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Dreimal schwarzer Kater
Der Regen prasselte nun seit mehr als fünf Stunden unablässig aufs Dach und schien nicht im geringsten nachlassen zu wollen. Die Wolken, die den Himmel schon den ganzen Tag über vor den Augen aller verbargen, waren inzwischen so schwarz wie Kohle in den lichtlosen Tiefen der Berge geworden. Man konnte nur anhand eines gesunden Zeitgefühls erahnen, daß gerade die Sonne untergehen mußte. Irgendwann während dieser Zeit horchte Baram plötzlich auf. War da nicht ein Geräusch gewesen? Ja gut, durch den trommelnden Regen, zu dem sich nun auch noch seit einigen Minuten stetig lauter werdender Donner gesellte, war eigentlich sonst nichts zu hören. Es war schlicht unmöglich, etwas anderes zu hören. Und doch, da war was… Er horchte angestrengt, aber da war nichts mehr… Nein, nein, dieser verdammte Regen machte ihn noch ganz verrückt. Der Boden ums Haus war schon so stark aufgeweicht wie zuletzt bei der großen Überschwemmung vor knapp zwanzig Jahren. Ja, damals war er noch jung gewesen und hatte beim Aufräumen mitgeholfen. Aber heute könnte er sowas nicht mehr. Heute saß er in seinem Sessel am Feuer und ließ sich durch eingebildete Geräusche narren. Waren es die Balken seines Hauses oder doch seine alten Knochen, die gerade verzweifelt knarrten? Halt! Da war wieder das Geräusch, diesmal deutlicher. Es hörte sich an, als könne sich ein Kind nicht entscheiden, ob es nun heulen oder schreien solle. Ein Kind? Bei dem Wetter läßt man doch sein Kind nicht aus dem Haus… Er stand auf und ging zur Tür. Gerade als er sie öffnete, fuhr ein greller Blitz nur wenige hundert Schritte vor seinem Haus hernieder und blendete ihn für einen langen Augenblick. Noch als der krachende Donner sein Trommelfell stark strapazierte, konnte er kaum seine unmittelbare Umgebung erkennen. Der Wind peitschte ihm unangenehm kalten Regen ins Gesicht. Ein Kind war nirgendwo zu sehen. „Hallo?!" rief er. „Ist da wer? – Kann ich helfen?" Doch niemand antwortete ihm. Schließlich schloß er die Tür, schlurfte nachdenklich zum Sessel zurück und ließ sich hineinfallen. Plötzlich spürte er einen sanften, aber deutlichen Druck an seinem Bein. Etwas weiches berührte ihn – nein es preßte sich gegen ihn, hätte ihn fast umgeworfen, wenn er sich nicht zuvor gesetzt hätte. Erschrocken beugte er sich vor. Zunächst nahm er nur etwas Schwarzes war. Ja, schwarzes, regennasses Fell… dann erkannte er, was da um seine Beine strich: eine Katze. „Ja, du alter Gauner, du", rief er erfreut aus und beugte sich noch weiter vor, um seinen Gast zu streicheln. „Wie kannst du mich alten Mann so erschrecken? – Wie heißt du denn?" Die Katze sah ihn mit großen Augen an, zwinkerte ihm für einen kurzen Moment mit dem linken zu und antwortete mit einem sanften, leicht schnurrenden MIAU. „Und ich dachte schon, meine Zeit sei abgelaufen… Haha, wie dämlich! – Hat dich der Regen hierhergetrieben?" Eigentlich war das mehr eine Feststellung als eine Frage. „Du hast sicher Hunger… Komm, wir sehen mal nach, was mein Vorratsschrank für eine so hübsche Katze wie dich hergibt…" Bevor er das tat, streichelte er den Kopf der Katze und kraulte ihren Hals, was ihr ganz offensichtlich sehr gefiel – sie legte den Kopf zurück, schloß die Augen und schnurrte.
Ausgerechnet heute mußte Baram so lange warten, bis er in den Garten ging, dabei habe ich heute extra früh gefressen. Ich muß ihn endlich mal dazu bringen, wenigstens ein Fenster immer offen zu lassen – es kann ja nicht sein, daß ich so sehr von ihm abhängig bin… Na ja, jetzt bin ich draußen und auf dem Weg… endlich. Aber sonst war in den letzten Monaten alles in Ordnung, sogar das Fressen ist hier besser als es bei Hagadschusa war; ich fürchte, ich werde mich langsam an ihn gewöhnen. Nur die Namen, die er mir gegeben hat, finde ich ein bißchen albern: Fuarú – und „Miezkatz". Na ja, so sind die Menschen nun mal. Jetzt muß ich mich aber beeilen – habe einen weiten Weg vor mir. Die Zeichen wurden in den letzten Tagen immer deutlicher… Bald wird es soweit sein, und wir werden handeln müssen. Es braut sich was zusammen, ballt sich zu einer gewaltigen Macht – genau wie dieses lästige Unwetter da vor mir, nur viel schlimmer. Nun hab’ ich’s schon so weit geschafft, bis in die Waldberge, da muß sowas wieder dazwischenkommen… Und das Gewitter sieht nicht so aus, als würde es ‘völlig normal’ sein… Es ist zu… trocken. Kein Regen, Hagel oder sowas; kein Wind, nichts. Nur Blitze und dumpfes, noch fernes Donnergrollen. Aber genau da muß ich durch… Ich bin gerade mittendrin, da schlägt ein Blitz krachend in die Eiche neben mir ein, schlägt Holzsplitter aus dem Stamm, von denen mich einige fast treffen. Doch ich renne weiter, weiche den Splittern aus, doch da zerbirst schon der nächste Baum – vom Blitz gefällt. Diesmal trifft mich ein Ast am Hinterbein, es schmerzt, aber ich muß weiterrennen, raus aus dem Unwetter. Erst als ich ein paar Minuten später nicht mehr so nah an dem Gewitterherd bin, lecke ich meine Wunden. Ich glaube, es geht schon wieder einigermaßen – es muß einfach… Ich werde das dumpfe Gefühl nicht los, daß dieses Unwetter nur dazu da ist, ungebetene Gäste fernzuhalten; fernzuhalten von dem Ort, wo ich schnellstens hin muß, wo ich erwartet werde. Heute Nacht ist es soweit… Nur kurze Zeit später erreiche ich den vorerst höchsten Punkt meiner Reise. Ich bleibe stehen und sehe mich um. Hinter mir der dunkle Wald über dem noch immer die unheilvollen Gewitterwolken thronen, flankiert von hohen, von Wald bedeckten Bergen, deren Gipfel kaum zu erahnen sind – einerseits wegen der Wolken, andererseits auch wegen der zunächst steil, dann aber nur noch flach ansteigenden, felsigen Hänge. Links und rechts von mir erstrecken sich weite, von Gräsern bedeckte Geröllfelder, ein ausgetrocknetes Bachbett liegt weiter weg zu meiner Rechten. Und vor mir breitet sich ein schmales Tal aus, zieht in weitem Bogen von rechts nach links. Und mittendrin schlängelt sich der Fluß langsam, aber unaufhaltsam dem fernen, unbekannten Meer entgegen; sein Wasser glitzert silbern in der Sonne. Es sieht so idyllisch aus, so friedlich, das Tal. Und doch trügt der Schein wie so oft. Ich weiß, daß auch hier Gefahren lauern, mehr als nur ein ungewöhnliches Gewitter. Langsam dringe ich in ihr Revier ein. Aber vielleicht habe ich Glück und sie ist zu sehr mit gewissen anderen Dingen beschäftigt, um mich zu bemerken. Vielleicht… Da muß ich erst mal runter, dann habe ich den größten Teil meines Weges geschafft.
So, jetzt bin ich nur noch ein Sprung weit vom Fluß entfernt, verstecke mich noch in einem ausgedehnten, dichten Grasbüschel und beobachte meine Umgebung. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Rechts, von wo der Fluß heranfließt, hüpfen ein paar Vögel im Sand herum. Dabei fällt mir auf, daß ich so langsam wieder Hunger bekomme… Na, vielleicht ist später für einen kleinen Beutefang Zeit. Links bewegt sich dagegen nichts, außer einiger Grashalme, die sich im schwachen Wind wiegen. Ein paar wenige Wolken ziehen über mir und dem Tal hinweg, gesellen sich wohl bald zu dem mittlerweile fast nicht mehr zu hörenden Gewitter. Oh, zwei der Vögel sind etwas näher gekommen, haben mich noch nicht bemerkt… Gut so! Ich warte noch einen Augenblick, beobachte sie, spanne meine Hinterbeine leicht an – sie hüpfen sogar noch ein wenig näher –, warte … und springe! Ja! Einen hab’ ich! Der zweite verliert zwar ein paar Federn, kann aber wegfliegen. Na, macht nichts, der eine reicht mir vorerst – und diese Zwischenmahlzeit hat mich kaum aufgehalten. Kaum habe ich ein paar Bissen runtergeschlungen, da rieche ich plötzlich etwas… Eine andere Katze; nein, auch ein Kater! Aber wer? Ich schaue mich um, sehe aber nichts. Oh, wenn wir Katzen doch nur besser riechen könnten… Ob es… Dann höre ich ihn. Er grüßt mich. „Sei gegrüßt, Silberhaar!" antworte ich. „Du scheinst ja nichts verlernt zu haben, bravo!" Dann erst sehe ich mich zu ihm um, er muß die ganze Zeit relativ dicht hinter mir gewesen sein. Das Sonnenlicht streicht über Silberhaars schwarzes Fell, so daß es wie schwarzer Marmor glänzt; die dünne, silberweiße Strähne auf seinem Rücken unterstreicht wie immer seine Schönheit und Anmut. „Wie könnte ich? Wir sind ja nicht wie diese Wölfe, die sich aus Dummheit von den Menschen abhängig machen." „Und das ist gut so. Doch vergiß nicht, daß Wölfe Rudeltiere sind, sie kennen es nicht anders. Aber du solltest besser auf dich aufpassen, ich hätte auch ein anderer sein können!" „Ja, ich weiß. Aber du bist nun mal auch der beste im Anschleichen, das weißt du." „Das ist keine Entschuldigung! Du mußt einfach besser werden…" Einfach? Besser als der alte Silberhaar? Das geht kaum… „Ich werd’s versuchen", sage ich statt dessen. „Na gut… Komm, Nachtschatten! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns." Ohne auch nur einen Augenblick abzuwarten, geht er plötzlich los, flußaufwärts am Ufer entlang. Hastig esse ich meine Beute fertig auf und folge ihm. Ob er noch weiß, wo es genau liegt? Ich hab’s schon wieder fast vergessen. Natürlich weiß er’s! Jetzt, da er zielstrebig auf den großen, alten Haselstrauch zuläuft, erinnere ich mich wieder. Hier hatten wir es gefunden und gut versteckt. Wir ahnten damals – gut ein Jahr ist das jetzt her –, daß es uns eine Menge Unannehmlichkeiten ersparen könnte – und nun ist es tatsächlich soweit. Wer hätte das damals wirklich gedacht? So bald schon… „Hilf mir!" Silberhaar zerrt es bereits unter dem Strauch hervor, aber für die ganze Strecke bis zum Fluß wird wohl auch seine Kraft nicht reichen. So ziehen und schieben wir gemeinsam unser Floß durch den Sand, schließlich über den Kies und die Schlammpfützen, bis wir endlich das Ufer erreichen. Nun, Floß ist vielleicht etwas übertrieben. Genau genommen ist es nur ein großes gebogenes Stück Rinde, das leicht und zugleich groß genug ist, um uns beide auf dem Wasser tragen zu können – ich hoffe, daß ich nicht inzwischen schwerer geworden bin… „Wir müssen weiter…" Ich sehe Silberhaar nur verständnislos an. „Warum noch weiter? Wir sind am Wasser…" „Hier ist nicht der beste Ort für unsere Zwecke… Sieh dir den Fluß genauer an, dann verstehst du, was ich meine." Wie immer wollte er, daß ich selbst herausfinde, warum er diese Entscheidung getroffen hat. Ich starre auf das Wasser, lasse meine Augen der Strömung nach links folgen, dann sehe ich nach rechts, wo unser Floß liegt und Silberhaar steht, der mich im Augenblick nicht weiter zu beachten scheint. Und so langsam dämmert es mir… „Na also… klar, oder?" Er wartet jedoch keine Antwort ab – die hat er wohl schon in meinen Augen lesen können – und zerrt unser Floß weiter; ich schiebe und zerre natürlich genauso. Kurz darauf lassen wir es endlich zu Wasser und springen drauf. Ich bin natürlich wieder der Unglückliche, der das meiste Wasser abbekommt; aber wir sind auf dem Fluß – das allein zählt. Langsam treibt uns die Strömung in die Mitte des Flusses, wobei wir ein klein wenig mit unseren Pfoten nachhelfen… allmählich werden wir etwas schneller… und gerade als der Fluß einen Knick nach links beginnt, treiben wir weiter geradeaus – der Strömung folgend – dem anderen Ufer entgegen. Nur noch einen Schritt weit vom Land entfernt, springt Silberhaar mit einem gewaltigen Satz vorwärts, krallt sich am feuchten Gras und an einigen Zweigen eines Busches fest. Doch Erde bröckelt ins Wasser hinab, seine Hinterpfoten rutschen ab, rudern förmlich durch die Luft, während er sich verzweifelt nur noch am Gras festklammert… Dann aber finden seine Hinterpfoten wieder Halt; er klettert endlich am Ufer hoch – und ist oben! Erstaunlich! Nicht den kleinsten Laut des Unmutes oder Jammers hat er von sich hören lassen. „Komm jetzt endlich!" faucht er mich jetzt statt dessen an. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und springe genau in dem Augenblick, da das Wasser unser Floß gegen einen großen Stein drückt, beinahe umkippen läßt und schließlich weiter flußabwärts wieder der Flußmitte zutreibt. Perfekt auf allen Vieren – stehend! – lande ich auf dem Gras eine Katzenlänge neben Silberhaar. Wow! Ist das ein Gefühl, einmal besser auszusehen als der alte, erfahrene Silberhaar. Na ja, ich bin ja auch wesentlich jünger. Er beachtet mich nicht weiter und beeilt sich, vom Fluß wegzukommen. „Komm, wir sind schon spät genug dran! Wir haben nicht mehr viel Zeit." Ich denke, er will nur nicht, daß ich den Neid in seinen Augen sehe… Die Sonne hat ihren Stand kaum verändert, da beginnt schon der dunkle Sandboden, der sich langsam in die Höhe erhebt. Je höher wir den Hang erklimmen, desto weniger Bäume bewachsen ihn, und um so mehr tote oder sterbende Bäume und Büsche säumen unseren Pfad. Auch wenn hier und da einige Gräser oder gar Blumen oder junge Bäume vorsichtig ihr Gesicht der Sonne entgegenstrecken, langsam wird die Landschaft um uns herum immer trostloser, wie nach einem zerstörerischen Waldbrand, nur daß hier kein Feuer gewütet hat. Unsere Ahnen haben oft erzählt, daß vor langer Zeit hier ein Feuer gewütet habe. Aber zuerst oben, auf dem Gipfel. Und es soll dann die Hänge herabgeflossen sein. Ich glaube, selbst Silberhaar hat das nie verstanden… Wie kann Feuer fließen? Auf jeden Fall muß das aber – falls es wirklich je geschah – schon ungezählt viele Generationen her sein. Viel zu lange, um jetzt noch Bäume sterben zu lassen. Nein, sie ist die Wurzel dieses Elends! Wir befinden uns jetzt beinahe im Herzen ihres Gebietes. Schon seit wir den Fluß hinter uns gelassen haben, wagen wir nicht mehr, auch nur ein einziges Wort miteinander zu sprechen. Gerade denke ich an ihn, da sehe ich ihn auch schon hinter einem der kranken, nur noch wenig Laub tragenden Büsche. Er sitzt dort – fast in aller Ruhe, als könne ihn kein Unglück der Welt treffen – und wartet auf uns. Wie lange wohl schon? Sein Fell ist kein bißchen grauer geworden, seit ich ihn zuletzt gesehen habe, so schwarz wie eh und je. So dunkel wie meines. Erst jetzt sieht er sich zu uns um, begrüßt uns mit stummem Blick, um sofort wieder in Richtung Gipfel zu spähen. Selbst der lediglich sehr kurze Blickkontakt verriet mir seine bedrückende Besorgnis. Sein linkes Ohr hat er jetzt genau mir zugewandt, sein ‘Markenzeichen’, das – vermutlich durch einen Kampf – stark eingerissen ist, und das schon seit seiner Jugend. Er hat mir nie erzählt – vielleicht sogar nicht einmal Silberhaar? –, wie und wo er sich diese Verletzung zugezogen hat. Na ja, Schlitzohr wird wohl immer ein geheimnisvoller Artgenosse bleiben. Gemeinsam ziehen wir weiter dem Gipfel entgegen.
Nun steht die Sonne nur noch knapp überm Horizont, doch der düstere Boden und das schwarze Holz der toten Bäume schlucken das letzte Licht, lassen uns nur noch eine schwache Dämmerung zum Sehen übrig. Wenn ich daran denke, daß ich heute morgen noch bei Baram war und jetzt kurz vor dem gefährlichsten Abenteuer meines Lebens stehe… – nein, eigentlich bin ich bereits mittendrin; ein Zurück kommt jetzt nicht mehr in Frage, ist einfach unmöglich. Wir beeilen uns. Sie hat bestimmt schon angefangen. Die Zeichen am Himmel sagen uns das zumindest: die Wolken ziehen plötzlich auf den Gipfel zu, genau in die andere Richtung, in die sie der Wind treiben müßte. Und auch aus jeder anderen Richtung scheint den Berg Wolken magisch anzuziehen. Wolken, die nur noch der Form nach als solche bezeichnet werden können. Denn sie leuchten in einem völlig unnatürlichen, Angst einflößenden, finsteren Blau und Grün, durchzogen von unregelmäßigen, schwarzen Schleiern. Hier und da kann ich kurz das diffus-rote Aufleuchten von Blitzen innerhalb der Wolkenmassen erkennen. Da höre ich etwas! Auch Schlitzohr und Silberhaar haben es gehört und richten ihre Ohren darauf aus. Es… rumpelt und poltert… irgendwo rechts von uns – bergauf. Es hört sich an wie… Ein Steinschlag!! Noch kann ich das Geröll nur hören, wie es schnell und unaufhaltsam näher kommt. Doch, da! Ein oder zwei Steine kann ich sehen… und dort noch einer! Alle rollen genau auf uns zu! Silberhaar und Schlitzohr zögern, wissen nicht, ob sie vor oder zurück sollen… Ich fürchte, sie können die Steine noch nicht sehen; sie sind ja nicht mehr die jüngsten… „Kommt, schnell!" rufe ich, springe an ihnen vorbei – und sie ohne zu zögern hinter mir her. So schnell uns unsere Beine tragen jagen wir über den Hang, versuchen, dem Geröll zuvorzukommen bevor er uns den Weg abschneidet oder gar in die Tiefe reißt. Ein paar schnelle Steine durchpflügen mein Fell, ein Felssplitter trifft meine Pfote, ein anderer meinen Schwanz, Staub schiebt sich mit rasender Geschwindigkeit zwischen meine Beine… Ich wage nicht, nach rechts dem Steinschlag entgegenzublicken, starre und renne stur geradeaus. Schließlich habe ich es geschafft! Hastig sehe ich mich um, noch während ich weiter renne, aber auch Silberhaar und Schlitzohr kommen gerade aus der Staubwolke, nicht viel mehr verletzt als ich selber. Bin ich froh! Erst jetzt betrachte ich mir meine Blessuren. Es ist nicht weiter schlimm, nur meine rechte Hinterpfote blutet etwas, aber das wird schnell wieder verheilen. Schnell und nachlässig lecke ich mir den Staub aus dem Fell. Gleich darauf geht’s eilig weiter. Während mich Silberhaar langsam überholt sieht er mich von der Seite an. Er schaut tief in mein Inneres und wendet schließlich seine Aufmerksamkeit wieder dem staubigen Berghang zu. Zum ersten Mal seit vielen Jahren bin ich mir nicht sicher, was sein Blick zu bedeuten hat. Es beunruhigt mich irgendwie… Doch jetzt ist nicht die Zeit, darüber seine Gedanken zu verlieren! Immer mehr düstere Wolken ziehen sich über dem Berg zusammen. Wir kommen ihnen ständig näher. Nun sind die – immer noch lautlosen! – Blitze deutlich sichtbar. Rot und weiß zucken sie durch die Wolken, tauchen unsere unmittelbare Umgebung immer wieder in unheimliche Licht- und Schattenflecken. Einmal gaukeln mir die Blitze sogar einen dunkelroten Silberhaar vor. Endlich erreichen wir den zerklüfteten Gipfel! Er ist ganz anders, als ich ihn mir vorgestellt habe. Schwarz, von rauhem Staub bedeckt, aus dem hier und da bizarr geformte Felsbrocken hervorschauen. Doch was mich am meisten überrascht, ist die Tatsache, daß wir uns hier – am Rand des Gipfels – bereits auf dessen höchstem Punkt befinden. Zu seiner Mitte hin fällt der Berg wieder steil ab. Erst mehr als zwanzig Katzenlängen weiter unten und vierzig oder fünfzig vor uns endet der Hang in einer flachen, ausgedehnten Mulde – fast einem kleinen Tal gleich –, die offenbar vom gleichen düsteren Staub und Geröll bedeckt ist, wie der Hang, auf dem wir stehen. Auch meine beiden Gefährten haben offensichtlich mit etwas gänzlich anderem gerechnet. Wie gelähmt starren sie auf das Tal. Erst ein heftiger Blitzschlag – wieder ohne nachfolgendem Donner – reißt sie aus ihrem trance-ähnlichen Zustand. „Ich glaube, wir müssen nur noch da runter", flüstert Schlitzohr, „ich bin mir sogar ziemlich sicher… – und dann…" Wir wissen, was er nicht auszusprechen wagt. Allein die Vorstellung dessen, was auf uns zukommen mag, übersteigt bereits unseren Verstand; wie sollen wir es dann in Worte fassen. Genau im Zentrum des Tales hat sich dichter Nebel gebildet, in dessen Inneren zahllose Blitze und andere Lichter toben. Auch die meisten Wolken verharren nun über diesem Nebel, jagen ihre roten Blitze in ihn hinein. Ganz langsam – und voller Angst – setzen wir uns in Bewegung, unsere Pfoten versinken beinahe vollständig im schwarzen Staub. Es ist verrückt: nur die bedrohlichen Blitze weisen uns noch den Weg, denn die Nacht hat hier, unterhalb des schmalen ‘Gipfels’, bereits begonnen. Wir sind auf halbem Wege nach unten, da schießt plötzlich etwas unförmiges, nebelhaft weißes von hinten an uns vorbei! Kurz darauf vereinigt es sich mit einem weiteren, genauso unförmigen ‘Etwas’, verschmilzt vor unseren Augen zu einem einzigen… Ding. Sehr schnell formt es sich zu einer Gestalt, einem körperlosen Lichtwesen. Erst jetzt ahne ich, was ich da vor mir sehe: Ein Geist! Er darf uns nicht aufhalten! Wir alle – auch Schlitzohr – setzen umgehend zur Flucht an… doch der Geist beachtet uns überhaupt nicht weiter. Schneller als der Wind verschwindet er im lichtdurchfluteten Nebel. „Was hat das nun wieder zu bedeuten?" flüstert Silberhaar verwirrt. „Vielleicht, weil wir zu dritt sind…?" „Blödsinn! Auch zehn Katzen haben noch keinen Geist von einem Angriff abgehalten – zumindest nachts und an einem solchen Ort wie hier –, das weißt du…" Schlitzohr nickt nachdenklich. „Egal, dafür ist keine Zeit. Wir müssen weiter!" „Ich glaube, wir sind schon längst da…", wage ich zu behaupten und deute mit meiner Schnauze auf die linke Seite des Nebels. Dort habe ich gerade den Schatten einer Gestalt gesehen. Und da ist er wieder! „Ja…", war Schlitzohrs einziger Kommentar. Wir schleichen uns langsam näher an die Gestalt heran. Sie schaut genau in die Mitte des Nebels, in den nun immer häufiger Blitze aus den Wolken darüber einschlagen. Gerade in diesem Moment erhebt die Gestalt beide Arme, streckt sie in einer äußerst langsamen, beinahe anmutig wirkenden Bewegung weit über ihren Kopf hinaus. Sie ist es! Kein Zweifel. Wir bleiben in respektvollem Abstand stehen und beobachten sie weiter. Sie scheint uns noch nicht bemerkt zu haben – sie ist wohl zu sehr mit ihrem Werk beschäftigt…
Ihre Hände waren bisher zu Fäusten geballt, doch jetzt öffnet sie diese und streckt auch sie langsam in die Höhe. Gleichzeitig tauchen – für mich völlig unerwartet – kleine Flammen am Rand des Nebels auf, die sich ringsum rasch ausbreiten und ihn schließlich nach wenigen Augenblicken komplett umschließen. Plötzlich, jetzt da sich die beiden Enden des Flammenbandes berühren, ändert sich die Farbe des bisher rötlichen Feuers in gelb und kurz darauf langsam in grün, vereinzelt mit bläulichen Flammen durchsetzt. Keine Flamme ist wesentlich höher als der gegenwärtige Abstand vom Boden zu meinem Bauch. Aber ich erkenne die gewaltige Magie, die in ihnen steckt. Ich spüre sie, obwohl ich so weit weg von den Flammen stehe. Auch meine Gefährten werden leicht unruhig, versuchen offenbar jedoch sofort, es – vor allem mir – nicht offen zu zeigen. Jetzt senkt Hagadschusa ihre Arme langsam, streckt sie waagerecht nach vorne aus, zuerst mit den Handflächen nach innen, als wolle sie in ihre Hände klatschen, dreht sie dann aber nach unten. Nur ein einziges Wort sagt sie nun so leise, daß ich es beinahe nicht hören kann; es klingt etwa wie „Ku-óra". Daraufhin lichtet sich der Nebel ein wenig, auch die Blitze lassen etwas nach, schlagen dafür wesentlich häufiger in den Boden ein – und zwar fast immer genau in die Mitte des Flammenkreises. Manchmal aber erscheint auch ein wirbelnder Kugelblitz – in Blau und Weiß schillernd – und zerplatzt schließlich exakt über diesem Mittelpunkt. Nun erkenne ich auch weitere Geister, fünf, sechs oder noch mehr, alle innerhalb des Flammenrings. Wild fliegen sie umher, durchdringen sich vereinzelt gegenseitig, umschwirren die Blitze. Ob sie aber einen wirklichen Zweck erfüllen, kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Urplötzlich bebt die Erde unter unseren Füßen! Es kommt so überraschend, daß ich beinahe umgeworfen werde. Erst nach einigen Augenblicken – das Beben läßt inzwischen nach – schaffe ich es endlich, mich wieder auf die Ereignisse im Feuerkreis zu konzentrieren. Und es wirft mich erneut beinahe um – diesmal vor Schreck und Entsetzen! Dort, wo eben noch die Blitze eingeschlagen haben, genau dort reißt gerade der Boden auf. Ein Loch öffnet sich, dicker, schwarzer Rauch steigt bis weit in die Wolken empor, ersetzt innerhalb weniger Augenblicke den gesamten Nebel; nur die hellsten der Blitze und die weiterhin umherfliegenden Geister kann ich noch gelegentlich erkennen. Doch auch der Rauch dünnt langsam aus, so daß nun die nahezu baumhohen dunkelroten und violetten Flammen zu sehen sind, die aus dem Loch herausschlagen, wild um sich zu peitschen scheinen. Dann erschrecke ich schon wieder! Plötzlich sehe ich zwei Gestalten inmitten der Flammen und des Rauches auftauchen. Ich kann nur deren Umrisse undeutlich erkennen, doch eines sehe ich ganz genau: Menschen oder andere ‘normale’ Lebewesen sind dies nicht. Sie sind etwas größer als Menschen, haben einen langen, buschigen Schwanz – fast wie der von Füchsen –, und zwei kurze, gebogene Hörner wachsen aus ihren Schädeln. Dann erscheinen zwei weitere düstere, hochaufragende Gestalten, schließlich noch eine fünfte. Auch wenn sie sich in Einzelheiten von den beiden ersten etwas unterscheiden, so bin ich mir sicher, daß sie zu der gleichen ‘Art’ gehören. Gerade als auch noch ein sechster dieser Dämone erscheint, löst sich der Rauch endlich auf, auch die Flammen, aus denen die Dämone scheinbar entstanden sind, werden kleiner und wirken schließlich nicht gefährlicher, als die Flämmchen des Feuerrings. Auch das Loch in der Erde ist plötzlich nicht mehr zu sehen. Nun sehe ich die sechs Gestalten besser. Sie haben rotbraunes, einer mehr schwarzes Fell, stehen wie die Menschen aufrecht auf ihren Hinterbeinen, bei vier sind die Hörner nach oben gebogen, bei den anderen nach unten oder schräg nach vorn. In diesem Moment springt einer auf Hagadschusa zu… und schreckt schreiend zurück, als er sich genau über dem Flammenring befindet. Ein zweiter – der mit schwarzem Fell – beginnt zu brüllen wie ein Braunbär, steigt in die Luft empor und startet einen Angriff, halb fliegend und halb springend stürzt er auf Hagadschusa zu. Ein markerschütternder, nervenzerschmelzender Schrei entrinnt seiner Kehle… und er sinkt zu Boden – innerhalb des Feuerkreises. Sichtlich erschöpft und schwer nach Atem ringend stolpert er schließlich zu den anderen fünf zurück. Deutlich kann ich die Wut und den unaussprechlichen Haß, den sie Hagadschusa entgegenbringen, aber auch das für sie vielleicht bisher unbekannte Gefühl von Angst in ihren Gesichtern lesen. Hagadschusa selbst kann ich zwar nur von hinten sehen, doch ich bin mir sicher, daß sie siegesbewußt grinst. Auf eine knappe Handbewegung von ihr hin bewegen sich plötzlich die Geister auf die Dämone zu und dringen in deren Körper ein. Diese versuchen zwar offensichtlich, sich dagegen zu wehren, aber genauso offensichtlich ohne jeden Erfolg. Von diesem Moment an sehen die Dämone zwar noch genauso furchteinflößend und haßerfüllt wie zuvor aus, doch sie scheinen ihren Widerstand gänzlich aufgegeben zu haben, bleiben ‘friedlich’ in der Mitte des Flammenkreises stehen. In einer mir völlig fremden Sprache beginnt Hagadschusa, zu den Dämonen zu sprechen. Ich verstehe nichts von ihren Worten, aber deutlich kann ich einen herrischen, befehlenden und auch zugleich triumphierenden Tonfall erkennen. Zudem kann ich mir lebhaft vorstellen, was sie ihren neuen Untertanen zu sagen hat. Schon seit ich sie kenne, ja sogar seit Schlitzohr in jungen Jahren zu ihr gekommen ist, träumt sie davon, die anderen Menschen ihre Macht spüren zu lassen. Aber sie hat sich nie damit begnügt, ein paar wenigen dieses zweifelhafte Vergnügen aufzuzwingen; nein, es mußten immer mehr werden, möglichst viele gleichzeitig wollte sie beherrschen und unterdrücken, ihr Hab und Gut, ihre Reichtümer an sich reißen. Nun ja, einfache Bauern und Dorfhandwerker haben mit Reichtum wenig zu tun. So erkannte sie bald, daß sie ganze Länder und Königreiche braucht, um ihre Gier nach Macht und Vermögen zu befriedigen. In den letzten Jahren ist ihre Macht immer weiter angewachsen. Nicht zuletzt durch die Wut, die sich in ihr jedesmal angestaut und vervielfacht hat, wenn sie einer der anderen Menschen wieder einmal als ‘Hexe’ bezeichnete. Das konnte sie noch nie ausstehen, dieses Wort. Warum, weiß ich bis heute noch nicht; auch diese unbändige Gier nach Macht wird mir wohl für immer völlig unverständlich bleiben. Zwar reicht ihre magische Kunst sicher nicht aus, um Tausende von Menschen gleichzeitig zu beschwören oder auf andere magische Art zu beherrschen, doch für ein paar – wenn auch äußerst mächtige – Dämone scheint sie mittlerweile stark genug zu sein. Jetzt wird sie ihnen vermutlich die ersten Anweisungen erteilen. Sie wird ihnen sagen, welches Dorf sie zuerst dem Erdboden gleich machen, welchen Wald sie als nächstes verwüsten und welchen Fluß sie gleich darauf verdampfen lassen sollen. Dabei bedient sie sich offenbar der großen Macht, die sie über die Geister hat, die sich nun in den Dämonen eingenistet haben. Ich spüre das unbestimmte Gefühl von Angst, Ohnmacht und Grauen in mir aufsteigen. Vor allem letzteres sollte einem Kater – einem schwarzen noch dazu – eigentlich fremd sein. Dann spüre ich einen harten Stoß an meiner Seite und zucke erschrocken zusammen. Silberhaar drängt mich zu gehen. Ja, wir müssen endlich handeln. Wenn wir es nicht tun, dann… Ich sehe Schlitzohr nirgendwo! Gerade eben war er noch neben Silberhaar gewesen. Ich sehe ihn sorgenvoll an, doch der nickt nur beruhigend. Er muß wohl schon auf dem Weg sein. Vorsichtig schleichen wir uns näher an Hagadschusa heran, gerade so, als pirschten wir uns an eine leichtsinnige Maus an. Wir beschleunigen allmählich unseren Gang, denn sie scheint jeden Augenblick mit ihren Befehlen fertig zu sein, ihre Stimme klingt nun mit jedem Wort schärfer und unnachgiebiger. Jetzt sehe ich auch Schlitzohr endlich. Er ist bereits bei ihr, nähert sich ihr von der Seite, ganz offen, als wolle er sie nur mal eben besuchen… „Branka!" sagt sie halblaut ohne erkennbare Gefühlsregung, als sie ihn bemerkt. „Du warst lange weg – einfach so… Du mußt aber noch etwas warten, ich bin gerade beschäftigt. …wichtig." Wir schlagen einen leichten Bogen ein, um weiterhin in ihrem Rücken zu bleiben, beschleunigen erneut, bis wir schließlich schneller als jemals zuvor rennen – genau auf Hagadschusa zu. Doch sie hört uns, dreht sich zu uns um. Nur ihren Augen kann ich ihre Überraschung ansehen. In diesem Moment springen wir. Aber sie schafft es, unseren Krallen einigermaßen auszuweichen; ich zumindest treffe sie nur am Arm – es reicht nicht, sie umzureißen. Auch Silberhaar gelingt es nicht; er jagt ihr seine Krallen nur irgendwo seitlich in die Hüfte. Sobald ich wieder den Boden unter meinen Pfoten spüre, wende ich und hole in weitem Bogen zum nächsten Angriff aus. Ich schaue mich kurz um. Silberhaar ist dicht hinter mir, Schlitzohr sitzt wie unbeteiligt neben Hagadschusa. Diese schäumt förmlich vor Wut, schreit uns hysterisch in der fremden Sprache an, die sie den Dämonen gegenüber bereits verwendet hat. Ihr Blick allein könnte uns töten, wenn sie diese Kunst beherrschen würde. Dann erst fällt mir etwas auf: hatte ich nicht etwas ungewöhnliches gesehen, als ich sie angesprungen habe, als ich sie umzustoßen versuchte? Etwas weißes… Licht. Ja! Der Mond! Er muß jeden Augenblick hinter dem erhöhten, zerklüfteten Rand dieses Gipfels aufgehen. Der Vollmond! Ein kleines Fleckchen von ihm konnte ich gerade eben sehen. Aber das allein gibt mir schon wieder neuen Mut! Ich schaue mich nochmal zu Silberhaar um, doch der scheint den Mond noch nicht gesehen zu haben, das würde mir sein Blick verraten… Wieder stürmen wir gemeinsam auf Hagadschusa zu, diesmal etwas weiter voneinander entfernt. Hagadschusa setzt zu einem Zauber an. Erstaunlicherweise vernachlässigt sie dabei in keiner Weise die Kontrolle der Dämone – oder besser: die Kontrolle der Geister, die ihr die Dreckarbeit abnehmen. Ein gelbes Licht erscheint unmittelbar vor ihrer offenen Hand, formt sich augenblicklich zu einer weißen Lichtkugel. Plötzlich schreit sie auf! Schlitzohr hat ihr die Krallen in die Beine gejagt, daß sie sich beinahe nicht mehr aufrecht halten kann – aber nur beinahe. Gleichzeitig mit Schlitzohrs Treffer schießt die Lichtkugel auf Silberhaar und mich zu, doch die Kugel schwirrt fast ziellos im Zickzack umher, fliegt zischend und drohend genau auf mich zu. Ich renne weiter, lasse mich nicht von meinem Angriff abbringen. Dann rauscht die Kugel zitternd nur um Haaresbreite an mir vorbei. Ich springe erneut! Diesmal höher als zuvor, meine Krallen treffen ihr Gesicht, schneiden sich tief in ihr Fleisch hinein; sie schreit schmerzerfüllt auf. Und der Mond hilft mir! Jetzt sehe ich ihn wieder! Ich kralle mich an Hagadschusas Kopf und Brust fest… Genau in diesem Moment schafft sie es irgendwie, mir in die Augen zu schauen. Besser kann es nicht kommen! Ihr Blick ist voller Haß und Unverständnis, doch von Furcht keine Spur… Ein eigenartiger Mensch. Unbeirrt schaue auch ich ihr tiefer und tiefer in die Augen, dringe in ihr Bewußtsein ein, breche ein, dränge ihre Gedanken zurück, zerbreche ihren Willen, verzehre wie ein Feuer ihre faulige Seele – und der Vollmond hilft mir, gibt mir Kraft. Sie schreit wieder auf, schrill und unnatürlich, als entfliehe der Schrei den Tiefen der Hölle; mir letzter Kraft versucht sie, sich gegen mein Eindringen zu wehren, doch es reicht nicht… Schlitzohr springt sie an, bringt sie so endlich zu Fall. Noch während sie dem Boden entgegenstürzt, stoße ich mich von ihr ab, springe von ihr und dem Feuerkreis fort. Hart schlägt ihr Kopf auf der Erde auf, umhüllt vom aufwirbelnden schwarzen Staub. Ihr Kopf liegt nun innerhalb des Feuerrings. Nochmal brüllt sie wie ein Unwesen aus der Unterwelt, wälzt sich kraftlos hin und her, ihre Arme verkrampfen sich. Mit einem Mal fliegen wieder die sechs Geister umher, verlassen den Feuerkreis und eilen davon, als hätten sie noch ein Leben zu verlieren. Die Dämone aber lassen sich nicht zweimal einladen und stürzen sich sofort auf Hagadschusa. Ich wage nicht mehr hinzusehen, doch sie scheint ohnehin schon tot zu sein, ich höre sie nicht mehr schreien. Erst nachdem ich auch die Freudenschreie – wenn es denn welche sind – der Dämone nicht mehr höre, schaue ich wieder hin. Die Flammen des Ringes fallen langsam in sich zusammen, dort wo eben noch Hagadschusas Körper lag, dort rauchen nun nur noch die verkohlten, nicht mehr einem Menschen zuzuordnenden Überreste vor sich hin. Das Loch im Erdboden hat sich wieder geöffnet und die erneut aufflackernden baumhohen Flammen verzehren langsam wieder die Dämone, doch sie scheinen sich nicht dagegen zu wehren. Vielleicht sind sie ganz froh, von unserer Welt nicht mehr allzuviel miterleben zu müssen, wer weiß… Kurz darauf sind sie verschwunden, mir ihnen auch das Feuer, das Loch schließt sich, als ob es nie existiert habe. Nun hauchen auch die Flammen des Kreises ihre letzte Energie aus, die Wolken darüber lösen sich zusehends in Luft auf oder verteilen sich in alle Himmelsrichtungen. Schlitzohr und ich sehen uns gegenseitig an. Wir sind beide erleichtert, erst jetzt spüre ich die gewaltige Kraftanstrengung, merke, daß meine Beine mich nicht mehr lange tragen werden, wenn ich mich nicht bald ausruhe. „Wo ist Silberhaar?!" Erschrocken folge ich Schlitzohrs besorgt suchendem Blick. Da sehe ich etwas, ein dunkler… Körper auf dem Boden… reglos… Wir laufen sofort hin. Und erstarren vor Schreck! Es ist Silberhaar. Die Lichtkugel… Trauer erfüllt mich. Ich fühle, daß kein Leben mehr in ihm ist… Als trauere die ganze Welt mit uns um ihn, legt sich ein sanfter Lichtschein auf ihn; der Mond steigt endlich langsam über den Bergrand, überflutet allmählich das ganze Tal mit silbergrauem Glanz. Anders als Schlitzohr kann ich meinen Blick einfach nicht von ihm abwenden; ich kann – ich will nicht glauben, daß er sterben mußte… Wie entrückt starre ich in sein durch das Mondlicht leicht schimmernde Auge… Sein Auge? War es nicht gerade noch geschlossen gewesen? Wie ein Blitz durchzuckt mich eine Gedanke – nein, ein Gefühl, wie ich es noch nie erfahren durfte. Ich schaue nochmal genauer hin… und Silberhaars Auge schließt sich kurz, um sich gleich darauf wieder zu öffnen – sein Auge scheint zu lachen. Langsam dreht er seinen Kopf, jetzt bemerkt auch Schlitzohr die Veränderung. Gemächlich setzt er sich auf, betrachtet uns erfreut und wendet schließlich seinen Blick dem Vollmond zu. Die Freude, die mich, die uns erfüllt, verschlägt uns schlicht die Sprache. Die Macht des Mondes, niemals hätte ich sie für so groß gehalten… …und mir fällt auf, daß die silberweiße Strähne auf seinem Rücken ein klein wenig breiter und länger geworden ist… nur ein klein wenig…
Plötzlich kratzte etwas an der Tür. Baran schrak ein wenig auf. Beinahe wäre er doch tatsächlich eingeschlafen. Es kratzte wieder. Der alte Mann stand auf und öffnete die Tür. „Fuarú!!" rief er. „Du bist wieder da?!" Der schwarze Kater hielt sich nicht mit einer Antwort auf, trottete gemütlich zu Barans Sessel und wartete dort auf ihn. Kaum hatte der sich endlich gesetzt, sprang Fuarú auf seinen Schoß, trat sich sanft ein Bett zurecht und legte sich hin. Schnurrend ließ er sich streicheln und am Hals kraulen. Ja, das mochte er sehr. „Ach, wo hast du nur die letzten drei Tage gesteckt? Einfach so fortzulaufen… das finde ich nicht nett von dir. Aber nun bist du ja wieder da, das ist das wichtigste. Sicher hast du eine schöne Zeit gehabt, bist deinem Vergnügen nachgegangen, von dem du dich natürlich jetzt erst mal erholen mußt." Er seufzte. „Ja, so schön wie eine Katze möcht’ ich’s auch mal haben…" Der Kater schnurrte ein wenig lauter… und schlief bald darauf ein.
Moordrache
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