Lutz A. Mundthal

LUTZ ALEXANDER MUNDTHAL

HAMLET IN RÜBSAL

ODERTHEATERLEICHEN STINKEN NICHT

EIN SCHAUSPIELERSPUK. NUR FÜR VERRÜCKTE

P r o l o g

Abendprobe in Rübsal.

Nebelschwaden über dem schönen kleinen Theater und dem großen Friedhof in der Nachbarschaft. Die Portalbeleuchtung strahlt matt ins milchige Schwarz. Lange Schatten auf dem Friedhof mit seinen uralten Gräbern, vermoosten Steinen und fauligen Kreuzen.

Grelles Arbeitslicht auf der Bühne.Die Probe zieht sich endlos hin. Jochen Schmacke ist Hamlet in Rübsal. Er spielt hier als Gast und sein Redefluß ist kaum zu bremsen.”Otto das find ich großartig großartige Idee Otto der Schrott in den Hirnen ich meine es ist ja etwas faul im Staate Dänemark großartig Otto es fault großartig vom Schrott vernagelte Hirne im Staate großartig aber das Bühnenbild Otto wie sollen wir gegen dieses Bühnenbild anspielen Otto Schrott in den Köpfen großartig Otto aber das Bühnenbild als einen einzigen großen Schrottplatz also Otto wo bleibt da das Höfische”

”Jochen, du mußt auf keinen Fall dagegen anspielen. Spiel nicht gegen das Bühnenbild, sondern mit ihm. Das Stück spielt am Hofe und ihr spielt das Stück, also spielt ihr auch das Höfische...”

”Aber dieser ganze Schrott”

Und auch Herr Hundt bringt sich ein.

”So ’n Schrott, ich geh’ da nicht rauf.”

”Sie sind hier der Geist.”

”Ich geh’ da nicht rauf.”

”Der Geist kommt von oben.”

”Finde ich auch stark Otto der Geist ja stark vom Himmel hoch”

”Ich geh’ da nicht rauf.”

”Und wenn der Geist von unten kommt aus der Gruft Otto wäre doch auch stark Otto aus der Versenkung Otto aus der Versenkung wäre doch auch stark”

”Ich geh’ da nicht rauf.”

”Nee runter Herr Kollege ich meine runter das werden Sie doch sicher können und dann ‘rauf aus der Gruft heraus spielen Sie uns den Geist doch einmal aus der Gruft heraus”

”Das ist eine gute Idee, Jochen. Werde ich sicher aufgreifen. Gute Idee. Aber erst mal von oben.- Bitte, Herr Hundt!”

”Ich geh’ da nicht rauf.”

”Das sollten Sie aber schon ein wenig erklären. Sie gehen da nicht rauf ist doch ein wenig mager. Sie müssen das mehr erspüren, dann geht’s, dann gehen Sie da auch rauf.”

”Der ganze Schrott.”

”Also da hat er aber wieder recht Otto der ganze Schrott”

”Ich geh’ da nicht rauf.”

”Der Geist ist ganz oben auf der Beleuchterbrücke, ganz weiß mit Riesengiftohr. Ich will Sie ganz weiß mit Riesengiftohr. Ihre Blutbahnen sind vergiftet. Das Gift ist durch Ihr Ohr in Ihren Körper eingedrungen und hat Fürchterliches angerichtet...”

”Dacht’ ich mir. Ich bin ja tot.”

”Sie sind elend krepiert, Herr Hundt!”

”Elend, ja sicher.”

”Sie leben in einer Zwischenwelt, noch nicht in der Gruft, schon lang’ nicht mehr auf der Erde, sondern irgendwo im Äther.”

”Ich geh’ da nicht rauf.”

”Ihr verseuchtes Blut rinnt Ihnen ständig aus dem Riesenohr. Ich will ungeheure Mengen verseuchtes Blut sehen. Sie werden alles einsauen mit Ihrem giftigen Blut. Sie werden eine Erscheinung sein, mit Ihrem fürchterlichen Ohr...”

”Was für ein Ohr?”

”Das fürchterliche Ohr.”

”Schrecklich.”

”Zwischenwelt ist gut Otto man riecht es schon wie die Gruft immer näherkommt wie es schon ganz fürchterlich nach Gruft riecht.”

”Finde auch, daß es stinkt.”

”Spielen Sie weniger Gruft, mehr den Äther!”

”Aber ich bin das doch noch gar nicht.”

Und Frau Muggi von Mindelheim ist hier die Ophelia:

”Otto, ey Mann, was stinkt hier eigentlich so?”

”Das ist Herr Hundt, der zuviel Gruft spielt.”

”Aber ich bin das doch gar nicht!”

”Aber ähi, muß das denn unbedingt sein? Ich finde das nicht besonders rücksichtsvoll!”

”Ich möchte Sie nicht als Wasserleiche riechen, Frau Kollegin.”

”Auf jeden Fall werde ich als Wasserleiche keine Bierfahne haben!”

”Spielen Sie mehr den Äther, Herr Hundt, weniger das Bier.”

Da kommt Giesela Rummelhorst aus ihrem Soufflierkasten:

”Otto, ich muß kurz verschwinden, dieser Gestank ist der Wahnsinn.”

”Aber ich bin das doch gar nicht.”

”Zuviel Gruft, Herr Hundt.”

Und zu Giesi:

”Mach’ zu, ich brauch’ dich noch.”

”Ja, bis gleich.”

”Aber ich bin das doch gar nicht.”

”Der Gestank ist real Otto wollte ich dir immer schon sagen Otto der Gestank ist ganz real das ist er doch gar nicht der ist ganz real Otto”

Giesela macht sich auf den Weg durch die Unterbühne zu dem kleinen rettenden Klo, das ziemlich abseits liegt und selten benutzt wird. Sie grummelt in sich hinein:

”Nach Leiche muß er nicht gleich stinken. Seit der ersten Probe mit dem Geist stinkt es ganz penetrant nach Leiche.”

Giesela betritt das Dunkel der Unterbühne. Kein Licht soll das Geschehen dort oben stören. Die Wände sind schwarz und schlucken jeden Schein. Ein schwaches Lämpchen für die Notbeleuchtung funzelt ein wenig vor sich hin. Um Unfälle zu vermeiden sind die vorstehenden Balken und Verstrebungen mit Leuchtband markiert.

Hier herrscht scheinbares Chaos, in diesem dunklen Gewirr von Durch-, Auf- und Abgängen und kleinen Treppchen, die mal nach oben gehen, um dann im dunklen Nichts zu verschwinden oder plötzlich steil nach unten führen, zu dem Labyrinth der Kabel und den monströsen Motoren für die Drehbühne, in Bereiche, deren Betreten aus Sicherheitsgründen nur dem Bühnenmeister und seinem Personal erlaubt ist.

Giesela Rummelhorst tastet vorsichtig an den Wänden entlang.

‘Dein junges Blut erstarrte, deineAugen wie Stern’ aus ihren Kreisen schießen machte‘

Jedes Wort muß man ihnen soufflieren. Lieber große Diskussionen führen, als einfach mal Text lernen... Wie der Hundt wieder beieinander war... Kasten Bier, Fernseher an... ganz zittrig...

Unheimlich hier unten. Man sieht fast nichts, da soll sich einer in dieser Geisterbahn noch zurechtfinden.

‘... Und sträubte jedes einzelne Haar empor, Wie Nadeln an dem zorn’gen Stacheltier.’

... als ob dieser Leichenmoder direkt von hier unten käme!!!

Soll ich zurückgehen?? Mir ist so schlecht !!

Schnell zum rettenden Klo!! Da ist die Tür!!”... Entsetzlicher Gestank... heftiges Würgen... den Mund zuhalten... ihre Hand tastet , sie reißt an der Klinke ---

“Die verdammte Tür klemmt ! !”

Mit einem Ruck gibt sie plötzlich nach...

Ein Wahnsinnsgestank... ein schwerer Körper... er fällt ihr entgegen... landet mit dumpfem Aufschlag vor ihren Füßen...

Würgen!!! Der Gestank!!! Ihr Magen stülpt sich fast nach außen, --- Ein gellender Schrei zerreißt die Probe..Dann ist es totenstill.

Wär’ mir’s nicht untersagt,
Das Innre meines Kerkers zu enthüllen,
So höb’ ich eine Kunde an, von der
Das kleinste Wort die Seele dir zermalmte,
Dein junges Blut erstarrte, deine Augen
Wie Stern’ aus ihren Kreisen schießen machte,
Dir die verworrnen krausen Locken trennte,
Und sträubte jedes einzle Haar empor...

*

Lutz Alexander Mundthal

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