J. Brahms

Zeit und Welt

Das 19. Jahrhundert ist gekennzeichnet von den im Fahrwasser der Aufklärung sich erneut regenden revolutionären Umtrieben, die sich in der  Pariser Februarrevolution von 1848 sowie einen Monat später in Österreich und  Deutschland Bahn brechen. Seit der Französischen Revolution von 1789 hatte sich die Welt grundlegend verändert. Durch die neu proklamierten Bürgerrechte versank die alte Adelsgesellschaft mit all ihren Privilegien und statt ihrer begann sich das Bürgertum als elementare Schicht der Gesellschaft zu etablieren.

Es ist die Zeit des Bildungsbürgertums und was früher der Adelige  für den Künstler gewesen war, diese Rolle übernahm nun unter anderen Vorzeichen der Bürger. Er ist die treibende und erstmals auch honorierende Kraft aller Künste, so dass in diesem Umfeld erstmals auch ein Verlagswesen im heutigen Sinne mit Urheberrecht und entsprechender Vergütung für den Künstler entstehen kann. So schreiben Komponisten ihre Werke nicht länger für einen adeligen, sondern für einen bürgerlichen Auftraggeber, der dafür in barer Münze bezahlt.

Das 19. Jahrhundert ist auch die Zeit der literarischen  Salons, in denen nicht nur aktuelle schriftstellerische Ergüsse vorgetragen  und diskutiert werden, sondern auch eine neue Art von Musik, die so genannte "Salonmusik", zu hören ist. Die literarischen Strömungen umspannen in diesem  Jahrhundert ein breites Spektrum, angefangen bei letzten Blüten der Klassik  mit Goethes und Schillers letzten Meisterwerken - "Faust I und II", "Die Wahlverwandtschaften", "Westöstlicher Divan" oder "Marienbader Elegien"  sowie "Wallenstein"-Trilogie, "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans" und einigen der bedeutendsten Balladen wie "Die Kraniche des Ibykus" oder "Das Lied  von der Glocke" - über die dichterische Sprache der Romantik, die ein vollkommen anderes Lebensgefühl ausbreitet und ihre ersten Niederschläge in den Werken  eines Novalis, in den Novellen Ludwig Tiecks, den Kunstmärchen E. T. A.  Hoffmanns oder der Volksliedsammlung Clemens von Brentanos und Achim von Arnims findet, bis hin zu Werken des Realismus.

Brahms selbst hat eine umfangreiche Bibliothek besessen, die Klassiker ebenso enthielt wie Romantiker, und war ein typischer Vertreter dieses Bildungsbürgertums: "Ich lege all mein Geld in Büchern an, Bücher sind meine höchste Lust, ich habe von Kindesbeinen an so viel gelesen, wie ich nur konnte,  und bin ohne alle Anleitung aus dem Schlechtesten zum Besten durchgedrungen."

Herkunft

"In meinen Tönen spreche ich." (Johannes Brahms)

Johannes Brahms (1833-1897)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Dass aus Johannes Brahms, der am 7. Mai 1833 in Hamburg  als zweites Kind des "Instrumental-Musicus" Johann Jakob Brahms und seiner Frau  Johanna Henrika Christina geboren wird, eines Tages ein gefeierter Pianist und  Komponist werden sollte, ist angesichts seines Stammbaums nicht im Entferntesten  zu erahnen. Die väterliche Linie weist eine alte Handels- und Handwerkstradition auf, lediglich Vater Johann ist der Erste in der Familie, der nicht nur musisches  Interesse zeigt, sondern daraus sogar einen Beruf macht. Dabei erweist er sich  als durchaus flexibel, denn mit sämtlichen Streichinstrumenten, Flöte und Horn  beherrscht er ein breites Repertoire von Fähigkeiten, das ihm bei der Stellensuche zugute kommt und ihn für die verschiedensten musikalischen Anlässe einsatzfähig macht, als Kontrabassist in der Hamburger Philharmonie ebenso wie als Tanzmusiker in Lokalen. Einzige Verbindung mit der Tradition seiner Vorfahren ist sein Selbstverständnis  als Musiker, denn er betrachtet diesen Beruf als ein ebensolches Handwerk wie das eines Tischlers oder Maurers.

In dieser Tradition werden wiederum auch seine beiden Söhne, Johannes und der zwei Jahre jüngere Friedrich, erzogen. Musik spielt im Leben  der Familie Brahms, zu der außerdem noch die Tochter Wilhelmine Elisabeth Louise, gehört, daher eine elementare Rolle. Den ersten Unterricht erhält Johannes von seinem Vater auf den zur Verfügung stehenden Orchesterinstrumenten, so dass er schon bald eine wertvolle Unterstützung bei der Sicherung des Lebensunterhaltes  für die Familie bedeutet, indem er mit seinem Vater gemeinsam in Tanzlokalen auftritt. Johannes sollte einmal in die Fußstapfen des Vaters treten, d. h.  sein 'Handwerk' - als das Johannes Brahms im Übrigen zeitlebens den Beruf des  Musikers und Komponisten betrachten sollte - übernehmen.

Das pianistische Wunderkind

Doch schon bald erweist es sich, dass dem Sohn ein anderes Schicksal beschieden ist. Ein erstes Indiz dafür ist das Interesse, das Johannes bereits frühzeitig dem Klavier als 'orchesterfremdem' Instrument entgegenbringt. Vater  Johann fördert diese Neigung jedoch und engagiert 1840 den Klavierlehrer Otto Friedrich Willibald Cossel. Johannes macht innerhalb kürzester Zeit solche Fortschritte auf diesem Instrument, dass er seinen Lehrer zu überflügeln beginnt. 1843 gibt er sein erstes, viel beachtetes öffentliches Konzert, wonach dem 'Wunderkind' eine Amerika-Tournee angeboten wird.

Doch sein Lehrer Cossel überredet Johannes, stattdessen seine  pianistischen Fähigkeiten zu vervollkommnen und übergibt den Schüler an den  gefeierten Klaviervirtuosen und Komponisten Eduard Marxsen (1806-1887), der ab 1843 für zehn Jahre Johannes' Lehrer nicht nur am Klavier sein sollte, sondern ihn auch in die Geheimnisse der Komposition und Musiktheorie einführt. Marxsen selbst steht in der klassischen Tradition, die er an Brahms ebenso weitergibt  wie sein Interesse für das Volkslied und die Form der Variation. Schon bald bricht sich das künstlerische Genie des jungen Schülers Bahn, so dass Marxsen  1847 anlässlich des Todes von Felix Mendelssohn-Bartholdy die Bemerkung "Ein Meister der Kunst ist heimgegangen, ein größerer erblüht uns in Brahms" macht. Brahms hat seinen Lehrer in dankbarer Erinnerung behalten und widmet ihm 1881  sein Zweites Klavierkonzert in B-Dur op. 83.

Joseph Joachim: Eine Künstlerfreundschaft

Eine für den inzwischen 20-jährigen Johannes Brahms wichtige und folgenreiche Begegnung nicht nur musikalischer, sondern auch persönlicher Art ereignet sich im Jahr 1853, als er während einer Konzertreise mit dem Geiger Eduard Hoffmann, genannt Reményi (1828-1898) in Hannover den jungen Geiger, Dirigenten und Komponisten Joseph Joachim (1831-1907) trifft, mit dem ihn von da an eine enge nicht nur künstlerische, sondern auch persönliche  Freundschaft verbinden sollte.

Gleichzeitig öffnet ihm Joachim durch zwei Empfehlungsschreiben  auch die Türen in die musikalische "Highsociety". Zunächst begegnet Brahms in  Weimar Franz Liszt, der den Jüngeren offen empfängt und sich spontan für seine Kompositionen interessiert. Doch liegen zwischen Beiden künstlerische Welten, die sich später im Musikstreit mit der Neudeutschen Schule, der neben Liszt auch Wagner und Bruckner angehören, manifestieren sollte. Davon unabhängig sollten sich Brahms und Liszt jedoch eine gegenseitige Wertschätzung erhalten.

Robert und Clara Schumann

Robert Schumann (1810-1856)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Den weit wichtigeren Kontakt verschafft Joachim dem jungen Freund  jedoch durch einen Besuch bei Robert und Clara Schumann in Düsseldorf am 20. September 1853.  Steht Brahms zunächst ehrfurchtsvoll vor dem "Genie" Robert Schumann, das bereits auf ein reiches kompositorisches Leben zurückblicken kann, so erkennt der Ältere intuitiv die große Begabung dieses jungen Gastes: "Es ist hier ein junger Mann erschienen, der uns mit seiner wunderbaren Musik auf das allertiefste ergriffen hat und (wie) ich überzeugt (bin), die größte Bewegung in der musikalischen  Welt hervorrufen wird." (Schumann in einem Brief an den Verlag Breitkopf&Härtel)


Doch Schumann belässt es nicht bei dieser eher privaten Äußerung.  Als Chefredakteur der "Neuen Zeitschrift für Musik" veröffentlicht er am 28. Oktober 1853  unter dem Titel "Neue Bahnen" einen euphorischen Artikel: "Ich dachte, ... es würde und müsse ... einmal plötzlich einer erscheinen, der den höchsten  Ausdruck der Zeit in idealer Weise auszusprechen berufen wäre, einer, der uns die Meisterschaft nicht in stufenweiser Entfaltung brächte, sondern, wie Minerva,  gleich vollkommen gepanzert aus dem Haupte des Kronion entspränge. Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten.  Er heißt Johannes Brahms, kam von Hamburg, ... von einem trefflichen und  begeistert zutragenden Lehrer gebildet in schwierigsten Satzungen der Kunst, ... Er trug ... alle Anzeichen an sich, die uns ankündigen: das ist ein Berufener..."

In Düsseldorf bringt Brahms erstmals auch einem Publikum eine  Anzahl eigener Kompositionen zu Gehör. Die Resonanz darauf ist so positiv, dass einige Werke noch im selben Jahr im Leipziger Verlag Breitkopf&Härtel erscheinen. Die menschlichen Früchte dieser Begegnung sind nicht nur eine intensive Freundschaft mit dem nur noch wenige Jahre lebenden Robert Schumann, sondern  auch mit dessen Frau Clara, der Brahms seine im folgenden Jahr entstehende Klaviersonate  Nr. 2 in fis-Moll op. 2 widmet. Eine besondere Nähe zu Clara  Schumann sollte sich in den nächsten Jahren nicht nur durch gemeinsame Konzertauftritte, sondern vor allem auch nach Roberts Selbstmordversuch im Februar 1854, nach dem der Komponist in eine psychiatrische Klinik im Bonner Stadtteil Endenich eingeliefert wird, entwickeln. Während der noch verbleibenden zwei Lebensjahre  ist Johannes Brahms einer der Freunde, die Clara Schumann in dieser schweren Zeit beistehen.

Konzertierender Künstler

Johannes Brahms hat zeitlebens nicht nur komponiert, sondern ist - zunächst aus rein finanziellen Erwägungen heraus, später um seine eigenen  Werke, sei es als Pianist, sei es als Dirigent, zu verbreiten - selbst als ausübender  Künstler tätig gewesen. Als Pianist zeichnete ihn weniger eine glänzende Technik als eine Intensität des Ausdrucks aus. Nichts desto weniger muss er auch ein  technisch versierter Spieler gewesen sein, denn seine Kompositionen für dieses Instruments stellen durchaus pianistische Herausforderungen dar. Neben eigenen Werken bestand sein Repertoire vor allem aus Werken von Robert Schumann, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert.

Im Laufe der Jahre bildete sich bei Brahms ein fester Arbeitsrhythmus  aus, der ihn die Sommer in landschaftlich reizvoller Umgebung - wie viele Jahre bei Clara Schumann in ihrem Lichtenthaler Haus bei Baden-Baden -, die ihm die  nötige Muße zum Komponieren verschafft, verbringen lässt, während die Wintermonate für Konzertreisen, die die finanzielle Basis für die nächste schöpferische Phase  bilden, eingeplant werden.

  • 1855: Konzertreise mit Clara Schumann und Joseph Joachim nach  Danzig

  • 1857-1859: Tätigkeit als Dirigent und Pianist jeweils zwischen September und Dezember am Detmolder Fürstenhof

  • 1859: Uraufführung des 1. Klavierkonzertes op. 15  in Hannover und Leipzig mit Brahms als Solisten und Joachim als Dirigenten;  mäßiger Erfolg in Hannover, Fiasko in Leipzig

  • 1860er Jahre: Konzerte mit Joseph Joachim und dem Sänger Julius  Stockhausen (1826-1906)

  • 1862: erste Konzertreise nach Wien

  • 1865: Konzerttournee durch Deutschland, Holland, die Schweiz und Österreich

  • 1868: Johannes Brahms dirigiert am 10. April mit großem  Erfolg die Uraufführung des "Deutschen Requiems" im Bremer Dom

  • 1875: in diesem und den folgenden Jahren wieder ausgedehnte  Konzerttourneen u. a. durch Holland

  • 1879: Uraufführung des Violinkonzertes op. 77 mit Joseph Joachim als Solisten und Brahms am Dirigentenpult am 1. Januar in Leipzig

  • 1879/80: Tournee durch Ungarn, Polen und Siebenbürgen

  • 1881: Brahms dirigiert die Uraufführung des 2. Klavierkonzertes  op. 83 am 9. November in Paris

  • 1885: Uraufführung der IV. Symphonie op. 98 unter  Brahms' Leitung am 25. Oktober in Meiningen

  • 1887: Brahms dirigiert die Kölner Uraufführung des Doppelkonzertes für Violine und Violoncello op. 102 am 18. Oktober mit Joseph Joachim  und Robert Hausmann als Solisten

Die Wiener Jahre

Die erste bedeutende Dirigentenstelle, um die sich Johannes Brahms im Jahr 1862 - nach seinem Detmolder Intermezzo in den Jahren 1857-1859  - bewirbt, ist die als Leiter der Hamburger Philharmonischen Konzerte. Doch  trotz seines bereits wachsenden Erfolges, vor allem im selben Jahr in Wien,  muss er dem Sänger Julius Stockhausen dieses Feld räumen. Enttäuscht wendet  Brahms daraufhin seiner Vaterstadt den Rücken und nimmt das Wiener Angebot als Leiter der im Jahr 1858 gegründeten "Wiener Singakademie" an.

Wien ist Mitte des 19. Jahrhunderts das musikalische Mekka Europas, wo die unterschiedlichsten künstlerischen Richtungen zusammenfließen, einander beeinflussen und nebeneinander bestehen. Hatte zu Anfang des Jahrhunderts Wien noch das Ende der Klassik mit den späten Werken von Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert erlebt, so hinterließen im Verlaufe dieser  Jahrzehnte Komponisten wie Franz Liszt, Richard Wagner, Anton Bruckner, Hugo  Wolf, Gustav Mahler und Richard Strauss ebenso ihre Spuren wie Josef Lanner  und die Vertreter der Walzer-Dynastie Strauß. Zu Johann Strauß Sohn hatte ein Johannes Brahms ein freundschaftliches Verhältnis und über seinen wohl berühmtesten  Walzer "An der schönen blauen Donau" äußerte Brahms die Bemerkung "Leider nicht  von Johannes Brahms".

Brahms fühlt sich in Wien spontan mit der musikalischen Tradition  der Jahrhunderte und ihren berühmtesten Vertretern wie Ludwig van Beethoven verbunden. Auch künstlerisch findet Brahms in Wien spontan eine warme Aufnahme, sowohl seitens des Publikums als auch seitens verschiedenster Kollegen wie dem  Pianisten Julius Epstein (1832-1926) und den Mitgliedern des Hellmesberger-Quartetts, das am 16. November 1862 Brahms' Klavierquartett g-Moll op. 25  mit dem Komponisten selbst am Klavier aufführt. Joseph Hellmesberger erhebt Brahms nach dieser Aufführung spontan zum Erben Beethovens. Doch mit dieser  musikalischen Verantwortung sollte es eine zweischneidige Bewandtnis haben. So sehr Brahms dieses Kompliment einerseits gefreut haben mag, so sehr hat er  lange Zeit unter dem Titanen Beethoven, der gleichzeitig Vorbild und Ideal für Brahms war, gelitten, der ihn erst spät in dessen symphonische Fußstapfen treten  ließ: "Ich werde nie eine Symphonie komponieren! Du hast keinen Begriff davon,  wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren  hört" (an Hermann Levi Anfang der 1870er Jahre, als er seine erste Symphonie zu schreiben beginnt)

Nachdem schließlich seine erste Symphonie 1877 nicht nur das Licht der Welt erblickt hatte, sondern auch am 4. November in Karlsruhe  mit großem Erfolg uraufgeführt worden war, entstand innerhalb von nur zehn Jahren  sein gesamtes symphonisches Werk. Nach weiteren Aufführungen innerhalb weniger  Tage in Mannheim und München, Wien, Leipzig und Breslau wird das Werk am 8. März des folgenden Jahres auch in Cambridge unter der Leitung von Joseph Joachim gegeben.

In seinem Posten als Leiter der Singakademie ist Brahms jedoch weniger erfolgreich. Die erste Euphorie der Sänger weicht schon bald einer allgemeinen  Unzufriedenheit, da sich die meisten angesichts eines Programms aus alter Chormusik und wenig bekannten Werken von Schumann, Mendelssohn und Beethoven, überfordert  fühlen. Darüber hinaus muss sich Brahms gegen die musikalische Konkurrenz des "Singvereins der Gesellschaft der Musikfreunde" behaupten und legt daher den Posten bereits ein Jahr später wieder nieder.

Ein Jahrzehnt später sollte Johannes Brahms erneut eine Dirigentenstelle angeboten werden, dieses Mal wird er Leiter der Konzerte der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde gegen ein Jahresgehalt von 3000 Gulden, wo er unübersehbar  seine künstlerischen Spuren hinterlassen hat, denn er hebt die Konzerte auf  ein vollkommen neues künstlerisches Niveau indem er die bisher verpflichteten Amateurmusiker durch Mitglieder des Hofopernorchesters ersetzt, größere Anforderungen an den Chor stellt und die Programme mit Werken des gerade verstorbenen Schumann  oder Mendelssohn sowie zumeist unbekannteren Kompositionen von Händel, Bach oder Cherubuini füllt.

Brahms und die Neudeutsche Schule

Seit Brahms 1871 eine Wohnung in der Karlsgasse 4 bezogen  hatte, sollte Wien in den nächsten mehr als 25 Jahren bis zu seinem Tode neue Heimat und Ausgangspunkt für seine Konzerte und Reisen werden.

Bereits 1860 schließt sich Johannes Brahms einem Manifest gegen  die Neudeutsche Schule, deren hervorragendste Vertreter Franz Liszt und Richard  Wagner sind und die - in Opposition zu ihrer Ansicht nach rückwärts gewandten  und an der Wiener Klassik orientierten Komponisten wie Felix Mendelssohn-Bartholdy,  Robert Schumann und Johannes Brahms - einen Fortschritt in der Musik fordern wie beispielsweise in Form des Musikdramas und der symphonischen Dichtung, an.  Die Unterzeichner protestieren gegen "die Grundsätze ... der so genannten 'Neudeutschen' Schule, welche Grundsätze praktisch zur Anwendung bringen und  teils zur Aufstellung immer neuer, unerhörter Theorien zwingen, (welche) dem innersten Wesen der Musik zuwider (sind und) nur beklag(t) oder verdamm(t werden) können".

Mit einem dieser Vertreter, Hans von Bülow (1830-1894),  sollte Brahms später jedoch eine enge künstlerische Beziehung verbinden, was nicht zuletzt durch private Konstellationen - Bülows Frau Cosima hatte sich  1864 von ihm getrennt und lebte bis zur endgültigen Scheidung fünf Jahre in  wilder Ehe mit Richard Wagner zusammen - begünstigt wurde. Doch darüber hinaus  ist Hans von Bülow zu sehr Musiker, um nicht letztendlich auch durch Brahms'  kompositorische Leistungen beeindruckt zu sein. Bereits 1854 hatte er seiner Mutter gegenüber Brahms als "Talent ... von Gottesgnadentum im guten Sinne" bezeichnet. Als Hans von Bülow 1880 das Hoforchester in Meiningen übernimmt, ist dies einer der Glücksfälle in der Geschichte der Musik, steht doch Johannes Brahms damit ein erstklassiges Forum nicht nur für die Erprobung neuer Kompositionen, sondern auch deren (Ur)Aufführung zur Verfügung.

Johannes Brahms und Clara Schumann

"Dieser (Tag) brachte uns eine wunderbare Erscheinung in dem 20-jährigen Komponisten Brahms aus Hamburg. Das ist wieder einmal einer, der kommt wie eigens von Gott gesandt! - Er spielte uns Sonaten, Scherzos etc. von  sich, alles voller überschwänglicher Fantasie, Innigkeit der Empfindung und meisterhaft in der Form. Robert meint, er wüsste ihm nichts zu sagen, das er  hinweg- oder hinzuthun solle. Es ist wirklich rührend, wenn man diesen Menschen am Klavier sieht mit seinem interessant jugendlichen Gesichte, das sich beim Spielen ganz verklärt, seine schöne Hand, die mit der größten Leichtigkeit die größten Schwierigkeiten besiegt, und dazu nun diese merkwürdigen Kompositionen."

Clara Schumann (1819-1896)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Mit diesen Worten dokumentiert Clara Schumann die erste Begegnung  mit Johannes Brahms vom 20. September 1853. Zwischen ihrem Mann Robert und dem jungen Komponisten entspringt sofort eine intensive Künstlerfreundschaft,  denn Schumann erkennt die musikalische Sendung des jungen Mannes. Nach Roberts frühem Tod wird Johannes Brahms für Clara, die ihn als Komponisten außerordentlich  schätzt und sich nachhaltig für die Verbreitung seiner Werke einsetzt, indem sie sie regelmäßig in ihre Konzertprogramme aufnimmt, ein unentbehrlicher Freund.
Verbindet die Witwe und den 14 Jahre jüngeren Komponisten  in der ersten Zeit eine Art Mutter-Sohn-Beziehung, so sollte sich daraus in  den nächsten Jahren beinahe unmerklich eine tiefe Liebe entwickeln. Ein Spiegelbild  dieser Wandlung sind die Briefe, die zwischen beiden über die Jahre hinweg ausgetauscht  werden. Aus Brahms' "Verehrte Frau" wird "Geliebteste Freundin" und schließlich  "Meine geliebte Clara". Bei Clara Schumann vollzieht sich diese Veränderung  eher unterbewusst, drängt sich dafür aber im Jahr 1858 eruptiv an die Oberfläche,  als sich Johannes Brahms - ohne Aussicht auf eine Erwiderung seiner Gefühle  für Clara - in die junge Agathe von Siebold verliebt. Diese Entdeckung wirft  Clara Schumann in eine tiefe seelische Krise: "Ich verbrachte einen schlimmen  Sommer und war noch im September ... so elend nervös, dass ich nichts tun konnte." Johannes Brahms hingegen sollte sich trotz seiner Liebe zu Agathe nicht für eine Heirat mit derselben entscheiden, weil er sich nicht "Fesseln" anlegen  lassen wollte, vielleicht jedoch auch, weil Clara die große Liebe seines Lebens  war, von der er innerlich nicht loskommen konnte. Noch 1876 schreibt Brahms  an Clara: "Ich liebe dich mehr als mich und irgendwen und -was auf der Welt."

Das letzte Jahrzehnt

Obwohl Johannes Brahms über die Jahre immer wieder neue Dirigentenstellen  angeboten worden waren - so als 1878 die Stelle des Thomaskantors in Leipzig,  1884 Generalmusikdirektor in Köln oder 1894 die früher so sehr ersehnte Stelle  bei der Hamburger Philharmonie - verläuft sein Leben in den letzten zwanzig  Jahren im Wesentlichen nach dem Rhythmus Konzerte im Winter, schöpferische Pause im Sommer. Bis zuletzt ist der Kontakt zu Clara Schumann der menschlich und künstlerisch wichtigste in seinem Leben.

Als Clara Schumann am 20. Mai 1896 in Frankfurt stirbt,  ist dies ein schwerer Schlag für Johannes Brahms. Kompositorisch verarbeitet  er diesen in den Vier Ernsten Gesängen op. 121: "... ich bitte, sie als ganz eigentliches Totenopfer für Ihre geliebte Mutter anzusehen..." (an Marie Schumann am 7. Juli 1896) Ihm selbst sollte danach weniger als ein Jahr beschieden sein. Man sieht ihn zum letzten Mal in der Öffentlichkeit  anlässlich der zweiten Aufführung seiner Symphonie Nr. 4 e-Moll op. 98 am 7. März 1897 unter der Leitung von Hans Richter,  die sich zu einem triumphalen Erfolg des bereits todkranken Meisters gestaltet:  "... immer wieder muss er an die Logenbrüstung treten, und am Schluss will der gewaltige Jubel überhaupt kein Ende mehr nehmen - die Menschen unten wissen,  sie sehen Brahms zum letzten Mal, und Brahms weiß es auch..."

Weniger als einen Monat später, am 3. April 1897, stirbt er in seiner Wohnung in der Karlsgasse an Leberkrebs. Er wird drei Tage später unter großer Anteilnahme der Wiener Bevölkerung auf dem Zentralfriedhof bestattet (Ehrengrab Gr. 32A, Nr. 26).

Auszeichnungen

  • 1879: Ehrendoktor der Universität Breslau; Brahms komponiert aus diesem Anlass die Akademische Festouvertüre op. 80

  • 1886: Ehrenpräsident des Wiener Tonkünstlervereins

  • 1889: Ehrenbürger der Stadt Hamburg; in diesem Zusammenhang  entstehen die Fest- und Gedenksprüche op. 109

Werke

"Das, was man eigentlich Erfindung nennt, also ein wirklicher  Gedanke, ist sozusagen höhere Eingebung, Inspiration, d. h. dafür kann  ich nichts. Von dem Moment an kann ich dies 'Geschehen' gar nicht genug verachten,  ich muss es durch unaufhörliche Arbeit zu meinem rechtmäßigen, wohlerworbenen  Eigentum machen. Und das braucht nicht bald zu sein." (Johannes Brahms)

Diese Überzeugung ließ Brahms oft über Jahre hinweg an seinen  Kompositionen arbeiten. Er verändert die Orchesterfarbe durch den Einsatz von  Posaunen und Kontrafagott sowie teilweise Basstuba. Darüber hinaus sprechen seine Werke unverkennbar die Brahmsche Tonsprache, in der dunkle Klangfarben eine fast körperlich spürbare musikalische Wärme verströmen.

Orchesterwerke

  • 1. Symphonie c-Moll op. 68

  • 2. Symphonie D-Dur op. 73

  • 3. Symphonie F-Dur op. 90

  • 4. Symphonie e-Moll op. 98

  • Akademische Festouvertüre op. 80

  • Tragische Ouvertüre op. 81

  • Fünf ungarische Tänze

  • Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15

  • Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83

  • Violinkonzert D-Dur op. 77

  • Doppelkonzert für Violine und Violoncello a-Moll op. 102

Klavierwerke

Sie nehmen neben dem umfangreichen Vokalwerk eine zentrale Stellung  in Brahms' Gesamtwerk ein; die folgende Übersicht stellt eine Auswahl dar.

  • Sonaten

  • Scherzo Nr. 3 f-Moll op. 4

  • Variationen über ein Thema von Robert Schumann op. 9

  • Variationen über ein eigenes Thema op. 21/1

  • Variationen über ein ungarisches Lied op. 21/2

  • Variationen über ein Thema von Händel op. 24

  • Vier Balladen op. 10

  • Zwei Rhapsodien op. 79

  • Sieben Fantasien op. 116

  • Drei Intermezzi op. 117

  • Ungarische Tänze

Kammermusik

  • Sextette, Quintette, Quartette und Trios für verschiedene  Besetzungen

  • Sonaten für Violine, Violoncello und Klarinette

  • Streichquartette

Vokalwerk

Den Schwerpunkt in Brahms' kompositorischem Schaffen bildet sein Vokalwerk, das sowohl inhaltlich als auch musikalisch ein breites Spektrum abdeckt. Inspiriert dazu haben ihn u. a. seine verschiedenen Stellen als Leiter von Chören wie des Hamburger Frauenchores, den Brahms selbst im Jahr 1859 gegründet hatte.

Als Texte dienten ihm zumeist Verse von unbekannten Dichtern,  die ihm nach seiner Ansicht mehr künstlerischen Freiraum und Möglichkeiten boten als beispielsweise Gedichte von Goethe: "Die sind alle so fertig, da kann man mit Musik nicht an." Brahms suchte sich Texte, die er durch seine Musik ergänzen und vervollkommnen konnte.

Neben den großen Werken für Chor und Orchester wie dem Trimphlied op. 55, Nänie op. 82, Gesang der Parzen op. 89 oder der Rhapsodie für Altsolo, Männerchor und Orchester op. 53,  die auch heute immer noch die Seele ergreift ist besonders sein Deutsches  Requiem op. 45 hervorzuheben. Erste Skizzen entstanden bereits im  Jahr 1847, ein Jahr nach Robert Schumanns Tod, vollendet wurde es nach dem Tod von Brahms' Mutter Christiana, der den Komponisten tief erschüttert. Das Neue an Brahms' Requiem liegt im Text, der nicht eine Vertonung der Messtexte  für eine Totenfeier in deutscher Sprache darstellt, sondern vom Komponisten selbst zusammengestellte Textpassagen aus der Bibel beinhaltet und damit eine persönliche Aussage trifft, in der elementare Gefühle und Glaubensinhalte wie Trauer, Geduld, Hoffnung, Zuversicht und Erlösung ausgedrückt werden.

Darüber hinaus finden sich in seinem Vokalwerk Motetten, Geistliche  Lieder, Marienlieder, Volkslieder, nicht zu vergessen die Liebeslieder-Walzer  und Zigeunerlieder. Gesangsquartette mit Klavierbegleitung und eine Vertonung  des 23. Psalms für Frauenchor zählen ebenso darunter wie zahlreiche Lieder und Romanzen für eine oder zwei Singstimmen und Klavier.

 Bibliografie


                                                                                  

    Karlheinz Böhm: Johannes Brahms - Sein Leben. Für Kinder mit vielen Musikbeispielen erzählt. 1 Toncassette, Universal Vertrieb, Hamburg  o. J


                                                                                  

    Alfred von Ehrmann: Brahms-Werkeverzeichnis, Verlag Breitkopf  &Härtel,  Wiesbaden 1980


                                                                                  

    Walter Gieseler: Die Harmonik bei Johannes Brahms, Verlag Die  Blaue Eule, Essen 1997


                                                                                  

    Karla Höcker: Johannes Brahms. Begegnung mit dem Menschen, Verlag  E. Klopp, Hamburg 2. Auflage 1985


                                                                                  

    Renate und Kurt Hoffmann: Johannes Brahms. Zeittafel zu Leben  und Werk, Tutzing 1983


                                                                                  

    Christiane Jacobsen (Hrsg.): Johannes Brahms. Leben und  Werk, Wiesbaden 1983


                                                                                  

    Christian M. Schmidt: Reclams Musikführer Johannes Brahms, Ph. Reclam Verlag, Ditzingen 1994


                                                                                  

    Ders.: Johannes Brahms und seine Zeit, Laaber Verlag, Laaber 2. Auflage 1998