nicht bereit, so einfach das Leben weitergehen zu lassen, als wäre nie etwas geschehen. Sie hat mir damals auch geholfen und mich nicht umgebracht, und deswegen sehe ich mich dazu gezwungen, sie durch die Geschichten in den Erinnerungen der Menschen, denen sie geholfen hat, weiterleben zu lassen. Das ist das Mindeste, was ich noch für sie tun kann und du bist damals aus eigenen Stücken mitgekommen. Ich habe dich nie dazu gezwungen. Also: Wenn du wieder zurück willst, dann geh. Ich halte dich nicht auf. Aber ich werde weiterziehen und ihre Geschichte immer wieder erzählen.“ Er war etwas ungehalten. Die Hohen Herren waren einfach zu gefühlskalt. Wie konnte er sie gemocht haben, wenn ihm jetzt alles egal zu sein scheint? Trax schnaufte und stapfte davon. Sarrat lächelte, denn er hatte diese Ansprache schon öfter über sich ergehen lassen müssen. Er wußte auch, daß Trax der Meinung war, ihm würde Siras Tod nichts ausmachen, doch da irrte sich der Krieger gewaltig. Sarrat litt noch immer sehr stark, doch seine Erziehung hatte damals vorgesehen, niemals Gefühle zu zeigen. Er hob das Bündel mit seinen wenigen Habseligkeiten auf, packte sein Schwert und folgte dem Schwarzen.
Nathalie Hanecke
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