|
Edward Grieg
Zeit und Welt
Edvard Griegs Lebenszeit fällt in die musikalische Epoche der Romantik, die wesentlich von den Bewegungen der Amerikanischen und der Französischen Revolution geprägt wurde. Im Zuge dieses aufklärerischen Geistes entsteht eine neue Art von Nationalismus, der sich auch in der Musik niederschlägt. Auf dem Boden der allgemeinen musikalischen geschichtlichen Errungenschaften entstehen in Verbindung mit der nationalen Sprache der Volksmusik eigene Stile, die die musikalische Klangpalette bis in die Gegenwart hinein enorm bereichern.
Edvard Griegs Lebenszeit wird geprägt von dem Kampf um politische Unabhängigkeit und kulturelle Eigenständigkeit. Politisch finden diese Kämpfe 1905 mit der Vereidigung König Haakons VII. ein Ende und begründen das eigenständige Königreich Norwegen.
Bergen, die zweitgrößte Stadt Norwegens; Blick auf das histirische Hanseviertel und den Fischmarkt am Hafen © Dokument-Vortragsring, München
Auf kultureller Seite werden diese Bewegungen durch das 1850 von Ole Bull gegründete, erste norwegische Theater (Den nationale Scene) unterstützt, in dem die norwegische Kunst in allen ihren Facetten zur Geltung und Aufführung kommen soll: Literatur und Kunst ebenso wie Musik und Tanz. Auch Edvard Grieg sollte zeit seines Lebens seinen Beitrag zu einer eigenständigen norwegischen Musik zu leisten versuchen; eine seiner bedeutendsten Initiativen in dieser Richtung war im Sommer 1898 die Initiierung des ersten norwegischen Musikfestes in Bergen.
Biografie
Kindheit und Jugend
Edvard Grieg (1843-1907) © Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
Edvard Grieg wird am 15. Juni 1843 im norwegischen Bergen als viertes von fünf Kindern des Alexander Grieg und seiner Frau Gesine geboren. Die Familie stammt väterlicherseits ursprünglich aus Schottland: Urgroßvater Alexander Greig war 1770 nach Norwegen ausgewandert, hatte dort seine Namen in Grieg geändert und einen erfolgreichen Hummer- und Stockfischexport aufgebaut.
Die musikalischen Gene werden Edvard von beiden Elternteilen gleichermaßen in die Wiege gelegt. Von besonderer Bedeutung für seine musikalische Zukunft wird jedoch v.a. Gesine Grieg. Sie hat ein Musikstudium bei dem deutschen Komponisten und Dirigenten Albert Methfessel (1785-1869) in Hamburg absolviert und tritt sowohl als Pianistin als auch als Sängerin öffentlich auf. Außerdem pflegt sie ein reges Hausmusikleben, an dem auch ihr Gatte teilnimmt, mit dem sie vierhändig Klavier spielt. Sie ist es auch, die ihrem Sohn ab seinem 6. Lebensjahr den ersten Klavierunterricht erteilt. Drei Jahre später beginnt Edvard auch mit seinen ersten zaghaften Kompositionsversuchen.
In der ab 1853 besuchten, gerade seit drei Jahren bestehenden modernen Tanks Skole (einer Realschule, die mehr naturwissenschaftlich als humanistisch orientiert ist) stempelt ihn diese Begabung und sein musisches Interesse jedoch schnell zum Außenseiter ab und lässt ihm den Schulalltag zur Qual werden.
Trotz seines offenkundigen musikalischen Interesses und seiner Begabung schwebt Edvard zunächst der Beruf eines Pastors als Ideal vor. Den entscheidenden Auslöser für ein Musikstudium soll 1858 Ole Bornemann Bull (1810-1880), der renommierte norwegische Geigenvirtuose, gegeben haben, der in Edvard instinktiv die zukünftige Bedeutung für die norwegische Kunstmusik erkennt und seinen Eltern ein Studium in der damaligen Kulturmetropole Europas, in Leipzig, empfiehlt.
Leipziger Studienjahre
Leipzig war seit 1843, als Felix Mendelssohn-Bartholdy dort das erste deutsche Musikkonservatorium gegründet hatte, zu einem Mekka für die musikalische Welt Europas geworden. Darüber hinaus bietet die Stadt für den fünfzehnjährigen Studenten neben den Unterrichtsstunden in Klavier und Musiktheorie, Komposition und Kontrapunkt vielfältige neue musikalische Erfahrungen: Begegnungen mit der Musik Richard Wagners sowie vor allem der des kürzlich, im Jahr 1856, verstorbenen Robert Schumann in der Interpretation durch seine Witwe Clara Schumann.
Robert Schumann (1810-1856) © Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
Pianistisch werden in den nächsten Jahren vor allem Ernst Ferdinand Wenzel (1808-1880) und Ignaz Moscheles (1794-1870) für Edvard Grieg von Bedeutung. Insbesondere zu ersterem, der bei Friedrich Wieck (Clara Schumanns Vater) Klavier studiert hatte und ein Freund Robert Schumanns war, entwickelt sich aufgrund der gemeinsamen Verehrung für diesen Komponisten eine enge Beziehung. Beide Lehrer sollten die Grundlage für den späteren Erfolg Edvard Griegs auch als Pianist legen.
Daneben vermittelt ihm sein Leipziger Studium jedoch vor allem das handwerkliche Rüstzeug für sein zukünftiges kompositorisches Schaffen. Edvards Griegs Kompositionslehrer werden Ernst Friedrich Richter (1808-1879), Robert Papperitz (1826-1903) und Moritz Hauptmann (1792-1868), die dem jungen Studenten nicht nur eine profunde musiktheoretische Basis vermitteln, sondern gleichzeitig auch seine bereits zutage tretende künstlerische Persönlichkeit und Eigenart ernst zu nehmen und zu fördern bemüht sind. In seinem letzten Studienjahr tritt noch Carl Reineke als Kompositionslehrer hinzu.
Höhepunkte von Edvard Griegs Leipziger Studienzeit sind sein erfolgreiches Debüt als Pianist während eines in den Sommerferien des Jahres 1861 im südschwedischen Karlshamn gegebenen Konzertes sowie im Rahmen seiner Abschlussprüfung ein Auftritt bei einem Konzert im Gewandhaus am 12. April 1862 mit drei eigenen Werken aus den Vier Klavierstücken op. 1.
Kopenhagen
Ab April 1863 setzt Edvard Grieg seine musikalischen Studien für weitere zweieinhalb Jahre in Kopenhagen fort. In dieser Zeit kommt der junge Musiker erstmals mit der nordischen Volksmusik in Berührung, die ihm den entscheidenden Impuls für seinen zukünftigen Weg als Komponist gibt. Auch privat verändert sich in dieser Zeit sein Leben: Edvard Grieg lernt seine Cousine Nina Hagerup kennen, die er vier Jahre später heiratet und die in den nächsten Jahren vor allem zur einfühlsamen Interpretin vieler seiner Lieder wird.
Erste Ergebnisse der Beschäftigung mit der norwegischen Volksmusik sind in diesen Jahren vor allem die vier Humoresken op. 6 für Klavier, die Klaviersonate e-Moll op. 7 sowie die Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 F-Dur op. 8; alle drei Werke finden auch verlegerisches Interesse und werden in drei verschiedenen Häusern in Dänemark und Deutschland veröffentlicht. Unter den für seine Verlobte Nina Hagerup komponierten Liedern dieser Zeit sind vor allem seine Vier Romanzen op. 10 sowie die Melodien des Herzens op. 5 nach Gedichten des von Grieg hoch geschätzten Dichters Hans Christian Andersen (1805-1875) von Bedeutung.
Kristiania
Die heute unter dem Namen Oslo bekannte Hauptstadt Norwegens wird ab Oktober 1866 zur neuen Heimat Edvard Griegs, wo er als Pianist und Dirigent auftritt sowie Klavierstunden erteilt. Einen besonders ehrgeizigen Plan verfolgt er gemeinsam mit dem Komponisten Otto Winter-Hjelm (1837-1931) mit der Gründung einer eigenen norwegischen Musikakademie, der jedoch nach zwei Jahren bereits wieder scheitert. Erfolgreicher sollte sich da die Gründung des 1871 ins Leben gerufenen "Musikvereins" gestalten, aus dem 1919 die "Philharmonische Gesellschaft" entsteht.
Bei all diesen Aktivitäten bleibt Edvard Grieg nur wenig Muße für die Komposition neuer Werke. Dennoch gelingt ihm 1867 mit der Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 G-Dur op. 13 ein kammermusikalisches Meisterwerk, das seither vor allem im nordischen Raum seinen festen Platz im Konzertrepertoire hat. Als besonders erfolgreich auch auf breiter Amateurmusiker-Basis erweisen sich in diesem Jahr seine acht Lyrischen Stücke op. 12 für Klavier, die in einem Sammelband - dem neun weitere folgen sollten - bei der Leipziger Edition Peters erscheinen.
Internationaler Durchbruch
1868 gelingt Edvard Grieg mit seinem Klavierkonzert a-Moll op. 16 der künstlerische Durchbruch, der den Komponisten mit einem Schlag nicht nur als norwegischen Nationalkomponisten etabliert, sondern ihm auch internationale Anerkennung verschafft. Wichtige Impulse für den Klavierpart gingen für dieses Werk von dem Klaviervirtuosen Edmund Neupert (1842-1888) aus, dem das Konzert gewidmet ist und der es auch bei der Uraufführung am 3. April 1869 im Königlichen Theater von Kopenhagen vorträgt.
Der Klaviervirtuose, Dirigent und Komponist Franz Liszt (1811-1886). © Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
Diesem Prestigegewinn verdankt Edvard Grieg ein staatliches Stipendium für einen mehrmonatigen Romaufenthalt, wo er dem fast sechzigjährigen Meister Franz Liszt begegnet. Dessen Wertschätzung von Griegs Kompositionen und Talent festigen Edvard Griegs künstlerisches Selbstbewusstsein.
Musikdramatiker
Nach seiner Rückkehr von Rom beginnt für Edvard Grieg ein neues Kapitel in seiner kompositorischen Laufbahn. Bereits 1864 hatte Edvard Grieg den Schriftsteller Bjørnsterne Bjørnson (1832-1910) kennen gelernt. Damals war Grieg stark von der patriotischen und demokratischen Gesinnung Bjørnsons angesprochen worden, die ihn "künstlerisch und politisch" geprägt hatte. Und auch der Dichter erkannte in dem Komponisten spontan die ideale künstlerische Ergänzung für seine Arbeit.
So entstehen ab 1871 verschiedene Werke in Koproduktion von Dichter und Komponist, angefangen bei Vor der Klosterpforte op. 20, einem Werk für Sopran, Alt und Orchester, in dem ein Teil von Bjørnsons Dichtung "Arnljot Gelline" vertont wird, über die bis heute populäre Bühnenmusik zu Sigurd Jorsalfar op. 22 bis hin zu dem Melodrama Bergliot op. 42, den fragmentarisch gebliebenen drei Szenen zur Oper Olav Trygvason op. 50 oder der bis heute publikumswirksamen Kantate Landerkennung op. 31 für Bariton, Männerchor und Orgel bzw. später Orchester.
Während der spannungsgeladenen Arbeit an der Oper "Olav Trygvason" erreicht Edvard Grieg eine Anfrage Henrik Ibsens für die Komposition der Bühnenmusik zu dessen Drama Peer Gynt. Zunächst sowohl finanziell als auch künstlerisch angespornt, nimmt Grieg an, doch die Arbeit gestaltet sich nach den ersten erfolgreichen Ergebnissen als zäh und wird eine "Kaiserschnittgeburt". Nichts desto trotz wird die Coprodution bei ihrer Uraufführung am 24. Februar 1876 spontan zu einem umjubelten Erfolg. Zwischen 1887 und 1892 entstehen aus dieser Bühnenmusik die zwei bekannten viersätzigen Peer Gynt-Suiten op. 46 und 55.
Krisenjahr 1876
Nach all den stetig wachsenden Erfolgen fällt Edvard Grieg 1876 nach eigener Aussage in eine tiefe seelische Depression. Auslöser dafür ist der Tod beider Elternteile innerhalb weniger Wochen im Herbst 1875. Darüber hinaus scheint es Differenzen aufgrund einer vermutlichen Affäre zwischen Nina Grieg und ihrem Schwager John zwischen den Eheleuten gegeben zu haben, die den Komponisten belasten. In dieser Zeit entsteht Griegs reifstes Klavierwerk, die Ballade g-Moll op. 24, die dem Künstler aus der wolkenverhangenen Seele zu sprechen scheint. Ähnliche autobiographische Züge finden sich in den Sechs Liedern op. 25 auf Gedichte von Henrik Ibsen.
Neuer Anfang in Lofthus
Enttäuschte künstlerische Hoffnungen in Kristiania zu Ende des Jahres 1876 und eine erfolglose Schweden-Tournee mit seiner Frau Nina lassen Edvard Grieg zunächst vorübergehend, bald jedoch endgültig dem hektischen städtischen Leben den Rücken kehren. Edvard Grieg zieht sich ab 1877 in die ländliche Einsamkeit von Lofthus, gut 100 km östlich von Bergen am Sørfjord gelegen, zurück.
Noch unter den Eindrücken des Krisenjahres 1876 entsteht 1877/78 in disziplinierter kompositorischer Arbeit eines von Edvard Griegs wichtigsten und persönlichsten Werken, das Streichquartett g-Moll op. 27. Die Uraufführung am 29. Oktober 1878 durch das Heckmann-Quartett in Köln stößt jedoch nicht auf die in den letzten Jahren gewohnte positive Aufnahme und eine weitere Aufführung in Leipzig wird sogar derartig verrissen, dass der Komponist tief getroffen ist.
Komponist auf Reisen
Clara Schumann, geb.Wieck (1819-1896) © Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
Johannes Brahms (1833-1897), Komponist © Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
Die letzten drei Lebensjahrzehnte Edvard Griegs sind mehr als bisher mit Konzertreisen - sowohl als Pianist als auch als Dirigent und dabei vor allem immer als Anwalt seiner eigenen Werke - angefüllt und reflektieren die wachsende Bedeutung des Komponisten im Ausland. Dabei führen ihn (z. T. auch mit seiner Ehefrau Nina) die Reisen durch ganz Europa. Von besonderer Bedeutung sind dabei nicht nur die musikalischen Erfolge, sondern auch die neuen künstlerischen Kontakte mit Persönlichkeiten wie Johannes Brahms, Clara Schumann oder Peter I. Tschaikowskij.
Kompositorisch wird es in diesen Jahrzehnten neben Klaviermusik und Liedern, die Grieg regelmäßig schreibt, eher ruhig. Höhepunkte sind die Zwölf Lieder op. 33 nach Gedichten von Aasmund Olafsson Vinje (1818-1870), die Norwegischen Tänze op. 35 für Klavier zu vier Händen sowie die Suite Aus Holbergs Zeit op. 40 zum 200. Geburtstag des Dichters Ludvig Holberg (1684-1754), die acht unter dem Titel Haugtussa op. 67 zusammengefassten Lieder nach Texten von Arne Gaborg und vor allem die siebzehn Norwegischen Bauerntänze(Slåtter) op. 72 von 1902/03.
Griegs schöpferische Phantasie erlahmte in diesen Jahren - begründet durch sowohl körperliche Beschwerden als auch neue seelische Krisen - zeitweise beinahe völlig. Wie weit und in welcher Form die am Ende doch nicht glückliche Ehe mit Nina Grieg dafür verantwortlich war, lässt sich aufgrund unzureichender Quellen nur vermuten. Ab 1884 wird die Villa in Troldhaugen knapp zehn Kilometer südlich von Bergen und in unmittelbarer Nähe zu seinem engsten Freund Frants Beyer und dessen Familie zum neuen Lebensmittelpunkt des Ehepaares Grieg. Heute befindet sich dort ein Museum zu Leben und Werk des Komponisten.
Edvard Grieg stirbt am 4. September 1907 aufgrund der Folgen von einem Emphysem im rechten Lungenflügel in einem Krankenhaus in Bergen. Am 9. September wird zu Ehren des Verstorbenen unter Beteiligung zehntausender von Menschen eine Trauerfeier gehalten, nach der die sterblichen Überreste des Komponisten eingeäschert werden. Die Urne wurde im April 1908 in einem Felsen in der Nähe von Troldhaugen beigesetzt.
Werke
Landschaft am Sognefjord, Westnorwegen. © aisa, Barcelona
Wie Giuseppe Verdi und Béla Bartók sowie viele andere Komponisten seiner Zeit ist Edvard Griegs kompositorisches Schaffen nicht von seiner Zeit und Welt zu trennen. Und wie bei Bartók liegen auch bei Grieg die kompositorischen Wurzeln ganz bewusst in der Volksmusik seines Landes. Die norwegische Landschaft ist für Edvard Grieg nach eigenen Worten der "Resonanzboden" für seine schöpferische Phantasie. In seinem kreativen Umgang mit dem Werkstoff Volksmusik wurde der norwegische Komponist für den Ungarn Béla Bartók (1881-1945) ebenso richtungweisend wie für den jungen australischen Pianisten und Komponisten Percy Aldridge Grainger (1882-1961).
Auch wenn einige seiner Orchesterwerke bis heute zu den repräsentativsten Werken Edvard Griegs gezählt werden und für die breite Öffentlichkeit am präsentesten sind, hat sich der Komponist doch vor allem als Meister der kleinen Formen (Lieder, Lyrische Stücke für Klavier bzw. Charakterstücke) erwiesen.
Von vielen seiner Kompositionen, insbesondere seinen Orchesterwerken gibt es oft mehrere Fassungen, mit denen er im Laufe der Jahre geänderten künstlerischen Überzeugungen Rechnung trug, die jedoch auch Griegs schwach entwickeltes künstlerisches Selbstbewusstsein reflektieren; selten war er mit einem Werk am Ende restlos zufrieden.
|