Jana Gaida

"Die Anhalterin"

Als ich vor kurzem die Allee zwischen meinem Arbeits- und meinem Heimatort mit dem alten Ford nahm, der nun wirklich nichts mehr hermachte, fiel es mir ein, was sich letzten Herbst hier zugetragen hatte. Mein Gott, ich fuhr diesen Weg beinahe täglich, und mit mir noch Dutzende anderer motorisierter Pendler. Aber etwas musste in jenem Augenblick mitgeschwungen haben, das mich dazu veranlasst hatte, genau an dieser Stelle hier, an der ich momentan vorbei fuhr, rechts heranzufahren und anzuhalten. Waren es die ungewöhnlich späte Stunde eines Freitagabends oder das Beschlagen der Scheiben, als der erste Nachtfrost der Saison mit Vehemenz um Einlass bat? Möglicherweise auch die Melodie einer vergessen geglaubten Jugend aus dem Autoradio? Ich hatte keine Ahnung! Aber nun war es eben erneut geschehen, das zweite Mal nach einer Woche. Ich wollte nicht der Typ Mann sein, der längst vergeben und vergessenes zergrübelte. Wenn man es ganz genau nahm, wollte ich eigentlich nur nach Hause!

Zu meiner Frau, die niemals Fragen stellte, egal wie spät ich heim kam. Und meinem Sohn, der neulich erst sein erstes festes Mädchen bei uns vorstellig gemacht hatte. Ein süßes, kleines Ding übrigens. Daniela. Doch das jetzt nebenbei.

Ich steige also, auf dem Seitenstreifen vorsichtig zum Stehen gekommen, aus und laufe schlendernd um mein Auto, das von mildem Reif bedeckt ist, dass das Zwielicht kaum die Lackfarbe erkennen lässt. Wie fette, gelbe Hoffnungsschimmer brausen ab und an Fahrer, wie ich bis eben auch noch einer war, an mir vorbei. Durch ihre Scheiben sind sie nicht wirklich zu erkennen, nur zu ahnen, Schatten auf dem Weg, den sie persönlich gerade jetzt für wichtig halten. Die Abstände werden selbst in dieser kurzen Zeit rasch länger, das Jaulen der Motoren mit jedem Wagen schmerzender in meinen Ohren.

Ihr Haar hatte weich und dunkel in dem Wind des angebrochenen Abends geweht. Der Daumen erhoben, ein Seesack schwer und kitschig an den Beinen, die kaum länger hätten sein können. Ich hatte sie gesehen, lange bevor schon die Notwendigkeit bestanden hatte, gefühlvoll auf die Bremsen zu gehen. Und wusste früh vor allen meinen Sinnen, dass ich anhalten würde! Im Licht meiner Scheinwerfer hatte sie den Kopf zur Seite, auf die Schulter, fragend, schön, verwirrend gelegt und war nicht einen Millimeter von diesem hart erkämpften Platz gewichen. Es war der erste Kampf, den wir gefochten hatten, so absurd das jetzt auch klingen mochte, nach all dieser sinnlos leicht verronnen Zeit. Den hatte ich zu Null verloren. Denn ich hatte die Wagentür geöffnet, war ausgestiegen und so vorsichtig wie möglich auf sie zugegangen. Obwohl nicht klein, reichte ihr zerwühlter Pony gerade eben bis zu meinem Kinn. Ich sah die goldenen, frechen Tupfer in der Iris ihrer dunkelblauen Augen. Mit einem Finger fuhr ich ihr über die Wange und spürte einen Klos in meinem Hals, der einfach nicht zu schlucken war.

"Hast du 'ne Zigarette?", fragte sie und deutete dabei ein Lächeln an und wurde rot und hatte augenblicklich all den Charme des süßen, unverdorbenen Kindes verloren.

Ich holte ein angebrochenes Päckchen aus meiner Manteltasche, ohne ihre großen Augen loszulassen. Ich zündete ihr eine Zigarette an und steckte sie ihr vorsichtig zwischen die ungeschminkten Lippen. Der Rauch, den sie seicht, beinahe nebenbei, durch weiße Zähne ausstieß, stach in meiner Nase.

"Komm", wagte ich, sie aufzufordern. "Gehen wir in meinen Wagen."

"Okay."

Ich schleppte ihren Seesack, verstaute ihn auf der Rückbank meines Ford, öffnete dem Mädchen nebenbei auch noch ganz Gentleman die Tür und wollte gerade 'rüber zu auf meine Seite gehen, als ihre eine Hand in meinem Schritt festhielt wie früher, mein Gott, war das lange her, ich es schon einmal in einer pubertären Nacht geträumt hatte...

Jetzt, in jenem Augenblick so lange nach dem eben gedachten Augenblick, meldete sich meine Männlichkeit entgegen meiner in letzter Zeit gehäuften Erektionsprobleme mit Eindringlichkeit und Macht zurück. Aus einer falsch interpretierten Scham heraus lehne ich mich ergo an mein Auto, weg vom Sichtfeld irgendeines anderen Fahrers. Und krame wie ein Echo nach den Zigaretten, rauche hastig, paffe beinah. Es wird vergeblich sein. Das weiß ich. Aber trotzdem!

Sie hatte ihn nicht ausgepackt. Wenn man es ganz genau und pingelig nahm, noch nicht einmal berührt. Und doch hatte mich der passive Griff ihrer kleinen, festen Hand zum Höhepunkt gebracht wie selten so zuvor. Ich erinnere mich sehr deutlich an die Taubheit meiner Handflächen, die gegen die kalte Türöffnung gestemmt waren, während ich noch zitterte und gefrorener Schweiß an meinen Schläfen hing.

"Was hast du da getan?", keuchte ich, noch immer mit geschlossenen Augen.

"Ach, Liebling, ich dachte, ganz genau das wolltest du!"

"Bist du für diese Art von Spiel nicht noch ein bißchen jung?"

"Das lernt man heute schon im Grundschulalter."

"Ach - wirklich?"

"Ja-ah..."

"Sag mal, wie alt bist du eigentlich?"

Die Frage war mir von ihr nie beantwortet worden, wenn man das leicht-amüsierte Zucken ihrer Mundwinkel dabei galant unter den Tisch fallen ließ. Ich war dann doch auf der Fahrerseite in den Wagen eingestiegen, unauffällig bemüht, das Schwächeln meiner Knie unter Kontrolle zu bringen.

"Ich bin kein Mörder, weißt du", faselte ich, den Zeigefinger hochhaltend, vor mich hin. Wahrscheinlich nur, um abzulenken. "Das, was du hier mit mir gemacht hast, kann auch mal in's Auge gehen."

"Muss aber nicht."

"Nein." Ich schaute zu ihr hinüber und betrachtete das stolz-erhobene Profil. "Das muss es nicht."

"Lass' uns ein Stück fahren, damit ich heute noch vom Fleck komme, ja?"

Ich nickte. Ich war verwirrt gewesen. Ich hatte damals wohl tatsächlich an etwas Ähnliches wie Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Der Narr im Leben eines Mannes hatte mich gefoppt. Wir waren blind drauflos gefahren in Richtungen, die kein gewolltes Ziel hatten und auf Straßen, die immer holpriger und leerer wurden. Die Nacht war über uns hereingebrochen wie jetzt, als ich darüber nachsann, was in jenen Stunden alles hätte anders laufen können. Wenn das überhaupt noch möglich und gewollt gewesen wäre. An einem Rain hatte ich dann nach wer wusste schon wie langer Zeit gehalten. Die absolute Stille hatte uns umfangen wie das grüne Licht der Armaturen. Wir waren Fremde wie Vertraute aus gemeinsamen Gedanken.

"Steig aus", hatte sie mit einer Stimme gehaucht, die ihren Blick nicht nur erahnen ließ.

Ich tat, wie sie verlangte. Den Mantel ließ ich diesmal gleich im Wagen liegen. Sie kam um das Auto herum, blieb so dicht vor mir stehen, dass ich die Wärme ihres Körpers spüren konnte und zog meinen Kopf zu sich herunter. Wir küssten uns sehr lange. Ihr Mund umschloss mein Ich mit weiten offenen Armen, die Zunge zog und schubste mich in die gewollte Richtung. Ich fiel in dieses tiefe, schwarze Loch hinein. In einer Endlosschleife. Ich verlor allmählich völlig meinen Kopf. Etwas zerrte zwischen uns herum, dann ließ der Mund mich los, ich spürte kaum noch etwas, und sehen, erkennen, konnte ich viel weniger. Wie in Trance öffnete ich mein Hemd und zerrte es aus der engen Jeans heraus, weil ich spürte, dass sie das Gleiche auch bei sich tat. Mit suchenden Händen ertastete ich ihren nackten Oberkörper...

Das Hupen eines Autos auf der Allee riss mich aus meinen Träumen. Ich merke, dass mir Tränen über meine Wangen laufen. Die Zigarette, aufgeraucht und nutzlos, werfe ich mit trägem Schwung in das Schwarz vor mir. Mir wird klar, dass das, was ich gerade tue, viel zu viel mit Selbstmitleid zu tun hat. Denn wäre es nicht völlig irre, hier von zärtlichen Erinnerungen, Träumen oder etwas ähnlichem zu reden? Wo doch gerade ich und kaum ein anderer den genauen Schluss des Ganzen kannte? Kennt? Muss es die Gegenwart oder die Vergangenheit sein? Auf einmal steht es klar und deutlich vor mir. Wie konnte ich das Ganze nur so radikal vergessen?

...Ich hatte gedacht, dass ich sterben würde, als ich das kalte Metall in meiner Magengegend gespürt hatte. Es war so unverhofft gekommen, und ironischerweise gleichzeitig mit meiner Ejakulation. Hart war ich verwirrt auf meine Knie gestürzt, hatte wie im Reflex die Hände auf die warme, nasse Wunde gepresst. Nicht rausziehen, war das erste, was mir durch den Kopf geschossen war. Nur nicht rausziehen. Dann war die Welt um mich zusammengestürzt!

Wie jetzt! Es gibt Momente der Vollkommenheit, die wiegen ein ganzes Leben auf!

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Jana Gaida

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