Franz Liszt

Franz Liszt

Franz Liszt war ein musikalisches Universalgenie - gleichermaßen begabt als Komponist, Interpret und Pädagoge, ein Leonard Bernstein des 19. Jahrhunderts.  Sein künstlerisches Schaffen richtete sich auf die Musik im umfassenden Sinne, überschritt dabei die Grenzen nicht nur innerhalb der verschiedenen Musikgattungen,  -richtungen und -stile sondern auch zwischen den Künsten. Musik war ihm ein  inneres Anliegen und seine Liebe zu dieser Kunst sowie sein Verständnis für dieselbe prägten sein Wirken als darstellender und schaffender Künstler ebenso  wie seine pädagogische Arbeit und darüber hinaus sein ganzes Leben.

Zeit und Welt

Franz Liszt war zeit seines Lebens ein Pendler zwischen den Welten,  ein echter Europäer, der in Budapest ebenso zu Hause war wie in Wien, Paris  oder London und ein Künstler, der es verstand, in seinem musikalischen Werk all diese verschiedenen Einflüsse zu verschmelzen. Basierend auf dem kultur-  und vor allem musikgeschichtlichen Erbe der Wiener Klassik sollte vor allem Paris sowohl in politischer als auch kultureller Hinsicht wichtige Spuren in der Persönlichkeitsentwicklung Franz Liszts hinterlassen. Hier sind die Ereignisse  der Februarrevolution ebenso prägend wie die lebendige geistige Atmosphäre, die einen bunten Reigen von Schriftstellern, Malern, Musikern und Gelehrten  vereint.

Es ist die Zeit des Bildungsbürgertums und was früher der Adelige  für den Künstler gewesen war, diese Rolle übernahm nun unter anderen Vorzeichen  der Bürger. Er ist die treibende und erstmals auch honorierende Kraft aller  Künste, sodass in diesem Umfeld erstmals auch ein Verlagswesen im heutigen Sinne mit Urheberrecht und entsprechender Vergütung für den Künstler entstehen kann. So schreiben Komponisten ihre Werke nicht länger für einen adeligen, sondern für einen bürgerlichen Auftraggeber, der dafür in barer Münze bezahlt. Damit hat sich die Welt für den ausübenden bzw. kreativ schaffenden Musiker grundlegend  geändert, und insbesondere an die Solisten werden immer höhere Anforderungen hinsichtlich der Individualität gestellt - schließlich muss sich der  Künstler von seiner Konkurrenz unterscheiden, um sich und seine Kunst verkaufen zu können. Dies führt zur Ausbildung des Virtuosentums, das Geiger wie Niccolò Paganini oder Pianisten wie Franz Liszt hervorbringt, die zu gefeierten Stars  der Musikszene aufsteigen und Begeisterungsstürme entfachen wie in heutiger  Zeit die Popstars.

Biografie oder Das Phänomen Franz Liszt

Franz Liszt, deutscher Klaviervirtuose, Dirigent und Komponist (1811-1886)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

 

 

Über den Künstler Franz Liszt stritten sich zeit seines Lebens Kritiker und Musikinteressierte gleichermaßen und an diesem gespaltenen Verhältnis hat sich bis heute nicht viel geändert. Zu vielschichtig und gegensätzlich ist  nicht nur sein Leben, sondern vor allem auch sein kompositorisches Werk. Liszts  schillernde Persönlichkeit lässt sich ebenso wenig in eine der berühmten Schubladen stecken wie sein breit gefächertes musikalisches Œuvre.

 

 

Kindheit und Jugend

Franciscus Liszt wird am 22. Oktober 1811 im burgenländischen  Raiding (Österreich), das zu dieser Zeit noch zu Ungarn gehört, als einziger  Sohn des Gutsverwalters Adam Liszt und seiner Frau Maria Anna geboren. Adam  Liszts Arbeitgeber ist die Familie Esterházy (Nikolaus II.), die bereits  in Joseph Haydns Lebenslauf eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Durch seinen Dienstherrn ergeben sich zwangsläufig fruchtbare Kontakte zu den Großen der  damaligen Musikwelt: neben Joseph Haydn, Johann Nepomuk Hummel, Johann Nepomuk Fuchs und schließlich auch Ludwig van Beethoven, unter dessen Dirigat Adam Liszt am 13. September 1807 die Uraufführung der C-Dur-Messe erlebt hatte.

Franz hat von seinen Vorfahren zwei wesentliche Dinge vererbt  bekommen: das musikalische Interesse und die Entschlossenheit, ein einmal anvisiertes Ziel bis zum Ende zu verfolgen. Beides lässt sich bis auf den Großvater väterlicherseits, Georg Adam Liszt, zurückverfolgen, der selbst ein aktiver Musiker war und ein  Leben lang seinen eigenen Weg ging, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.

Den ersten Musikunterricht erhält Franz von seinem Vater im Alter  von sechs Jahren. Doch schon bald setzt die offensichtliche Begabung seines Sohnes dem Vater als Pädagogen Grenzen und so sieht er sich nach einem geeigneteren  Lehrer um. Seine Wahl fällt auf Johann Nepomuk Hummel (1778-1837), dessen Honorarforderungen allerdings seine finanziellen Möglichkeiten übersteigen. Doch ebenso eigenwillig  und hartnäckig wie sein Vater erreicht Adam Liszt schließlich den entscheidenden Durchbruch für seines Sohnes zukünftige Karriere: nach einigen kleineren Konzerten  beeindruckt der neunjährige Franz während eines Konzertes im Palais des Grafen  Michael Esterházy in Pressburg Zuhörer und Kritik so nachhaltig, dass sowohl die unmittelbare finanzielle als auch künstlerische Zukunft des Jungen gesichert  ist: Sechs Angehörige der Familie Esterházy setzen gemeinsam ein mehrjähriges  Stipendium aus. Nachdem Adam Liszts Gesuch um Entlassung aus den fürstlichen Diensten stattgegeben worden ist, siedelt die Familie 1821 nach Wien, in die seit der Regentschaft Maria Theresias führende Kulturmetropole Europas, über.

Wien

Carl Czerny, Pianist und Klavierpädagoge (1791-1857)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Bei der Suche nach einem geeigneten Schüler für seinen Sohn fällt  Adam Liszts Wahl auf den Beethoven-Schüler Carl Czerny (1791-1857). Czerny erspürt das große Talent seines neuen Schülers - weswegen er auch eine Honorierung seiner Tätigkeit ablehnen sollte -, erkennt mit sicherem pädagogischem Gespür jedoch auch sogleich die pianistischen Schwachstellen, die vor allem im technischen Bereich liegen. Diesem Aspekt gilt in den nächsten Monaten seine volle Aufmerksamkeit, sodass Franz schon bald angeborene Musikalität  und trainierte Technik zu einem außergewöhnlichen Spiel vereinen kann. Vor der Öffentlichkeit legt er davon bereits ein Jahr später in einem Konzert am 1. Dezember 1822 Zeugnis ab, wo er das Publikum durch seinen Vortrag des h-Moll-Konzertes  von Johann Nepomuk Hummel zu wahren Begeisterungsstürmen hinreißt. Neben der  pianistischen wird auch die kompositorische Begabung des Künstlers gefeiert, der eine virtuose Improvisationstechnik beherrscht.

Für diesen Teil von Franz' musikalischer Ausbildung zeichnet der inzwischen hoch betagte Antonio Salieri (1750-1825) verantwortlich: er lehrt seinem jungen Schüler nicht nur die Improvisation, sondern auch Partiturlesen,  Harmonielehre und Komposition. Zusammen mit Czerny legt er die Wurzeln für die  zukünftige Weltkarriere des jungen Liszt. Eine besondere Ehrung wird dem Zehnjährigen nach einem Konzert am 13. April 1823 zuteil, als der 53-jährige, inzwischen  mehr und mehr ertaubende Beethoven unter den Zuhörern weilt und den aufstrebenden Stern am Musikerhimmel durch einen väterlichen Kuss auf die Stirn als seinesgleichen  auszeichnet.

Der künstlerisch zwar ebenfalls begabte, aber durch ein weniger  glückliches Geschick nicht im Lichte der Öffentlichkeit stehende Vater setzt von nun an alles daran, seinem Sohn eine künstlerische Weltkarriere zu ermöglichen  und so gehen Vater und Sohn bereits ab 1823 auf Konzertreise - sehr  zum Missfallen von Lehrer Czerny, der seinem Schüler insbesondere in kompositorischer Hinsicht gerne noch eine profundere Ausbildung gewünscht hätte. Adam Liszt präsentiert  sein für Viele an Mozarts Genie erinnerndes Wunderkind in den Salons und Konzertsälen Europas und reist schließlich im Herbst 1823 nach Paris.

Paris

Paris war inzwischen dabei, Wien den Rang der Kulturmetropole  Europas abzulaufen. In diesem kulturellen "Ameisenhaufen" treffen im Dezember 1823,  ausgestattet mit einem Stapel von Empfehlungsbriefen, Adam Liszt und sein Sohn Franz ein. Dank derselben sowie auf Grund des außergewöhnlichen Talentes des jungen Franz öffnen sich für Vater und Sohn in Paris schon bald die Türen der  Adelshäuser und Konzertsäle. Franz Liszt wird innerhalb kürzester Zeit zu einer Art kultureller Institution und feiert als "Le petit Liszt" triumphale Erfolge,  wobei seine technischen und improvisatorischen Fähigkeiten ebenso gerühmt werden wie seine Musikalität und Ausdruckskraft.

Umso größer ist da die Enttäuschung darüber, dass das renommierte  Pariser Concervatoire ihn als Studenten auf Grund seines Ausländerstatus ablehnt - ein Schicksal, das ähnlich auch seinem Zeitgenossen Giuseppe Verdi widerfährt, der  als Bürger Parmas im nahe gelegenen Mailand als Ausländer betrachtet wird und  u.a. aus diesem Grund ebenfalls keine Studienerlaubnis am dortigen Konservatorium erhält. Ob dies bei den teilweise künstlerisch recht einengenden musikalischen Lehr- und Lerninhalten ein wirklicher Verlust war, sei dahingestellt.

Statt dessen werden in den nächsten Monaten der italienische Komponist Fernando Paër (1771-1839) und der Tscheche Antonín Reicha (1770-1836)  Franz' neue Kompositionslehrer. Zwar können sie dem bereits fundiert ausgebildeten Knaben nicht mehr viel beibringen, doch erweitern sie Liszts kompositorischen  Horizont auf ihre jeweils eigene Art. Insbesondere Paër inspiriert den Zwölfjährigen zur Komposition seiner ersten und einzigen Oper Don Sancho, die am 17. Oktober 1825 in der Grand Opéra unter der Leitung von Rudolph Kreutzer mit allerdings mäßigem Erfolg uraufgeführt wird.

Paris sollte für Franz Liszt vor allem in intellektueller Hinsicht wichtige Spuren hinterlassen und diesen bisher vernachlässigten Teil seiner Bildung vervollständigen. Darüber hinaus hinterlässt ein Konzert des italienischen  Geigenvirtuosen Niccolò Paganini unauslöschliche Spuren in der jungen Künstlerseele. Nach einem Konzert im Jahr 1831 inspiriert ihn der Italiener u.a. zu der Clochette  fantaisie (1831/32) und den Paganini-Etüden (1838).

Beginn einer Weltkarriere

Nicht zuletzt durch das Engagement des Pariser Klavierbauers Sébastien Érard strecken Vater und Sohn bereits wenige Monate später (im Mai 1824)  ihre Fühler auf die britische Insel aus. Diese Reise festigt den bereits bestehenden  Ruhm des jungen Künstlers. Aus berufenem Munde seiner Majestät, König Georgs IV.,  wird neben seiner technischen Brillanz vor allem Franz' "Reichtum der Ideen" hervorgehoben. Darüber hinaus gestaltet sich Liszts erstes Londoner Konzert  am 21. Juni 1824 zu einem gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges, an  dem alles, was - vor allem in der Künstlerszene - Rang und Namen hat, dem jungen Pianisten die Ehre erweist und den Solisten am Ende des Abends frenetisch feiert. Von da an reiht sich Konzert an Konzert.

Die Routine dieses Lebensstils wird nur drei Jahre später abrupt unterbrochen, als Liszts Vater am 27. August 1827 in Boulogne-sur-mer völlig unerwartet mit nur 47 Jahren stirbt. Franz Liszt ist von da an gezwungen, auf eigenen Beinen zu stehen und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und so beginnt er nach seiner Rückkehr nach Paris eine zweite Karriere als Klavierlehrer  adeliger Damen. Schon bald machen in diesem Zusammenhang allerdings nicht nur  seine musikalischen Fähigkeiten, sondern auch sein Casanova-ähnliches Leben von sich reden, denn die schillernde Persönlichkeit Franz Liszts fasziniert  Frauen und Mädchen aller Schichten. Unter seinen zum Teil jugendlichen Schülerinnen hinterlässt erstmals Caroline von Saint-Cricq, die Tochter des Handelsministers, einen bleibenden Eindruck bei dem inzwischen 17-jährigen Jüngling. Doch Vater  Saint-Cricq weiß die unstandesgemäße Verbindung beizeiten zu unterbinden.

Schon bald ist Franz Liszt so ausgebucht, dass ihm sein enger  Stundenplan kaum noch Freiräume für eigene pianistische Studien, ganz zu schweigen für komponistische Ergüsse lässt. In der Konzerttätigkeit tritt in diesen Jahren  eine Zwangspause ein, bevor Franz Liszt ab 1836 aufs Konzertpodium zurückkehrt. Während dieser Zeit lernt der Komponist die Gräfin Marie d'Agoult kennen, die  ab 1835 zehn Jahre lang sein unstetes Künstlerdasein begleiten und  teilen sollte. Ein Jahrzehnt später wird Liszt aus eigenem Wunsch abrupt das  Ende seiner glorreichen Solistenlaufbahn beschließen, weil er seine Kräfte mehr  auf das Komponieren konzentrieren will. Von da an kann man ihn als Pianisten zumeist nur noch im Dienste der Wohltätigkeit oder bei kleinen Privatkonzerten  erleben.

Kompositorische Anfänge

Franz Liszt war schon seit jeher mit einer reichen musikalischen Fantasie gesegnet und so nimmt es nicht Wunder, dass er mit zunehmenden Alter  das Bedürfnis verspürt, seine bis dahin zumeist improvisatorischen Einfälle  auch schriftlich zu fixieren. So entstehen neben seiner Oper zwischen 1824 und 1826 erste, heute zum Teil verschollene Werke für das Klavier, u.a. ein Impromptu,  eine Sonate sowie mehrere Etüden.

Als Komponist setzt Franz Liszt vor allem Maßstäbe in der Gattung  des Klavierkonzertes, denn er integriert erstmals das Soloinstrument in die  Gesamtkomposition.

Italienische und Schweizer Inspirationen

Die Begegnung mit Marie d'Agoult (1805-1876) setzt nicht nur privat, sondern auch künstlerisch eine Zäsur in Franz Liszts Leben. Das folgende Jahrzehnt ihrer Lebensgemeinschaft ist für den Künstler zunächst geprägt von  einem Rückzug aus dem turbulenten Leben in der französischen Metropole. Das Paar schlägt am Genfer See seine Zelte auf; dort kommt im Dezember 1835  die erste gemeinsame Tochter Blandine zur Welt. Nach einem Pariser Intermezzo  1836/37 bricht die Familie im September 1837 nach Italien auf. In Bellaggio am Comer See finden sie ein neues Zuhause, wo am 24. Dezember die zweite Tochter Cosima das Licht der Welt erblickt.

Doch die familiäre Beschaulichkeit ist nichts für den rastlosen  Künstler Franz Liszt. So bricht er von Bellaggio zunächst zu einer Konzerttournee nach Mailand auf, bevor er mit Frau und Kindern nach Venedig weiterreist. Auch  dort hält es ihn nicht lange: anlässlich der Hochwasserkatastrophe in Ungarn reist er nach Wien, um eine Reihe von Wohltätigkeitskonzerten zu geben. Privat ist diese Unrast der Anfang vom Ende: Gräfin d'Agoult leidet unter der ständigen Abwesenheit ihres Lebensgefährten. Daran können auch die gemeinsamen Aufenthalte in Lugano, Rom, Lucca und San Rossore nichts mehr ändern. Wenige Monate nach der Geburt des dritten Kindes, des Sohnes Daniel am 9. Juni 1839, trennt sich Marie d'Agoult im Dezember 1839 von Liszt und kehrt nach Frankreich zurück.

Haben die Schweizer und italienischen Jahre für die Gräfin d'Agoult  vor allem Schmerzen und Leid bedeutet, so profitiert Franz Liszt vor allem kompositorisch von den vielfältigen neuen Anregungen, die ihm insbesondere die Begegnung mit den großen Meisterwerken der italienischen Kunst bescheren. So inspirieren ihn  Raffaels Gemälde "Vermählung Mariä und Josephs" (Mailand) sowie Michelangelos  Statue "Il penseroso" (Der Nachdenkliche) am Grabmal von Guiliano de Medici in Florenz zu seinem Klavierwerk Sposalizio (Die Vermählung). Seine kompositorische Essenz dieser Jahre ist u.a. in den drei Bänden Années de  pèlerinage enthalten.

Dirigent in Weimar

1848 wird Weimar nach dem unermüdlichen Konzertjahrzehnt zwischen  1838 und 1848 zum neuen künstlerischen Mittelpunkt Franz Liszts, nachdem er  bereits sechs Jahre vorher zum "Hofkapellmeister in außerordentlichen Diensten" ernannt worden war; nun wird daraus eine Stellung als "ordentlicher Kapellmeister". Diese neue Wirkungsstätte teilt auch eine neue Frau mit ihm: Fürstin Carolyne  von Sayn-Wittgenstein (1819-1887) hatte ihrer russischen Heimat den Rücken gekehrt,  um ihr zukünftiges Leben ganz auf den Künstler Franz Liszt auszurichten.

In Weimar sollte Franz Liszt seine dritte Karriere als Dirigent  starten, bei der er ebenso für Aufsehen sorgte und Maßstäbe setzte wie als Pianist. Allerdings sollten sich diese Erfolge eher auf sein außergewöhnliches musikalisches Verständnis denn auf eine präzise dirigentische Technik gründen - was  Liszt durchaus selbst bewusst war. Neben eigenen Werken stehen häufig Kompositionen  von Hector Berlioz und Richard Wagner auf dem Programm, die Liszt besonders am Herzen liegen. So dirigiert er 1850 die Uraufführung von Wagners "Lohengrin"  oder veranstaltet 1852 eine komplette Berlioz-Woche mit Werken des Franzosen.  Daneben gilt sein Engagement vor allem der Oper. Was er mit einem personell recht dürftig besetzten Ensemble von weniger als 40 Orchestermusikern und rund 30 Chorsängern auf die Beine stellt, ist beachtlich und zeugt von Liszts überragenden künstlerischen Fähigkeiten: Neben einem Querschnitt durch  das zeitgenössische Opernschaffen, das Kompositionen von Wagner und Berlioz  ebenso beinhaltet wie Werke von Verdi, Rossini, Meyerbeer und Schumann stehen  auch Klassiker von Mozart, Gluck oder Weber auf dem Programm. Weimar wird nach  der klassischen Epoche Goethes und Schillers noch einmal für wenige Jahre zum kulturellen Zentrum Deutschlands und Anziehungspunkt für prominente Musiker aus aller Welt.

Gleichzeitig stellen diese Jahre eine äußerst fruchtbare Zeit  im Leben des Komponisten Franz Liszt dar: es entstehen nicht nur 12 seiner  insgesamt 17 Symphonischen Dichtungen, sondern auch seine beiden Klavierkonzerte, die Dante-Symphonie, der Totentanz sowie die Sonate h-Moll, die heute zum Standard-Repertoire aller bedeutenden  Pianisten zählt. Wesentlich inspiriert wird sein Schaffen u.a. von dem dichterischen  Erbe der Weimarer Klassik, respektive den Werken der beiden Dioskuren Goethe  und Schiller, mit denen er sich in verschiedenen Kompositionen musikalisch auseinander  setzt.

Hector Berlioz, französischer  Komponist (1803-1869)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Höhepunkte dieser Zeit bilden die Uraufführungen von Liszts beiden Klavierkonzerten: am 17. Februar 1855 das erste Konzert in Es-Dur unter  der Leitung von Freund Hector Berlioz mit dem Komponisten selbst am Flügel sowie am 7. Januar 1857 das zweite Konzert in A-Dur unter der Leitung des Komponisten  mit dem Liszt-Schüler Hans von Bronsart am Flügel.

1854 hatte Liszt für die Realisierung seiner künstlerischen Ideen  in Analogie zu Schönbergs den "Verein für musikalische Privataufführungen" den  "Neu-Weimar-Verein", in dem es ihm um "harmonische Verbindung von Kunst, Literatur  und Wissenschaft" ging. Doch sein anspruchsvolles Konzept stößt zunehmend die  provinziellen Weimarer Bürger vor den Kopf. Darüber hinaus nehmen sie an dem in wilder Ehe lebenden Privatleben des Maestros ebensolchen Anstoß wie ein halbes Jahrhundert vorher bei Goethe und seiner Christiane. Leere Kassen, ein neuer  non-inspirierter Theaterintendant in der Person Franz von Dingelstedts und eine durchgefallene Uraufführung der Oper "Der Barbier von Bagdad" von Peter Cornelius lassen Franz Liszt 1858 einen Schlussstrich unter dieses Kapitel seines Lebens ziehen: er stellt sein Amt zur Verfügung und bittet ein Jahr später um seine  offizielle Entlassung aus den großherzoglichen Diensten.

Der Kirchenmusiker oder wandernder Abbé zwischen den Welten

Nach Beendigung des Weimarer Jahrzehnts bricht Liszt im August 1861  nach Rom auf, um seiner bereits seit einem Jahr dort weilenden Lebensgefährtin zu folgen. Rom sollte nochmals einen Wendepunkt in des Künstlers Leben bedeuten.  Nach der insbesondere seitens Carolyne von Sayn-Wittgenstein vergeblich erhofften Vermählung - die Zustimmung der katholischen Kirche zur Scheidung  von ihrem Ehemann wird bis zuletzt immer wieder verweigert und boykottiert - sieht  sich die Fürstin gezwungen, ihr zukünftiges Leben neu zu überdenken, nachdem sich Liszt innerlich mehr und mehr von ihr entfernt. Sie flüchtet ironischerweise in die Welt des Glaubens und der Kirche. Ob dieser Schritt eine Rolle gespielt  hat oder warum Franz Liszt sonst im Alter von mehr als fünfzig Jahren den Entschluss fasste, in den geistlichen Stand zu treten und die niederen Weihen  als Abbé zu empfangen, ist eine der Fragen, die heute nicht mehr mit Sicherheit  zu klären sind.

Fest steht, dass Franz Liszt bereits als kleines Kind durch seine  Mutter einen engen Bezug zur Religion hatte. Diese kindliche religiöse Erfahrung  hat nach Aussagen Maria Anna Liszts etwas Mystisches und Ekstatisches an sich  und erinnert an die intensiven Erlebnisse beispielsweise einer Katharina von  Siena. Auf diesen kindlichen Erlebnissen gründet sich ein lebenslanges Interesse  an der Religion und - teilweise radikalen - religiösen Schriften. Vor allem jedoch zeigt diese Seite von Liszts Persönlichkeit ein umfangreiches  kirchenmusikalisches Werk, das einseitig betrachtet so gar nicht recht zum weltlichen Virtuosen Liszt passen will. Eine zentrale Stellung nehmen dabei die fünf Messen ein, in denen nicht nur der Mensch in seinem göttlichen Verhältnis, sondern  auch in seiner irdischen Existenz thematisiert wird. Die Ungarische Krönungsmesse entsteht 1867 aus aktuellem Anlass für die Krönung Kaiser Franz Josephs I. zum König von Ungarn. Darüber hinaus schreibt Franz Liszt in der Gattung des Oratoriums Musikgeschichte: Die Legende von der heiligen Elisabeth (1857-1862) über Elisabeth von Thüringen und Christus (1862/63) sind  beeinflusst durch den Cäcilianismus, dem es um eine Reform  der Kirchenmusik und deren Rückbesinnung auf die Wurzeln Palestrinas, reine A-cappella-Klänge und damit eine Reinigung des Oratoriums von den Prägungen  durch Oper und Symphonie ging. Gleichzeitig finden in den Orchesterzwischenspielen Anklänge an symphonische Dichtung wieder.

Doch auch der äußerlich neue Lebenswandel bringt für den Unruhegeist Liszt keinen inneren Frieden. Und so beginnt er in den 1870er Jahren wieder sein ruheloses Wanderleben. Durch seine Ernennung zum ungarischen Hofrat im  Jahr 1871 werden von da an Rom, Budapest und Weimar die Zentren seines künstlerischen Wirkens. Darüber hinaus stehen immer wieder Reisen in die Wagner-Metropole Bayreuth an, denn seine Tochter Cosima ist seit 1870 mit Wagner in zweiter Ehe verheiratet, was aber an dem gespannten Verhältnis zwischen Vater und der  Wagner-hörigen Tochter nichts mehr ändert. Auch nach Richard Wagners Tod im Jahr 1883 sollte dieser noch das "letzte Wort" behalten: Als Franz Liszt  am 31. Juli 1886 in Bayreuth stirbt, erfährt die Welt erst drei Tage später  von seinem Tod und an Stelle eines seinem Lebenswerk angemessenen Begräbnisses  ist Tochter Cosima mehr beschäftigt mit der nächsten Wagner-Aufführung anlässlich  der Bayreuther Festspiele. Vier Tage später, am 4. August 1886, wird Franz  Liszt auf dem Allgemeinen Friedhof beigesetzt.

Der Pianist Franz Liszt oder Die fragwürdige Stellung  des Virtuosentums

Virtuos und Virtuosentum wird zumeist einseitig  mit meisterhafter Technik gleichgesetzt. Betrachtet man den lateinischen Wortstamm virtus so erscheinen auch Begriffe wie Mannhaftigkeit, Tatkraft, Tugendhaftigkeit als Erklärung und das italienische virtuóso maestro meint meisterhaft,  kunstfertig. Wenn man sich nun in diesem Zusammenhang den Begriffen Kunst und  schließlich wieder Virtuosentum widmet, wird eine viel komplexere Bedeutung  ersichtlich, die nach Aussagen aller Zeitgenossen auch auf die pianistische Kunst Franz Liszts zugetroffen haben muss.

Liszts Virtuosität lag weit jenseits des heute üblichen Begriffes  und beinhaltete neben der rein technischen Beherrschung des Instruments auch  die musikalische Interpretation und Ausdruckskraft. Zeitgenossen wie Berlioz hoben vor allem sein differenziertes Spiel hervor, das bis dahin nie gekannte Klänge auf dem Klavier hervorbrachte. Sein Vortrag war immer einmalig und ließ die Zuhörer glauben, das Stück werde gerade erst in diesem Moment komponiert.  Oft karikiert und viel belächelt war dabei ein Konzertabend mit Franz Liszt  ein ganzheitliches Erlebnis, das Ohren und Augen gleichermaßen ansprach und bewegte. Liszt machte die Musik nicht nur akustisch, sondern auch visuell, nicht nur geistig auch körperlich sichtbar, denn sein Körper war ebenso Musik wie das zum Klingen gebrachte Klavier. Liszt - der schauspielernde Pianist.

Seine Konzertreisen führten ihn - zunächst als Pianisten,  später auch als Dirigenten - über die Jahre durch ganz Europa. Sein  Repertoire umfasste dabei ein weites Spektrum: Altmeister wie Orlando di Lasso, Bach und Händel waren ebenso vertreten wie die Klassiker Mozart und Beethoven  oder die Zeitgenossen Berlioz, Weber, Chopin, Mendelssohn, Schumann und vor allem Richard Wagner. Ein besonderes Anliegen galt dem Werk Schuberts, dessen  Lieder bis dahin nur einem kleinen Kreis bekannt waren und deren Verbreitung  er förderte, sowie den verschiedensten Richtungen der Volksmusik - auf  diesem Weg sollten ihm in den nächsten Jahrzehnten europa- und weltweit Komponisten wie Edvard Grieg, Bela Bartók, Percy Grainger, Benjamin Britten oder auch Sergej  Prokofjew folgen -, allen voran die ungarische nicht nur Volks-, sondern  auch Kunstmusik. Schließlich standen auch Liszts eigene Werke auf den Programmen  seiner Konzerte und obwohl viele davon zum Standardrepertoire begabter Pianisten zählen, hängt ihnen, ebenso wie dem Künstler Liszt, bis heute zum Teil der verruchte Ruf des Virtuosentums an.

Liszt und Wagner

Richard Wagner, deutscher  Komponist (1813-1883). Gemälde; Museo Bibliográfico Musica, Bologna

© aisa, Barcelona

Liszt und Wagner - ein schwieriges Kapitel in der Musikgeschichte. So sehr sich Liszt zu Beginn von Wagners Karriere für dessen Werke einsetzte, so sehr distanzierte sich dieser nach seiner künstlerischen Etablierung von  dem einstigen Weggefährten. Insbesondere in seiner Zeit als Weimarer Hofkapellmeister bringt Liszt mehrere von Wagners Opern zur Uraufführung (1950 Lohengrin, 1853 Der fliegende Holländer) und verhalf 1849 dem "Tannhäuser" in einer engagierten Aufführung zum Durchbruch. Darüber hinaus ist er ihm auch im alltäglichen Leben ein echter Freund und verhilft beispielsweise dem polizeilich Gesuchten 1849 mit einem falschen Pass zur Flucht. Während Wagners Zeit im Züricher Exil (bis 1858) fungiert Liszt als künstlerischer Manager für das Werk seines Freundes und gemeinsame Reisen festigen die persönlichen Bande.

 

 

Cosima Wagner, Tochter von Franz Liszt (1837-1930)

© Bertelsmann Lexikon  Verlag, Gütersloh

Doch es kommt der Tag, an dem sich die künstlerischen Wege trennen. Auslöser dafür ist allerdings eine private Angelegenheit: 1864 trennt sich Liszts  Tochter Cosima, die seit 1857 mit dem Dirigenten Hans von Bülow verheiratet  war, von ihrem Ehemann, um mit Richard Wagner bis zu ihrer Hochzeit im Jahr 1870 in wilder Ehe zu leben. Darüber hinaus gehen beide Komponisten zunehmend  auch musikalisch getrennte Wege; Richard Wagner sollte nicht nur immer weniger  Gefallen an Liszts Werken finden, sondern sich auch weigern, dieselben aufzuführen. Dies hindert Ersteren jedoch nicht daran, das eine oder andere Detail aus Liszts  Kompositionen für eigene Zwecke zu nutzen.

Zwar verbessert sich das Verhältnis zwischen den Parteien nach 1872 nach außen hin und Liszt wird auch immer - nicht zuletzt wegen  seines Enkels - wieder Gast in Bayreuth nicht nur zu Festspielzeiten  sein, doch der Bruch vor allem zwischen Vater und Tochter ist nicht mehr zu  kitten. Inwieweit hier Liszts eigenes Verhalten gegenüber seiner einstigen Lebensgefährtin und Mutter von Cosima, Marie d'Agoult, mit hineingespielt hat, bleibt Spekulation.

Liszt und die Neudeutsche Schule

Der Begriff "Neudeutsche Schule" wird 1859 von Franz Brendel (1811-1869) während der Leipziger Musikfestspiele anlässlich des 25. Gründungstages  der von Robert Schumann gegründeten "Neuen Zeitschrift für Musik" geprägt.

Inhaltlich geht es den Vertretern dieser Bewegung um die Förderung bedeutender Werke der zeitgenössischen Musik, u.a. von Komponisten wie Hector  Berlioz, Franz Liszt oder Richard Wagner. Damit wenden sie sich gleichzeitig gegen die als konservativ empfundenen Kompositionen von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann oder Johannes Brahms, die ihrer Meinung nach zu sehr an dem  Erbe der Wiener Klassik orientiert sind. Stattdessen fordern sie einen Fortschritt  in der Musik beispielsweise in Form des Musikdramas oder der symphonischen Dichtung.  Franz Liszt selbst sollte sich für dieses Ziel vor allem in seiner Zeit als Dirigent der Weimarer Hofkapelle sowie durch seinen "Neu-Weimar-Verein" als Aufführungsorgan zeitgenössischer Werke engagieren.

1860 erscheint im Berliner "Echo" ein u.a. von Johannes Brahms unterzeichnetes Manifest gegen die Neudeutsche Schule, in dem "die Grundsätze ... der so genannten 'Neudeutschen' Schule, welche Grundsätze praktisch zur  Anwendung bringen und teils zur Aufstellung immer neuer, unerhörter Theorien  zwingen, (welche) dem innersten Wesen der Musik zuwider (sind und) nur beklag(t)  oder verdamm(t werden) können".

In ein schiefes Licht geraten die Ziele der Neudeutschen Schule, als Richard Wagner die ursprünglich umfassend verstandene Förderung zeitgenössischer  Musik mit der Forderung nach "Rassenreinheit" belegt, die seiner Meinung nach vor allem seine eigene Musik erfülle. Wo es den Neudeutschen um die künstlerische  bzw. ästhetische Dimension mit dem Schwergewicht auf der Silbe Neu geht, macht Wagner damit die Bestrebungen zu einem Politikum mit Schwerpunkt  auf der Silbe Deutsch.

Werke

Franz Liszts Werk ist ebenso schillernd und vielfältig wie seine Persönlichkeit und sein Leben. Immer mit einem offenen Geist und einer Antenne  für musikalische Anregungen aller Art ausgestattet, vermischen sich in seinen  Kompositionen die unterschiedlichsten Einflüsse: Wien mit dem Erbe der Wiener  Klassiker; der kulturelle und politische Geist des Paris im 19. Jahrhundert,  das ungarische Erbe, die Kunst und Musikkultur Italiens, zeitgenössische deutsche  und russische Musik... Liszt saugt alle Einflüsse wie ein Schwamm in sich auf, lässt sich von ihnen inspirieren und schafft daraus ureigene neue Werke; Werke, die sich in keine Schublade stecken lassen und unterschiedlichste Stile in einem  Œuvre vereinen.

Den Großteil seines Werkes stellen naturgemäß - ähnlich  wie bei Beethoven - die Kompositionen für Klavier dar. Hervorzuheben sind hier die Transkriptionen von Orchesterwerken auf dieses  Instrument, bei denen Liszt Maßstäbe setzte, denn es ging ihm weniger um eine  eher technische Übertragung des Notenbildes auf das Klavier als um ein musikalisches Lebendigmachen der Originalkomposition mit anderen Klangmöglichkeiten.

Liszt und die Symphonische Dichtung

Als Weiterentwicklung der klassischen Symphonie bzw. der von Felix Mendelssohn komponierten einsätzigen Konzertouvertüren gedacht und angeregt von Hector Berlioz und seiner "idée fixe" entwickelt Franz Liszt die Gattung der Symphonischen Dichtung. Dabei geht es ihm jedoch nicht um eine getreue Übertragung  einer dichterischen Vorlage (wie bei der Oper) oder eines anderen Programms  in die Sprache der Musik, sondern vielmehr um die Übertragung des literarischen Geistes in einen musikalischen Geist. Gleichzeitig dient die Vorlage als Ausgangsbasis für die Komposition, die danach durchaus eigenständige Wege gehen kann. Liszts Selbstverständnis als Komponist solcher Werke, bei denen er sich als Tonmaler  bzw. malender Poet empfindet sowie die Gattungsbezeichnung "Symphonische Dichtung", verdeutlichen sehr plakativ diesen Ansatz.

Das erste in diesem Sinne komponierte Werk ist die so genannte Bergsymphonie aus dem Jahr 1850 (Was man auf dem Berge hört),  die als Überschrift die Bezeichnung "Méditation-Symphonie" trägt. Weitere wichtige Werke in dieser Gattung sind Prometheus (1850), Mazeppa (1854), Die Ideale (1857), Hamlet (1858) oder Les Préludes (1854), bei dem das Programm allerdings erst nachträglich hinzugefügt wurde.

Bibliografie

Wolfgang Dömling: Franz Liszt und seine Zeit, Laaber-Verlag, Laaber 1998
Adalbert Engel: Franz Liszt. Der virtuose Klang der Menschlichkeit,  C. Katz Verlag, Gernsbach 1989
Everett Helm: Franz Liszt (rororo monographien 50185), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1972
Manfred Wagner: Franz Liszt. Sein Werk - sein Leben, Verlag Holzhausen,  Wien 2000