|
Bach: Matthäuspassion BWV 244
Kurzbiografie J. S. Bach
|

|
|
Johann Sebastian Bach
|
|
© Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
|
|
Johann Sebastian Bach, deutscher Komponist, *21.03.1685 Eisenach, +28.07.1750 Leipzig. Bach begriff sein kompositorisches Schaffen als handwerkliche Kunst zum Lobe Gottes. Die Grundlage seiner Arbeit bildete die Fuge, deren Form er zur Meisterschaft führte. Die Matthäuspassion zählt zu Bachs bedeutendsten Werken. Sie entstand an Bachs bedeutendster Wirkungsstätte in den ersten Jahren seiner 27-jährigen Tätigkeit als Thomaskantor in Leipzig, wo sie am Karfreitag 1729 (nach anderen Quellen unter Umständen auch schon 1727) uraufgeführt wurde.
Lexikon: Passion
Theologie
In der christlichen Religion wird mit "Passion" die Leidensgeschichte Jesu von seiner Festnahme bis zu seinem Tod am Kreuz bezeichnet. Festgehalten sind diese Geschehnisse in den vier Evangelien (die Berichte der Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) im Neuen Testament. Im Gedenken an Jesu Leidensgeschichte wird alljährlich in den christlichen Kirchen in der so genannten Passionszeit, einer 40-tägigen Fastenzeit vor Ostern, dieser Geschehnisse gedacht.
Musik
In der Musik bezeichnet der Begriff "Passion" die Vertonung von Jesu Leidensgeschichte. Da es als Textgrundlage für diese Geschehnisse vier Evangelien gibt, wird durch einen Zusatz kenntlich gemacht, auf welchem Evangelium die Komposition beruht: Matthäuspassion, Markuspassion, Lukaspassion, Johannespassion. Den meisten Passionen liegen die Texte nach Matthäus und Johannes zugrunde.
Die Matthäuspassion: Text
Als Quelle für Bachs Matthäuspassion dienten das 26. und 27. Kapitel aus dem Evangelium nach Matthäus. Während die ersten Passionen im 15. und 16. Jahrhundert noch ausschließlich auf dem Bibeltext beruhten, setzte im 17. Jahrhundert vermehrt die Tendenz durch, nicht nur Choräle mit in die Komposition aufzunehmen, sondern auch freie Texte, so genannte madrigalische Dichtungen, einzubauen, die vor allem eine Reflexion über die Leidensgeschichte beim Zuhörer bewirken sollten, ihn damit direkt in das biblische Geschehen mit hineinnehmen und betroffen machen sollten. Dennoch kam dem Bibeltext nach wie vor die zentrale Bedeutung zu.
Der Bibeltext von Bachs Matthäuspassion beruht auf der Übersetzung von Martin Luther. Die ergänzenden Texte für Arien und Rezitative entstanden in Zusammenarbeit von Picander (eigentlich Christian Friedrich Henrici, 1700-1764) und Johann Sebastian Bach. Außerdem sind Kirchenlieder, vor allem von Paul Gerhardt, ein wichtiger Bestandteil des Werkes.
Die Matthäuspassion: Musik
"Die Musik ist die Dienerin der Theologie" - von diesem Leitsatz Martin Luthers ist insbesondere auch Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion geprägt. Und wie viele seiner anderen geistlichen Werke ist auch diese Komposition für den sonn- und feiertäglichen Gebrauch im Gottesdienst entstanden.
Johann Sebastian Bachs Passionen stehen in der Tradition der "oratorischen Passion", die sich im 17. Jahrhundert analog zum lateinischen und italienischen Oratorium entwickelt. Charakteristisch für diese neue Art der Passion sind:
auskomponierte Rezitative (anstelle des bisherigen festgelegten Vortrags durch den so genannten Passions-Ton)
Accompagnato-Rezitative (mit Orchesterbegleitung)
Arien
instrumentale Zwischenspiele
Hinzufügen von Chorälen
Während die Rezitative als Träger der Handlung jeweils den Fortgang der Geschehnisse erzählen, lassen die Arien viel Raum für eine Ausdeutung des eigentlichen Textes und damit eine sowohl persönliche als auch theologische Glaubensaussage. Bachs Anliegen war es, die einzelnen Teile der Komposition zu einer künstlerischen Einheit zu verarbeiten.
Ein wesentliches Merkmal von Bachs vokalem Werk ist die Parodie. In vielen seiner geistlichen Werke hat Bach bereits existierende Kompositionen aus anderen, zumeist weltlichen Werken, wiederverwendet. Dabei wurde der Text entsprechend dem neuen Werk abgeändert. Ebenso wurden musikalische und instrumentatorische Änderungen im Hinblick auf den veränderten Inhalt vorgenommen. Diese Technik hat Bach auch in der Matthäuspassion angewandt, bei der ein Großteil aus der Trauermusik für Fürst Leopold von Anhalt-Köthen stammt.
Besetzung
vierstimmiger Chor (Priester, Schriftgelehrte, Hohepriester, Volk, Jünger)
Solostimmen (Evangelist, Tenor; Jesus, Bass; Judas, Bass; Petrus, Bass; Sopran und Alt: reflektive Arien und Rezitative von einzelnen Gläubigen)
2 Orchester bestehend aus: Streichern + Viola da Gamba, 2 Querflöten, 2 Oboen, 2 Fagotten, Orgel, Continuo
Die Matthäuspassion: Inhalt
Die Matthäuspassion besteht aus 68 Nummern. Sie gliedert sich in zwei Teile (1-36 und 37-68), zwischen denen bei der Uraufführung eine Predigt gehalten wurde.
Das Werk beginnt mit einem großangelegten, dramatischen, dreichörigen Teil ("Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen"):
- Chor 1 = die Töchter Zions (= Jerusalem)
- Chor 2 = eine Gruppe von Gläubigen
- Chor 3 (Sopranstimmen unisono) = symbolisiert die christliche Gemeinde
Während Chor 1 zusammenfassend die Situation schildert, steigert Chor 2 durch fragende Zwischenrufe (Wen? Wie? Was? Wohin?) noch die Dramatik der Situation. Chor 3 stimmt dazu den Passionschoral "O Lamm Gottes, unschuldig" an.
Während der Evangelist in den folgenden Rezitativ-Teilen die Handlung gemäß Kapitel 26 und 27 des Matthäusevangeliums vorträgt, wird in den Chorälen die Verbindung zwischen dem biblischen Geschehen und dem gegenwärtigen Gläubigen gezogen. Die Chöre werden beinahe opernhaft eingesetzt - was dem Werk aus den Reihen der Kirche viel Kritik eingebracht hat. In den Arien und einigen Rezitativen wird die Bedeutung vom Kreuzestod Jesu für den gläubigen Christen dargelegt.
Die folgende Inhaltszusammenfassung orientiert sich am Text des Matthäusevangeliums (Mt) und fasst verschiedene Geschehnisse zu kleinen Kapiteln zusammen:
Mt 26, 1-5: Ratschlag der Hohepriester und Ältesten, Jesus zu töten
(Nr. 2 Rezitativ: Evangelist und Jesus; Nr. 3 Choral: "Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen"; Nr. 4a Rezitativ: Evangelist; Nr. 4b Chor: "Ja nicht auf das Fest, auf dass nicht ein Aufruhr werde im Volk.")
Mt 26, 6-13: Die Salbung in Bethanien
(Nr. 4c Rezitativ: Evangelist; Nr. 4d Chor = Jünger: "Wozu dienet dieser Unrat?"; Nr. 4e Rezitativ: Evangelist und Jesus: "Was bekümmert ihr das Weib? Sie hat ein gut Werk an mir getan."; Nr. 5 Rezitativ, Alt: "Du lieber Heiland du, wenn deine Jünger töricht streiten...." - das vorherige Geschehen wird in einem arienähnlichen Rezitativ aus dem Blickwinkel eines Gläubigen reflektiert; Nr. 6 Arie, Alt: "Buß und Reu knirscht das Sünderherz entzwei")
Mt 26, 14-16: Verabredung des Verrates
(Nr. 7 Rezitativ: Evangelist und Judas; Nr. 8: Arie, Sopran: "Blute nur, du liebes Herz! Ach! Ein Kind, das du erzogen, das an deiner Brust gesogen, droht den Pfleger zu ermorden, denn es ist zur Schlange worden.")
Mt 26, 17-29: Vorbereitung des Passamahles, Enthüllung von Judas' Verrat, Abendmahl
(Nr. 9a Rezitativ: Evangelist; Nr. 9b Chor = Jünger: "Wo willst du, dass wir dir bereiten, das Osterlamm zu essen?"; Nr. 9c Rezitativ: Evangelist und Jesus: "Gehet hin in die Stadt...; Nr. 9d Rezitativ: Evangelist: "Wahrlich ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten."; Nr. 9e Chor = Jünger: "Herr, bin ich's?"; Nr. 10 Choral: "Ich bin's, ich sollte büßen" - ein eindringlicher Bezug zwischen historischem Geschehen und dem aktuell zuhörenden Gläubigen; Nr. 11 Rezitativ: Evangelist, Jesus und Judas: "Der mit der Hand mit mir in die Schüssel tauchet, der wird mich verraten...." / Abendmahlszeremonie; Nr. 12 Rezitativ, Sopran: "Wiewohl mein Herz in Tränen schwimmt" - der Kreuzestod Jesu als Erlösung für den Gläubigen; Nr. 13 Arie, Sopran: "Ich will dir mein Herze schenken")
Mt 26, 30-46: Jesus in Gethsemane und Gefangennahme Jesu
(Nr. 24 Rezitativ: Evangelist und Jesus: "Und da sie den Lobgesang gesprochen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg"; Nr. 15 Choral: "Erkenne mich, mein Hüter, mein Hirte nimm mich an!"; Nr. 16 Rezitativ: Evangelist, Petrus und Jesus: "... Wahrlich ich sage dir: In dieser Nacht ... wirst du mich dreimal verleugnen"; Nr. 17 Choral: "Ich will hier bei dir stehen"; Nr. 18 Rezitativ: Evangelist und Jesus; Nr. 19 Rezitativ, Tenor = Tochter Zion: "O Schmerz! Hier zittert das gequälte Herz" / Chor = die Gläubigen: "Was ist die Ursach aller solcher Plagen?"; Nr. 20 Arie, Tenor = Zion: "Ich will bei meinem Jesu wachen" / Chor = Gläubige: "So schlafen unsre Sünden ein"; Nr. 21 Rezitativ: Evangelist und Jesus: "Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst"; Nr. 22 Rezitativ, Bass: "Der Heiland fällt vor seinem Vater nieder; dadurch erhebt er mich und alle von unserm Falle..." - die Bedeutung von Jesu Kreuzestod für den Gläubigen; Nr. 23 Arie, Bass: "Gerne will ich mich bequemen, Kreuz und Becher anzunehmen, trink ich doch dem Heiland nach..." - die Konsequenz von Jesu Erlösungstat für das Leben des Gläubigen; Nr. 24 Rezitativ: Evangelist und Jesus: "Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend"; Nr. 25 Choral: "Was mein Gott will, das g'scheh allzeit"; Nr. 26 Rezitativ: Evangelist, Jesus und Judas: "Und er kam und fand sie aber schlafend .... siehe, er ist da, der mich verrät" / Verrat des Judas; Nr. 27a Arie, Duett Sopran + Alt: "So ist mein Jesus nun gefangen" / Chor: "Lass ihn, haltet, bindet nicht!"; Nr. 27b Chor, achtstimmig: "Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden?"; Nr. 28 Rezitativ: Evangelist und Jesus; Nr. 29 Choral: "O Mensch, bewein dein Sünde groß")
Mt 26, 57-68: Jesus wird vom Hohen Rat verurteilt
(Nr. 30 Arie und Chor: "Ach! Nun ist mein Jesus hin!"; Nr. 31 Rezitativ: Evangelist; Nr. 32 Choral: "Mir hat die Welt trüglich gericht'"; Nr. 33 Rezitativ: Evangelist, Zeugen, Hohepriester; Nr. 34 Rezitativ, Tenor: "Mein Jesus schweigt zu falschen Lügen stille"; Nr. 35 Arie, Tenor = Jesus: "Geduld!..."; Nr. 36a Rezitativ: Evangelist, Hohepriester und Jesus: Jesus lästert Gott; Nr. 36b Chor = Hohepriester: "Er ist des Todes schuldig!"; Nr. 36c Rezitativ: Evangelist; Nr. 36d Chor = Volk: "Weissage uns, Christe, wer ist's, der dich schlug?"; Nr. 37 Choral: "Wer hat dich so geschlagen")
Mt 26, 69-75: Jesus wird von Petrus verleugnet
(Nr. 38a Rezitativ: Evangelist, Magd und Petrus; Nr. 38b Chor;Nr. 38c Rezitativ: Evangelist und Petrus; Nr. 39 Arie, Alt = Petrus: "Erbarme dich, mein Gott..."; Nr. 40 Choral: "Bin ich gleich von dir gewichen, stell ich mich doch wieder ein" - hier wird eine wichtige Glaubensaussage getroffen: der Mensch wird trotz seiner Sündhaftigkeit nicht von Gott verstoßen)
Mt 27, 1-14: Jesus wird dem Pilatus übergeben, die Verzweiflung des Judas, Anklage Jesu vor Pilatus
(Nr. 41a Rezitativ: Evangelist und Judas; Nr. 41b Chor: "Was geht uns das an?"; Nr. 41c Rezitativ: Evangelist und Hohepriester - Judas erhängt sich; Nr. 42 Arie, Bass: "Gebt mir meinen Jesum wieder!"; Nr. 43 Rezitativ: Evangelist, Pilatus und Jesus - Jesus wird des Hochverrats angeklagt, weil er sich als 'König der Juden' bezeichnet; Nr. 44 Choral: "Befiehl du dein Wege")
Mt 27, 15-26: Pilatus lässt Barrabas frei und verurteilt Jesus
(Nr. 45a Rezitativ: Evangelist, Pilatus und dessen Frau, Volk - das Volk entscheidet über das Schicksal der zwei Gefangenen Barrabas und Jesus und fordert Jesu Tod: "Laß ihn kreuzigen" = Nr. 45b Chor; Nr. 46 Choral: "Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe! Der gute Hirte leidet für die Schafe,..."; Nr. 47 Rezititav: Evangelist und Paulus; Nr. 48 Rezitativ, Sopran: "Er hat uns allen wohlgetan"; Nr. 49 Arie, Sopran: "Aus Liebe will mein Heiland sterben"; Nr. 50a Rezitativ: Evangelist; Nr. 50b Chor: "Lass ihn kreuzigen!"; Nr. 50c Rezitativ: Evangelist und Pilatus; Nr. 50d Chor: "Sein Blut komme über uns und unsre Kinder"; Nr. 50e Rezitativ: Evangelist - Jesus wird gegeißelt)
Mt 27, 27-31a: Verspottung Jesu durch die römischen Soldaten
(Nr. 51 Rezitativ, Alt: "Erbarm es Gott! Hier steht der Heiland angebunden"; Nr. 52 Arie, Alt: "Können Tränen meiner Wangen..."; Nr. 53a Rezitativ: Evangelist - Jesus wird die Dornenkrone aufgesetzt; Nr. 53b Chor: "Gegrüßet seist du, Judenkönig!"; Nr. 53c Rezitativ: Evangelist - Jesus wird geschlagen; Nr. 54 Choral: "O Haupt voll Blut und Wunden")
Mt 27, 31b-44: Kreuzigung Jesu
(Nr. 55 Rezitativ: Evangelist - Simon von Kyrene trägt Jesu Kreuz; Nr. 56 Rezitativ, Bass; Nr. 57 Arie, Bass: "Komm, süßes Kreuz..."; Nr. 58a Rezitativ: Evangelist - Jesus wird gekreuzigt; Nr. 58b Chor: "... Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz!"; Nr. 58c Rezitativ: Evangelist, Nr. 58d Chor + Nr. 58e Rezitativ: Evangelist - Jesus wird verspottet: von den Hohepriestern, vom Volk und von den Mördern, die mit ihm gekreuzigt werden; Nr. 59 Rezitativ, Alt: "Ach Golgatha, unselges Golgatha!"; Nr. 60 Arie, Alt und Chor: "Sehet, Jesus hat die Hand, uns zu fassen ausgespannt")
Mt 27, 45-66: Tod und Grablegung Jesu, die Bewachung des Grabes
|

|
|
Eigenhändige Niederschrift der Matthäuspassion durch Johann Sebastian Bach: Rezitativ des Evangelisten "... der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke..."
|
|
© Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
|
|
(Nr. 61a Rezitativ: "Und von der sechsten Stunde an war eine Finsternis über das ganze Land..."; Nr. 61 b Chor: "Der rufet den Elias!"; Nr. 61c Rezitativ: Evangelist; Nr. 61d Chor; Nr. 61e Rezitativ: Evangelist: "Aber Jesus schrie abermals laut und verschied."; Nr. 62 Choral: "Wenn ich einmal soll scheiden"; Nr. 63a Rezitativ: Evangelist: "Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stück"; Nr. 63b Chor: "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen."; Nr. 63c Rezitativ: Evangelist - Joseph von Arimathia bittet um den Leichnam Jesu; Nr. 64 Rezitativ, Bass: "... Der Friedensschluss ist nun mit Gott gemacht, denn Jesus hat sein Kreuz vollbracht..."; Nr. 65 Arie, Bass: "Mach dich, mein Herze, rein, ... Welt, geh aus, lass Jesum ein!"; Nr. 66a Rezitativ: Evangelist - Joseph verlegt den Leichnam in ein anderes Grab; Nr. 66b Chor = Hohepriester und Pharisäer, die von Pilatus fordern, dass das Grab bewacht wird; Nr. 66c Rezitativ: Evangelist und Pilatus; Nr. 67 Rezitativ (vier Solostimmen) und Chor - Resümee: Jesus stirbt für die Sünden der Menschen; Nr. 68 Chor: "Wir setzen uns mit Tränen nieder und rufen dir im Grabe zu: Ruhe sanfte, sanfte ruh!"
Aufführungsgeschichte
Die Matthäuspassion wurde wahrscheinlich am Karfreitag des Jahres 1729, dem 15. April, in der Leipziger Thomaskirche uraufgeführt. Zu Bachs Lebzeiten hat gerade die das Publikum persönlich ansprechende und teilweise dramatische Gestaltung des Werkes die Zuhörer irritiert. Dramatik und Gefühle gehörten für sie eher in den Bereich der Oper als in ein geistliches Werk. Daneben nahm das Publikum in den Chorälen als singende Gemeinde auch eine aktive Rolle in der Komposition ein. Von dieser Praxis ist man in heutigen Aufführungen weitgehend abgewichen.
Eine akustische Besonderheit bei dieser Uraufführung war die Vereilung der Musiker auf die zwei Emporen der Thomaskirche. Auf diese Weise war es Bach möglich, mit zwei Orchestern, zwei Chören und zwei Orgeln die Steigerung der Musik noch durch einen steten Dialog zwischen diesen beiden Gruppen zu steigern und damit einen Effekt wie im modernen Zeitalter der Stereophonie zu erreichen.
|

|
|
Felix Mendelssohn-Bartholdy, Komponist, Dirigent u. Pianist.
|
|
© Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
|
|
Nach Bachs Tod im Jahr 1750 verschwindet die Matthäuspassion für mehrere Jahrzehnte in der Versenkung. Erst Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847) sollte 100 Jahre nach der Uraufführung des Werkes die Komposition aus dem Dornröschenschlaf erwecken und ihr den Weg zu einem dauerhaften Platz im Konzertleben sichern. Von frühester Jugend an mit den Werken Bachs vertraut, stellt sich der gerade 20-jährige Mendelssohn dieser schwierigen künstlerischen Aufgaben. Die Aufführung am 11. März 1829 wird zu einem solchen Erfolg, dass das Werk anschließend an zwei weiteren Abenden wiederholt werden muss. Mendelssohn hat sich damit nicht nur selbst als Dirigent etabliert, sondern auch eine Wiedererweckung von Bachs Werken eingeleitet.
Bibliografie
Hans Blumenberg: Matthäuspassion, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1988
Günter Jena: "Das gehet meiner Seele nah". Die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach, Herder Verlag, Freiburg 1999
|