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Franz Schubert
Franz Schuberts Lebenslauf lässt sich trotz umfangreichen Quellenmaterials - den von Otto Erich Deutsch herausgegebenen "Dokumenten seines Lebens" - nur skizzenhaft nachzeichnen, zu sehr bleiben ganze Abschnitte seines kurzen Daseins im Dunkeln. Dies liegt nicht nur an den Widersprüchlichkeiten, die in der Persönlichkeit Schuberts selbst begründet waren, sondern vor allem auch an einer verbalen Verschlossenheit, die Schubert zwar musikalisch zum reinsten Expressionisten, verbal jedoch eher zum großen Schweiger machten, der seine geheimsten seelischen Regungen und Gedanken zumeist in seinem Innersten verschloss. Daher erschließt sich die Persönlichkeit Franz Schuberts am ehesten aus seiner Musik.
Zeit und Welt
 Kaiserin Maria Theresia; Gemälde aus der Sammlung Bertarelli, Mailand, Italien © aisa, Barcelona
Zwar hat sich Wien im 18. Jahrhundert, insbesondere unter der Regentschaft der Kaiserin Maria Theresia, zu einer Metropole für Kunst und Wissenschaft entwickelt und erlebt eine kurze Blütezeit, bevor die Truppen des revolutions- und eroberungshungrigen Napoleon ihre Spuren in ganz Europa hinterlassen, doch der einfache Mann in der Straße merkt davon nur wenig. Für ihn ist das Leben und Überleben in der Kaiserstadt schwierig wie eh und je und von Mühsal und Entbehrungen gekennzeichnet. Zu diesen Menschen gehört auch Franz Schuberts Vater Franz Theodor, der bereits frühzeitig das elterliche Haus verlassen hatte, um in Wien - dem Beispiel seines Bruders folgend - als Schullehrer sein Auskommen zu suchen. Doch nach zehnmonatiger Ausbildungszeit muss er sich zunächst mit einer Schulgehilfenstelle bei seinem Bruder begnügen. In diese Zeit fällt die Begegnung mit der sechs Jahre älteren Dienstmagd Maria Elisabeth Vietz, die auch unmittelbar fruchtbare Folgen hat. Nach langem inneren Kampf, ob er es verantworten könne, Frau und Kind bei seiner bescheidenen Finanzlage zu ernähren, ehelicht Franz Theodor Schubert Elisabeth schließlich wenige Wochen vor der Geburt ihres ersten Kindes am 17. Januar 1785. Glücklicherweise sollte sich bald danach auch die berufliche Stellung des jungen Lehrers durch die Zuweisung einer eigenen Schulstelle verbessern, so dass die nahe Zukunft der Familie gesichert erscheint.
Biografie
Kindheit und Jugend
In diese Familie wird am 31. Januar 1797 Franz Peter Schubert im Wiener Vorort Lichtental als zwölftes von insgesamt vierzehn Kindern - von denen jedoch nur fünf überleben sollten - geboren. Diese Totenhaus-Atmosphäre sollte auch schon für den kleinen Franz spürbar werden, denn am 18. Oktober 1798 stirbt sein fünfjähriger Bruder Josef und gut ein Jahr später einen Tag nach ihrer Geburt die Schwester Aloisia Magdalena. Verarbeiten wird Franz Schubert diese Erfahrungen später in seinen Liedern. Nicht von ungefähr befasst sich sein erstes Lied aus dem Jahr 1811 mit dieser Thematik und die musikalische Bearbeitung desselben lässt bereits eine starke Ausdruckskraft des gerade erst 14-Jährigen erkennen. Mit beigetragen zu der düsteren Atmosphäre in Franz' Jugend mag auch der chronische Geldmangel der Familie haben, denn Franz Theodor Schubert muss sein Leben lang um das nackte Überleben seiner Familie kämpfen.
Auch wenn Franz Theodor Schubert kein ausgebildeter Musiker ist, so genießt die Musik im Hause Schubert - wie in fast jeder auf Bildung bedachten Wiener Familie dieser Zeit, so arm sie auch war - einen zentralen Stellenwert. Und so übernimmt neben der schulischen Ausbildung durch den Vater der zwölf Jahre ältere Bruder Ignaz die erste musikalische Unterweisung des Franz Peter - zunächst auf dem Klavier. Doch bald schon will der Knabe diese Autorität abschütteln und macht auf eigene Faust bemerkenswerte Fortschritte. Obwohl darüber hinaus kaum von irgendeiner Seite künstlerisch gefördert, sollte sich das musikalische Talent des Jungen in den nächsten Jahren vehement Bahn brechen, zunächst als ausübender Musiker, bald jedoch auch schon als Komponist. Mehr als alles andere können diese Betätigungen als Akt der Lösung von der rigiden väterlichen Autorität, als Befreiungs- und Identitätsfindungs-Akt verstanden werden. Bis zu seinem 10. Lebensjahr hat er so neben dem Klavier- auch das Violin- und Violaspiel erlernt, außerdem singt er im Kirchenchor, wo er bald auch schon Solopartien übernimmt. Dort fällt dem Chorleiter Michael Holzer die übermäßige Begabung Franzens auf, so dass er ihm parallel auch Unterricht in Harmonielehre und Generalbass sowie auf der Orgel erteilt. Diese Ausbildung sollte die Basis sein, auf der Franz Schubert später aufbauen kann.
Schüler im k.u.k. Konvikt
Seine Fortschritte auf allen musikalischen Gebieten innerhalb kürzester Zeit sind so beachtlich, dass er 1808 die Aufnahmeprüfung für ein Stipendium am renommierten k.u.k. Konvikt besteht, wo Franz neben einer umfangreichen schulischen Ausbildung auch weiter musikalisch gefördert wird. Gleichzeitig ist er aufgrund seines Stipendiums verpflichtet, als Sängerknabe bei Gottesdiensten in der Augustinerkirche mitzuwirken. So sehr diese Zeit Franz auch musikalisch weiter angeregt und gefördert haben mag, so sehr hat er seelisch jedoch unter der militärischen Disziplin, der eng geistigen, streng auf Kaiser und Vaterland ausgerichteten Atmosphäre, die bedingungslosen Gehorsam forderte, und dem enormen Arbeitspensum gelitten. Selbst in ihrer spärlichen Freizeit waren die Schüler nie inkognito, denn ihre Stiftsuniform wuchs ihnen gleichsam zu einer zweiten Haut. Schubert selbst hat das Konvikt als Gefängnis empfunden, und einziger Lichtblick in diesem alltäglichen Überlebenskampf waren die menschlichen Kontakte, von denen sich einige zu lebenslangen Freundschaften entwickelten.
Besondere Bedeutung gewinnt in diesen Jahre in mehrfacher Hinsicht der neun Jahre ältere Josef von Spaun für Franz Schubert, sowohl als eine Art Vater-Ersatz als auch als geistiger Mentor, der seinem Freund die Welt der Literatur erschließt - die für den zukünftigen Liederkomponisten vielleicht wichtigste Erfahrung. Nachdem sein Interesse einmal geweckt ist, begibt Franz sich in den nächsten Jahren mit Begeisterung selbst auf literarische Entdeckungsreise. Die bevorzugten Schriftsteller dieser Jahre werden Friedrich von Schiller (1759-1805) und Friedrich von Matthisson (1761-1831). Musikalisches Vorbild ist neben Ludwig van Beethoven - unter dessen künstlerischer Übermacht Schubert ebenso leidet wie Johannes Brahms wenige Jahrzehnte später - und Johann Rudolf Zumsteeg (1760-1802), dessen Lieder sich großer Beliebtheit erfreuen. Verschiedene seiner Kompositionen begeistern den jungen Schubert so sehr, dass er auf die Texte eigene Lieder vertont, die bereits eine eigene musikalische Sprache sprechen.
Zwei einschneidende Erlebnisse verändern während dieser Konviktsjahre Schuberts Leben. Da ist zum einen das sich ab 1811 zuspitzende Verhältnis zu seinem Vater, der mit allen Mitteln zu verhindern sucht, dass sein Sohn sich ernsthaft dem Komponieren widmet. Der anerzogene Gehorsam gegenüber seinem Vater und der innere Drang zum Komponieren stürzen Franz in eine schwere Krise. Im folgenden Jahr stirbt völlig unerwartet nach einer Typhuserkrankung seine Mutter Elisabeth am 28. Mai 1812. Franz ist gerade fünfzehn Jahre alt und sollte unter diesem Verlust den Rest seines Lebens leiden.
Schüler Salieris
 Franz Schubert (1797-1828) © Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
Umso wichtiger wird es für Franz nun, sich endgültig von seinem Vater abzunabeln. Schon frühzeitig hatte er gegen den konservativ-strengen Vater und dessen strikte, auf weltliche und geistliche Obrigkeit gleichermaßen ausgerichtete Autorität rebelliert. Nun wird es Zeit, dass er endgültig sein eigenes Leben lebt und seiner inneren Berufung folgt. Eine schicksalhafte Wendung der Ereignisse bedeutet da das Angebot Antonio Salieris (1750-1825), seit 1788 Hofkapellmeister und -komponist , dem begabten Jungmusiker kostenlos Privatstunden zu erteilen. Diese Anerkennung aus berufenem Munde führt zwischen Vater und Sohn vorerst zumindest zu einem 'Waffenstillstand'. Erstes bedeutendes Zeugnis dieser künstlerischen Zusammenarbeit ist die am 16. Oktober 1814 unter der Leitung des Komponisten und in Anwesenheit des Lehrers in der Lichtentaler Pfarrkirche uraufgeführte Messe F-Dur D105 mit einer 16-jährigen Therese Grob in der Sopranpartie, in die sich Franz Schubert Hals über Kopf verliebt. Doch trotz einer drei Jahre andauernden Liaison endet die Beziehung nicht im Hafen der Ehe. Ob Schuberts immer wieder ungewisse finanzielle Zukunft der Grund dafür war oder eine selbstgewählte künstlerische Einsamkeit - ähnlich wie später bei Joseph Joachim ("Frei, aber einsam") oder Johannes Brahms ("Einsam, aber frei") - oder aber auch eine aus vielen Quellen genährte, nebulöse Angst vor der Ehe, bleibt ungeklärt.
In dieser für Franz glücklichen Zeit erreicht ihn einige Monate später - er hat inzwischen im Sommer 1813 endgültig dem verhassten Konvikt den Rücken gekehrt - der militärische Einberufungsbefehl, dem er sich nur dadurch entziehen kann, dass er nach bestandenem Lehrerexamen im Herbst 1814 als Schulgehilfe bei seinem Vater antritt. Nebenbei erteilt er, um sein winziges Gehalt aufzubessern, Musikunterricht. Schubert hat dieser Frondienst gründlich missfallen, besonders, da er ihm wertvolle Kompositionszeit stahl. Dennoch findet er in diesen drei Jahren Zeit, um vier Symphonien, vier Messen, fünf Bühnenwerke, vier Streichquartette, Orchester- und Klaviermusik sowie beinahe 300 Lieder zu komponieren. Ein Werk erachtet Schubert dabei als besonders hervorhebenswert: es ist die heute unauffindbare, im Juni 1816 entstandene "Prometheus-Kantate", nicht nur sein erstes Auftragswerk, sondern auch eines, das bei der von Schubert selbst geleiteten Uraufführung wahre Begeisterungsstürme beim Publikum entfacht.
Johann Michael Vogl
Im folgenden Jahr sollte ein anderes Ereignis Franz Schuberts zukünftigen Weg als freischaffender Musiker entscheidend beeinflussen. Auf Vermittlung seiner Freunde Josef von Spaun und Franz von Schober kommt Anfang 1817 eine Begegnung mit dem renommierten Hofopernsänger Johann Michael Vogl (1768-1840) zustande. Als Saulus betritt er Schobers Wohnung, doch als Paulus verlässt er diese wieder. In der Folge wird er zu einem der überzeugtesten Jünger von Schuberts Musik, der er einen Platz nicht nur im Konzertleben der Stadt Wien, sondern weit darüber hinaus erobert. Als einer der Ersten hat er die Bedeutung und das Neuartige an Schuberts Liedern erkannt: "Sprache, Dichtung in Tönen, Worte in Harmonien, in Musik gekleidete Gedanken".
Solchermaßen in seiner Berufung gestätigt, verwundert es nicht, dass Franz Schubert 1818 eine Stelle als Musiklehrer beim Grafen Esterházy in Zseliz annimmt, die u. a. auch eine nicht nur räumliche Distanz zu seinem Vater bedeutet. Glücklich darüber, dass ihm neben seinem Dienst ausreichend Zeit für die Komposition bleibt, fühlt er doch schon bald - ähnlich wie Franz Joseph Haydn ein halbes Jahrhundert vorher - in seiner Abgeschiedenheit isoliert: "Für das Wahre der Kunst fühlt hier keine Seele,..." Möglicherweise ist darauf auch auf die geringe kompositorische Ausbeute dieser Monate, in denen neben dem "Deutschen Requiem" und wenigen Liedern vor allem Werke für Klavier zu vier Händen - vermutlich für Unterrichtszwecke - entstehen, zurückzuführen.
Forellenquintett
Dieser geografische Abstand hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass Franz Schubert, als er im Herbst 1818 nach Wien zurückkehrt, endgültig den sowohl räumlichen als auch beruflichen Bruch mit dem Vater vollzieht. Für die erste Zeit logiert findet er bei seinem Freund Johann Mayrhofer. Künstlerisch fühlt sich Schubert wieder neu inspiriert, hat doch inzwischen neben Vogl auch der Opernsänger Franz Jäger seine Lieder schätzen gelernt und nimmt sie in sein Konzertrepertoire mit auf. Darüber hinaus existieren bereits Abschriften von verschiedensten Werken, so dass sich Schuberts Ruf auch außerhalb Wiens zu verbreiten beginnt. Und so ist es kein Wunder, dass in den nächsten Monaten neben dem Auftragswerk "Das Forellenquintett" und einem "Stabat Mater" vor allem wieder eine Reihe von Liedern entsteht, unter denen die vier "Hymnen" auf Texte des 1801 verstorbenen Novalis besonders hervorzuheben sind.
Krankheit
Vermutlich im Jahr 1822 hat Franz Schubert sich die schließlich zum frühen Tode führende Krankheit zugezogen. Trotz aller Diskretion lässt es sich nicht verheimlichen, dass es sich dabei um Syphilis handelt, worauf die gesellschaftlichen Reaktionen - zum Teil auch von so genannten Freunden - nicht lange auf sich warten lassen. Besonders im Verlauf des Jahres 1823 befindet Franz Schubert sich in einem äußerst bedenklichen gesundheitlichen Zustand. Und wieder rettet er sich in dieser Phase äußersten Leidens in die Musik und komponiert den Zyklus "Die schöne Müllerin" nach Gedichten von Wilhelm Müller (1794-1827), deren Texte Schubert unmittelbar aus der Seele zu sprechen scheinen: Acht Jahre nach diesem Zyklus gelingt Wilhelm Müller mit einem weiteren Zyklus unter dem Titel "Winterreise" eine poetische Glanzleistung, die auch Franz Schubert ein Jahr vor seinem Tod zu einem seiner kühnsten Werke inspiriert. Wie sehr sich in dieser Zeit Leben und Werk Schuberts berühren, haben seine Freunde hautnah miterlebt, die den Komponisten während dieser Monate als "düster gestimmt und ... angegriffen" erlebten.
Letzte Jahre
Im Sommer 1824 verbringt Schubert noch einmal einige Monate im ungarischen Zseliz, wo er sich - trotz Erwiderung seiner Gefühle, jedoch angesichts des Standesunterschiedes ohne Aussicht auf Erfüllung - in Karoline von Esterházy verliebt. Kompositorisch sollten diese letzten Jahre Schuberts reifste und seelisch-dramatisch ausdrucksvollste Werke hervorbringen, nicht nur die "Winterreise", sondern auch das Streichquartett "Der Tod und das Mädchen", die Fantasie in f-Moll für Klavier zu vier Händen sowie die so genannte Neunte Symphonie in C-Dur entstehen. Seine 1822 begonnene Symphonie in h-Moll bleibt unvollendet und wird erst am 17. Dezember 1865, fast vierzig Jahre nach Schuberts Tod, uraufgeführt.
Franz Schubert stirbt am 19. November 1828 nach sechzehntägiger Krankheit, während der er zusehends schwächer wird, an Typhus. Er wird zwei Tage später auf dem Währinger Ostfriedhof beigesetzt. Außer seinen Verwandten folgen dem Sarg nur seine engsten Freunde, eines Staatsbegräbnisses wird dieser künstlerische Verlust noch nicht für würdig befunden. Diesen in der breiten Öffentlichkeit zu realisieren, sollten noch Jahrzehnte vergehen, doch für seine Freunde, allen voran Franz von Schober, der dem Genius ein mit dem Gedicht "An Franz Schuberts Sarge" ein bleibendes Denkmal setzte, war der Verlust unmittelbar und schmerzhaft spürbar:
"Der Friede sei mit dir, du engelreine Seele! Im frischen Blüh'n der vollen Jugendkraft hat dich der Strahl des Todes hingerafft, daß er dem reinen Lichte dich vermähle, dem Licht, von dem hienieden schon durchdrungen, dein Geist in heil'gen Tönen uns gesungen, das dich geweckt, geleitet und entflammt, dem Lichte, das von Gott nur stammt.
O sieh, verklärter Freund, herab auf unsre Zähren, vergib den Schmerz der schwachen Menschenbrust wir sind beraubt, wir litten den Verlust; du schwebst befreit in heimatlichen Sphären. Für viele Rosen hat dies Erdenleben dir scharfe Dornen nur zum Lohn gegeben, ein langes Leiden und ein frühes Grab, - dort fallen alle Ketten ab!
Und was als Erbteil du uns hast zurückgelassen: das Wirken heißer Liebe, heißer Kraft, die heilge Wahrheit, groß und unerschlafft, wir wollen's tief in unsre Seelen fassen. Was du der Kunst, den Deinen du geworden, ist offenbart in himmlischen Akkorden. Und wenn wir nach den süßen Klängen gehen, dann werden wir dich wiedersehen!
Die Schubertiaden
 Schubertabend in einem Wiener Bürgerhaus mit Franz Schubert am Klavier; nach einem Gemälde von Julius Schmid © Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
Die Schubertiaden, ein ab 1821 ins Leben gerufener Kreis von Künstlern verschiedenster Richtungen, entwickeln sich schon bald zu einer Art Institution, deren Mittelpunkt bis zu seinem Tod Franz Schubert ist.
An diesen Abenden fanden sich erlesene Mitglieder der Wiener Gesellschaft zusammen, allesamt Künstler, die Schuberts Musik schätzten und förderten, darunter natürlich langjährige, bereits aus der Konviktszeit stammende Freunde wie Albert Stadler, Anton Holzapfel oder Josef Kenner, daneben die Gebrüder Spaun - von ihnen war vor allem Josef der stetige Motor dieses Kreises, der ihm immer wieder neue Persönlichkeiten zuführte und damit die Zahl der Schubert-Bewunderer vergrößerte -, Leopold Kupelwieser, Anselm Hüttenbrenner, Eduard von Bauernfeld, Johann Baptist Mayrhofer, die Schwestern Fröhlich, Caroline Pichler, Ignaz Sonnleitner und sein Sohn Leopold, Graf Moritz Dietrichstein, Hofrat Mosel, der Dichter Franz Grillparzer, der Komponist Franz Lachner, der Sänger Johann Michael Vogl, der Maler Moritz von Schwind sowie vor allem natürlich Schuberts engster Freund Franz von Schober. Für Schubert, der zeit seines kurzen Lebens von der breiten Masse der Wiener Bevölkerung überhaupt nicht wahrgenommen wurde, entwickelten sich diese Konzerte zu einem lebensnotwendigen Forum, vor dem er seine neuesten Kompositionen vortragen (lassen) konnte. Doch da dieser Kreis selten mehr als ein paar Dutzend Zuhörer zählte, blieb Schuberts Musik ein Geheimtip.
Schubert und die Oper
Die Kunstform der Oper hat den Komponisten zeit seines kurzen Lebens nie losgelassen. Die Bühne hat ihn herausgefordert, aber nennenswerte Erfolge sind ihm in dieser Gattung nicht vergönnt gewesen. Gleichwohl hat ihn das nicht daran gehindert, diesem Drang immer wieder nachzugeben und stets neue Libretti zu vertonen - nicht nur aus musikalischen Gründen, sondern auch aus pekuniären, denn die Erfolge von Zeitgenossen wie Rossini oder Weber führten ihm überdeutlich vor Augen, was für positive Konsequenzen in dieser Hinsicht zu erwarten waren.
Sein erster Versuch in dieser Gattung fällt bereits in seine Zeit als Stiftsschüler im Konvikt ("Die Spiegelritter"), der ebenso unaufgeführt bleibt wie sein 1814 vollendetes Opus "Des Teufels Lustschloss". Zu einem bescheidenen Erfolg bringt mit Unterstützung seitens Johann Michael Vogls es sechs Jahre später die Posse "Die Zwillingsbrüder". Auch "Die Zauberharfe", wenige Monate später, am 19. August 1820, im Theater an der Wien uraufgeführt, verschafft dem Bühnenkomponisten Schubert mit zwölf Vorstellungen eine weitere Anerkennung. Eine besonders gelungene künstlerische Zusammenarbeit bedeutet im folgenden Jahr die Geburt der Oper "Alfonso und Estrella", zu der sein Freund Franz von Schober das Libretto schreibt. Das Werk ist auf die zeitgenössische italienische Oper ausgerichtet, weist jedoch musikalisch bereits weit über Zeitgenossen wie Rossini hinaus und auf einen Musikdramatiker wie Verdi hin.
Schubert und seine Freunde sind sich sicher, diesmal einen kapitalen Erfolg zu landen, doch macht das Schicksal in Gestalt von Domenico Barbaja, Impresario aus Neapel, der soeben die Leitung der beiden Wiener Opernbühnen übernommen hat, einen unerwarteten und drastischen Strich durch die Rechnung. Mit dem Mut der Verzweiflung schreibt Schubert danach noch mehrere Opern, keine kann es jedoch mit dem Libretto von "Alfons und Estrella" aufnehmen, geschweige denn, dass sie auf der Bühne produziert werden. Ein bescheidener Erfolg gelingt ihm noch einmal mit der Bühnenmusik zu "Rosamunde", danach gibt er - nicht zuletzt auch aus gesundheitlichen Gründen - seine Karriere als Opernkomponist als gescheitert auf.
Werke
"Schuberts Bestimmung war, indirekt der dramatischen Musik einen immensen Dienst zu erweisen. Dadurch, daß er in noch höher potenzierter Weise, als Gluck es getan, die harmonische Deklamation anwandte und ausprägte, sie zu einer, bisher im Liede nicht für möglich gehaltenen Energie und Kraft gesteigert und Meisterwerke der Poesie mit ihrem Ausdruck verherrlicht hat, übte er auf den Opernstil einen vielleicht größeren Einfluß aus, als man es sich bis jetzt klargemacht hat. Er naturalisierte gleichsam den poetischen Gedanken im Gebiete der Musik und verschwisterte ihn mit derselben wie Seele und Körper." (Franz Liszt)
Schuberts Werke umfassen trotz seiner unglaublich kurzen Schaffenszeit die gesamte Epoche der Klassik und weisen gleichzeitig bereits weit darüber hinaus. Dies mag darin begründet liegen, dass für Franz Schubert Musik und Komponieren Leben bedeuteten. Er existierte eigentlich nur in der und durch die Musik ("Mich soll der Staat erhalten, ich bin für nichts als das Componieren auf die Welt gekommen.") und nur während des Komponierens lebte Schubert wirklich - Komposition als Lebenselixier und Lebensinhalt; Kunst als Flucht vor der Realität und als Mittel zur Verarbeitung von Leid und Schmerz. Und so vielfältig wie die Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle in Franz Schuberts kurzem, aber leidensintensivem Leben sind, so vielfältig sind auch seine Werke.
Viele seiner Werke existieren in verschiedenen Fassungen. Dies liegt zum einen an dem immer als Geist übermächtig präsenten" 'Titanen' Beethoven ("Das Komponieren seit und neben Beethoven wird immer problematischer"), zum anderen jedoch auch daran, dass viele seiner Werke so individuell in ihrer (Schmerzens)sprache sind, dass sie eine eigene Lebens-, Leidens- und Entwicklungsgeschichte haben.
Da Franz Schubert die Musik als sein eigentliches Kommunikationsmittel betrachtete, fallen viele seiner Werke für ihre Zeit ungewöhnlich expressiv aus. Dies dürfte auch der Grund sein, warum seine Kompositionen von den Zeitgenossen oft nicht entsprechend gewürdigt, geschweige denn verstanden wurden, denn sie waren ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus.
Neben neun Symphonien, 24 Klaviersonaten, 24 Streichquartetten und mehreren Messen hat Franz Schubert die Geschichte der Musik vor allem als Komponist von über 600 Liedern geprägt. Vor allem die Gattung des Kunstliedes erfuhr durch ihn eine enorme Bereicherung.
Lieder
Franz Schubert hat - ganz im Gegensatz zu Johannes Brahms, der literarisch zweitrangige Lyrik bevorzugte, denn diese konnte er mit Hilfe der Musik veredeln - sehr viel Sorgfalt auf die Auswahl seiner zu vertonenden Gedichte gelegt: "Ja (bei einem guten Gedicht) da fällt einem sogleich was Gescheites ein ... Bei einem schlechten Gedicht geht nichts vom Fleck ... Ich habe schon viele mir aufgedrungene Gedichte zurückgewiesen." Dementsprechend liest sich auch die Liste der vertonten Dichter wie ein Who's Who der Poetik:
· Matthias Claudius (1740-1815)
· Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
· Heinrich Heine (1797-1856)
· Ludwig Hölty (1748-1770)
· Friedrich Klopstock (1724-1803)
· Theodor Körner (1791-1813)
· Friedrich von Matthisson (1761-1831)
· Johann Mayrhofer (1787-1836)
· Pietro Metastasio (1698-1782)
· F. de la Motte Fouqué (1777-1843)
· Wilhelm Müller (1794-1827)
· Novalis (1772-1801)
· Petrarca (1304-1374)
· Ludwig Rellstab (1799-1860)
· Friedrich Rückert (1788-1866)
· Friedrich von Schiller (1759-1805)
· August Wilhelm Schlegel (1767-1845)
· Friedrich Schlegel (1772-1829)
· Franz von Schober (1796-1882)
· Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)
· Walter Scott (1771-1832)
· William Shakespeare (1564-1616)
· Ludwig Uhland (1787-1862)
Nicht von ungefähr war die Gattung Lied das Medium, durch das sich der Mensch und Künstler Franz Schubert am vollendetsten und vordringlichsten ausdrücken konnte. Als zentrale Motive durchziehen dabei "Wandern" und "Tod" seine Lieder. Insbesondere das letzte Thema war dabei auch Ausdruck von Franz Schuberts in seinen bedrückenden Lebensphasen oft ganz persönlich empfundener Todessehnsucht:
"Sieh, vernichtet liegt im Staube, Unerhörtem Gram zum Raube, Meines Lebens Martergang Nahend ew'gem Untergang.
Tödt' es mich und mich selber tödte, Stürz nun Alles in die Lethe, Und ein reines, kräft'ges Sein Lass', o Großer, dann gedeih'n." (aus 'Mein Gebet' von Franz Schubert, Mai 1823)
Franz Schuberts Lieder sind intimste autobiografische Zeugnisse, in denen er sich mitteilen und seine Erlebnisse verarbeiten konnte: "Meine Erzeugnisse sind durch den Verstand für Musik und durch meinen Schmerz vorhanden; jene, welche der Schmerz allein erzeugt hat, scheinen am wenigsten die Welt zu erfreuen." Dieser Schmerz war nicht aus den ärmlichen Lebensverhältnissen und später den gesundheitlichen Problemen, sondern vor allem auch aus der geistig-seelischen Isolation geboren: "Keiner, der den Schmerz des Andern, und Keiner, der die Freude des Andern versteht! Man glaubt immer, zu einander zu gehen, und man geht immer nur neben einander. O Qual für den, der dieß erkennt!"
Schuberts Leichnam wurde am 23. September 1888 - gemeinsam mit demjenigen Beethovens - auf den Wiener Zentralfriedhof überführt. Dort liegt er seither in der Gruppe der Ehrengräber 32A, Nr. 28 bestattet. Carl Kundmann und Theophil Hansen gestalteten zur Erinnerung ein Grabdenkmal. Daneben ist auch der erste Grabstein auf dem Währinger Friedhof noch erhalten geblieben, dessen Inschrift der Dichter Franz Grillparzer verfasst hatte.
Bibliografie
Werner Bodendorff: Wer war Franz Schubert? Wißner Verlag, Augsburg 1997
Friedrich Dieckmann: Franz Schubert. Eine Annäherung, Insel Verlag, Frankfurt 1996
Dietrich Fischer-Dieskau: Franz Schubert und seine Lieder, Inserl Verlag, Frankfurt 1999
Eduard Gronau: Franz Schubert - Musik zwischen Himmel und Abgrund, Verlag W. Strehlow, Allensbach 1993
Ernst Hilmar: Franz Schubert (rororo monographie 50608), Rowohlt Verlag, Reinbek 1997
Reclams Musikführer: Franz Schubert, Ph. Reclam Verlag, Ditzingen 1991
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