Heidi Lachnitt (hl)


nachtjuwelen

schwarze perlen
auf rotem band
gleiten durch meine hand

fallen im dunkeln
seh' sie noch funkeln
sterne aus fernem land

rote korallen
auf weisser schnur
tod stellte meine uhr

ging an mir vorüber
rufe ihn wieder
bruder aus fernem land

goldener stern
im weichen frühlingsgras
malte mir die wangen nass

stern ist versunken
löschte aus sein licht
verbarg mein gesicht

weisse diamanten
so hart, so klar
sagen was wahr und war

warmes licht bringt
sie zum funkeln
leuchten nur im dunkeln

.. regenbogenleicht
ich singe im traum
und merk es kaum



gesang der freude

uebergang
dunkler kuehle
zu leuchtender waerme

dunkelgewohnte augen
geblendet
von gleissendem licht

silhouetten schemenhaft
kaum wahrnehmbar
am horizont

noch haelt das weiche
dunkle moos den schritt
lockt die dunkle melodie

waehrend rueckenwaerts
sich fluegel langsam
entfalten

vibrieren
trommelfelle im takt
der endlosigkeit

zoegernd der fuss
erdgebunden in
hoehenfurcht

weit darueber
in den sphaeren der ewigkeit
schweben seelen

in vollendeter harmonie
gesang der freude
begegnung im unendlichen



Herbstmorgen

Die bunt gefärbten Bäume
kuscheln sich tief
in weiche graue Nebelbetten

Die Tränen der Nacht
glänzen wie Silberperlen
auf dem zerissenen Netz
vergangener Träume

Stille herrscht und Ruhe
- sei nur fein leise
weck sie nicht auf



gesagt

zwischendurch gesagt
angesagt
tot gesagt
nicht gesagt
falsch gesagt
vorgesagt
nachgesagt
vorher gesagt

unglauben
erst danach

gehört
verstanden
beschämt
empört
zugestimmt
abgelehnt
verachtet
abgewiesen

ich doch nicht
bewusstsein

zu spät
dass alles
viel zu spät



frühsommermahd

verzweifelt suhlt mein dunkles ich
im schlamm des bösen sich und weint
hyänen lachen über mich
es grinst der mond und scheint

gedanken rasen wirr auf autobahnen
fremder gehirne, limit überschritten!
promillgehalt von sinn nicht zu erahnen
und auf bananenschalen ausgeglitten

die sprachenpolizei gebietet ruh
ich lache und kann mich nicht bremsen
hyänen schauen staunend zu
die schnitter wetzen sensen

sie mähen kreuz, sie mähen quer
und freuen am geschnitt'nen sich
hyänen, köpfe und noch mehr
am ende mähen sie auch mich



zwischen tag und nacht

tag
gleissende mutter gnadenlos
raubtest mir den sohn
schicktest das weisse
das tösende das tötende
licht
zerstörtest ein gebäude
zerstörtest einen stuhl
darauf saß
mein sohn
zwanzig jahre alt

nacht
schwarze mutter gnadenlos
raubtest mir den sohn
schicktest das weisse
das tösende das tötende
licht
zerstörtest meine hütte
zerstörtest meine wiege
darin lag
mein sohn
fünf tage alt

himmel
blaue mutter gnadenlos
wiegst unsere söhne
jetzt in deinem schoß
menschenhand schickte
bei tag und bei nacht
das weisse
das tösende das tötende licht
wir vergessen nicht
wir vergessen nicht



nachtmare

kinderlied singt leise
altvertraute weise
weckt dich aus dem traum

sternlein fällt herunter
nebel steigt empor
silberwasser fließen
fließen ins dunkle moor

kinderlied singt leise
von vergang'ner zeit
und von herzens leid

zorngestalten zeigen
drohend ihre macht
alte ängste fliegen
fliegen durch die nacht

kinderlied singt leise
altvertraute weise
singt dich in den traum

himmel färbt sich rot
kündet vom morgen
kleine vögel zwitschern
zwitschern ohne sorgen

kinderlied singt leise
immer gleiche weise
kindertraum...



Weisse Räume (ein Prosaversuch)

Als ich aus den stillen weissen Räumen, mit den stillen weissen Lichtern und den stillen weissen Menschen zurückkehrte: in das Zwielicht meiner Welt, eine Welt von der ich mich versuchsweise verabschiedet hatte, eine Welt mit Farben und Schattierungen, mit Tönen und Zwischentönen und mit Menschen, so vielen lauten Menschen, überkam mich die Angst.

Ich wollte diese Welt nicht mehr, die ständige Herausforderung, die Verantwortung, die Forderungen anderer. Bereit zu gehen hatte ich abgeschlossen mit dieser Welt, mich zurückgezogen, Ruhe gefunden.

Noch war mein Körper geschwächt, ich konnte mich verstecken in dem Dunkel meines Schlafzimmers für eine kurze Zeit. Doch der böse Geist der Vernunft stellte seine Forderungen: "Steh auf! Beweg Dich! Geh nach draussen! " und "Sprich mit den anderen!" Mechanisch, als wäre ich willenlos (ich war willenlos) befolgte ich meine Befehle.

Ich stand morgens auf, verliess mein Zimmer und erledigte, wenn auch mühsam, einige der erlernten, antrainierten Tätigkeiten des Alltages. Ich verliess das Haus und ging langsam, mühsam einige bekannte Wege. Nicht zu viel, nicht zu weit. Jeden Tag ein wenig mehr, ein wenig weiter. Ich gab Antworten, wenn man mich fragte aber ich sprach nicht. (Meine Sprache hatte ich schon lange Zeit vorher verloren, niemand hat es gemerkt)

Fast unmerklich glitt ich zurück in meine alte Fassade. Sie funktionierte wieder.


(c) Heidi Lachnitt (hl)

Zur Homepage der Autorin