Jürgen Friemel

Am Anfang war Quasar-Magie

Die Saga von Ragnor

1. Buch

(c) Jürgen Friemel

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der kommerziellen Verwertung dieser Geschichte.

1994/95

Prolog

Seit Äonen herrschte das Gleichgewicht zwischen den vorwärts drängenden Mächten der Schöpfung, genannt Ama und den zerstörenden Mächten des Nichts, genannt Ximon, in der Galaxis Andromeda.

Doch dann, vor etwas mehr als tausend Standardjahren, gelang es Ximons Knechten, den Grauen Legionen, die Paladine Amas, genannt die Hüter Amas, zu vernichten und die Herrschaft über die gesamte Galaxis an sich zu reißen. Sie unterjochten die Völker und es gelang ihnen einige von ihnen auf die Seite Ximons des Schrecklichen zu ziehen. Der Großteil von ihnen widerstand jedoch dieser Versuchung, doch der Preis für ihre Standhaftigkeit war groß. Die Grauen Legionen zerstörten systematisch alle Hochtechnologie auf diesen Planeten und töteten die Intelligenz. Dies ließ die meisten, der einst so mächtigen Sternenreiche Andromedas schnell zerfallen, mehr und mehr Welten verloren ihre Bindungen untereinander und stürzten zurück in die Primitivität.

Die Grauen Legionen Ximons verdammte der Zusammenbruch der komplexen instellaren Verbindungen aber auch zu einem mehr und mehr ineffizienten Zerstörungsfeldzug und sie verzettelten sich in Aktionen, die immer weniger werdenden hoch entwickelten Welten, die weiter Ama anhingen, zu suchen, um deren technische Potentiale zu zerstören und auch sie in die Primitivität zurückzustoßen.

So verharrten die Völker Andromedas in Agonie unter der Knute von Ximons Kreaturen und verbargen, soweit sie nicht bereits in die völlige Primitivität zurückgefallen waren, ihre technischen Errungenschaften vor den erbarmungslosen Schergen Ximons.

Trotz dieser Rückschläge hielt sich sowohl auf den entwickelten, als auch auf den meisten primitiven Welten der Glaube an Ama, der die Hoffnung und die Schöpfung verkörperte und es wurde von einer Prophezeiung berichtet, daß die Hüter Amas eines Tages zurückkehren würden, um den Horden des Ximon Einhalt zu gebieten.

Vor diesem Hintergrund beginnt unsere Geschichte auf dem Planeten Makar, der in einem sternenarmen Sektor am Rande von Andromeda liegt. Er umkreist einsam eine große rote Sonne, begleitet von zwei Monden. Die Zivilisation von Makar ist bis in eine dem Erdmittelalter vergleichbare Epoche zurückgefallen und die Erinnerung an die Vergangenheit ist auf nebulöse Sagen beschränkt, die die historischen Zusammenhänge längst verloren haben.

1. Buch

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"Morgen habe ich Geburtstag. Endlich werde ich vierzehn Jahre alt und gehöre dann zu den Erwachsenen." Ja, Ragnor der jüngste Bewohner von Calfors Klamm würde übermorgen mit Rurig und Menno das erste Mal auf die große Jagd gehen dürfen.

Wie lange hatte er darauf gewartet. Eine warme Erregung stieg in ihm auf und ließ ihn erschauern, wenn er an morgen dachte. Endlich würde er erwachsen sein, so daß Tana ihm nicht mehr verbieten konnte mit den Männern auf die Jagd zu gehen und der alte Lars würde sich mit ihm freuen, wenn sich sein sehnlichster Wunsch endlich erfüllte. Die ganzen letzten Jahre hatte er Ragnor alles beigebracht was er wissen mußte, um ein nützliches Mitglied der Jagdgemeinschaft werden zu können.

"Die meisten Sachen kann ich, glaube ich, jetzt ziemlich gut, wenn auch manches, wie das Ausnehmen von Wildbret, nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählt", resümierte der Junge, als er die hinter ihm liegende Ausbildungszeit im Geiste noch einmal passieren ließ. Aber Lars hatte dann immer gesagt, ein guter Jäger muß alles können und jede Arbeit tun. "Nur mit dem Bogen auf hundert Schritt den Blauhirsch zu treffen, nützt uns gar nichts, wenn man das Fleisch nicht bergen und verarbeiten kann", pflegte der Alte dann immer zu sagen.

"Ja, Bogenschießen ist meine große Leidenschaft und ich mag ihn als Jagdwaffe viel lieber als den schweren Speer, der vor allem für die wilden Grausauen gebraucht wird. Ich kann auf hundert Schritt nicht nur einen Hirsch, sondern sogar ein Kaninchen treffen", fügte er in Gedanken stolz hinzu, während er versonnen quer über das schmale Tal die tief stehende Nachmittagssonne beobachtete, wie sie sich langsam auf den Hundskopf, einen mächtigen Berg auf der anderen Seite des Tales, zu bewegte.

Wieder dachte er darüber nach was Lars gesagt hatte, als er anfangs andauernd auf Kaninchen geschossen hatte, um zu üben und dabei mehr schoß als Tana in der Küche verbrauchen konnte. Er hatte ihn mit ernster Miene ermahnt, daß die Menschen in den Bergen die Tiere des Waldes nur töten, weil sie etwas zu essen brauchten aber niemals zum Spaß. Dann hatte er ihm erzählt, daß Calfors Klamm nur ein kleines Tal am Rand des großen Nordwaldes war und daß die Menschen im Tal in der unendlichen Weite von Makar nur ein kleines Sandkorn wären, gemessen an den Wundern ihres Heimatplaneten. Ja es gab vieles, das Ragnor noch nicht gesehen hatte, denn er war bisher aus seinem Tal nie herausgekommen. Aber das würde sich ändern, denn übermorgen war es endlich soweit. Das erste Mal würde er mit den Jägern über den Paß auf die Jagd in den großen Wald gehen.

Plötzlich mußte Ragnor niesen, was seine Träumereien abrupt unterbrach und ihn in die Realität zurückkehren ließ. Die gelbrote Sonne von Makar, die sich bereits dem Ende ihrer Tagesbahn näherte, hatte ihn in der Nase gekitzelt, während er auf seinem Lieblingsplatz unter der großen Roteiche seinen Träumen nachhing. Er sprang auf und blickte ins Tal hinunter, denn die Sonne stand schon tief und es wurde ihm bewußt, daß er schon lange zu Hause hätte sein müssen. Der Junge nahm den Fellbeutel mit den Kräutern auf, die er für Tana gesammelt hatte, den Köcher und den Bogen und machte sich auf den Weg.

Der Weg führte zwischen hohen Bäumen steil bergab. Auf dem Rohnsitz, einem kleinen Vorsprung, der über das Tal hinausragte, blieb er kurz stehen und schaute ins Tal hinunter. Von hier aus konnte man die Hütte, den Stall und die Scheune gut erkennen. Sie standen unter vier riesigen Roteichen einige Schritt vom Bach entfernt, der sich tief in das Gestein des Tales eingegraben hatte, wo er, wie alle Wildbäche hier im Gebirge, sehr schnell dahin floß, bis er kurz vor dem Aufstieg zum Paß in einer dunklen Spalte in der Felswand verschwand.

Ragnor konnte den langen bunten Rock der alten Tana genau sehen, die gerade einen Eimer Wasser am Brunnen holte, der sich auf dem Vorplatz der Hütte befand und sich sicher schon darüber ärgerte, daß er nicht rechtzeitig zurückgekommen war, um ihr bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen. Er blinzelte kurz und kniff die Augen zusammen, um gegen die tief stehende Sonne besser sehen zu können. Jetzt konnte er auch Lars erkennen. Der alte Mann stand bei Menno am Stall, wo die beiden heute einen neuen Balken ins Vordach eingesetzt hatten. Das war auch notwendig gewesen, da der alte Balken schon ganz morsch gewesen war.

"Nun wird es aber höchste Zeit, daß ich ins Tal komme, sonst wird mir Tana die Ohren langziehen", schoß es ihm durch den Kopf. Der Gedanke an Tanas oft lange und mit schriller Stimme vorgetragene Tiraden beschleunigte nun seine Schritte erheblich und schließlich rannte er, nachdem er den steinigen Bergpfad verlassen hatte, die karge Bergwiese hinab, auf der im Sommer oft die Ziegen grasten, bis hinunter zum Bach.
Nach einem kurzen kraftvollen Lauf hatte er die Brücke erreicht, die Menno vor Jahren aus hellem Fichtenholz über den Bach gebaut hatte.

Da hatte ihn Lars auch schon gesehen und rief: "Hallo Ragnor, du hast dich aber verspätet! Tana hat schon mehrmals nach dir gefragt. Mach nur, daß du schnell rein kommst und die Kräuter ablieferst."
Dabei grinsten er und Menno über beide Ohren, was Ragnor gar nicht nett fand. Er verzog sein Gesicht zu einem hilflosen Lächeln, denn er vermutete, daß Tana ihn jetzt gleich wieder ausschimpfen würde.

Als er an der Hütte angekommen war, verschnaufte er einen Moment auf der Veranda, denn sein Spurt hatte ihn ein wenig außer Atem gebracht. Nachdem er dreimal kräftig durchgeatmet hatte, hob er leicht resignierend die Schultern und drückte das Kreuz durch. Es half alles nichts. Also ging er mit kräftigen Schritten über die hölzerne und aus mächtigen Dielen gefügte Veranda auf die halb geöffnete, vom Alter ganz dunkel gewordene, eichene Eingangstür zu.

Er betrat die große Hütte, die aus einem Wohnraum mit einer großen Feuerstelle und vier Schlafräumen bestand. Kaum war er durch die schwere Tür getreten, hatte ihn Tana auch schon gesehen.

"Ragnor, du alter Träumer, hast du das heimkommen wieder mal vergessen", rief sie ihm zu. Er horchte überrascht auf, denn die Stimme war gar nicht so barsch wie sonst, wenn er sich verspätet hatte, sondern klang locker und eher ironisch amüsiert. Vorsichtig schaute Ragnor zu ihr auf, nachdem er vorher, in Erwartung der Standpauke, die Schultern angespannt und die Augen gesenkt gehalten hatte.

Er blickte in ihr altes vertrautes Gesicht, das von tausend Runzeln durchzogen war und in zwei gar nicht zornige braune Augen. Was war nur los? Vor Überraschung brachte er kein Wort heraus. Die ganze schöne Ausrede, die er sich zurechtgelegt hatte, war wie weggeblasen, denn er hatte mit der üblichen lang anhaltenden Standpauke gerechnet.

"Na Ragnor, keine deiner sonst so sorgfältig konstruierten Entschuldigungen? Das überrascht mich!" sagte sie mit einem Schmunzeln auf den Lippen, als sie die Verwirrung des Jungen bemerkte.
"Na ja, das ist wohl auch nicht notwendig. Morgen hast du Geburtstag und wirst ab dann neue Pflichten übernehmen", und mit einem stolzen Lächeln auf den Lippen schloß sie ihre Ansprache mit der Feststellung, daß sie ihm schließlich alles beigebracht hatte, was ein Jäger im Haushalt alles können mußte und daß er alles in allem seine Sache recht gut gemacht hatte.
"Aber...." und dabei erhob sie den Zeigefinger, "..... wenn du wieder zu Hause bist, wirst du mir hoffentlich weiterhin helfen, denn ich bin auch nicht mehr die Jüngste."
"Ja, selbstverständlich Tana", brachte der verwirrte Junge nur mit Mühe hervor und knetete dabei nervös den Fellbeutel mit den Kräutern, die er in ihrem Auftrag gesammelt hatte.

Tana ging auf den Jungen zu, legte ihm die rechte Hand auf die Schulter und nahm ihm dabei mit der anderen Hand ganz beiläufig den Fellbeutel mit den Kräutern aus den Händen. Sie betrachtete ihn voll Stolz und mit ein bißchen Wehmut in den Augen und dachte dabei: "Wie groß er geworden ist. Mit seinen vierzehn Jahren ist er fast schon ein Mann". Ragnor besaß einen hochgewachsenen und doch kräftigen Körper und obwohl er noch nicht ausgewachsen war, überragte er bereits Rurig um eine Handbreit. Das war um so erstaunlicher, da Rurig, für einen Bewohner des Nordkontinents, bereits ein überdurchschnittlich großer Mann war.

"Du bist ein bißchen überrascht, daß ich dich nicht ausschimpfe,..... stimmts!", stellte sie mit einem Schmunzeln fest und strich dabei mit ihrer von Altersflecken übersäten Hand ihre dicken schneeweißen Zöpfe, die nach vorne gefallen waren, wieder zurück. Ragnor hatte als kleines Kind gerne mit ihnen gespielt. Die streng geflochtenen Haare hatten Tanas schmalem Profil, das ihre frühere Schönheit immer noch erahnen ließ, immer etwas hoheitsvolles gegeben, eine Ausstrahlung natürlicher Autorität, die der kleine Junge von Anfang an akzeptiert hatte.
"Weißt du", fuhr sie in ihrer Erläuterung fort, "es war manchmal halt auch notwendig, daß ich dich zur Ordnung gerufen habe, wenn du deine Pflichten vergessen hast und nur ans Spielen oder Träumen gedacht hast. Aber wie gesagt, du hast deine Sache alles in allem recht gut gemacht und nun geh raus und hole die anderen zum Essen, bevor es verkocht."

Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging zurück an die Feuerstelle, auf der in einem großen kupfernen Topf bereits das Abendessen schmurgelte und einen angenehmen Duft verbreitete.
Ragnor drehte sich, immer noch ein wenig verwirrt, um und trat hinaus auf die Veranda. Lars und Menno hatten inzwischen ihre Arbeit beendet und der Alte saß, wie gewohnt, in seinem alten Schaukelstuhl aus dunklem Korbgeflecht. "Was hat dir denn die Grütze verhagelt", fragte er belustigt, als er die Verwirrung des Junge bemerkte. Immer noch etwas irritiert antwortete der Junge: "Sie hat mich gar nicht ausgeschimpft wie sonst. Im Gegenteil, sie war sehr freundlich zu mir. Bitte Lars, kannst du mir das erklären?"
"Klar kann ich das. Komm her mein Junge", sagte der Alte. Ragnor trat näher und blickte voll Zuneigung in die beiden braunen Augen und in das alte Gesicht mit dem schlohweißen kurz geschnittenen Bart, das er über die Jahre so lieb gewonnen hatte.
"Lars war für mich wie ein Vater, obwohl er nicht mein Vater ist", dachte er. "Er hat mir immer zugehört, und mir alles beigebracht was ein Mann können muß."

Ja, der Alte war wie ein Vater für Ragnor gewesen, dessen Herkunft im Dunkel lag. Lars und Rurig hatten den Jungen vor vierzehn Jahren in einer Grotte oben am Hundskopf als Neugeborenes gefunden. Niemand wußte, woher er kam und wer seine Eltern waren und irgendwie war das bisher auch nicht wichtig gewesen, denn die Leute von Calfors Klamm hatten ihn angenommen und groß gezogen. Sie waren für ihn seine Familie gewesen.

Ragnor setzte sich zu Füßen des alten Lars nieder, wie er es wohl schon tausendmal getan hatte und schaute erwartungsvoll zu ihm auf.
"Weißt du mein Junge", begann er, "Tana hat dich genau so lieb wie ich dich habe. Aber das hast du sicherlich gewußt!"
"Klar", entgegnete der Junge. "Aber trotzdem habe ich mich manchmal gefragt, warum sie immer so viel mit mir schimpft? Du hast das viel seltener getan."

"Ja eben, das ist exakt der Grund", schmunzelte Lars.
"Ich habe dir eben zu viel durchgehen lassen und da hat Tana sich genötigt gesehen, eben statt meiner etwas strenger zu sein, damit du lernst wie man im Leben zurechtkommt und daß man alles was man angefangen hat auch zu Ende bringen muß."
"So habe ich das, ehrlich gesagt, nie gesehen", gestand Ragnor ein und er begann den Tadel, der ihn oft genervt hatte, plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen.
"Meinst du Lars, ich sollte ihr mal wieder sagen, daß ich sie auch sehr lieb habe", fragte er zaghaft.
"Ich fürchte, das habe ich wohl in letzter Zeit etwas vernachlässigt."

"Das ist bestimmt eine gute Idee mein Junge. Ich glaube, sie wird sich sehr darüber freuen", stimmte ihm der Alte mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen zu.

Schwungvoll erhob sich Ragnor und ging in den Wohnraum zurück, wo Tana wie gewohnt fleißig am Feuer mit den Töpfen hantierte, in denen das Abendessen weiter vor sich hin schmurgelte.

"Hm, das riecht gut", sagte Ragnor, als er die Hütte wieder betrat, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Tana drehte sich um, lächelte und schaute ihn fragend an. Da verlor er seinen Faden.
"Ah, Tana, ich ich.....", er brachte vor Aufregung kein Wort heraus.
"Was ist denn mein Junge?", fragte sie, erstaunt über die ungewohnte Sprachlosigkeit ihres Schützlings.
Ragnor nahm sich zusammen und sagte mit bewegter Stimme: "Ich wollte dir nur sagen, daß ich dir sehr dankbar bin, für alles was du für mich getan hast und ich wollte dir vor allem sagen, daß ich dich sehr lieb habe."

Tana stand einen Moment da und brachte kein Wort heraus. Sie hatte in diesem Moment alles erwartet, nur nicht eine derartige Erklärung. Mit einer raschen Handbewegung wischte sie die Tränen weg, die ihr vor Rührung in die Augen gestiegen waren. Tana machte einen Schritt auf den Jungen zu, nahm ihn bewegt in die Arme und sagte mit bewegter Stimme: "Das hast du sehr schön gesagt und ich danke dir dafür." Sie sah ihm dabei kurz tief in die Augen, bevor sich ihre praktische Natur wieder durchsetzte und sie den Jungen nach draußen schickte um nun endlich Menno und Lars zum Abendessen zu rufen.

Der Junge stürmte leichten Herzens auf die Veranda. Doch Lars saß nicht mehr in seinem Schaukelstuhl, sondern stand neben der Tür und sah ihn mit einem merkwürdig ernsten Ausdruck in den Augen an. Er legte Ragnor mit einer fast feierlichen Bewegung die Hand auf die Schulter und sagte: "Das hast du sehr gut gemacht mein Junge. Jetzt wird Tana die Trennung, wenn du übermorgen mit Rurig und Menno auf die Jagd gehst, nicht mehr so schwer fallen. Nun renn rüber zum Stall und hole Menno, damit wir essen können."

Als Ragnor leichtfüßig zum Stall hinüber rannte, sah Lars ihm bewegt hinterher.

"Die hochgewachsene Gestalt mit dem widerspenstigen dunkelblonden Haar wird mir fehlen, wenn er mit Menno und Rurig übermorgen auf die Jagd geht. Er wird dann nur noch wenig Zeit haben, um mit mir zu diskutieren und mir mit seinen neugierigen blauen Augen Löcher in den Bauch zu fragen. Ich muß wohl bis zur Winterpause warten müssen, bevor ich ihn wieder um mich habe. Ich habe ihn lesen und schreiben gelehrt und ihm alles beigebracht was ein Jäger können muß. Aber morgen früh wird für ihn ein neuer Lebensabschnitt beginnen." Ein wenig wehmütig drehte sich der Alte um und trat in die Hütte.

Inzwischen war Ragnor zum Stall gelaufen und durch die dunkle verwitterte Holztür ins Innere getreten. Als seine Augen sich ans Halbdunkel des Stalles gewöhnt hatten, sah er wie Menno, hinten an den Futtertrögen, mit geschickter Hand das Grünfutter für die Bergesel und Dreihornziegen verteilte.

"Die Tierhaltung ist für die Menschen in den kargen Bergen sehr wichtig", resümierte er in Gedanken was Lars ihn gelehrt hatte. Liebevoll streifte sein Blick dabei über die sechs Bergesel und das starke Dutzend Dreihornziegen, die sich emsig über das frische Grünfutter hermachten, das sie heute morgen am Berghang geschnitten hatten.

Die flinken Dreihornziegen lieferten das ganze Jahr die Milch und auch manchmal das Fleisch, wenn die Jäger mal keinen Erfolg in den harten Wintern hier oben hatten und sie es leid waren von den geräucherten Vorräten der Herbstjagd zu leben. Die Bergesel mit ihrem graubraunen Fell waren die Begleiter der Jäger und die Lastträger, wenn Futter für die Tiere oder Brennholz herangeschafft werden mußte, wenn die Männer auf die Jagd gingen oder wenn sie zweimal im Jahr auf den Markt von Mors gingen um Teile ihrer Beute gegen alles Wichtige einzutauschen, was zum Leben benötigt wurde und nicht selbst hergestellt werden konnte.

Ragnor beobachtete Menno, den kräftigen untersetzten Mann, mit dem langen wuscheligen braunen Haar, das er im Nacken zusammengebunden hatte und dem runden, von einem braunen struppigen Vollbart fast bedecktem Gesicht mit den freundlichen braunen Augen. Menno war sehr geschickt im Umgang mit jeder Art von Werkzeug. Alles was man mit den Händen bauen und reparieren kann schien einfach für ihn zu sein.

Menno lehnte die dreizinkige hölzerne Futtergabel, als er ihn bemerkt hatte, an die Stallwand, blickte auf und lächelte.
"Gibt es Essen?" fragte er mit hoffnungsvollem Blick.
"Ja klar", lachte Ragnor, denn er wußte das Menno gutes Essen über alles liebte.
"Also dann komm, ich habe schon einen Bärenhunger", brummte Menno und leckte sich, in Erwartung des Abendessens, genußvoll über die Lippen.

Eine halbe Stunde später saßen die vier um den runden dunklen Eichentisch versammelt, der von der häufigen Benutzung mit vielen Kerben und Schrammen versehen war. Tana hatte wieder mal ihren leckeren Kanincheneintopf gekocht, der neben dem Kaninchenfleisch mit im Bergwald wild wachsenden Gemüsen und den kräftigen frischen Kräutern, die Ragnor vorher etwas verspätet heimgebracht hatte, verfeinert worden war. Er wurde wie immer mit viel Lob bedacht, vor allem von Menno, der ein großer Esser und Genießer war.

Nachdem Ragnor den ersten Teller voll Heißhunger leer geputzt hatte, blickte er erwartungsvoll zu Lars hinüber und fragte: "Wann kommt denn Rurig endlich wieder?"
"Er wird vielleicht heute noch im Laufe des Abends, oder spätestens in der Nacht eintreffen", antwortete der alte Mann mit einem Schmunzeln auf den Lippen, denn er wußte, daß der blonde Krieger Ragnors großes Vorbild war.
"Auf jeden Fall rechtzeitig zu deinem Geburtstag morgen früh", setzte er schnell hinzu, als er die Enttäuschung des Jungen bemerkte, der wohl befürchtete hatte, daß Rurig möglicherweise zu seinem 'wichtigsten' Geburtstag zu spät kommen könnte.

Als das Essen dann beendet war, setzten sich alle um das offene Feuer am Kamin und Menno forderte Lars auf, die Geschichte vom großen Orkkrieg zu erzählen. Die Menschen in Calfors Klamm liebten es, sich die Abende vor dem Kamin mit Geschichten zu verkürzen und Lars, der vor seiner Zeit in Calfors Klamm als Lehrer und Rechtsgelehrter in Caerum gearbeitet hatte, war als guter Erzähler bekannt.

Lars setzte sich bedächtig in den alten fleckigen Ledersessel, seinen Lieblingsplatz und hob den Krug mit dem dunklen Bier, das Tana gestern frisch gebraut hatte, nahm einen tiefen Schluck und begann mit seiner sanften eindringlichen Stimme zu erzählen:
"Der große Wald in dem wir leben, ist, wie ihr alle wißt, das Grenzland zwischen den Ländern der Orks und den Grafschaften und Baronien von Caer. Sie bilden zusammen den Nordkontinent von Makar unserer Welt, das vom Binnenmeer im Süden und vom Nordmeer im Norden begrenzt wird. Vor fünfzig Jahren gab es einen schrecklichen Krieg zwischen dem Königreich von Caer und den Stämmen der Ork und von dem werde ich euch heute erzählen."
Er räusperte sich und fuhr fort: "Die Ork sind keine Menschen wie wir, sie sind dem Menschen aber sehr ähnlich. Sie sind im Durchschnitt etwas größer als die Menschen, besitzen aber, im Gegensatz zu uns, ein feines braunes bis graues Fell an Kopf, Armen und Beinen, überall dort wo Menschen im allgemeinen ihre Körperbehaarung haben. Auf ihren muskulösen Körpern mit den kräftigen Armen sitzt ein fast menschlicher, aber mit einigen Wolfs- oder besser Katzenattributen versehener Kopf mit spitzen Ohren. Im Gegensatz zu diesen fremdartigen Attributen haben sie aber sehr feine und geschickte Menschenhände und klare blaue Augen, die ihr reiches Gefühlsleben, genauso wie bei den Menschen, auszudrücken vermögen. Sie sind keine dummen Barbaren oder minderwertig, wie manche dumme Menschen meinen, sondern sie sind eben nur ein wenig anders als wir."

Bei diesen Worten hob Lars mahnend den Zeigefinger und blickte grimmig in die Runde. Die anderen lächelten, denn sie wußten, daß der sonst so ruhige Lars bei dem kleinsten Anzeichen von Intoleranz gegen andere immer in Rage geriet. Nach diesem moralischen Appell nahm er wiederum einen tiefen Schluck aus seinem Krug und fuhr fort:
"Den Orks sind ihre Familien das höchste Gut und sie leben zusammen mit zwei bis vier Kindern in Gemeinschaft mit ihrer gesamten Sippe. Sie ernähren sich hauptsächlich von ihren großen Herden von Ödlandhirschen mit denen sie, auf der Suche nach Futter, über die große Steppe wandern. Sie gehen dabei immer zu Fuß und benutzen keine Reittiere. Das haben sie im Gegensatz zu uns auch nicht nötig, da sie etwa doppelt so schnell wie ein Mensch laufen können und dabei sehr ausdauernd sind.
Sie leben in Clans organisiert in der Nordsteppe hinter dem großen Wald als Nomaden in Zeltdörfern, die je einer Großfamilie von bis zu zweihundert Mitgliedern gehören. Ein Clan besteht aus zirka hundert Großfamilien und die Orknation aus vierundzwanzig Clans. Jeder Clan ist bei den Orks nach einem Totemtier, zum Beispiel Wolf oder Luchs, benannt und sie pflegen ihre Schilde mit dem jeweiligen Emblem zu bemalen. Die Clans leben in Friedenszeiten sehr unabhängig voneinander und befehden sich ständig gegenseitig."

"In diesem Punkt sind sie genau so dämlich wie die Menschen", fügte er grimmig hinzu.

"Gefährlich für andere werden sie nur", fuhr er fort, "wenn ein Klan der Orks von außen angegriffen wird oder wenn ein ehrgeiziger Klanführer es schafft die Orks zu einigen und sich zum Großkhan ernennen zu lassen. Genau das ist vor fünfundfünfzig Jahren passiert, als der Khan des Wolfsklans Khor al Nor die Orks einte. In seinem Eroberungswahn begann er zuerst den großen Wald zu terrorisieren, um dann nach fünf Jahren Kleinkrieg einen Großangriff mit etwa fünfundzwanzigtausend Orks auf Caer zu starten.
Caer war damals ein machtvolles Königreich mit fast einer Million Einwohner und nicht ein zersplittertes Gebilde von einander befehdenden Feudalfürsten wie heute."

"Die Orks überrannten trotzdem den Norden von Caer und wurden erst auf der großen Ebene von Caerum von König Ralph III und seinem Heer von zirka dreißigtausend Mann zur Schlacht gestellt. Die Schlacht lief zuerst für die Orks sehr gut. Ihre homogene Armee zerschlug die schlecht bewaffneten Fußtruppen der Bauernsoldaten, aus denen der Großteil des Heeres von Caer bestand und töteten mehr als zehntausend von ihnen, bei recht geringen eigenen Verlusten. Glücklicherweise gelang es dann am frühen Nachmittag den Rittern von Caer, die die eigentliche Kerntruppe der Armee darstellten aus der Sonne heraus mit ihrer schweren gepanzerten Kavallerie die Schildburg der Orks zu durchdringen, wobei glücklicherweise der Großkhan getötet wurde. Daraufhin ergriffen die Orks die Flucht, für die der Tod ihres Khans ein schlechtes Omen war und mehr als fünfzehntausend von ihnen wurden von den nachstoßenden Soldaten getötet. Nach dem Tod des Großkhans zerfiel der Bund der Clans sehr schnell wieder und die Orks zogen sich in ihre Steppen zurück um ihre internen Streitigkeiten wieder aufzunehmen."

"Man kann also sagen", resümierte Lars, "daß Caer damals sehr viel Glück gehabt hat. Es würde heute gegen einen Angriff der vereinigten Orks in seinem uneinigen Zustand wahrscheinlich sehr viel schlechter abschneiden. Ihr müßt nämlich wissen, daß die Orks sehr gute Kämpfer sind. Sie treten zur Schlacht in tief gestaffelten Reihen an, den runden Schild links, in dem ein Bündel von bis zu sechs Wurfspießen steckt, die sie mit ihren kräftigen Armen weit und präzise schleudern können. Im Nahkampf verwenden sie ein langes gerades speziell legiertes Bronzeschwert, daß bei ihrer großen Körperkraft, trotz des etwas unterlegenen Materials, eine gefährliche Waffe darstellt."

Lars unterbrach seinen Bericht und nahm wiederum einen tiefen Schluck aus seinem Bierkrug um sich die Kehle anzufeuchten.

Dann fuhr er fort: "Seit dieser Zeit ist der große Wald wieder das offene Grenzland zwischen Caer und den Orks. Beide Seiten durchstreifen ihn um dort zu jagen oder Holz zu schlagen. Treffen Menschen und Orks aufeinander so geht es meist friedlich zu aber da es eine große Zahl von Gesetzlosen beider Seiten hier gibt, fließt trotzdem viel Blut im großen Wald."
"Das ist übrigens auch der Grund, warum wir nicht nur Jagdwaffen tragen, wenn wir auf die große Jagd gehen", warf Menno mit ernstem Gesicht ein, "sondern wir tragen Kettenhemden, Rurig führt sein Schwert mit und ich meine Kampfaxt."

Ragnor, der aufmerksam zugehört hatte, wandte sich fragend an Lars: "Ich habe in Calfors Klamm aber noch nie einen Ork gesehen. Keiner der Händler, die von Zeit zu Zeit hierher kommen war ein Ork. Kommen sie nicht bis in unsere Gegend?"

"Seit dem großen Krieg habe ich auch keinen mehr gesehen", antwortet der alte Mann mit einem Achselzucken. "Wir liegen zu nahe an Caer. Calfors Klamm ist überdies nicht so einfach zu finden, da der Felsenpaß, eine enge Schlucht ist, die hinter einer Bergnase liegt.
Außerdem sind die Orks auch keine Händler, die außerhalb ihrer Stammlande umherziehen. Die stellen alles was sie brauchen selbst her, von der Kleidung über ihre Waffen bis zu sehr hübschem Kunsthandwerk aus Gold, Silber und Halbedelsteinen, die sie hoch im Norden nahe dem Polarkreis finden und mit großem Geschick verarbeiten."

Lars unterbrach sich und blickte in das fast herunter gebrannte Feuer. Dann sah er zwinkernd zu Ragnor hinüber und sagte: "Nun ist es aber schon spät und es wird Zeit, daß du ins Bett kommst. Wenn du morgen mit Menno und Rurig die große Jagd vorbereiten willst mußt du fit sein."

Grinsend setzte er hinzu: "Außerdem hast du morgen Geburtstag, da mußt du besonders ausgeruht sein, damit du all die vielen Geschenke verkraftest."
Ragnor nickte lachend und meinte, daß er sich bereits jetzt stark genug fühlte die Geschenke zu verkraften. Die anderen lachten nun ebenfalls und machten ein paar Scherze hinsichtlich der zu erwartenden Geschenke, bevor der Junge schließlich in seine Kammer ging um sich auszukleiden. Als er sein leinenes Nachtgewand übergezogen hatte, trat er, bevor er sich hinlegte, noch mal ans Fenster und schaute nachdenklich zum Hundskopf hoch, der im Licht der beiden Monde von Makar glänzte und wie ein überdimensionaler Wachhund über dem Tal zu wachen schien. Auch als er sich dann später auf seiner Holzpritsche mit dem Strohsack hingelegt hatte, konnte er nicht gleich einschlafen, weil er hin und her überlegte, was der morgige Tag wohl alles so bringen würde. Er war schon sehr gespannt auf die Geschenke, die Jagdvorbereitungen, ja überhaupt auf alles, was das Erwachsen sein so mit sich bringen würde.

Am nächsten Morgen wachte Ragnor früh auf, als draußen erst schwach der Morgen zu grauen begann. Der Junge konnte vor Aufregung aber nicht mehr einschlafen. Also stand er auf, zog seine leichte Leinentunika über und betrat den Wohnraum, in dem sich noch nichts rührte.
Er ging durch das Halbdunkel der Wohnstube zur Eingangstür und öffnete sie leise. dann trat er hinaus auf die Veranda und blickte hinauf zum Paß, über dem sich bereits der Himmel schwach zu röten begann.
Nachdem er einen Moment so dagestanden hatte und in die friedliche Stille des Tales hinaus gelauscht hatte, begannen sich in der Hütte die Schläfer zu regen. Ragnor nahm den Ledereimer neben der Tür auf und ging zum Brunnen hinüber um Wasser für das Frühstück zu holen.

Er hatte gerade das Wasser geschöpft als eine sonore männliche Stimme hinter ihm erklang: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag junger Jäger." Er drehte sich erfreut um und sah Rurig auf der Terrasse stehen. Ein sanftes Lächeln lag auf dem markanten männlichen Gesicht des Kriegers mit dem kurz geschnittenen Vollbart und seinen langen zu blonden Zöpfen geflochtenen Haaren. Rurigs drahtige hochgewachsene Kriegergestalt machte selbst in der kurzen Leinentunika, die er an diesem Morgen trug, einen gespannten kampfbereiten Eindruck. Er bewegte sich immer leise und lauernd wie ein Felsenpanther. Er trat heran und legte dem Jungen freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Die tiefe Zuneigung, die er für den Jungen empfand, spiegelte sich in dieser Geste und dem leisen Lächeln im ansonsten meist ernsten Gesicht des Kriegers wieder.

Nach der kurzen Begrüßung gingen sie gemeinsam in die Hütte um ihr Frühstück einzunehmen, das aus frischem Schwarzbrot, das Tana gestern gebacken hatte, Ziegenkäse und einem Glas Ziegenmilch bestand. Alle gratulierten Ragnor herzlich und Rurig erzählte während des Frühstücks von seinem Ausflug nach Mors und von den Einkäufen, die er gemacht hatte. Wenn Ragnor geglaubt hatte dabei ganz beiläufig etwas über die Geschenke zu erfahren, die er heute bekommen würde, hatte er sich geirrt. Rurig erwähnte mit keinem Wort irgendwelche Dinge die eventuell ein Geschenk darstellen könnten. Dies erhöhte die Neugier und Anspannung des Jungen nur noch weiter und er fieberte dem Moment entgegen an dem es endlich so weit sein würde.

Nach dem Frühstück, das Ragnor heute endlos lange vorkam, versammelten sich dann endlich alle auf der Terrasse vor der Hütte und nahmen auf den mit Schnitzereien versehenen Stühlen Platz, die Menno im letzten Winter mit viel Geschick aus festem Eichenholz hergestellt hatte.
Lars erhob sich und sprach mit einem feierlichen Ton in der Stimme:
"Lieber Ragnor, noch mal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag von uns allen. Ab heute gehörst zu den Männern von Calfors Klamm. Das Erreichen der Mannbarkeit ist einer der wichtigsten Meilensteine im Leben eines Mannes. Du wirst nun zukünftig mit Menno und Rurig regelmäßig auf die große Jagd gehen und deine Ausbildung zum Krieger kann nun beginnen. Damit du für den neuen Lebensabschnitt gerüstet bist, haben wir alle ein paar Geschenke für dich."

Er gab Ragnor, der während er gesprochen hatte vor Anspannung schon nicht mehr ruhig sitzen konnte einen freundschaftlichen Klaps, worauf sich alle erhoben und gemeinsam die Hütte betraten.

Dort lag vor der Feuerstelle auf dem großen Bärenfell ein großer Haufen Geschenke, die während des Frühstücks noch nicht da gewesen waren. Der Junge hatte gar nicht bemerkt, wie sie dorthin geschafft worden waren.

Die Bewohner von Calfors Klamm stellten sich nun im Halbkreis vor Ragnor auf, den Lars anwies sich auf seinen Stuhl am großen Eßtisch zu setzen. Zuerst trat Tana vor und überreichte dem Jungen einen wunderschönen neuen Jagdanzug aus feinem Hirschleder. Er bestand aus einer langen glatten Hose, die von einem dünnen Lederband gehalten wurde. Dazu gehörte ein schön gearbeiteter Waffengürtel, der auf jeder Seite zwei integrierte kleine Ledertaschen für die Aufbewahrung von Kleinigkeiten wie Zunder und Feuerstein besaß. Die zugehörige Oberbekleidung umfaßte ein ärmelloses leichtes Unterhemd, das in der Hose getragen wurde und als Unterlage für das Kettenhemd diente und zwei Jacken. Einer leichten aus glattem, wasserabweisenden Hirschleder gefertigten Jacke für den Sommer und einer dicken Bärenfelljacke für den Winter. Das schönste an seiner neuen Jagdkleidung aber waren die neuen wadenhohen Jagdstiefel, die Tana aus Hirschleder mit einer Sohle aus starkem Eselsleder hergestellt hatte.
Der Junge strahlte und begann sich bereits vorzustellen, wie er wohl in den neuen Sachen aussehen würde. Er bedankte sich herzlich bei der Alten, die vor Rührung und Stolz auf ihren Liebling die Tränen nicht zurückhalten konnte.

Als Nächster überreichte ihm Menno einen neuen Langbogen, der aus dem seltenen echtem Korbelholz gemacht war und Lars ergänzte ihn mit einem ledernen Köcher, der zweiunddreißig sorgfältig gearbeitete Pfeile enthielt. Ragnor nahm den Bogen sofort zur Hand, dessen Griff und Handschutz aus starkem Wildschweinleder gefertigt waren und spannte ihn zur Probe.
"Viel besser als mein alter Bogen und mit echten gedrehten Bärensehnen bespannt", rief der Junge mit leuchtenden Augen. Man sah ihm an, daß das Bogenschießen seine große Leidenschaft war. Am liebsten wäre er hinausgelaufen um den Bogen gleich auszuprobieren. Er war fast nicht zu bremsen, aber Lars erklärte ihm mit ruhiger ernster Stimme, daß dies noch nicht alles war und er noch etwas Geduld haben müßte.

Der Junge dachte bei sich: "So viele Geschenke habe ich noch nie bekommen, was wird da wohl noch kommen." Gespannt richteten sich seine Augen auf Rurig, der als nächster an der Reihe war.

Rurig, der als Ausbilder des Jungen zukünftig eine wichtige Rolle spielen würde, überreichte dem Jungen ein fein gearbeitetes leichtes Kettenhemd aus ineinander geflochtenen glänzenden Stahlringen und sagte mit ernstem Gesicht, wie es so seine Art war: "Das Leben in den Bergen ist nicht ungefährlich. Du wirst lernen es zu tragen, damit es dich schützt wenn wir einmal überfallen werden und kämpfen müssen. Außerdem muß sich ein angehender junger Krieger sowieso so schnell wie möglich an das Tragen eines Kettenhemdes gewöhnen. Doch", fügte er nach einer bedeutungsvollen Pause hinzu, wobei der dabei dem Jungen direkt und ernst in die Augen sah, "jetzt kommt der wichtigste Moment des heutigen Tages für dich mein Junge."

Ragnor bemerkte, daß die Runde merkwürdig still und ernst wurde, als Rurig sich wieder dem Bärenfell mit den restlichen Geschenken zuwandte. Er hob ein unscheinbares Bündel hoch, das noch dort gelegen hatte und legte es auf den Tisch. Dann begann er es langsam, fast scheu, auszupacken. Nachdem er die alte verblaßte umhüllende Decke zurückgeschlagen hatte, wurde ein feiner dunkelblauer Umhang mit einem seltsamen Wappen auf dem Rücken sichtbar. Das Wappen zeigte eine weiße Raute in der ein rotgoldener Ball von fünf grünblauen Bällen umkreist wurde. Er schlug den Umhang beiseite und enthüllte dabei ein Schwert und einen Dolch, deren schlichte schwarze Griffe aus schwarzen Scheiden ragten, die ebenfalls das Wappen trugen.
"Dieses Schwert und dieser Dolch gehören dir mein Junge. Sie lagen neben dir, als wir dich als Baby in der Höhle am Berg gefunden haben", sagte er mit einem feierlichen Ton in der Stimme. Ragnor konnte an Rurigs ernstem und angespannten Gesichtsausdruck ablesen, daß jetzt ein wichtiger Moment gekommen war.

Der Junge trat zögernd, aber doch neugierig, näher und betrachtete nachdenklich, was da auf dem Tisch lag. Es schossen ihm tausend Gedanken durch den Kopf, als er den Umhang und die Waffen betrachtete. Als er nichts anfaßte, trat Rurig zu ihm und ergriff das Schwert, das einen einfachen schwarzen Griff mit schwarzer Parierstange besaß und zog es aus der Scheide. Ragnor sah überrascht auf die etwas mehr als armlange schlanke Klinge. Diese bestand nicht aus roter Bronze oder grauem Stahl, wie er erwartet hätte, sondern aus einem milchig weißen unscheinbaren Material.
"Ich verstehe, daß du überrascht bist", sagte Rurig.
"Wir wissen auch nicht, was für ein Material das ist. Auch der Mantel und die Scheiden bestehen aus Materialien, die wir nicht kennen. Wir wissen nur, daß die Schneiden von Schwert und Dolch messerscharf sind und das Material extrem leicht und hart ist. Sieh her, es ist nicht der geringste Kratzer auf dem Schwert zu sehen."

Er hob das Schwert gegen das Licht, damit Ragnor es betrachten konnte und reichte dann dem Jungen das Schwert. Als sich dessen Hand zögernd um den Griff schloß, fühlte er ein sanftes Prickeln in seiner Hand und vom Griff aus begann die Klinge in einem warmen Elfenbein Ton zu schimmern.
Die Erwachsenen schauten sich überrascht an, denn bei keinem von Ihnen, als sie die Klinge damals gefunden hatten und natürlich auch zur Hand genommen hatten, war so etwas jemals vorgekommen. Sie hatte nie geschimmert, sondern war immer matt und stumpf geblieben.
Einen Moment stand Ragnor mit seltsam abwesenden Augen da, dann griff er wie in Trance nach dem unterarmlangen Dolch, der den selben Griff und die selbe Parierstange wie das Schwert besaß und zog ihn mit der linken Hand aus der Scheide, wobei dieser sogleich, ebenso wie das Schwert, zu schimmern begann. Nachdem er einen Moment bewegungslos verharrt hatte, hob er beide Waffen, die er bisher gesenkt gehalten hatte, hoch und sagte mit seltsam monotoner Stimme: "Das Schwert heißt QUORUM und der Dolch heißt QUART".
Von den Erwachsenen, die die Szene gespannt verfolgten faßte sich der alte Lars als erster. Er nahm den Jungen mit festem Griff bei den Schultern und fragte mit besorgter Stimme: "Ragnor, was ist los, woher weißt du das? "

Der Junge sah ihn mit seltsamen Augen an, als ob er aus einem tiefen Traum erwachte und antwortete: "Ich wußte es, als ich sie in die Hand genommen habe. Ich wußte es einfach, aber ich kann es mir nicht erklären. Sie fühlen sich auch nicht so an wie Rurigs Schwert oder mein alter Dolch. Sie fühlen sich angenehm warm an und es ist als ob ich sie und sie mich fühlen können." Bei diesen Worten legte er die Waffen vorsichtig zurück auf den Tisch und setzte sich, immer noch ein wenig irritiert, wieder auf seinen Stuhl.
Die Männer tauschten überraschte Blicke, denn als sie das Schwert in die Hand genommen hatten, war ihnen der Griff immer kalt und abweisend erschienen, obwohl er mit einem weichen, lederartigen Material bespannt war.

Nachdem alle eine Weile nachdenklich geschwiegen hatten, brach Rurig die Spannung in dem er sachlich feststellte: "Auf jeden Fall handelt es sich um besondere Waffen und daß sie dir gehören, haben wir alle ja eben mit erlebt. Jetzt mußt du aber erst mal lernen wie man mit Schwert und Dolch kämpft und es wird noch eine Zeitlang dauern bis du sie auch richtig gebrauchen kannst. Packe die Sachen wieder ein und lege die Waffen und den Umhang zu den anderen Geschenken. Wir müssen nun anfangen für die große Jagd unsere Ausrüstungsgegenstände zusammenzupacken und wenn wir damit fertig sind wirst du heute nachmittag deine erste Fechtstunde erhalten. Also los."
Gehorsam schob Ragnor die Waffen wieder in die Scheiden, wickelte sie ein und legte sie zu den anderen Sachen vor den Kamin. Dann ging er mit den drei Männern in den Schuppen, um die Ausrüstung zusammenzupacken, während sich Tana daran machte das Mittagessen vorzubereiten.

Während der Vorbereitungsarbeiten für den Jagdausflug, bei denen er schon oft geholfen hatte, dachte der Junge dauernd an die beiden seltsamen Waffen und er spürte, daß es zwischen ihm und diesen Waffen eine besondere Verbindung gab. Insbesondere in dem Moment, als er das Schwert zum ersten Mal in die Hand genommen hatte, war es, als ob es durch die Berührung zum Leben erwacht wäre. Etwas hatte zögernd nach ihm getastet und dann hatte er plötzlich gewußt, daß es einen Namen trug und wie er lautete, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie das zugegangen war. Eigentlich war das Ganze irgendwie wie eine Begrüßung mit etwas gewesen, daß er eigentlich kennen sollte, aber irgendwie vergessen hatte.

Menno und Rurig, die ihn bei der Arbeit beobachteten, versuchten geduldig alle Fragen zu beantworten, die den Jungen beschäftigten, wobei es aber mehr eine Diskussion mit Mutmaßungen wurde, da die beiden selbst nicht wußten, wo die Waffen herkamen, aus welchem Material sie bestanden und was das für ein Wappen war, das auf Mantel und Scheiden abgebildet war. Es war aus keiner der Menno bekannten Regionen und Menno kannte alle Länder zwischen dem großen Wald und dem Binnenmeer und sogar einige von jenseits des Binnenmeeres auf dem er früher mal als Kapitän gefahren war. Aber er meinte, daß dieser Umstand nichts zu bedeuten habe, da er, trotz seiner vielen Reisen nur einen kleinen Ausschnitt von Makar kennengelernt hatte.

Nachdenklich gingen sie dann gemeinsam zum Mittagessen hinüber. Die Grübeleien wurden allerdings rasch beendet, als Rurig nach dem Mittagessen Ragnor auf den kleinen Vorplatz der Hütte zum ersten Schwerttraining rief. Zu Ragnors Enttäuschung konnte er zum Üben nicht sein Schwert benutzen, sondern Rurig brachte ihm ein Holzschwert und einen Holzdolch. Er erklärte dem Jungen, daß die beiden exakt die selben Maße wie sein Schwert und sein Dolch hätten, aber ein klein wenig schwerer waren, da das Eisenholz, aus dem Menno sie hergestellt hatte, ein höheres spezifisches Gewicht hatte als das seltsame Material seines Schwertes. Ragnor mußte eine wattierte Übungsjacke anziehen und einen gefütterten Fellhut aufsetzen und der Unterricht begann.
Zuerst übte Rurig mit dem Jungen einige Grundstellungen, wobei er vor allem auf die Fußstellung Wert legte und dann begann das erste Übungsgefecht. Hier wurde Ragnor sofort klar, warum nicht mit richtigen Waffen gekämpft wurde. Er hatte das Gefühl dauernd getroffen zu werden und nach einer Stunde war er in Schweiß gebadet und fühlte sich sehr zerschlagen.

Erstaunt vernahm er dann, nachdem Rurig das Training für beendet erklärt hatte, daß dieser mit der ersten Stunde ganz zufrieden war. Er selbst hatte nämlich das Gefühl gehabt nicht allzu gut dabei abgeschnitten zu haben. Er ging mit müden Schritten zum Brunnen um sich zu waschen, während Rurig bei Menno stehen blieb und diesem leise und ein wenig erstaunt mitteilte: "Ragnor hat unwahrscheinliches Talent zum Schwertkämpfer. Er macht, wenn er unter Druck gerät, instinktiv sehr viel richtig. Es stimmt zwar, daß er für sein Alter körperlich sehr stark und beweglich ist aber das allein ist es nicht. Seine Beinarbeit ist für einen Anfänger schon sehr erstaunlich und ich bin überzeugt er wird es sehr schnell lernen."

Mit diesen Worten ging er mit leichten langen Schritten hinüber zum Brunnen um sich ebenfalls zu waschen. Man sah ihm richtig an wieviel Spaß ihm diese erste Übungsstunde gemacht hatte. Menno lächelte, während er ihm nachschaute und war überzeugt, daß die Ausbildung zum Krieger, die für Ragnor nun anstand, Rurig sehr viel bedeutete. "Caerritter konnten eben ihr wahres Wesen nicht abschütteln", schloß Menno seine Gedanken schmunzelnd ab.

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