J. Haydn

Joseph Haydn - Biografie

Zeit und Welt

"Haydns Lebenslauf ... ist die Geschichte eines Mannes, ...  der sich bloß durch die Macht seines Talents und durch unermüdete Anstrengung  glücklich zu dem Range der bedeutendsten Männer seines Fachs emporarbeitete."
(Georg August Griesinger, Wegbegleiter Joseph Haydns)

Jede Musik ist unverwechselbar ein Spiegelbild ihrer Zeit und  Umwelt. Wie Johann Strauß ein Jahrhundert später ohne die Entwicklung der Wiener Tanzsaal-Kultur nicht zum gefeierten Walzerkönig hätte aufsteigen können, so  wäre Joseph Haydns vielfältiges und umfangreiches kompositorisches Schaffen  nicht ohne die Institution der Adelshäuser denkbar gewesen.

Wien im 18. Jh.: Blick auf die Stadt vom Stadtteil Alservorstadt aus

© aisa, Barcelona

Die Musik spielt im Zeitalter Haydns eine wichtige Rolle im Leben  der Aristokratie, deren Angehörige zumeist auch selbst musizieren. Jeder kultivierte Adlige unterhält sein eigenes Ensemble, Orchester oder auch Theater. Und genau  an diesem Punkt berühren sich die Welt der "high society" und Haydns Welt, denn die Aristokraten brauchen immer wieder neue Musik für ihre verschiedensten Feste  und Anlässe oder für ihre Hausmusiken.


Haydns Musik hat ihren Ursprung in dieser Welt der Adelspaläste, die ihm ab 1761 Heimstatt und finanzielle Sicherheit bieten. Gleichwohl bedeutet dieser Dienst nicht nur eine Fülle von Aufgaben und Verpflichtungen, sondern auch eine Eingrenzung seiner künstlerischen Möglichkeiten, da die Musik immer  zweckorientiert sein muss. Besonders deutlich illustriert dies der zwischen Fürst und Musiker geschlossene Dienstvertrag:

  • Haydn ist "ein Haus-Officier", der sich "bescheiden, ruhig,  ehrlich aufzuführen" hat und "allezeit in Uniform" sowie "sauber (zu) erscheinen" hat

  • Haydn ist verpflichtet, die "Musicalien zu componieren", die sein Dienstherr von ihm verlangt; er darf diese Werke nicht anderweitig verbreiten

  • Neben der Sorgfalt auf seine eigene Person werden ihm auch die Orchestermusiker künstlerisch, disziplinarisch und in Bezug auf ihr äußeres Erscheinungsbild unterstellt

  • Außer der Aufgabe eines Orchesterleiters und Komponisten obliegen  Haydn die Verantwortlichkeiten für sämtliche Instrumente und Noten des Ensembles sowie die Ausbildung und Leitung der Sänger

Biografie

Joseph Haydns Lebenszeit spannt einen Bogen vom Zeitalter des  Barock über die Klassik bis hin zur frühen Romantik. Als Joseph Haydn am 31. März 1732 geboren wird, steht Johann Sebastian Bach noch mitten in seiner vollen  Schaffenskraft als Kantor an der Leipziger Thomaskirche. Als er 77 Jahre später  am 31. Mai 1809 stirbt, ist der Stern Mozarts schon wieder untergegangen, hat Beethoven bereits den Großteil seiner Werke komponiert, und Franz Schubert - der Haydn nur um knapp zwanzig Jahre überlebt - lernt als Geiger im Internatsorchester  die Werke Haydns und Mozarts kennen. Carl Maria von Weber wiederum hat zu dieser  Zeit u.a. bereits zwei Opern und zwei Symphonien in der neuen Tonsprache der  Romantik komponiert.

Joseph Haydn (1732-1809)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Franz Joseph Haydn wird am 31. März 1732 in dem kleinen Dorf Rohrau an der Leitha unweit der ungarischen Grenze als Sohn des Wagenbauers Mathias Haydn und seiner Frau Anna Maria geboren. Außer seinem Bruder Michael,  der 1737 auf die Welt kommt und ebenfalls später musikalisch auf sich aufmerksam machen sollte, werden dem Ehepaar noch zehn weitere Kinder geboren, von denen  jedoch nur sechs - die drei Töchter Franziska, Anna Maria und Anna Katharina,  und ein weiterer Sohn, Johann Evangelist, am Leben bleiben. Weder Joseph noch  Michael wurde es in der Wiege gesungen, dass sie dereinst eine außergewöhnliche musikalische Karriere machen würden, denn sowohl die Eltern als auch die großelterlichen  Vorfahren stammen aus einfachen bäuerlichen oder handwerklichen Verhältnissen.  Aber die Musik und das gemeinsame Musizieren sind allabendlich ein fester Bestandteil im Familienleben. Sein Vater hatte autodidaktisch das Harfespielen erlernt,  und schon im Alter von fünf Jahren singt Joseph die einfachen Melodien nach.

Dabei fällt er bereits früh mit einer schönen Stimme auf, woraufhin  ihn die Eltern im Frühjahr 1738 zum Schullehrer und Chorleiter Johann Mathias  Franck, einem entfernten Verwandten, ins nahe gelegene Hainburg geben. Dort  wird die Basis für Josephs weitere musikalische Entwicklung in einer vielfältigen und umfangreichen musikalischen Ausbildung in Theorie und Praxis gelegt.

Einen entscheidenden Wendepunkt in Josephs Leben bildet im Jahr  1739 der Besuch des Komponisten und Wiener Domkapellmeisters Georg Reutter,  der immer auf der Suche nach neuen Stimmen für seinen Chor der Sängerknaben ist. Er ist von Josephs Stimme so begeistert, dass er ihn in seine Singschule  aufnimmt. Allerdings kann die praktische Realisierung dieses Planes nicht vor Vollendung des achten Lebensjahres erfolgen, und so vergeht ein weiteres Jahr, bevor Joseph nach Wien übersiedelt, das für die kommenden zwanzig Jahre seine  musikalische Heimat werden sollte.

Die Wiener Jahre

In den kommenden acht Jahren ist die Wiener Singschule Josephs Zuhause. Allerdings ist die musiktheoretische Ausbildung in keinster Weise gründlich und umfassend, so dass Joseph Haydn das Komponisten-Handwerk mehr autodidaktisch erlernt. Als er mit 16 Jahren in den unvermeidlichen Stimmbruch kommt, ist seine  Karriere als Sängerknabe abrupt beendet, und er muss sich fortan mit der Musik seinen Lebensunterhalt verdienen. Für die erste Zeit findet er Unterschlupf bei einem Mitglied des Domchores, Johann Michael Spangler, der selbst mit Frau und Kind nur eine winzige Bleibe bewohnt. In den nächsten fünf Jahren nimmt  Joseph Haydn musikalische Arbeit jeglicher Art an: er spielt als Geiger in verschiedenen  Ensembles und Orchestern, gibt Unterricht und komponiert zahlreiche, heute leider  nicht mehr erhaltene Divertimenti, Notturnos oder Cassationen als Unterhaltungsmusik  für die unterschiedlichsten Gelegenheiten. Diese Jahre sollten gleichsam zu  Haydns musikalischer Lehr- und Gesellenzeit werden, in der er vielfältige praktische Erfahrungen sammelt und seine theoretischen Kenntnisse vertieft. Er saugt all diese Einflüsse wie ein Schwamm in sich auf und bereitet sich damit unmerklich auf eine Zukunft als hauptberuflicher Komponist und Musiker vor.

Da sich bei Familie Spangler bald weiterer Nachwuchs anmeldet, muss sich Joseph Haydn eine neue Unterkunft suchen, die er mit Hilfe finanzieller  Unterstützung der betuchten Familie Buchholz in einer Dachkammer im Michaelerhaus  am Kohlmarkt findet. Das wichtigste Möbelstück in dieser Wohnung ist ein "von Würmern zerfressenes Klavier", an dem er sich nun verstärkt der Komposition  - und nicht nur auf Bestellung - widmet. Es entsteht seine erste Messe für fünf Singstimmen, die "Missa Brevis in F-Dur". Parallel dazu intensiviert Haydn seine theoretischen Studien anhand der Schriften von Johann Joseph Fux und Johann  Mattheson. Den nachhaltigsten Einfluss sollten in dieser Zeit jedoch die Klaviersonaten  von Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel ausüben: "Da kam ich nicht mehr von meinem Klavier hinweg, bis sie durchgespielt waren, und wer mich gründlicher kennt,  muss finden, dass ich dem Emanuel Bach sehr vieles verdanke, denn ich habe ihn verstanden und mit Fleiß studiert."

Pietro Metastasio, eigentlich Pietro Antonio Domenico Bonaventura (1698-1782)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Den nächsten wichtigen Impuls in seinem Leben verdankt Joseph Haydn einem neuen Mitmieter namens Pietro Metastasio, dem kaiserlichen Hofpoeten.  Metastasio vermittelt ihm nicht nur die gut bezahlte Stelle als Gesang- und  Klavierlehrer für die Tochter einer befreundeten Familie, sondern verschafft ihm auch die Bekanntschaft mit dem neapolitanischen Opernkomponisten und Gesanglehrer Nicola Porpora, bei dem Haydn in den nächsten Jahren als Korrepetitor arbeitet  und weiteren Kompositionsunterricht nimmt. Außerdem macht Porpora ihn mit bekannten  zeitgenössischen Komponisten wie Karl Ditters von Dittersdorf, Georg Christoph Wagenseil und Christoph Willibald Gluck bekannt. Allmählich erwirbt sich Haydn eine bescheidene Anerkennung als Komponist und seine finanzielle Lage stabilisiert  sich, so dass er eine komfortablere Bleibe an der Seilerstätte beziehen kann.


 

Joseph Haydn in fürstlichen Diensten

Das Jahr 1759 markiert einen Wendepunkt in Joseph Haydns Leben.  Auf einer Dienstreise mit Porpora in den Kurort Mannersdorf lernt der Komponist  Karl Joseph von Fürnberg, einen Musik liebenden Adligen; kennen, der als Gönner  Haydns bald einen entscheidenden Einfluss auf dessen Schicksal und Karriere nehmen sollte: er vermittelt ihm eine Kapellmeister-Stelle beim Grafen Maximilian Morzin. Die Vergütung beträgt 200 Gulden jährlich sowie freie Kost und Logie.  Erstmals ist Haydn finanziell unabhängig, gleichwohl in adligen "Frondiensten" und oft achtzehn Stunden am Tag im Einsatz. In dieser Zeit entstehen Haydns erste zwei Symphonien.

Als Graf Morzin zwei Jahre später die Kapelle aus finanziellen Gründen auflösen muss, bedeutet dies für Haydn nur scheinbar eine Katastrophe, denn er findet schon bald eine neue Anstellung beim Fürsten Paul Anton Esterházy, der im ungarischen Eisenstadt lebt. Ein auf zunächst drei Jahre festgeschriebener  Arbeitsvertrag regelt nicht nur das Verhältnis zwischen beiden Parteien bis ins Detail, sondern sichert vor allem Haydns äußere Lebensumstände, wodurch  er sich erstmals ohne existenzielle Sorgen auf seine Kompositionen konzentrieren kann. Dass aus diesem Dreijahresvertrag eine 30-jährige Verbindung zwischen  Fürstenhaus und Komponist entstehen sollte, hat wohl keine der Parteien vorausgesehen. Sicherlich war jedoch diese lange Periode für Haydns unerschöpfliche Kreativität von entscheidender Bedeutung.

Durch den Tod des Fürsten im Jahr 1762 wird Haydn keinesfalls  arbeitslos, sondern wechselt nur den "Arbeitgeber": er steht von da an - bis  zu dessen Tod im Jahr 1790 - in den Diensten Nikolaus Esterházys. Musikalisch  begabter und enthusiastischer als sein verstorbener Bruder Paul Anton fordert  er Joseph Haydns kompositorische Fähigkeiten immer wieder heraus, vor allem regt er ihn 1762 zu seiner ersten Oper "Acide e Galatea" an.

Gleichzeitig erfreut sich Joseph Haydn in den kommenden Jahren in der musikalischen Welt einer zunehmenden Beliebt- und Bekanntheit. Seine  Werke finden ebenso in seiner Heimat wie auch im europäischen Ausland - so in Paris, London oder Amsterdam - Anklang, und das schlägt sich auch finanziell nieder.

Heirat

Eine Entscheidung von unübersehbarer und weit weniger positiver  Tragweite, die bis 1800 sein Leben überschatten sollte, ist Haydns Eheschließung  im Jahr 1860 mit Anna Maria Keller. Verliebt hatte sich der Komponist in deren  Schwester Josepha, die jedoch das Kloster der Ehe vorzog. Anna Maria ist danach  sozusagen "die zweite Wahl", die Haydn weder menschliche Wärme noch künstlerisches Verständnis entgegenbringen kann. Der Komponist selbst hat seine Ehefrau mit den Worten "Sie (ist) von einem gebieterischen, unfreundlichen Charakter. Sie  hat keine Qualitäten, ihr ist es gleichgiltig, ob ihr Mann Schuster oder Künstler  ist" charakterisiert. Eine Rettung in dieser Situation ist für Haydn der strapaziöse  und oft auch räumlich von der Ehefrau getrennte Dienst beim Fürsten Esterházy, der das gemeinsame Leben auf ein Minimum beschränkt. Jahre später sollte sich  Haydn durch diesen emotional unbefriedigenden Dauerzustand in die ebenfalls  gebundene und beinahe 30 Jahre jüngere Italienerin Luigia Polzelli verlieben.  Auch ihre Ehe war - aufgrund eines großen Altersunterschieds sowie entgegengesetzter  Charaktere und Persönlichkeiten - unglücklich. Doch nach dem Tod der Ehepartner - Antonio Polzelli stirbt 1791 und Anna Haydn 1800 - verlieren sich Luigia und  Joseph aus den Augen.

Haydn, Mozart und Beethoven

Durch den Dienst auf Schloss Esterház ist Joseph Haydn über Jahre  hinweg fast vollkommen vom kulturellen Leben Wiens und damit dem Austausch und  geistigen Anregungen von anderen Künstlern abgeschnitten. Zwar trifft der Komponist bei den großen Festen auf viele wichtige Persönlichkeiten seiner Zeit, die die  Bewunderung für seine Musik in alle Welt hinaustragen - eine von ihnen ist die  Kaiserin Maria Theresia höchstpersönlich, der die "Symphonie Nr. 48" mit dem  Beinamen "Maria Theresia" zugeeignet ist - und so seine Werke bereits zu Haydns  Lebzeiten bekannt machen, aber der tägliche Dienst und die künstlerische Einsamkeit  machen ihn über die Jahre zunehmend unzufrieden.

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Dennoch gibt es vor allem einen Künstler, der Joseph Haydns Leben sowohl musikalisch als auch menschlich bereichert hat. Die erste Begegnung zwischen Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart findet wahrscheinlich bereits 1784  statt, als sicher überliefert und wichtiges Datum in beider Leben gilt jedoch  der 12. Februar 1785. Haydn war am vorherigen Tag feierlich in die Freimaurerloge "Zur wahren Eintracht" aufgenommen wurden, und aus diesem Anlass gibt Mozart, der ebenfalls Freimaurer (allerdings in der Loge "Zur gekrönten Hoffnung)" ist, für seinen Bruder ein Fest. An diesem Abend gibt Haydn seiner Bewunderung für den mehr als zwanzig Jahre jüngeren Mozart in einem Gespräch mit dessen Vater  Ausdruck: "Ich sage Ihnen vor Gott, als ein ehrlicher Mann, Ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und den Nahmen nach kenne: er hat Geschmck,  und über das die größte Compositionswissenschaft." Beide Komponisten hat nicht  nur gegenseitige musikalische Hochachtung, sondern darüber hinaus auch eine  tiefe menschliche Freundschaft verbunden. Mozart nannte den älteren Kollegen oft ehrfürchtig "Papa Haydn" und widmet seinem "caro amico Haydn" 1785 sechs  seiner Streichquartette: "Das war Schuldigkeit, denn von Haydn habe ich gelernt, wie man Quartette schreiben müsse." Als Mozart 1791 während Haydns erster Londoner Reise stirbt, ist der Ältere tief getroffen: "... ich war über seinen Todt eine  geraume Zeit ganz ausser mir und konnte es nicht glauben, dass die Vorsicht  so schnell einen unersetzlichen Mann in die andere Welt fordern sollte,..."

Ludwig van Beethoven (1770-1827)

© aisa, Barcelona

Joseph Haydns erste Begegnung mit Ludwig van Beethoven ist gänzlich anderer Art. Sie findet im Juli 1792 in Bonn statt, wo Haydn auf den 21-jährigen  Beethoven trifft, dessen Talent ihn unmittelbar beeindruckt. Wenige Monate später  bricht Beethoven nach Wien auf, um von Haydn in Kontrapunkt und Harmonielehre  unterrichtet zu werden. Doch trotz aller menschlichen Sympathie sollte sich die künstlerische Zusammenarbeit als schwierig erweisen, denn zwischen Haydn und Beethoven stehen nicht nur gesellschaftliche, sondern auch musikalische Welten. Darüber hinaus scheint Haydn dem Unterricht nicht immer die notwendige  Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, und so sucht Beethoven daneben noch andere Kompositionslehrer auf.


 

Die Londoner Jahre

Mit dem Tod seines Arbeitgebers, Fürst Nikolaus von Esterházys,  am 28. September 1790 beginnt für Joseph Haydn ein vollkommen neues Leben. Erstmals  künstlerisch vollkommen unabhängig und inzwischen finanziell auf sicheren Füßen stehend, genießt er in den kommenden Jahren eine bisher ungekannte Freiheit: "... wie süss schmeckt doch eine gewisse freyheit, ich hatte einen guten Fürsten, muste aber zu zeiten von niedrigen Seelen abhangen, ich seufzte oft um Erlösung, nun habe ich sie einiger massen..."

Zwar bleibt Haydn rein äußerlich an das Haus Esterház gebunden,  da der neue Fürst Anton jedoch musikalisch gänzlich uninteressiert ist und die  Hauskapelle auflöst, genießt Haydn plötzlich eine unerwartete Freiheit mit der einzigen Einschränkung, dass er bei Reisen außerhalb Wiens zuerst die Erlaubnis  des Fürsten einholen muss. In dieser Situation tritt ein Mann in Joseph Haydns  Leben, der ihm für die nächsten Jahre die entscheidenden künstlerischen Impulse geben sollte.

Der Londoner Konzertmanager Johann Peter Salomon hatte schon lange auf eine Möglichkeit gewartet, den auch in England geschätzten Komponisten  nach London zu holen. Er unterbreitet Haydn einen Vertrag, der die Leitung von insgesamt 20 Konzerten, in denen jeweils ein eigenes neues Werk uraufgeführt  werden soll sowie darüber hinaus die Komposition von 6 Symphonien und einer  Oper beinhaltet. Haydn nimmt dieses Angebot und reist am 15. Dezember 1790 aus  Wien ab.

Das Londoner Publikum feiert den Wiener Komponisten und seine  Musik vom ersten Moment an mit Begeisterung: "der Anblick des berühmten Komponisten elektrisierte das Publikum derart, dass dessen Aufmerksamkeit und Vergnügen  alles überstieg, was ... je in England durch Instrumentalmusik hervorgerufen  worden ist. Alle langsamen Mittelsätze wurden wiederholt; etwas, was, wie ich glaube, in keinem Land noch je geschehen ist." Eine besondere Wertschätzung  genießt der Komponist auch bei Hofe, v.a. durch den Prinzen von Wales. Eine  weitere besondere Auszeichnung wird Haydn am 8. Juli 1791 zuteil, als ihn die  Universität Oxford mit der Ehrendoktorwürde auszeichnet. Doch das musikalisch und gesellschaftlich anstrengende Leben hinterlassen ihre gesundheitlichen Spuren, und so kehrt Haydn Ende Juni 1792 zunächst nach Wien zurück.

In diese Londoner Jahre fällt auch die Freundschaft mit der 34-jährigen  Arztgattin und Mutter von sechs Kindern Marianne von Genzinger. In ihr findet  der Komponist erstmals eine Art künstlerische Muse, die in den folgenden Jahren  seine musikalischen Aktivitäten in einem regen Briefwechsel begleiten und inspirieren  sollte.

Bald schon drängt Johann Peter Salomon jedoch zu einer neuerlichen Konzertreise und so bricht Haydn Anfang 1794 nicht zuletzt auch in Erinnerung an seine sowohl musikalischen als auch finanziellen Erfolge in der englischen Hauptstadt zum zweiten Mal nach London auf. Er dirigiert in 18 Monaten noch  einmal 15 Konzerte, für die u.a. 6 seiner 12 "Londoner Symphonien" - darunter so bekannte Werke wie die "Symphonie Nr. 94 (mit dem Paukenschlag)" und die  "Symphonie Nr. 100 (Militärsymphonie)" - entstehen. Trotz verlockender finanzieller Angebote und Bitten seitens seiner Hoheit des Prinzen von Wales persönlich,  beendet 1795 Haydn jedoch sein 'englisches Abenteuer' und reist am 15. August endgültig nach Wien zurück.

Dort tritt er zwar wieder in fürstliche Dienste - Nikolaus II. ist inzwischen regierender Fürst des Hauses Esterház und lässt die musikalische Tradition der Familie wieder aufleben -, ist aber künstlerisch neu inspiriert. Insbesondere das Erlebnis eines von 1000 Mitwirkenden gestalteten Händel-Festes  in der Londoner Westminster Abtei im Mai 1791, bei dem u.a. die Oratorien "Der  Messias" und "Israel in Ägypten" zur Aufführung kamen, wirkt noch in ihm nach  und lässt den Komponisten vollkommen neue Wege beschreiten.

"Die Schöpfung"

"... ich war auch nie so fromm, als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete; täglich fiel ich auf meine Knie nieder, und bat  Gott, dass er mir die Kraft zur glücklichen Ausführung dieses Werkes verleihen möchte..."

Als Joseph Haydn 1795 nach Wien zurückkehrt, befindet sich in  seinem Reisegepäck auch ein Libretto mit dem Titel "Die Schöpfung", das seinerzeit noch Georg Friedrich Händel zur Vertonung angeboten worden war, ohne jedoch  musikalische Früchte zu tragen. Nachdem der Leiter der Kaiserlichen Hofbibliothek,  Gottfried van Swieten, den Text ins Deutsche übersetzt hat, macht Haydn sich an die Arbeit und erschafft in den kommenden Monaten ein kirchenmusikalisches  Werk, das bei seiner Uraufführung am 29. und 30. April 1798 sofort einen überwältigenden Erfolg verbuchen kann und schon bald auch in ganz Europa aufgeführt wird.

Bildnis Joseph Haydns  von J. Mansfeld aus dem Jahr 1806

© aisa, Barcelona

Haydns letzte Lebensjahre sind nach außen hin von vielfältigen offiziellen Auszeichnungen gekennzeichnet, kompositorisch sind es die Jahre  intensivster Arbeit, in denen nur noch wenige, v.a. Vokal-Werke entstehen, an  denen Haydn im Unterschied zu früher nun wesentlich länger arbeitet und immer  wieder Änderungen vornimmt. Haydn selbst hat sich zu dieser neuen Art der künstlerischen Arbeit mit den Worten "Ich möchte etwas schreiben, das meinem Namen in der Welt  dauernde Geltung verschafft" geäußert. Nach einem weiteren Oratorium, "Die Sieben Worte des Erlösers am Kreuze", beweist Haydn v.a. in den "Vier Jahreszeiten"  seine unübertoffene kompositorische Meisterschaft. Daneben entstehen die 6 letzten Messen - u.a. die sog. "Paukenmesse", die "Theresienmesse" und die "Schöpfungsmesse".

Eine letzte besondere Ehrung wird Joseph Haydn im Jahr 1808 an seinem 76. Geburtstag zuteil, als unter der Leitung von Antonio Salieri "Die Schöpfung" in der Aula der Alten Universität aufgeführt wird. Der inzwischen körperlich gealterte Komponist erfährt an diesem Abend noch einmal die gesammelte Wertschätzung von Musikern und Publikum. Gut ein Jahr später stirbt Joseph Haydn am 31. Mai 1809 in Wien. Zu Lebzeiten hoch geehrt, verhindert jedoch die inzwischen  am 12. Mai 1809 erfolgte französische Besetzung Wiens ein würdiges Begräbnis  des Komponisten - auch wenn der französische Kaiser Napoleon den Komponisten so hoch einschätzt, dass er unmittelbar nach der Eroberung der Stadt eine Ehrenwache  vor dessen Haus postieren lässt. Stattdessen findet zwei Wochen später am 15. Juni 1809 unter großer Beteiligung der Bevölkerung ein Requiem im Gedenken an  den verstorbenen Tonmeister statt. Joseph Haydn wurde ursprünglich auf dem Hundsthurmer Friedhof im 12. Wiener Bezirk beigesetzt. 1820 überführte man die sterblichen  Überreste in die Bergkirche in Eisenstadt.

Eine etwas pikante Geschichte ist noch mit diesem Teil von Joseph  Haydns Leben verbunden. In der Annahme, dass zwischen der Schädelform eines Menschen und dessen Begabungen und charakterlichen Eigenschaften ein Zusammenhang bestehe, brachten zwei Wiener Bürger im 'Dienste der Wissenschaft' die Schädel von bekannten verstorbenen Persönlichkeiten an sich. Auf diese Weise verschwand auch bereits drei Tage nach seiner Beisetzung Joseph Haydns Schädel. Entdeckt wurde die grausige Tatsache jedoch erst 1820, als man die Gebeine nach Eisenstadt  überführen wollte. In den folgenden Jahrzehnten sollte um Haydns Schädel ein vehementer Kampf entbrennen, der Kopf wanderte von einer Hand in die andere,  landete 1895 schließlich im Besitz der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde,  die sich bis 1954 hartnäckig weigerte, ihn herauszugeben. Erst knapp 150 Jahre  nach seinem Tod konnte schließlich der Schädel zu dem Rest der Gebeine in der Eisenstädter Gruft beigelegt werden.

Auszeichnungen

  • 1791 Ehrendoktor der Universität Oxford

  • 1798 Mitglied der königlich schwedischen Akademie

  • 1801 Ehrenmitglied der Gesellschaft der Verdienste 'Felix  meritis' Amsterdam

  • 1801 Ernennung zum auswärtigen Mitglied des Institut de France,  Paris

  • 1804 Ehrenbürger der Stadt Wien

  • 1805 Mitglied des Pariser Conservatoire

  • 1807 Mitglied der Société académique des enfants d'Apollon,  Paris

  • 1808 Ehrenmitglied der Philharmonischen Gesellschaft St. Petersburg

Werke

"Meine Sprache verstehet man durch die ganze Welt." (Joseph Haydn)

Joseph Haydns Musik wird bereits zu seinen Lebzeiten hoch geschätzt  - nicht nur von den Adeligen, für die er die jeweiligen Auftragswerke komponiert,  sondern von Menschen nah und fern, von Kollegen, Kritikern und dem Zuhörern aus allen Bevölkerungsschichten. Noch zu seinen Lebzeiten beginnt der Verlag Breitkopf & Härtel mit einer eine Gesamtausgabe seiner Werke.

Autograph von Haydns Symphonie Nr. 91,
Beginn des 2. Satzes;
Musiksammlung Mary Flager Cary

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Joseph Haydns großes künstlerisches Verdienst ist es, die Epoche der Klassik aus ihren Kinderschuhen befreit, sowie der Musik neue Formen und Inhalte gegeben zu haben. Sein Werkeverzeichnis umfasst neben 104 Symphonien vor allem mehr als 70 Streichquartette und rund 50 Klaviersonaten sowie die  bis heute in allen Musikvereinen der Welt geschätzten Oratorien "Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten".

 



Bibliografie

Pierre Barbaud: Joseph Haydn. rororo-Monographie Nr. 50049, Rowohlt  Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg o.J

Karlheinz Böhm: Joseph Haydn - Sein Leben. Für Kinder mit vielen Musikbeispielen erzählt. 1 Toncassette, Polygram, Hamburg o.J

Ludwig Finscher: Joseph Haydn und seine Zeit, Laaber Verlag, Laaber 1999

Anthony van Hoboken: Joseph Haydn. Thematisch-bibliographisches  Werkverzeichnis. 3 Bände, Schott Verlag, Mainz 1957, 1971 und 1978

Willi Reich: Joseph Haydn. Leben - Briefe - Schaffen, J. Stocker Verlag, Luzern, Schweiz 1946