Frederic Chopin

Frédéric Chopin


Frédéric Chopin (1810-1849)
© Bertelsmann Lexikon Verlag,
Gütersloh

Frédéric Chopin - trotz des französisch anmutenden Namens ein Pole durch und durch, dessen Schicksal es nicht war, seine Spuren auf dem von Unruhen und Revolutionen bestimmten politischen Parkett des 19. Jahrhunderts zu hinterlassen, sondern als Künstler polnische Musikgeschichte zu schreiben. Dabei konzentriert sich Frédéric Chopins kompositorisches Werk wie bei wenigen anderen Komponisten fast ausschließlich auf das Klavier. Ähnlich einseitig stellt sich auch Chopins Leben dar - eingesponnen in seine Welt der Töne nimmt er weder Anregungen von anderen Künsten auf noch pflegt er einen ausgeprägten Umgang mit anderen Musikern oder Menschen überhaupt. Einzig die Gattung der Oper vermag ihn zu fesseln und egal, wo er sich befindet, immer steht ein Besuch der Oper auf dem Programm. Dennoch existiert Frédéric Chopin - ähnlich wie der introvertierte Franz Schubert - vor allem in der und durch die Musik - Komposition als Lebenselixier und Lebensinhalt, als Flucht vor der Realität und als Mittel zu Verarbeitung von Leid und Schmerz.

Historischer Kontext

Wie auch bei Giuseppe Verdi und Gioacchino Rossini, die in demselben politisch bewegten Zeitalter lebten wie Frédéric Chopin, ist die künstlerische Biografie untrennbar mit den historischen Ereignissen verwoben. Sie machten Frédéric Chopin schließlich - ähnlich wie den Italiener Gioacchino Rossini - zum Exilanten, was Beide jedoch nicht daran hinderte, auch aus der Ferne lebhaften Anteil an den Geschehnissen in der Heimat zu nehmen.

Nach einer Blüte der polnischen Kultur im so genannten Goldenen Jahrhundert (14./15. Jh.) mit Krakau als kulturellem Mittelpunkt folgt eine Zeit wechselnder Kriege (mit Schweden, Russland und der Türkei) und Fremdherrschaft, die das ehemals blühende Land nicht nur personell und finanziell, sondern auch kulturell ruinieren. Inspiriert durch die Ideale der Aufklärung regen sich im 18. Jahrhundert zunehmend reformerische Kräfte um den Fürsten Adam Czartoryski, die jedoch 1772 mit vereinten russischen, österreichischen und preußischen Kräften zerschlagen wurden. Es folgten Machtkämpfe um Polen zwischen Russland, Preußen und Österreich mit den drei Polnischen Teilungen (1772, 1793 und 1795), nach denen Polen als eigenständiger Staat schließlich nicht mehr existiert. Daran schließen sich mehr als 120 Jahre Fremdherrschaft an (1795-1918). Angesteckt von den Idealen und dem Dynamit der Pariser Juli-Revolution von 1830 und angestachelt vom Hass auf die russischen Besatzer erhebt sich die polnische Bevölkerung 1830 gegen den Zaren. Ohne Hilfe aus dem Westen wird der Aufstand jedoch gewaltsam niedergeschlagen. In Folge der Ereignisse verlassen Hunderte von Intellektuellen und Künstlern das Land und wandern neben Berlin und London vor allem nach Paris aus - Polen blutet kulturell aus. Neue Hoffnungen erwachen in den polnischen Herzen, als die 1848er Revolution von Frankreich aus auf andere europäische Staaten überschwappte, doch auch diesmal blieb Polen nur Zaungast des politischen Geschehens.

An den politischen Entwicklungen seines Landes hat Frédéric Chopin zeit seines Lebens lebhaften Anteil genommen. In seiner patriotischen Gesinnung nicht unwesentlich von seinem Vater Nicolas geprägt, fühlte er ebenso stark mit seinem unterdrückten Volk, auch wenn ihm dabei - ähnlich wie sein achtzehn Jahre älterer Zeitgenosse Gioacchino Rossini in Italien - eher die passive Rolle des Zuschauers zukam. Aus gesundheitlichen Gründen unfähig, seinen praktischen Beitrag zur polnischen Unabhängigkeitsbewegung zu leisten, benutzt er sein kompositorisches Werk als Sprachrohr seiner politischen Überzeugungen - eine Parallele zu seinem italienischen Zeitgenossen Giuseppe Verdi, der darüber hinaus durch die Analogie seines Namens mit der Parole der italienischen Freiheitsbewegung (-< Giuseppe Verdi, Dok Nr. 8042) zum Symbol der patriotischen Bestrebungen wurde.

Biografie

Kindheit und Jugend

Frédéric Chopins verwandtschaftliche Wurzeln väterlicherseits liegen in den lothringischen Vogesen. Von dieser Seite stammen auch die musikalischen Gene, denn Vater Nicolas ist begeisterter Amateurmusiker, der die Instrumente Flöte und Geige spielt. Aus nicht näher geklärten Umständen wandert er um 1788 nach Warschau aus, wo er eine Stelle als Buchhalter in einer Tabakfabrik annimmt. Als die Fabrik wenige Jahre später schließt und Nicolas Chopin arbeitslos wird, kehrt er jedoch nicht nach Frankreich zurück, sondern "konvertiert" statt dessen zum patriotischen Polen, der aktiv an den Freiheitskämpfen der 1790er Jahre teilnimmt. Als mit der 3. Polnischen Teilung 1795 das Schicksal seines neuen Heimatlandes als ein von Preußen, Österreich und Rußland besetztes Land für die nächsten Jahre besiegelt ist, wendet sich Nicolas Chopin einer unauffälligeren Betätigung zu und findet eine Stelle als Hauslehrer. Ab 1802 unterrichtet er auf dem Gut Skarbek bei Warschau, wo er auch seine spätere Frau Tekla Justyna Krzyzanowska kennen lernt. Nach der Hochzeit im Jahr 1806 wird in diese Familie am 1. März 1810 als zweites Kind und einziger Sohn neben drei Töchtern Frydrych Franciszek (Frédéric) geboren.

Ein halbes Jahr nach Frédérics Geburt zieht die Familie nach Warschau, wo Vater Nicoals inzwischen am dortigen Lyzeum eine Anstellung als Professor für französische Sprache erhalten hat. Bereits früh zeigt sich bei Frédéric ein lebhaftes Interesse für die Musik. Dass dieses kindliche Interesse über eine durchschnittliche Begabung hinausgeht, wird den Eltern spätestens in Frédérics drittem Lebensjahr klar, als der Knabe erste unbeholfene Kompositionsversuche am Klavier unternimmt. Und so überlässt die Mutter, die bis dahin dem Sohn erste musikalische Einblicke zu vermitteln versucht hatte, das pädagogische Feld dem Warschauer Klavierlehrer Albert Zwyny (1756-1842). Obwohl derselbe als hauptberuflicher Klavichordspieler wenig Ahnung von der zeitgenössischen Technik des Klavierspiels besitzt, kann er Frédéric dennoch wertvolle Impulse und Anregungen geben, die in dem Knaben die angeborene Musikalität kaskadenartig freisetzen. Unermüdlich arbeitet und experimentiert er nun daran, diesem Wunderwerk der Technik immer neue und immer perfektere Klänge zu entlocken. Mit knapp acht Jahren betritt Frédéric am 24. Februar 1818 das erste Mal das Konzertpodium und wird von Publikum und Presse gleichermaßen begeistert gefeiert - das musikalische Wunderkind avanciert zum nationalen Prestigeobjekt. Aus dieser Zeit stammen auch Frédérics erste überlieferte Kompositionen wie die Polonaisen g-moll und B-Dur.

Vier Jahre später ist es Zeit für einen Lehrerwechsel. Nicolas Chopins Wahl fällt auf den Direktor des gerade ein Jahr zuvor gegründeten Warschauer Konservatoriums, Joseph Xaver Elsner (1769-1854), der bereitwillig diese Aufgabe übernimmt und den Zwölfjährigen erstmals systematisch in die Geheimnisse der Harmonielehre, des Kontrapunktes und der Kompositionstechnik einführt sowie seinen Horizont durch das Studium musikalischer Meisterwerke erweitert. Überzeugt von der überragenden Begabung seines Zöglings führt Elsner diesen mit schlafwandlerischer Intuition, die den Schüler sanft lenkt, ohne seine Individualität einzuengen: "Er geht deshalb nicht den gewöhnlichen Weg, weil seine Begabung eine außergewöhnliche ist." Wie recht sein Lehrer mit dieser Aussage haben sollte, stellt der junge Frédéric schon bald unter Beweis: Ausgehend von den Volkstänzen der Mazurka, Polonaise, des Oberek oder des Walzers beginnt er frühzeitig Kompositionen gleichen Titels in künstlerisch überhöhter Form zu schaffen, die zu einer Art biografischem Tagebuch des eher introvertierten Frédéric werden.

Zunehmend wird nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die musikalische Fachwelt auf den aufstrebenden Komponisten aufmerksam. So erkennt Robert Schumann in Frédérics Rondo à la mazur op. 5 aus dem Jahr 1826/27 bereits eine eigene musikalische Sprache. Zu diesem Zeitpunkt hat Frédéric bereits seine schulische Laufbahn mit dem Abitur beendet und ist als Vollzeitstudent auf das Konservatorium gewechselt, wo er neben der bisherigen Fächern noch Geschichte, Literatur, Rhetorik und Italienisch studiert. Im Juli 1829 schließt er seine Studien mit Auszeichnung ab - Aufbruch zu neuen Ufern.

Neben seinen Tätigkeiten als Pianist und Komponist hatte Frédéric Chopin inzwischen im Jahr 1825 auch auf einem wundersamen Instrument namens Äolomelodikon, einem harmoniumähnlichen Instrument mit Kupferpfeifen, Aufmerksamkeit erregt. Bei einem Konzert am 1. Mai 1825 weilt u. a. Zar Alexander I. unter den Zuschauern, der von Chopins Improvisationskunst auf diesem Instrument so begeistert war, dass er dem Künstler einen goldenen Ring mit Brillianten verehrte - für den Nationalisten Chopin wahrscheinlich eine zweifelhafte Ehre, litt sein Volk doch zunehmend unter der russischen Besatzung bzw. der jahrzehntelangen Fremdbestimmtheit.

Auslandserfahrungen

Bereits während seiner Konservatoriumszeit hatte Frédéric Chopin die Möglichkeit gehabt, sich in der so genannten großen weiten Welt umzuschauen. Im September 1828 ergab sich für ihn die Möglichkeit, einen Freund seines Vaters zu einem Kongress nach Berlin zu begleiten. Frédéric Chopin saugt die vielfältigen musikalischen Anregungen begierig in sich auf und kehrt mit einem Schatz voller Eindrücke nach Warschau zurück. Nach Abschluss seiner Studien richtet Frédéric Chopin seinen Blick denn auch über die Landesgrenzen, konkret gen Süden nach Wien, in das Herz der k.u.k Monarchie, dessen kultureller Glanz seit den Zeiten Maria Theresias zwar schon wieder ein wenig zu verblassen begann, das nichts desto trotz jedoch immer noch den Rang einer Weltstadt innehatte und Künstler und Wissenschaftler von nah und fern gleichermaßen anzog.

In Wien ist der junge Künstler zunächst ein Unbekannter, doch die Empfehlungsschreiben seines Lehrers Joseph Xaver Elsner verfehlen ihre Wirkung nicht, so dass sich Frédéric Chopin schon bald die Türen der adeligen Gesellschaft öffnen. Doch statt diese Chance mit beiden Händen zu ergreifen, zögert der Künstler - ähnlich entscheidungsschwach wie wenige Jahrzehnte später sein österreichischer Kollege Anton Bruckner - einige Zeit, bevor er sich erstmals dem Wiener Konzertpublikum präsentiert. Am 11. August 1829 findet die Wiener Premiere in der Oper, allerdings nur mit mäßigem Erfolg, statt. Trotz seiner offensichtlichen und hörbaren pianistischen Begabung elektrisiert Frédéric Chopin das wienerische Publikum nicht so wie andere Pianisten. Zwar lässt sein Spiel nichts an Virtuosität zu wünschen übrig, doch das an die Bühnenshow einheimischer Pianisten à la manière de Franz Liszt gewöhnte Publikum vermisst bei dem unauffällig agierenden Polen dieses Feuer. Trotzdem reist Frédéric Chopin nach zwei Konzerten mit positiven Kritiken und um einige Erfahrungen reicher nach Warschau zurück.

Doch die Rückkehr in die Heimat ist nur von kurzer Dauer: am 11. Oktober 1830 gibt Frédéric Chopin mit der Uraufführung seines Klavierkonzertes Nr. 1 e-Moll op. 11 seinen musikalischen Abschied. Und wieder geht es nach Süden, und wieder heißt das Ziel - mit einem kurzen Intermezzo in Dresden - Wien. Doch dies mal bleiben Chopin die gesellschaftlichen Türen verschlossen. Grund dafür ist der Warschauer Aufstand vom 29. November gegen die russische Fremdherrschaft und Willkür, der bei den Österreichern auf wenig Verständnis stößt. Chopin selbst, aus Mangel an Entschlossenheit und vielleicht auch demütiger Diener seines Talentes, nimmt nicht aktiv an der Revolution teil, doch sein Herz und seine Gedanken sind Tag und Nacht bei seinen polnischen Freunden in der Heimat. Kompensation für seine verzweifelte und leidende Seele findet der Künstler allein am Klavier: "In den Salons erscheine ich ruhig, aber zu Hause tobe ich auf dem Klavier."

Als Frédéric Chopin im Juli 1831 Wien den Rücken kehrt, heißt sein Ziel Paris, wo er den revolutionären Funken noch als lebendig empfindet. Doch die Ausreisegenehmigung dafür erhält Chopin nur durch Verschleierung des tatsächlichen Reiseziels. Unterwegs erfährt er in Stuttgart von der gewaltsamen Niederschlagung des polnischen Aufstandes, wodurch der sensible Künstler vollkommen aus der Bahn geworfen wird und einen körperlich-seelischen Zusammenbruch erleidet: "Sicher ist der Tod das Beste, was es gibt. ... Es war sicherlich eine Art vorübergehendem Tod meiner Gefühle - einen Augenblick war ich für mein Herz gestorben. ... Man kann mein Elend nicht beschreiben! Kaum kann mein Gefühl es ertragen. Mein Pass läuft im nächsten Monat ab, ich werde nicht mehr im Ausland leben können - zumindest nicht mehr offiziell. Also werde ich einem Toten noch ähnlicher sein."

Von diesem Erlebnis sollte sich Frédéric Chopin nie wieder erholen: er wird den Schatten dieser Ereignisse wie ein Todesurteil mit sich herumtragen und physisch sollte es den ohnehin schon schwachen Gesundheitszustand des Künstlers zusätzlich schwächen. Gleichzeitig verschließen ihm diese Ereignisse in Zukunft die Tür für eine Rückkehr in seine polnische Heimat. So wird er zu einem Entwurzelten, für den schließlich Paris doch noch zu einer zweiten Heimat wird. Zuflucht findet er auch in dieser Zeit vor allem in seiner Kunst - bredtes Zeugnis legt davon die in dieser Zeit entstandene so genannte Revolutionsetüde c-Moll op. 10 Nr. 12 ab.

Zweite Heimat Paris

So sehr der Aufenthalt in der Pariser Metropole mehr vom Schicksal diktiert worden und lediglich als Durchgangsstation gedacht war, so sehr fühlt sich Frédéric Chopin schließlich in der Weltstadt an der Seine zuhause. Wo auf den ersten Blick Heiterkeit und Lebensfreude das Bild der Stadt zu bestimmen scheinen, brodelt unterschwellig die Unzufriedenheit mit den aktuellen politischen Zuständen unter dem so genannten Bürgerkönig Louis-Philippe. Doch für Frédéric Chopin ist nach dem sowohl künstlerischen als auch persönlichen Tief der vergangenen Monate vor allem das anregende kulturelle Klima von Bedeutung. Erstmals fühlt er sich wieder inspiriert und die pianistische Konkurrenz, die sich wie ein Who's Who der "Tastentiger" liest, fordert auch den Pianisten Chopin neu heraus.

Frédéric Chopins erfolgreiches Debüt in dieser talentverwöhnten Stadt am 26. Februar 1832 ist daher umso bemerkenswerter. Nicht nur Chopins Kollege Franz Liszt zollt ihm Anerkennung, auch die Pariser Presse würdigt den musikalischen Neuling mit wohlwollenden Worten. Dennoch bleiben weitere Engagements aus. Den Durchbruch bringt schließlich ein durch seinen Landsmann Valentin Radziwill vermitteltes Vorspiel während eines Empfang beim Bankier Jacob de Rothschild. Frédéric Chopin ist über Nacht nicht nur ein anerkannter Solist, sondern vor allem ein gefragter Klavierlehrer für die Damen der höheren Gesellschaft, der damit finanziell endlich wieder festen Boden unter den Füßen bekommt. Kompositorisches Zeugnis dieser Zeit sind u.a. die Zwölf Etüden op. 25, die zwischen 1833 und 1837 entstehen. Live am Klavier wird man den öffentlichkeitsscheuen Künstler in den nächsten Jahren vor allem in den Salons der adeligen und tonangebenden Gesellschaft erleben. Leider haben diese Auftritte zur Degradierung des hochbegabten Komponisten zum reinen Unterhaltungskünstler beigetragen - eine Klassifizierung, die nicht nur zu Lebzeiten Chopins den sensiblen Künstler schmerzhaft traf , sondern zeitweise auch noch nach seinem Tode weiterwirkte.

Daraus entwickelt sich in den verbleibenden siebzehn Jahren seines kurzen Lebens ein regelmäßiger Turnus, in denen Chopin sich von Oktober bis April seiner Lehrtätigkeit widmet und konzertiert, während die Monate dazwischen der Komposition vorbehalten bleiben. Die Konzerte sind allerdings weit davon entfernt, auf künstlerische olympische Höhen zu führen wie bei einem Franz Liszt oder einer Clara Schumann. Dazu ist erstens der publikumsscheue Frédéric Chopin zu wenig selbstbewusst und zweitens das Publikum zumeist zu ignorant, um die Größe dieses Talentes würdigen zu können. Darüber hinaus bedeuten Frédéric Chopin künstlerische Erfolge wie nach einem Wohltätigkeitskonzert in Rouen, bei dem nicht nur 500 Zuhörer den Solisten frenetisch feiern, sondern auch die Presse den Musiker als einzig bedeutenden Stern am Pianistenhimmel rühmt, wenig.

Frédéric Chopin und George Sand


George Sand (1804-1876)
Gemälde von Charpentier (Ausschnitt).
Paris, Musée Carnavalet.
© aisa, Barcelona

Frédéric Chopin begegnet George Sand erstmals im November 1836. Die Initiative dazu geht jedoch nicht von dem eher schüchternen Komponisten, sondern von der resoluten Schriftstellerin aus, die das befreundete Paar Franz Liszt und Marie d'Agoult um eine entsprechende Möglichkeit bittet. So sehr Frédéric Chopin nach dieser ersten Begegnung von der "femme fatale" irritiert ist und sich abgestoßen fühlt, so sehr fühlt sich George Sand - mit bürgerlichem Namen Aurore Dupin, bevor sie durch ihre Ehe zur Baronin Dudevant wurde - von dessen Zurückhaltung herausgefordert. Doch schon bald wird aus diesem reinen Eroberungsdrang ein echtes menschliches Gefühl und die Abneigung Chopins weicht bei näherem Kennenlernen George Sands einem Gefühl der Zuneigung. / Enttäuscht und gedemütigt in ihrer Ehe mit Baron Dudevant ist sie rastlos auf der Suche nach echter Liebe, echtem Gefühl, um ihr innerlich leeres Leben zu füllen. Nach verschiedenen Affären trifft sie nun auf Frédéric Chopin - ein Paar, das gegensätzlicher nicht sein könnte. Trotzdem entwickelt sich aus der anfänglichen Liebelei eine dauerhafte Beziehung, die neun Jahre hält, die Beide auf unterschiedliche Weise bereichert und Frédéric Chopin erstmals in seinem Leben den emotionalen Rückhalt gibt, nach dem er so viele Jahre gesucht hatte. In der Folge stabilisiert sich durch diese Beziehung und spätere Lebensgemeinschaft nicht nur seine Gesundheit, sondern sprudeln seine schöpferischen Quellen wieder ungehemmt.

Im Winter 1838/39 reist George Sand mit ihren beiden Kindern (Maurice und Solange) und Frédéric Chopin nach Mallorca, wo sie sich Besserung für die angeschlagene Gesundheit ihres an Rheuma leidenden Sohnes Maurice erhofft. Vielleicht tut das milde Klima der Insel ja auch bei Chopin seine Wirkung? Doch so sehr heute aus der Perspektive des Rückblicks der mallorquinische Aufenthalt für die beiden Künstler romantisch gewesen zu sein scheint, so wenig entspricht dieses Bild der historischen Wahrheit. Es ging schief, was nur schief gehen konnte: das milde frühlingshafte Wetter verwandelt sich schlagartig in sintflutartige Regenfälle - was fatale Auswirkungen auf Chopins Gesundheit hat -, die Einheimischen begegnen den exotischen Fremden mit Misstrauen und Ablehnung, die Unterkunft schützt kaum gegen die unwirtliche Witterung. Als schließlich der Besitzer des Landhauses den Mietvertrag kündigt, spricht alles für eine umgehende Rückkehr in zivilisiertere und komfortablere Gefilde. Doch da bietet sich das Kloster von Valldemosa als neues Domizil an und die Abreise wird erst einmal verschoben. Auch dort sind die Rahmenbedingungen nicht wesentlich besser. Zwar entstehen in der mallorquinischen "Idylle" einige von Frédéric Chopins besten Werken wie die das Scherzo Nr. 3 cis-Moll op. 39, die Sonate Nr. 2 c-Moll op. 35, die Mazurka e-Moll op. 41,1, die zwei Polonaisen op. 40 oder das Prélude Nr. 15 Des-Dur (aus op. 28, das so genannte Regentropfenprélude), doch der gesundheitliche Zustand verschlechtert sich ebenso drastisch wie Chopins seelische Konstitution, so dass schließlich Anfang 1839 die Odyssee zurück in die französische Heimat angetreten wird.

Auf George Sands Landgut Nohant, rund 250 km südlich von Paris, erholt sich der Komponist zunehmend von den Strapazen der vergangenen Monate. Zwischen ihm und der Schriftstellerin entwickelt sich eine vor allem freundschaftliche Beziehung, in der Chopin wahrscheinlich mehr genommen als gegeben hat, die ihm eine bis dahin vermisste Geborgenheit vermittelte und ihm vor allem in seiner prekären gesundheitlichen Verfassung neue Kräfte schenkte. Der neue Lebensrhythmus bewegt sich zwischen Nohant - wo man die Sommermonate verbringt - und dem Winterdomizil Paris hin und her.

Die letzten Jahre.

Am 25. Mai 1844 trifft Frédéric Chopin ein weiterer Schlag, der den sensiblen Künstler wieder einmal in eine tiefe Krise stürzt: Er erhält die Nachricht, dass sein Vater am 3. Mai im Alter von 73 friedlich eingeschlafen war. Für Frédéric Chopin bricht damit die letzte Brücke zu seiner alten Heimat ab. Rettung in dieser von schwarzen Depressionswolken verhangenen Zeit schafft George Sand in Person von Chopins Schwester Ludwika herbei, die im Juli für drei Wochen mit ihrem Mann nach Paris reist. Doch für den immer wieder körperlich und seelisch geschwächten Künstler sollte auch das nur noch ein Aufschub auf Zeit sein, insbesondere, als sich das Verhältnis zu George Sand ab 1846 merklich trübt. Ein für alle Außenstehenden signifikantes Anzeichen für eine endgültige Trennung zwischen den beiden Künstlern ist George Sands Roman "Lucrezia Floriani", der schonungslos das gemeinsame Leben in Nohant und das Verhältnis zwischen Schriftstellerin und Komponist offen legt - ein seelischer Striptease, der die gemeinsamen Freunde peinlich berührt, von Frédéric Chopin jedoch überhaupt nicht als solcher wahrgenommen wird. Das ändert nichts daran, dass Chopins Abschied aus Nohant am 11. November 1846 von Seiten der Gefährtin ein endgültiger ist. Während der Musiker in Paris wieder seinen Unterricht und seine immer spärlicher werdende Konzerttätigkeit aufnimmt, spitzen sich in Nohant familiäre Ereignisse so zu, dass es zu einem Zerwürfnis zwischen Mutter und Tochter - inzwischen (unglücklich) verheiratete Clésinger - kommt. Chopin, der in dieser Situation nichtsahnend der schwangeren Solange seine Hilfe anbietet, hat sich dadurch endgültig den Weg zurück nach Nohant und in die Lebensgemeinschaft mit George Sand versperrt.

In dieser Situation hat Frédéric Chopin der fortschreitenden Tuberkulose nur noch wenige Widerstandskräfte entgegenzusetzen. Dazu kommen erstmals wieder finanzielle Sorgen, so dass der Künstler nach Jahren am 16. Februar 1848 erstmals wieder ein größeres Konzert gibt, das sich zu einem gesellschaftlichen und künstlerischen Ereignis gleichermaßen gestaltet.

Und wieder einmal machen ihm die zeithistorischen Ereignisse einen Strich durch das ohnehin schon schwache Lebenskonzept. Als am 22. Februar 1848 erneut die Revolution in Paris ausbricht und zwei Tage später König Louis-Philippe abdankt, verlässt der Pariser (Geld-)Adel fluchtartig die Seine-Metropole. Frédéric Chopin ist damit seine Existenzgrundlage entzogen, denn unter den Flüchtenden befindet sich das Gros seiner Klienten. So reist Chopin am 20. April nach London ab, in der Hoffnung auf einen sowohl künstlerischen als auch privaten Neuanfang. Doch das kulturelle englische Umfeld ist nicht dazu angetan, Chopin den vor allem für den täglichen Lebensunterhalt so dringend benötigten Erfolg zu verschaffen, zu sehr sind die Engländer vor allem auf leicht verdauliche musikalische Kost und einen Unterricht ohne echtes Engagement eingestellt. Darüber hinaus ist das feuchte englische Klima seiner ohnehin schwer angeschlagenen Gesundheit abträglich. Einer Einladung seiner Schülerin Jane Stirling folgend verbringt Chopin einige Wochen in Schottland - eine Verlagerung der Szenerie, doch nicht der begleitenden Umstände. Schließlich kehrt er der britannischen Insel den Rücken und reist - bereits todkrank - am 23. November 1848 nach Paris zurück.

Doch es sollte noch elf Monate dauern, bis Chopin von seinem Leiden erlöst wird. Einziger Lichtblick in dieser schweren Zeit ist seine Schwester Ludwika, die auf seinen Wunsch hin im Sommer 1849 aus Polen anreist und dem Bruder in den letzten Monaten beisteht. Am 17. Oktober 1849 stirbt Frédéric Chopin an den Folgen seiner jahrelangen Tuberkulose. Erst dreizehn Tage später, am 30. Oktober, findet die Trauerfeier in der Pariser Kirche St. Madeleine unter Beteiligung von 3000 Menschen statt. Anschließend werden die sterblichen Überreste des Komponisten auf dem Friedhof Père Lachaise beigesetzt. Frédéric Chopins Herz wurde auf seinen Wunsch hin nach Warschau überführt und ist dort in einer Säule der Heilig-Kreuz-Kirche aufbewahrt.

Der Pianist

Der Pianist Frédéric Chopin war ein Virtuose, der für das Publikum jedoch nur eine Seite des Virtuosentums erfüllte und dadurch beim überwiegenden Teil der Zuhörer nicht die Anerkennung fand wie beispielsweise sein Kollege Franz Liszt. Liszts Virtuosität lag weit jenseits des heute üblichen Begriffes und beinhaltete neben der rein technischen Beherrschung des Instruments auch die musikalische Interpretation und Ausdruckskraft. Sein Vortrag war immer einmalig und ließ die Zuhörer glauben, das Stück werde gerade erst in diesem Moment komponiert. Oft karikiert und viel belächelt, war dabei ein Konzertabend mit Franz Liszt ein ganzheitliches Erlebnis, das Ohren und Augen gleichermaßen ansprach und bewegte. Liszt machte die Musik nicht nur akustisch, sondern auch visuell, nicht nur geistig, sondern auch körperlich sichtbar, denn sein Körper war ebenso Musik wie das zum Klingen gebrachte Klavier. Liszt - der schauspielernde Pianist.

Diametral entgegengesetzt muss ein Konzertabend mit Frédéric Chopin gewesen sein, der sämtliche Schwierigkeiten eines Werkes so gekonnt spielerisch meisterte, dass das Publikum die eigentliche Leistung kaum bemerken konnte. Im Zeitalter des brillanten Virtuosentums war Frédéric Chopins poetisches Klavierspiel ungewohnt und exotisch - ebenso ungeeignet für große Säle wie für ein sensationshungriges Publikum. Darüber hinaus war die introvertierte Persönlichkeit Frédéric Chopins nicht dazu angetan, sich für das Publikum zu produzieren und seine künstlerischen Emotionen öffentlich zu zeigen. Chopin hat öffentliche Auftritte ein Leben lang eher gemieden und gehasst statt genossen wie andere Solisten.

Besondere Fähigkeiten entwickelte Frédéric Chopin als Improvisationskünstler; kompositorisches Zeugnis legen davon vor allem seine Fantasien ab. Chopin revolutionierte die Technik des Klavierspiels - ähnlich wie eine Generation vorher Ludwig van Beethoven.

Der Komponist

Analog zu Frédéric Chopins Persönlichkeitsstruktur weist sein vor allem auf das Klavier beschränktes kompositorisches Werk in erster Linie musikalische Miniaturen und - bis auf die zwei Konzerte für Klavier und Orchester - kaum Werke in den großen symphonischen Gattungen. Chopin wurde ein Meister der kleinen Formen, die in der Geschichte der Musik untrennbar mit seinem Namen verbunden bleiben werden. Ausgehend von der polnischen Volks- und Tanzmusik schuf er dabei unvergängliche musikalische Meisterwerke. Darüber hinaus hat sich Frédéric Chopin vor allem immer wieder von der Oper für seine eigenen Kompositionen inspirieren lassen - sowohl durch direkte Zitate als auch durch die lyrischen, an die Arien und Kantilenen der Oper erinnernden Themen und Melodien.

Ballade (ital. = "Tanzlied"): ursprünglich einstimmiges Tanzlied der Troubadours, im 14./15. Jh. Auch mit Instrumentalbegleitung. In der Romantik entstehen Balladen als Vertonungen eines epischen Gedichts. Daraus entwickelt sich die instrumentale ohne eine feste musikalische Form, der oft ein literarischer Text zugrunde liegt. Chopins Balladen weisen eine Affinität zu Mendelssohns "Liedern ohne Worte" auf.

Impromptu (das, frz. = "aus dem Stegreif, improvisiert"): freies, an keine feste Form gebundenes Tonstück (meist in zwei- oder dreiteiliger Liedform); aus einem Einfall, einem Gefühl, einer Stimmung heraus entstehend

Mazurka (die, poln.): polnischer Tanz im 3/4-Takt, der vor allem durch seinen starken Rhythmus besticht. Frédéric Chopin verarbeitet die Mazurka erstmals in der Kunstmusik.

Nocturne (das oder die, frz. = "Nachtstück"): ursprünglich ein mehrsätziges Nachtstück (Ständchen), aus dem sich im 19. Jh. Divertimento und Serenade entwickelten. In der Klaviermusik wird damit ein einsätziges, lyrisches Stück träumerischer Stimmung bezeichnet.

Polonaise (die, frz.; polonais = polnisch): polnischer Nationaltanz in ruhigem 3/4-Takt mit schreitendem Charakter. In der Kunstmusik taucht der Tanz erstmals im 17. Jh. auf. Besonders bekannt wurde diese Gattung durch die Werke Frédéric Chopins.

Prélude (das, frz. = "Vorspiel, Einleitung"): zunächst bezeichnete Prélude oder Präludium die (meist improvisierte) Einleitung zu einem Choral auf der Orgel. Bei J. S. Bach fungierte das Präludium als einleitender Satz zu einer Fuge oder Suite. Im 19. Jh. entwickelte sich daraus ein selbständiges, meist kurzes Charakterstück für Klavier.

Scherzo (das, ital. = "Scherz, Spaß"): seit dem 16. Jh. Bezeichnung für Sätze heiteren, scherzhaften Charakters, die seit Beethoven das Menuett in Sonate u. Sinfonie ablösten. Im 19. Jh. wurden mit Scherzo virtuose Klavierstücke bezeichnet.

Walzer: Tanz im 3/4-Takt, der in der 2. Hälfte des 18. Jh. aus dem deutschen Tanz und dem Ländler entstand. Chopins Walzer sind jedoch weit davon entfernt, Gebrauchsmusik für die Tanzfläche zu sein; es sind stilisierte Tänze, zu denen Chopin teilweise explizit die Bemerkung "nicht zum Tanzen" notierte.

Bibliografie

Bernard Gavoty: Chopin, Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins, Tübingen 1977

Jürgen Lotz: Frédéric Chopin (rororo monographie 564), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1995

Mieczyslaw Tomaszewski: Frédéric Chopin und seine Zeit, Laaber Verlag, Laaber 1999

Tadeusz A. Zielinski: Chopin. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit, Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1999