G. F. Händel

Georg Friedrich Händel

Biografie

"Händel ist der größte Komponist, der je gelebt hat. Ich würde mein Haupt entblößen und auf seinem Grabe niederknien."
(Ludwig van Beethoven)

Kindheit und Jugend in Halle

Georg Friedrich Händel.  Stich nach T. Hudson, 1749

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Georg Friedrich Händel wird am 24. Februar 1685 in Halle an der Saale getauft; sein Geburtstag liegt wahrscheinlich einen Tag vorher,  weil die Taufe in jener Zeit unmittelbar auf die Geburt folgte. Georg ist der  Sohn des Kammerdieners und Leibchirurgen Georg Händel und seiner zweiten Frau Dorothea. Auf eine etwaige musikalische Begabung lässt sich aus seiner Ahnentafel nicht im Entferntesten schließen. Doch der Vater, aus einer einfachen Handwerkerfamilie  stammend, hat sich durch Zähigkeit und Fleiß über die Jahre eine Position in  der bürgerlichen Gesellschaft erworben und hegt für seinen jüngsten Sohn Georg Friedrich ebenfalls ehrgeizige Pläne, hat er für ihn doch die Juristenlaufbahn  bestimmt.

Doch ganz unerwartet zeigt Georg Friedrich schon in jungen Jahren Interesse für die Musik, und zwar mehr, als seinem Vater lieb ist. Als aus dieser anfänglichen Neigung schon bald ein ernsthafter Berufswunsch wird, ist Vater Georg allerdings mehr als besorgt, denn ein Musiker genießt gesellschaftlich einen zweifelhaften Ruf.

Seine ersten musikalischen Gehübungen unternimmt der Siebenjährige heimlich auf dem Dachboden des elterlichen Hauses auf einem Clavichord. Als Georg Friedrichs Begabung eines Tages bei Hofe publik wird, sieht sich der Vater  durch den Kunst liebenden Herzog gezwungen, auf sozusagen höchste Order bzw. Empfehlung, das Talent seines Sohnes zu fördern. Sein erster Lehrer ab 1692  wird Friedrich Wilhelm Zachow (1663-1712), bekannter Organist an der Haller  Liebfrauenkirche, der in dem nun folgenden dreijährigen Unterricht die Basis für das weitere musikalische Leben des jungen Schülers legt. Zachow vermittelt  ihm nicht nur die Grundlagen der Harmonie- und Instrumentationslehre, sondern auch einen weit gespannten Einblick in das musikalische Repertoire seiner Zeit, vor allem jedoch in die Werke der süd- und mitteldeutschen sowie der italienischen Komponisten. In dieser Zeit entstehen geistliche Werke wie die Kantate "Ach  Herr mich armen Sünder" oder eine Vertonung des Psalms 112. Einen nicht  zu unterschätzenden Einfluss hat in diesen Jahren auch seine Mutter, Tochter des Pfarrers Taust, auf ihn. Sie vermittelt ihm nicht nur einen engen Bezug  zur Religion, sondern auch zur Kirchenmusik.

Wichtige und prägende Einflüsse sollten von einer Konzertreise an den Berliner Musenhof der Kurfürstin Sophie Charlotte im Jahr 1697 ausgehen, wo der Elfjährige nachhaltig von dem Geist der dort wirkenden - vor allem italienischen - Künstler inspiriert wird und glanzvolle Aufführungen in der Berliner Oper erlebt.

Obowohl sein Vater bereits 1697 verstorben ist, respektiert Georg  dessen Wunsch und schreibt sich nach dem Schulabschluss 1702 an der juristischen  Fakultät in Halle ein. Doch Händel ist schon zu sehr vom Virus "Musica" befallen  als dass er sich ernsthaft der trockenen Jurisprudenz widmen könnte. Und so besteht seine Hauptbeschäftigung in den nächsten 12 Monaten weniger im Besuch  der Vorlesungen und Seminare, sondern im Orgeldienst an der Haller Domkirche gegen ein Jahresgehalt von 50 Thalern. In dieser Zeit entstehen etliche  Motetten, Kantaten und Psalmvertonungen für den gottesdienstlichen Gebrauch.

Operndirigent in Hamburg

Im Frühjahr 1703 steht Händel vor seinem musikalischen Scheideweg. Das Probejahr an der Haller Domkirche ist abgelaufen und er muss sich nun entscheiden: Kirchenmusik in der hallischen Provinz oder vielfältige Möglichkeiten in einer  deutschen Kulturmetropole. Händel entscheidet sich für die zweite Möglichkeit und zieht nach Hamburg, wo sich aus ersten Anfängen im Jahr 1678 eine der renommiertesten  deutschen Opernbühnen entwickelt hat. Darüber hinaus spielt auch die protestantische  Kirchenmusik im kulturellen Leben der Stadt eine wichtige Rolle.

Händel tritt zunächst als zweiter Geiger in das Opernorchester ein. Ein Glücksfall ist in diesen ersten Monaten die Bekannt- und später Freundschaft mit dem Musiktheoretiker, Komponisten und Dirigenten der Hamburger Oper, Johann  Mattheson, der den jungen Musiker schon bald unter seine Fittiche nimmt und nach Kräften weiter fördert. Doch als das Talent Händels das des vier Jahre  älteren Mattheson zu überflügeln beginnt, erhält die Freundschaft erste Risse.  Zum endgültigen Bruch kommt es dann am 5. Dezember 1704, als Händel, der inzwischen vom Geigenpult auf den Dirigentenplatz am Cembalo gewechselt hat, eine Aufführung von Matthesons Oper "Cleopatra" dirigiert.

Inspiriert von dem neuen Medium, komponiert Händel in den nächsten Jahren seine ersten Opern, die auf der Hamburger Bühne uraufgeführt werden: am 8. Januar 1705 "Almira", am 25. Februar 1705 "Nero" und  1708 "Florindo" und "Dafne".

Dolce Vita im Mekka des musikalischen Barock

Die neue musikalische Sprache des Barock nimmt von Italien aus ihren Anfang. Es ist eine Zeit der vielfältigen Neuerungen: der Geburtsstunde der Oper, des Concerto grosso, des Solokonzertes und des Oratoriums. Claudio  Monteverdi reformiert die Oper nach dem Grundsatz "Das Wort sei die Herrin der Musik" und begründet damit die Affektenlehre, mittels derer erstmals Gefühle musikalisch ausgedrückt werden. Giovanni Gabrieli wirkt am Markusdom von Venedig,  wo er von den beiden Emporen aus seine mehrchörigen Werke aufführt, Antonio  Vivaldi entwickelt das Solokonzert und Alessandro Scarlatti ist der Meister der Kammerkantate.

Und so bricht Georg Friedrich Händel im Herbst 1706 zu einem mehrjährigen Italien-Aufenthalt in das Mekka der barocken Musikwelt auf. Seine  erste Station im Winter 1706/07 ist Florenz, wo er nicht nur unmittelbar mit  allen Sinnen in die italienische Lebenswelt eintaucht, sondern sich auch von  der musikalischen Sprache inspirieren lässt. Eines seiner ersten italienischen Werke ist die Oper "Rodrigo". Daneben versucht er sich an der für ihn neuen Form der Kammerkantate oder Miniaturoper, die bis dahin in Alessandro Scarlatti  ihren unangefochtenen Meister hatte. In der Kantate "Lucrezia" gelingt ihm eine  Synthese aus alter und neuer, deutscher und italienischer, kraftvoller und cantabler  Tonsprache.

Händels Ruf in Italien gründet sich jedoch vor allem auf seine pianistischen Fähigkeiten, mit denen er als Improvisator auf der Orgel oder am Klavier brilliert und die ihm in den folgenden Jahren sämtliche Türen öffnen.  Von Florenz aus reist Händel Anfang 1707 nach Rom, wo er bald im kulturellen  Zentrum der Stadt, am Hof des Kardinals Pietro Ottoboni, zuhause ist. Herausgefordert durch das Wirken Arcangelo Corellis und Alessandro Scarlattis und inspiriert von den virtuosen Meisterleistungen italienischer Instrumental- und Vokalsolisten  wird Händels Kompositionsstil weiter geprägt und zu vielen, heute zumeist jedoch verschollenen Werken angeregt. Rom ist zu dieser Zeit jedoch nicht der Ort für die Opernaufführungen, die Ende des 17. Jahrhunderts von Papst Innonzenz XI.  verboten worden waren, sondern einer neuen Form, des 'Oratorio' als sakralem Pendant zur Oper, das mit weniger Pomp und Aufwand inszeniert wurde. Und so  entsteht 1708 in Rom, bereits 34 Jahre vor dem später weltberühmt werdenden  "Messias", Händels erstes Oratorium "Il Trionfo del Tempo e del Disinganno" ("Der Triumph der Zeit und der Täuschung"), eine Allegorie auf die Vergänglichkeit  alles Irdischen. Ein weiteres Oratorium mit dem Titel "La Resurrezione" ("Die  Auferstehung") wird für den Fürsten Ruspoli, Händels 'Hausherrn', komponiert.

Aufsehen erregt Händel auch in Rom wiederum als Tastenvirtuose,  insbesondere in einem musikalischen Wettstreit mit dem einheimischen Domenico  Scarlatti, Sohn des Opernkomponisten Alessandro Scarlatti: "Man hat sagen wollen, dass einige dem Scarlatti den Vorzug zuerkannt haben, in dem, was den Flügel  betrifft. Wie es aber zur Orgel kam, blieb nicht der geringste Zweifel übrig, wer den Preis davon trüge. Scarlatti selbst musste bekennen, dass er von Händel  auf der Orgel übertoffen sey, und gestund gar gern, dass er keinen Begriff von seiner Stärke gehabt, ehe er ihn darauf gehört hätte."

Händel verlässt Rom im Sommer 1708 nicht nur reich an Erfahrung  sondern auch an Vermögen und reist für einige Zeit nach Neapel. Von seinem dortigen Aufenthalt nimmt der Komponist Anregungen aus der Volksmusik der Hirten (insbesondere die "Siciliana", die danach vielfältigen Eingang in sein Werk findet) und die Beziehungen des Kardinals Vincenzo Grimani mit, der ihn seiner venezianischen  Familie empfiehlt. Die Grimanis unterhalten in Venedig drei verschiedene Opernhäuser, darunter das renommierte Theater San Giovanni Cristostomo, wo Händels bereits  in Neapel begonnene und auf dem Libretto des Kardinals Grimani fußende Oper "Agrippina" im Dezember 1709 mit ungeheurem Erfolg uraufgeführt wird. Mit dieser Oper, die eine Synthese aus deutscher und italienischer Musiksprache bildet, verbreitet sich Händels Ruf über Nacht in ganz Europa; das Werk wird  u. a. in Wien und Hamburg aufgeführt.

Intermezzo in Hannover

Mit "Agrippina" hat sich Händel in der Musikszene als einer der  ganz Großen, als ein 'Maestro' etabliert, und so kann er sich bei seiner Rückkehr nach Deutschland die zukünftige Wirkungsstätte aussuchen. Händel entscheidet  sich für den Posten des Hofkapellmeisters in Hannover, der gut dotiert ist und  ihm künstlerisch große Freiheiten lässt. Bedauerlich ist allerdings, dass die ehemals bedeutendste deutsche Opernbühne inzwischen geschlossen hat. Doch die  hannoversche Stippvisite sollte weniger musikalisch reiche Früchte tragen als Händels Sprungbrett zu Weltruhm und Unsterblichkeit bilden, denn wieder einmal nimmt sein Schicksal wie vorherbestimmt seinen Lauf.

Im Kurfürstentum Hannover regiert seit 1698 Georg Ludwig, der  mütterlicherseits mit dem Hause Stuart in England verwandt ist und - da die  derzeit dort regierende Königin Anna keinen leiblichen Erben besitzt - als englischer Thronfolger favorisiert wird. Doch die Londoner Oberschicht kann sich mit diesem  Gedanken noch nicht so recht anfreunden, und in diesem Zusammenhang kommen Händels  englische Reisewünsche dem Kurfürsten nicht ganz ungelegen, kann er den Maestro doch als künstlerischen Botschafter für seine politischen Ziele einsetzen.

Nach Zwischenaufenthalten in Halle, wo Händel u. a. seine  inzwischen erblindete Mutter besucht, und Düsseldorf, trifft der Komponist Ende  1710 in London ein. Dort findet er auf dem Gebiet der Oper ein noch vollkommen unbestelltes Feld vor, auf dem er schon bald erfolgreich seine eigenen Spuren hinterlässt und gleichzeitig die Entwicklung einer eigenständigen englischen Oper entscheidend beeinflusst.

Am 24. Februar 1711 wird im Queen's Theatre am Haymarket,  das unter der engagierten Leitung des jungen Direktors Aaron Hill steht, Händels neue, in nur 14 Tagen komponierte Oper "Rinaldo" über einen Ritter aus dem ersten Kreuzzug im Jahr 1099 mit erstklassigen italienischen Sängern und einer aufwendigen  Bühnendekoration uraufgeführt und muss für das begeisterte Publikum in der Spielzeit  noch 14 Mal wiederholt werden. In den nächsten Jahren steht das Werk auch in Hamburg und Neapel auf dem Spielplan.

Als Georg Friedrich Händel im Juni 1711 nach Hannover zurückkehrt, beginnt er sich innerlich bereits von seiner Heimat abzunabeln und auf einen längeren England-Aufenthalt vorzubereiten: er lernt nicht nur die englische  Sprache, sondern vertont erstmals auch englische Texte. Ende 1712 weilt er wieder  in London, und dieses Mal sollte es keine Rückkehr nach Hannover mehr geben.

Auf dem Gipfel des Ruhms in London

Das nächste Vierteljahrhundert in Händels Schaffen sollte vor  allem der Oper gewidmet sein. Nach der wenig beachteten Aufführung von "Il Pastor Fido" am 22. November 1712 gelingen Händel wenig später mit "Teseo" ("Theseus und Medea") und im Mai 1715 mit "Amadigi" wieder Erfolge. Doch noch hat sich die Oper als neue Kunstform in England nicht etabliert, sondern  wird von Teilen der Mittel- und Oberschicht als 'italienisches Teufelswerk' verdammt; gleichzeitig steckt das Queen's Theatre in einer finanziellen Krise.

Abhilfe schafft hier erst 1719 die auf persönlichen Wunsch seiner  Majestät König Georg I., der nach dem Tod von Königin Anna im Jahr 1714 den Thron bestiegen hatte, gegründete Opernakademie, die "Royal Academy of Music". Dass Händel mit der Leitung dieser Institution betraut wird, ist trotz seines inzwischen unbestrittenen Renommees bemerkenswert, hat er doch nicht nur die  Geduld und Großzügigkeit seines einstigen Dienstherrn und jetzigen Königs durch seinen ausgedehnten England-Aufenthalt über Gebühr strapaziert, sondern ist  darüber hinaus trotz aller Assimiliations-Bemühungen und künstlerischer Erfolge immer noch ein Ausländer. Doch Händel hatte sich mit einer Geburtstagshymne für Königin Anna im Jahr 1713 ("Ode for the Birthday of Queen Anne") Anerkennung auf höchster Ebene erworben, so dass er sogar mit der Komposition einer offiziellen  Hymne zur Feier des Friedens von Utrecht, der den spanischen Erbfolgekrieg beendete,  beauftragt wird. Das "Utrechter Te Deum" wird am 7. Juli 1713 in der  St. Paul's Cathedral aufgeführt. Aber auch König Georg ist nicht nur Monarch und Politiker sondern auch Kunstliebhaber und weiß letztendlich das Talent Händels zu würdigen - ob es dazu allerdings der Komposition und Uraufführung der "Wassermusik" während einer Lustfahrt auf der Themse als 'Versöhnungsgeschenk' bedurfte, bleibt umstritten.

Royal Academy of Music

Die Gründung der Royal Academy of Music geschieht zunächst mehr  aus wirtschaftlichen denn aus künstlerischen Erwägungen. Mit einem Startkapital  von 10000 Pfund, an dem sich die finanzkräftigen Familien des Landes mit Aktien von 200 Pfund pro Stück beteiligen können, wird eine Operngesellschaft ins Leben gerufen, für deren Erfolg Maestro Händel als musikalischer Leiter und Sänger aus dem musikalischen Mekka Italien garantieren sollen. Für Händel bedeutet  dieses Angebot eine dreifache Herausforderung sowohl an den Musiker als auch  an den Geschäftsmann und Organisator, denn seine erste Aufgabe besteht in der Verpflichtung erstklassiger Sänger, die er während einer mehrmonatigen Dienstreise  von verschiedenen deutschen und italienischen Bühnen gegen fürstliche Gagen anwerben kann.

Am 2. April 1720 sind die Vorbereitungen so weit abgeschlossen,  dass die erste Oper "Numitore" von Giovanni Porta über die Bühnen gehen kann, am 27. April folgt die glanzvolle Aufführung von Händels neuestem Werk  "Radamisto". Doch dann sollten außermusikalische Ereignisse Händels bis dahin  unumstrittene Herrscherposition erschüttern. Ein Börsencrash, verursacht durch  dubiose Geschäfte einiger Firmen, verbreitet Unsicherheit unter den Investoren und bringt dadurch auch ehrenhafte Unternehmen wie die Opernakademie in Verruf und finanzielle Schwierigkeiten. Was liegt da näher, als die künstlerische Leitung  der Akademie in andere, 'unbefleckte' Hände zu legen. So werden die Italiener  Giovanni Bononcini (1670-1747) und Attilio Ariosti (1666- um 1740) als weitere  Komponisten für die musikalische Leitung nach London verpflichtet. Daraus ergibt  sich in der Folge ein künstlerischer Wettstreit insbesondere zwischen Bononcini  und Händel, in dem Händels Erfolgssträhne erstmals unterbrochen wird.

Bononcini hat dem 15 Jahre jüngeren Deutsch-Engländer nicht nur  eine jahrelange Opernerfahrung voraus, sondern verfügt auch über eine leichtere musikalische Sprache, die spontan das Abwechslung liebende Publikum begeistert.  Doch Händel wäre nicht Händel, wenn er sich dieser Herausforderung nicht stellen  würde und aus diesem Wettstreit, der sich über die Monate mehr zu einer politischen  Schlacht zwischen den Toris und den Whigs bzw. den Kritikern und Anhängern des  deutschen Königs entwickelt, am Ende - durch eine künstlerische Weiterentwicklung und den Einsatz hochkarätiger Solisten - nicht als Sieger hervorgehen würde. Nach mehreren Flops gelingt ihm in der Spielzeit 1722/23 mit der Oper "Ottone" wieder ein durchschlagender Erfolg und "Giulio Cesare" (Julius Cäsar), am 20. Februar 1724  uraufgeführt, stellt schließlich sein bühnendramatisches Meisterwerk dar. Auch die in der folgenden Spielzeit aufgeführten Opern "Tamerlano" (UA am 31.10.1724) und "Rodelinda, Königin der Langobarden" (ua am 13.02.1725) werden zu glänzenden Erfolgen, mit denen Händel in der Ausdeutung der musikalischen Charaktere und der Instrumentation weit über seine Zeit hinausweist.

Doch die hohen Solistengagen sowie Eifersüchteleien zwischen den Solisten und Starallüren derselben gegenüber dem musikalischen Direktor Händel führen 1728 zum Zusammenbruch des Unternehmens Royal Academy. Der endgültige Untergang von Händels italienischer Opernakademie ist jedoch mit der Uraufführung  der von Johan Gay und Johann Christoph Pepusch geschaffenen "Beggar's Opera"  am 29. Januar 1728 besiegelt, und so schließt die Royal Academy of Music mit einer letzten Aufführung am 1. Juni 1728 ihre Tore.

Zweite Opernakademie

Aber so schnell gibt Händel sich nicht geschlagen und versucht gemeinsam mit John James Heidegger, dem ehemaligen Verwaltungsdirektor der Royal  Academy, eine Operngesellschaft in eigener Regie aufzubauen. Wiederum reist er diesbezüglich Anfang 1729 nach Italien, um Sänger zu verpflichten. Doch trotz aller Bemühungen ist dem Unternehmen kein wirklicher Erfolg beschieden. Und  wieder einmal gerät Händels musikalisches Wirken in die Mühlen der profanen Politik. Gegner des nun regierenden Königs Georgs II., der seinem Vater nach dessen Tod 1727 auf den Thron gefolgt war und sich ebenso großer Unbeliebtheit erfreute, rufen in Lincoln's Inn Fields eine zweite Oper mit Nicola Porpora an der Spitze ins Leben.

Diesmal jedoch wird Händel den Zweikampf verlieren. Seine erste  Niederlage ist der zwangsweise Umzug vom Haymarket Theatre, wo fortan die Porpora-Truppe  spielt, nach Covent Garden. Außerdem gelingt es Porpora, den gefeierten Kastraten  Farinelli für sein Haus zu verpflichten. Händel bemüht sich noch weitere vier Jahre um ein Fortbestehen seiner Operngesellschaft, muss dieses Unternehmen,  das ihn gesundheitlich so sehr strapaziert hatte, dass er am 14. Mai 1737 einen leichten Schlaganfall erlitt, jedoch 1738 endgültig als gescheitert betrachten.

Die Oratorienjahre

Noch zu Zeiten seiner zweiten unglückseligen Opern-Ära waren Händels große Erfolge die kirchenmusikalischen Werke, vor allem jedoch seine Oratorien, und es sollte Händels Verdienst sein, auf diesem Gebiet erstmals englische Musikgeschichte zu schreiben. Standen seine frühen Oratorien wie "La  Resurrezione" (1708) noch unter italienischem Einfluss, so beginnt sich ab 1730 eine eigentliche englische Form in englischer Sprache herauszubilden, deren  Gipfel Händel 1741 mit dem "Messias" erreicht.

Was sich Aaron Hill, ehemaliger Direktor des Queen's Theatre am Haymarket, von Händel zur Reformierung der Oper gewünscht hatte, sollte dem  Komponisten schließlich im Oratorium gelingen und ihn unsterblich machen. Hill wünschte sich "die Schaffung einer Musik..., bei der gute Dichtung die Grundlage  wäre, bei der die Vortrefflichkeit der Töne nicht mehr herabgezogen wird durch  die Jämmerlichkeit der Gedanken, an die sie gekettet sind. Sie könnten zeigen, dass das Englische biegsam genug für die Oper ist, wenn es von Dichtern gehandhabt  wird, die zwischen der Lieblichkeit und der Kraft unserer Sprache zu unterscheiden  wissen,... Und ich bin sicher, dass eine bestimmte dramatische Opernform geschaffen werden kann, die Sinn und Würde mit der Musik und geschmackvollen Ausstattung  vereinigte, die das Ohr entzücken und zugleich das Herz ergreifen würde."

Die Begründung einer englischen Oratorien-Tradition bildet darüber hinaus die Voraussetzung für eine neue Säule im kulturellen Leben des Landes: es entstehen 'Philharmonische Gesellschaften' mit Chor und Orchester, die sich der Aufführung und künftigen Pflege dieser Oratorien verschreiben werden.

Händels erstes großes und bewegendes Oratorium ist "Esther", eine überarbeitete Fassung des weltlich-geistlichen Mischlings "Haman und Mordecai" aus dem Jahre 1720, das am 2. Mai 1732 im King's Theatre vor einem  begeisterten Publikum uraufgeführt wird. Nach seinen sowohl künstlerisch als auch finanziell wenig erfolgreichen Opern der vorhergehenden Monate, sieht Händel  plötzlich eine Möglichkeit, seine Operngesellschaft mit Hilfe der neuen Gattung  über Wasser zu halten. 1733 entsteht "Deborah", aber Händels Geschäftssinn schießt  bei den Eintrittspreisen über das Ziel hinaus und somit wird das Oratorium entgegen  Händels Erwartungen ein finanzieller Flop. Erst mit "Saul" und "Israel in Ägypten", beide innerhalb weniger Wochen in der zweiten Hälfte des Jahres 1738 komponiert,  gelingen Händel wieder Erfolge. Vor allem jedoch verläuft die künstlerische  Arbeit von nun an, fernab vom kräftezehrenden Opernbetrieb, in den letzten zwanzig  Jahren seines Lebens weitaus befriedigender.

Unter Händels Oratorien, die sowohl geistlichen als zum Teil auch weltlichen Inhalts sind, nimmt "Der Messias" eine Sonderstellung ein. Nicht nur die kurze Entstehungszeit von lediglich drei Wochen ist bemerkenswert, sondern  auch der Inhalt, handelt es sich doch weder um ein weltliches Oratorium mit  einer Darstellung von historischen Begebenheiten und Personen, noch um eine reine Vertonung von Bibeltexten. "Der Messias" ist zwar auf Bibelstellen gegründet,  doch seine zentrale Aussage ist vor allem eine tiefe und sehr persönliche Religiosität,  was dem Werk über alle Zeiten hinweg einen gültigen Platz im Repertoire der  Philharmonischen Chöre gesichert hat. Georg Friedrich Händel selbst hat dieses Werk besonders geschätzt und den Erlös aus dessen Aufführungen oft für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung gestellt. Die Uraufführung am 13. April 1742 in Dublin gestaltet sich zu einem der glänzendsten Erfolge in Händels Karriere.

Letzte Jahre

1751 trifft Händel ein besonderer Schicksalsschlag: er beginnt zu erblinden, wahrscheinlich ein Familienerbe, denn auch seine Mutter hatte im Alter dasselbe Schicksal zu erleiden. Zunächst befällt die Krankheit nur  ein Auge, so dass Händel noch eingeschränkt aktionsfähig bleibt und sogar weiterhin  die Aufführungen seiner Werke leiten kann. Drei Ärzte versuchen, dem Komponisten  zu helfen, doch auch eine Operation im November 1752 bringt keine Besserung.  Doch Händel lässt sich auch von diesem Schicksalsschlag nicht unterkriegen.  Er gibt Orgelkonzerte, deren Werke er so lange studiert, bis er sie auswendig  kennt, er improvisiert und komponiert mit fremder Hilfe. Am 30. März 1759  zeigt sich Georg Friedrich Händel ein letztes Mal in der Öffentlichkeit bei einer Aufführung seines "Messias", er stirbt nur zwei Wochen später am 14. April 1759. Seine letzte Bitte um Bestattung in der Westminsterabtei wird ihm gewährt. Unter  großer Beteiligung der Bevölkerung wird Maestro 'Handell' am 20. April  zur Musik von William Crofts Begräbnismusik, vorgetragen von den vereinigten  Chören der Chapel Royal sowie der St Paul's Cathedral und Westminster Abbey, beigesetzt. 1762 wird eine Gedenktafel von Louis François Roubillac in der Westminsterabtei enthüllt.

Werk

"Die eigentliche Vortrefflichkeit des Scarlatti schien in einer  gewissen Zierlichkeit zärtlicher Ausdrückungen zu bestehen. Dahingegen besaß  Händel etwas Glänzendes und Funkelndes im Spielen, bey erstaunlicher Fertigkeit  der Finger. Was ihn aber von allen andern, die dergleichen Gaben hatten, unterschied, war die entsetzliche Vollstimmigkeit und nachdrückliche Stärke, die er dabey  bewies."

Ebenso kraftvoll wie sein Orgelspiel beschrieben worden ist, klingen auch Händels Kompositionen. Und diese Kraft teilt sich bis heute jedem Zuhörer unmittelbar mit und spricht aus jedem seiner Werke. Gepaart mit einer auch seinem Spiel bescheinigten Brillanz haben diese kraftvoll-festlichen Kompositionen  bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Ein Charakteristikum von Händels Kompositionen ist die mehrfache Verwendung seiner Themen, Melodien, ja sogar ganzer Arien oder Sonatensätze. Dabei handelt es sich durchaus nicht immer nur um eigene Werke, sondern auch  um die Schöpfungen anderer Komponisten, eine jedoch zu Händels Zeit weit verbreitete  Praxis.

Neben den Opern und Oratorien hat Händel auch eine Vielzahl von  instrumentalen Kompositionen hinterlassen. Dazu zählen seine "Concerti Grossi", deren Vorbild vermutlich Corellis Werke waren, die bis heute allgemein beliebten  Suiten der "Wassermusik" und "Feuerwerksmusik", 6 Konzerte für Orgel und  Orchester sowie zahlreiche Sonaten für die verschiedensten Instrumente. Unter den kirchenmusikalischen Werken sind besonders auch seine "Anthems" hervorzuheben, von denen die Mehrzahl für königliche Ereignisse komponiert worden sind.

Bibliografie

Richard Friedenthal: Georg Friedrich Händel, Reinbek o. J

Silke Leopold: Georg Friedrich Händel und seine Zeit, Laaber 1998

Joseph Müller-Blattau: Georg Friedrich Händel. Der Wille zur Vollendung, Mainz 1963

Hans J. Schmelzer: Siehe, dein König kommt. Leben und Musik des  Georg Friedrich Händel, Düsseldorf 1995

Walther Siegmund-Schulze, Walter Serauky: Konzertführer. Georg Friedrich Händel, Mainz 1985