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Felix Mendelssohn-Bartholdy
Einführung
"Was mich bei Mendelssohn so anzieht, ist die Wahrheit des Ausdrucks des Empfindungslebens, eines auch menschlich durch und durch vornehmen Künstlers. Dabei offenbart sich besonders in den 'Liedern ohne Worte' eine derartige Vollendung des klaviertechnischen Materials, dass man all den verwirrten und verirrten jungen Übermenschen, bei denen Musik überhaupt erst beim achten Horn, beim 'vierfachen Holz', bei vierundsechzig Schlaginstrumenten und einigen Dutzenden verschieden gestimmten Glocken beginnt, ein gründliches 'Stahlbad' in Mendelssohn nur aufs dringendste empfehlen kann." (Max Reger)
Zeit und Welt
Geschichtlich-kultureller Hintergrund
Vier Koalitionskriege und der Expansionsdrang des französischen Kaisers Napoleon haben nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern auch in den Seelen der Menschen ihre Spuren hinterlassen. Nach den ersten Revolutionsbemühungen und einer von Unstetigkeit geprägten Zeit gewinnt daher in den Jahren nach dem Wiener Kongress die Suche nach stabilen inneren und äußeren Werten zentrale Bedeutung. Dies spiegelt sich im alltäglichen Leben und der Kultur dieser als "Biedermeier" bekannten Jahre zwischen 1815 und 1848 wider.
Die Kultur des Biedermeier ist daher von der Suche nach einem friedlich-beschaulichen, kleinbürgerlichen Leben gekennzeichnet. In der Malerei herrschen idyllische Landschaftsbilder und Porträts von unpathetischen, einfachen Menschen vor.
Der Beginn des 19. Jahrhunderts erlebt auch die letzte dichterische Blüte der Klassik: Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller schreiben einige ihrer Meisterwerke wie den "Faust I und II", die "Wahlverwandtschaften", den "Westöstlichen Divan" oder die "Marienbader Elegien" sowie die "Wallenstein"-Trilogie, "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans" und einige der bedeutendsten Balladen wie "Die Kraniche des Ibykus" oder "Das Lied von der Glocke".
Gleichzeitig beginnt sich mit der Epoche der Romantik ein vollkommen anderes Lebensgefühl auszubreiten, das seine ersten literarischen Niederschläge in den Werken eines Novalis, in den Novellen Ludwig Tiecks, den Kunstmärchen E. T. A. Hoffmanns oder der Volksliedsammlung Clemens von Brentanos und Achim von Arnims findet.
Diese vielfältigen geistig-kulturellen Eindrücke und Einflüsse haben Felix Mendelssohn ebenso geprägt wie die Traditionen und Lebensphilosophie in seinem Elternhaus.
Familiärer Hintergrund
War Felix' Urgroßvater Mendel Mendelssohn noch ein einfacher, aber gebildeter rabbinischer Lehrer an einer jüdischen Grundschule, so katapultierte sich sein Großvater Moses Mendelssohn mit Fleiß, Ausdauer und Zähigkeit bereits in jungen Jahren zu einem angesehenen und einflussreichen Berliner Bürger, dessen geschäftlicher Erfolg mit einem unstillbaren Durst nach Wissen und Bildung einherging und der bald zu einem der Hauptvertreter der Berliner Aufklärung avancierte: "Ein von der Natur in eine primitive Horde geworfener, völlig mittellos geborener Mann ist unter die größten Schriftsteller aufgestiegen, die das Jahrhundert in Deutschland erlebt hat." (Mirabeau) Gleichzeitig war er einer der wichtigsten Befürworter der deutschen Judenemanzipation, der den jüdischen Glauben innerhalb der deutschen Gesellschaft zu etablieren suchte. Für Felix und seine Geschwister ist der Großvater von klein auf ein menschliches, intellektuelles und religiöses Vorbild.
Biografie
Erste Begegnung mit der Musik
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Felix Mendelssohn-Bartholdy, 1809-1847
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© Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
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Jakob Ludwig Felix Mendelssohn wird am 3. Februar 1809 in Hamburg als Sohn des Bankiers Abraham Mendelssohn und seiner Frau Lea, die ebenfalls einer Bankiersfamilie entstammt, geboren. Im Jahr 1811 zwingt die französische Besetzung der Hansestadt durch die Truppen Napoleons neben vielen Anderen auch Abraham Mendelssohn zur Flucht, und so zieht die Familie nach Berlin. Dort erhält Felix im Alter von fünf Jahren den ersten Klavierunterricht durch seine Mutter, die selbst eine exzellente Pianistin ist. Seine vier Jahre ältere Schwester Fanny hat ihm in dieser Hinsicht bereits Einiges an Können voraus, was sich später auch in den ersten Jahren musiktheoretischer Ausbildung fortsetzen und für den sensiblen Felix im Laufe der Jahre nicht immer einfach sein sollte. So leidet er lange Zeit unter Minderwertigkeitskomplexen gegenüber seiner Schwester, was sich erst legen sollte, als sie aufgrund gesellschaftlicher Schranken, die ihm zwar den öffentlichen Beruf eines Musikers gestatten, ihr denselben aber als für eine Frau unanständig verwehren, künstlerisch hinter ihm zurücktreten muss.
Musikalische Ausbildung
Felix und seine Geschwister erhalten durch Hauslehrer wie Carl Friedrich Zelter und andere bedeutende Zeitgenossen eine breite geistig-kulturelle Bildung, die nicht geschlechtsspezifisch differenziert ist. Neben der humanistischen Allgemeinbildung gehört für die Eltern Mendelssohn auch ein umfassender musikalischer Unterricht zum unverzichtbaren Bestandteil der Erziehung. Ein Studium der Musiktheorie sowie eine Einführung in das musikalische Erbe insbesondere Johann Sebastian Bachs, Georg Friedrich Händels und Christoph Willibald Glucks steht dabei ebenso im Mittelpunkt wie das eigene Musizieren. Die Geschwister Felix und Fanny treten dabei bereits in jungen Jahren als musikalische Wunderkinder auf.
Nachdem Mutter Lea den Grundstein für die Entfaltung der musikalischen Talente ihrer Kinder gelegt hatte, erfahren Fanny und Felix 1816 erstmals eine andere künstlerische Prägung durch die Pariser Pianistin Marie Bigot (1786-1820), die lange Zeit in Wien gelebt und konzertiert hatte und von Haydn und Beethoven gleichermaßen hoch geschätzt wurde. In den folgenden Jahren betreut Ludwig Berger (1777-1839), ein Schüler Muzio Clementis und international erfolgreicher Pianist, der auch selbst komponiert und seine Werke mit in den Unterricht einbezieht, die Geschwister musikalisch. Sowohl seine Klaviertechnik als auch seine Kompositionen sind bereits romantisch 'verfärbt', was sicherlich einen künstlerischen Einfluss auf Felix und Fanny gehabt hat. Im Winter 1824/25 bereichert außerdem Ignaz Moscheles (1794-1870), gefeierter Klaviervirtuose und anerkannter Pädagoge, den musikalischen Horizont der Geschwister.
Darüber hinaus wird ab 1818 Carl Friedrich Zelter (1758-1832), enger Freund Goethes und seit 1800 Leiter der Berliner Singakademie, als Kompositionslehrer zur musikalischen Erziehung hinzugezogen. Zu ihm sollte Felix eine ganz besondere künstlerische und auch persönliche Beziehung entwickeln, und der Tod seines Lehrers im Jahr 1832 sollte ihn tief treffen. In Zelters Chor lernen die Geschwister das musikalische Erbe Händels, Palestrinas und vor allem Bachs praktisch kennen.
Zelter ist es auch, der Felix mit Johann Wolfgang von Goethe bekannt macht. Sie begegnen sich erstmals im Jahr 1821 in Weimar. Zwischen Musiker und Dichter entwickelt sich nicht nur eine künstlerisch bereichernde Beziehung, sondern auch ein enges menschliches Verhältnis, so dass Mendelssohn, als Goethe wenige Monate vor Zelter stirbt, auch diesen Verlust schmerzhaft empfindet. Der Komponist widmet Goethe u.a. sein "Klavierquartett h-Moll op. 3".
Die Sonntagsmusiken
Als sich Anfang der 1820er Jahre Felix' kompositorisches Talent mehr und mehr Bahn bricht, sucht Vater Abraham nach neuen Wegen, um diese Begabung weiter zu fördern. Also engagiert er Musiker der Hofkapelle und bei Bedarf auch Chorsänger, mit denen Felix seine Werke durchspielen kann. Daraus entsteht 1823 im Hause Mendelssohn die Tradition der Sonntagsmusiken, die Felix und Fanny mit ihren musikalischen Fähigkeiten entscheidend mitgestalten. In den folgenden Jahren entwickeln sich diese Sonntagsmatineen zu einem Treffpunkt von Künstlern und Gelehrten und genießen bald in Berlin ein hohes gesellschaftliches Ansehen.
Vor diesem Forum sind unzählige von Felix' Werken uraufgeführt worden. Seine ersten Kompositionen - zunächst kleinere Übungsstücke für den Unterricht bei Zelter - stammen aus dem 11. Lebensjahr und spiegeln deutlich die Lehrinhalte wider. Mit der Klaviersonate g-Moll (posthum als Opus 105 veröffentlicht) gelingt ihm erstmals ein Achtungserfolg. Im nächsten Jahr entstehen die verschiedensten instrumentalen und vokalen Werke wie das "Klavierkonzert a-Moll" und das "Violinkonzert d-Moll" sowie eine Vertonung des 66. Psalms und das "Magnificat D-Dur". Erstmals versucht er sich auch in musikdramatischen Werken, und seine Oper "Die beiden Neffen" nach einem Libretto von Dr. Johann Ludwig Caspar, die 1824 uraufgeführt wird, bringt ihm erstmals Zelters uneingeschränkte Anerkennung ein: "Mein teurer Sohn, von heute an bist du nicht mehr Lehrling, sondern Geselle. Hiermit mache ich dich im Namen von Mozart, im Namen von Haydn und im Namen des alten Bach zum Gesellen."
Luigi Cherubini
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Luigi Cherubini, 1760-1842
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© Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
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Nachdem zwischen 1826 und 1828 drei der großen Komponisten - Carl Maria von Weber, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert - verstorben sind, gilt Luigi Cherubini als die künstlerische Instanz der Musikwelt. Und so nimmt Abraham Mendelssohn, der trotz aller Anerkennung seitens Felix' Lehrer ganz sicher sein will, dass sein Sohn genug Begabung besitzt, um darauf eine Existenz aufbauen zu können, im März 1825 Felix mit nach Paris, um diesbezüglich die Meinung Cherubinis einzuholen. Das dem Meister zur Beurteilung vorgelegte "Klavierquartett h-Moll" findet die volle Anerkennung Cherubinis, was man von Felix' allgemeinem Auftreten weniger behaupten kann: "Dieser Junge ist begabt, er wird Erfolg haben, er hat schon jetzt Erfolg. Aber er gibt zuviel Geld aus, er schenkt seiner Kleidung zuviel Aufmerksamkeit."
Musik als Beruf
Felix Mendelssohns künstlerisches Wirken war so vielseitig wie seine musikalische Ausbildung. Er war das musikalische Universalgenie des 19. Jahrhunderts - ein Leonard Bernstein der Romantik -, der als Pianist und Komponist ebenso wirkte wie als Dirigent und Lehrer. Alle diese verschiedenen Tätigkeiten befruchteten sich gegenseitig und bedeuteten eine stete Quelle neuer Inspiration.
Der Pianist
Viele bedeutende Zeitgenossen haben Felix Mendelssohns pianistische Fähigkeiten bewundert. Goethe charakterisiert ihn als "kräftig-zarte(n) Beherrscher des Pianos" und Clara Schumann bevorzugt ihn ob seines musikalischen Spiels vor sämtlichen anderen lebenden Pianisten. Er kann neue Noten, selbst die schwierigsten Partituren und unleserliche Handschriften, fehlerfrei vom Blatt spielen und liebt es, am Klavier - manchmal auch zusammen mit seiner Schwester - zu improvisieren. Darüber hinaus besitzt er die besondere Gabe, den Klavierauszug einer Orchesterpartitur so vorzutragen, dass man die einzelnen Instrumente und den orchestralen Charakter des Werkes herauszuhören glaubt.
Hin und wieder tritt er auch als Organist auf. Von einem Konzert mit Bach-Kompositionen in der Leipziger Thomaskirche am 6. August 1840 gibt es eine Kritik aus der Leipziger Allgemeinen Musikalischen Zeitung: "Durch den Vortrag mehrerer genialen Orgelkompositionen Sebastian Bachs und durch die Ausführung einer freien Phantasie zeigte sich Mendelssohn wiederholt als ausgezeichneter Orgelspieler und großer Künstler;..."
Der Dirigent
"Matthäuspassion"
Schon in jungen Jahren betätigt sich Felix Mendelssohn auch als Dirigent bei Uraufführungen beispielsweise seiner frühen Opern im Familien- und Freundeskreis der Sonntagsmatineen. Die erste größere und bedeutende künstlerische Leistung auf diesem Gebiet fällt jedoch in das Jahr 1829, als der 20-jährige Mendelssohn erstmals seit 100 Jahren wieder eine vollständige Aufführung von Johann Sebastian Bachs "Matthäuspassion" in der Berliner Singakademie dirigiert. Mendelssohn bewältigt die nicht nur künstlerisch schwierige Aufgabe mit Bravour, so dass das Konzert noch zweimal wiederholt werden muss, sondern entreißt den ehemaligen Thomaskantor mit einem Schlag auch dem Staub der Vergessenheit.
Düsseldorf
Nach der Rückkehr von seiner zweiten Englandreise wird Mendelssohn im Frühjahr 1833 die Leitung des Niederrheinischen Musikfestes in Düsseldorf angeboten. Auf dem Programm stehen neben Händels Oratorium "Israel in Ägypten" auch Beethovens "Symphonie Nr. 6" (Pastorale) sowie die "Leonoren-Ouvertüre", und nach einem überaus erfolgreichen Debüt erhält Mendelssohn für die folgenden zwei Jahre die Stelle als Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf. In dieser Funktion widmet er sich als Leiter des Städtischen Musikvereins und Festspielleiter vor allem dem Werk Händels, das zu seiner Zeit wenig geschätzt wird. Außerdem obliegt ihm auch die künstlerische Betreuung der katholischen Kirchenmusik - eine angesichts seiner protestantischen Glaubenszugehörigkeit fast skandalöse Aufgabe, die im so genannten fortschrittlichen 21. Jahrhundert sicherlich nicht immer auf dieselbe Toleranz stoßen würde. So erfolgreich diese Düsseldorfer Zeit musikalisch ist, so zeit-, kräfte- und nervenaufreibend ist sie organisatorisch, vor allem durch Streitigkeiten mit dem Schriftsteller und Theaterdirektor Karl Immermann, und so kündigt Mendelssohn den Posten zum Ende der Saison 1834/35. Dem Niederrheinischen Musikfest sollte er allerdings weiterhin künstlerisch verbunden bleiben.
Leipzig
Zu dieser Zeit erhält Mendelssohn zwei attraktive Angebote: Operndirektor in München oder Leiter der Gewandhauskonzerte in Leipzig. Nach reiflicher Überlegung und in Anbetracht der wenig erfreulichen Theatererfahrungen in Düsseldorf entscheidet er sich für Leipzig, wo am 4. Oktober 1835 das erste Konzert mit seiner eigenen Ouvertüre "Meeresstille und glückliche Fahrt" eröffnet wird.
Während seines 5-jährigen künstlerischen Wirkens hat Felix Mendelssohn in der Geschichte der Gewandhauskonzerte ein neues Kapitel aufgeschlagen. Nicht nur, dass er Beethoven endlich die so lange verwehrte Anerkennung insbesondere seiner 9. Symphonie verschafft, sondern er hinterlässt vor allem als dirigentische Persönlichkeit völlig neue künstlerische Spuren. Mit ihm tritt erstmals nicht nur ein rhythmischer Taktschläger, sondern ein musikalischer Orchestergestalter ans Dirigentenpult: "Mendelssohns feuriges Auge übersah und beherrschte das ganze Orchester. Umgekehrt hingen aber auch alle Blicke an der Spitze seines Dirigentenstabes. Daher vermochte er mit souveräner Freiheit die Massen in jedem Augenblick nach seinem Willen zu leiten." Inhaltlich gilt sein künstlerisches Wirken allen musikalischen Gattungen und einem breiten Querschnitt durch die bedeutenden Werke der Musikgeschichte, ohne dabei die Förderung zeitgenössischer Musik zu vernachlässigen. Als Interpreten verpflichtet er neben dem Orchester alle namhaften Solisten seiner Zeit - die Pianistin Clara Schumann ebenso wie ihre männlichen Kollegen Franz Liszt und Arthur Rubinstein, die schwedische "Nachtigall" Jenny Lind, den Geiger Raimund Dreyschock und viele andere.
Besondere Verdienste erwirbt sich Mendelssohn in Leipzig auch um den musikalischen Nachwuchs. Mit Nachdruck betreibt er die Gründung eines Musikkonservatoriums, das am 2. April 1843 als erste derartige musikalische Ausbildungsstätte in Deutschland eröffnet werden kann. Als Lehrer verpflichtet Mendelssohn bedeutende Zeitgenossen wie den Thomaskantor Moritz Hauptmann für die Betreuung der musiktheoretischen Fächer oder Robert Schumann als Lehrer für Klavier und Komposition.
Während dieser künstlerisch befriedigenden Zeit trifft Felix Mendelssohn der Tod des Vaters am 19. November 1835 völlig unerwartet. Trotz besonders in den letzten Jahren zunehmender Differenzen ist Abraham Mendelssohn immer sein großes Vorbild geblieben. Ihm zu Ehren vollendet er das bereits 1831 begonnene Oratorium "Paulus", das am 22. Mai 1836 während des Niederrheinischen Musikfestes als eine Art Requiem für den Vater uraufgeführt wird.
Felix Mendelssohn und Robert Schumann
Während Mendelssohn in seinen Konzerten die Werke des Franzosen Hector Berlioz ausklammert, weil "seine Instrumentierung so schrecklich schmutzig und durcheinandergeschmiert (ist), dass man sich die Finger waschen muss, wenn man mal eine Partitur von ihm in der Hand gehabt hat", gilt sein besonderes künstlerisches Interesse dem jungen Komponisten Robert Schumann, der zu dem fast gleichaltrigen, aber bereits künstlerisch anerkannten und selbstsicheren Mendelssohn bewundernd aufblickt. Als Gründer und Chefredakteur der "Neuen Zeitschrift für Musik" kommentiert Schumann Mendelssohns Wirken in Leipzig mit wohl wollendem Blick. Darüber hinaus verbindet beide Familien bald eine enge menschliche Freundschaft. Erstmals öffentliche Anerkennung verschafft Mendelssohn Robert Schumann mit der erfolgreichen Uraufführung von dessen "Symphonie Nr. 1 in B-Dur op. 38" (Frühlingssymphonie) am 31. März 1841. Ein weiterer Höhepunkt ist die Uraufführung des "Klavierkonzertes in a-Moll op. 54" am 1. Januar 1846, bei dem Clara Schumann den Solopart übernimmt.
Cécile Mendelssohn
Im Sommer 1836 betreut Mendelssohn für einige Zeit den Chor des Frankfurter "Cäcilienvereins" für einen erkrankten Kollegen. Diese Verpflichtung sollte für ihn vor allem persönlich von schicksalhafter Bedeutung sein, denn während dieser Zeit lernt der Komponist seine spätere Frau, Cécile Jeanrenaud, kennen. In Gefühlsangelegenheiten von solcher Tragweite äußerst zurückhaltend, prüft Felix Mendelssohn eine geraume Zeit seine Gefühle, bevor er Cécile schließlich am 28. März des folgenden Jahres in Frankfurt heiratet. Cécile wird ihrem Mann keine musikalische Ratgeberin sein wie seine Schwester Fanny, wohl aber das ausgleichende Pendant zu seinem oft unruhigen Charakter und der gute Geist seines Hauses, wo er sich nach anstrengenden künstlerischen Verpflichtungen wie in einen Hafen zurückziehen kann.
Der Festspielleiter
Mendelssohn hat sich nicht nur als Leiter des Niederrheinischen Musikfestes hervorgetan. Im September 1837 wird er mit der Leitung des Musikfestes in Birmingham betraut, und im folgenden Jahr betreut er das Musikfest in Braunschweig, wo u.a. sein "Paulus" wieder auf dem Programm steht. Dieses Werk wird auch beim Norddeutschen Musikfest in Schwerin im Juli 1840 aufgeführt, zu dem Mendelssohn ebenso eingeladen wird wie zu einer abermaligen Teilnahme am Musikfest in Birmingham im selben Jahr. Ein weiteres von Mendelssohn betreutes Musikfest findet in 1843 Zweibrücken statt.
In königlichen Diensten
Als König Friedrich Wilhelm III. am 7. Juni 1840 stirbt, sollte dies Felix Mendelssohns Karriere entscheidend beeinflussen, denn der neue König, Friedrich Wilhelm IV., strebt umfangreiche Reformen im kulturellen Leben Berlins an und wünscht Mendelssohn mit der Reorganisation des musikalischen Bereichs zu betrauen. Mehr königlicher Befehl denn Wunsch muss der Künstler sich fügen. Wie bei allen seinen Tätigkeiten engagiert sich Mendelssohn auch hier mit Leib und Seele, kann auch einige künstlerische Erfolge verzeichnen wie die spektakuläre Aufführung von Sophokles' Drama "Antigone" mit einer von ihm selbst komponierten Bühnenmusik, aber seine eigentliche Aufgabe - die Einrichtung einer Musikklasse an der Akademie der Bildenden Künste mit dem Ziel, diese später zu einem eigenständigen Konservatorium auszubauen - kann er, behindert durch die preußische Beamtenwirtschaft, nicht erfüllen: "Die Sache mit dem Konservatorium ist im allerweitesten Felde, wenn sie überhaupt in irgend einem Felde ist und nicht bloß in der Luft." Am schlimmsten aber empfindet er nach dem künstlerisch erfüllten Leben in Leipzig die musikalisch kleinbürgerliche Welt des angeblich großstädtischen Berlin: "Die großen Pläne, die winzige Ausführung; die großen Anforderungen, die winzigen Leistungen; die vollkommene Kritik, die elenden Musikanten;..."
Felix Mendelssohn auf Reisen
Eine ebenso wichtige Quelle der Inspiration sind Felix Mendelssohns Reisen. Zwischen 1829 und 1835 reist er mit seinem Talent und seiner Musik quer durch Europa und erweitert in dieser Zeit nicht nur seinen menschlichen Horizont.
England und Schottland
Auf Einladung seines Freundes Carl Klingemann begibt sich Mendelssohn am 10. April 1829 nach London, wo in vier Konzerten nicht nur Mendelssohn der Pianist, sondern auch Mendelssohn der Komponist mit seiner Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 11 und dem Konzert für zwei Klaviere in E-Dur zu hören ist. Anschließend verbringen die beiden Freunde einen Urlaub in Schottland, wo sie u.a. die Fingalshöhle auf der Hebriden-Insel Staffa besuchen. Von diesem Aufenthalt zeugen bis heute Mendelssohn "Schottische Symphonie Nr. 3 a-Moll op. 56" sowie die Ouvertüre "Fingal's Cave" bzw. "Die Hebriden".
Italien
Über Venedig und Florenz reist Felix Mendelssohn im Herbst 1830 nach Rom, wo er für fünf Monate eine Wohnung am Spanischen Platz bezieht. Zwar liegt die italienische Musikkultur zu dieser Zeit brach, aber die Begegnung mit den großen italienischen Malern und den Zeugnissen der Geschichte, das Eintauchen in die italienische Lebensart und die Bekanntschaft vieler bedeutender Künstler der Gegenwart entschädigen ihn mehr als genug für dieses Manko. In Rom eilt dem Komponisten Mendelssohn schon sein Ruf voraus, und so knüpft er Kontakte zu bedeutenden Würdenträgern, Intellektuellen und Künstlern gleichermaßen. Kompositorische Früchte dieser Reise sind vor allem kirchenmusikalische Werke wie die Choralmotette "Aus tiefer Not", das achtstimmige "Ave Maria" oder "Verleih uns Frieden gnädiglich" für Chor und Orchester. Der weltliche Ertrag des italienischen Intermezzos ist die "Symphonie Nr. 4 in A-Dur op. 90" (Italienische Symphonie). Außerdem arbeitet er an der Vertonung von Goethes Gedicht "Die erste Walpurgisnacht".
2. Englandreise
Im April 1832 landet Mendelssohn zum zweiten Mal auf englischem Boden. Nach der französischen Enttäuschung und der doppelten Trauerbotschaft vom Tode Goethes im März 1832 und Zelters nur zwei Monate später, ist das menschliche und künstlerische Willkommen, das ihm London bietet, Balsam für seine Seele. In fünf Konzerten steht der Pianist, Dirigent und Komponist Mendelssohn gleichermaßen im Mittelpunkt. In diesen Tagen wird den Zuhörern auch das eher seltene Vergnügen zuteil, Mendelssohn während eines Konzertes in der St. Pauls Cathedral an der Orgel zu erleben. Erstmals erklingt mit dem Philharmonic Orchestra am 14. Mai 1832 die während der ersten Englandreise entstandene Ouvertüre "Die Hebriden", außerdem wirkt der Komponist selbst als Solist in seinem "Konzert für Klavier und Orchester g-Moll op. 25 mit, und am 25. Mai wird sein speziell für London geschriebenes "Capriccio brillant für Klavier und Orchester in h-Moll op. 22" uraufgeführt. In London kann Mendelssohn auch den Verleger Novello für die Veröffentlichung eines ersten Bandes seiner "Lieder ohne Worte" gewinnen, und der Verlag Ewer gibt bei ihm Kompositionen für den anglikanischen Gottesdienst in Auftrag. Insgesamt gesehen haben diese Londoner Tage Mendelssohn das nötige künstlerische Selbstbewusstsein gegeben, mit dessen Hilfe er sich nach seiner Rückkehr nach Deutschland aus den engen Berliner Fesseln zu lösen vermag.
Fanny und Felix
Trotz der in den ersten Lebensjahren bestehenden musikalischen Konkurrenzsituation zwischen den beiden hochbegabten Geschwistern, verbindet Felix und Fanny von klein auf eine sehr intensive Beziehung. Dies sollte sogar so weit gehen, dass Felix nach Fannys frühem Tod am 14. Mai 1847 seine Schwester nur um wenige Monate überlebt, weil er diesen nicht verwinden kann.
Stand Felix in seinen Jugendjahren im Schatten der vier Jahre älteren Schwester, sollte sich das in dem Moment ändern, als Fanny für eine Frau über Gebühr künstlerische Aktivität entfaltete und Felix langsam aus ihrem Schatten heraustrat. Von diesem Moment an verkehren sich ihre Rollen: Fanny ist nicht länger mehr die beneidenswert Begabtere, welche die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht, Felix dagegen rückt mehr und mehr ins öffentliche Rampenlicht und die nicht weniger begabte, aber von der Natur und Gesellschaft benachteiligte Schwester kann nur mehr als musikalische Patin ihres Bruders fungieren und durch ihn das erleben, was ihr als Frau verwehrt bleiben wird.
Religiöser Konflikt
Trotz der noch vom Großvater verfochtenen Gleichberechtigung der Juden und einem 1812 verabschiedeten Gesetz des preußischen Politikers Fürst Karl August Hardenberg zur Judenemanzipation, machen sich in allen Kreisen der Bevölkerung anti-jüdische Strömungen bemerkbar. Abraham Mendelssohn, der als Bankier mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht als mancher Andere, entschließt sich daher 1822 zur offiziellen Konversion zum Christentum. Mehr mit dem Gedankengut der Aufklärung als mit der jüdischen Tradition der Familie verwurzelt, gründet sich sein 'Glaube' auf die Erkenntnis, dass es "in allen Menschen einen ewigen Hang zu allem Guten, Wahren und Rechten und ein Gewissen gibt, welches uns mahnt und leitet, wenn wir uns davon entfernen. Ich weiß es, glaube daran, lebe in diesem Glauben, und er ist meine Religion." In diesem Geist werden auch die Kinder erzogen und 1816 christlich getauft. Äußerlich manifestiert sich diese Konzession an die gesellschaftlichen Gegebenheiten in der die Erweiterung des jüdischen Familiennamens Mendelssohn durch den Namen 'Bartholdy'.
Felix wird diese Entscheidung jedoch ein Leben lang belasten. Er identifiziert sich mit seiner jüdischen Vergangenheit, was ihm später - vor allem als Komponist kirchenmusikalischer Werke - mannigfaltige Probleme bescheren sollte.
Felix Mendelssohn und die Nachwelt
Es sollte nicht das Vorrecht der Nationalsozialisten sein, den künstlerischen Ruf Felix Mendelssohns zu diffamieren. Bereits zu Lebzeiten war seine Musik umstritten, allerdings nicht immer nur aus rassistischen Gründen. Als Traditionalist, der mit einem Hector Berlioz ebenso wenig anfangen konnte wie mit einem Frédéric Chopin, musste er schon zu Lebzeiten trotz seines Erfolges für Manche wie ein lebendes Fossil wirken.
Nur drei Jahre nach Felix Mendelssohns Tod erscheint - unter dem Pseudonym Karl Freigedank - Richard Wagners Schrift "Das Judenthum in der Musik", in der er Juden als Kulturträger innerhalb der deutschen Gesellschaft ausschließt, weil sie einem fremden Kulturkreis entstammen. Als Beispiel für diese Behauptung führt er den verstorbenen Felix Mendelssohn an und legt dar, dass ein jüdischer Künstler trotz größten Talentes nie "auch nur ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen (vermag), welche wir von der Kunst erwarten,..."
Ein knappes Jahrhundert später wird Leben und Werk Felix Mendelssohns radikal aus der deutschen Musikgeschichtsschreibung eliminiert und als äußeres Zeichen der Verdammung sein 1892 in Leipzig errichtetes Denkmal am 10. November 1936 zerstört. Darüber hinaus wird seine Musik aus dem Konzertsaal verbannt, und sogar das Musizieren von Mendelssohns Musik im privaten häuslichen Bereich wird strafbar.
Diese Haltung hat noch jahrzehntelang ihre Spuren hinterlassen, und es muss daher die Aufgabe heutiger Musikwissenschaftler und ausübender Künstler sein, Felix Mendelssohns Werk aus diesem Stigma zu befreien und sein Werk als Gesamtes einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Werke
Mendelssohn hat sich in seinen Kompositionen ganz deutlich gegen beispielsweise die programmatischen Werke eines Hector Berlioz abgesetzt: "Es wird immer so viel über Musik gesprochen, und so wenig gesagt. Ich glaube überhaupt, die Worte reichen nicht hin dazu, und fände ich, dass sie hinreichten, so würde ich am Ende gar keine Musik mehr machen. ...; die (ganzen Worte) scheinen mir so vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die einem die Seele erfüllt mit tausend besseren Dingen als Worten."
Ebenso vielseitig wie Felix Mendelssohn als Künstler und Lehrer in allen Bereichen des musikalischen Lebens gewirkt hat, ebenso vielseitig ist auch sein kompositorisches, wenngleich aufgrund der vielfältigen anderweitigen Verpflichtungen nicht so umfangreiches Oeuvre. Dabei hat Mendelssohn weit mehr als die heute vor allem bekannten "Lieder ohne Worte" hinterlassen. Sind seine Kompositionen auch mehr nach rückwärts auf die Errungenschaften der musikalischen Vorfahren ausgerichtet als beispielsweise bei Zeitgenossen wie Berlioz oder Liszt, so findet er doch zu einer ganz eigenen, lebendigen, in seinen Liedern oft auch sehr intim-innigen Tonsprache, die auch bereits vom Gefühl der Romantik geprägt ist. Insbesondere die Klavierwerke verweisen in ihrem Solopart entschieden auf den virtuosen Pianisten, der Mendelssohn selbst war. Die folgende Auflistung stellt einen Ausschnitt aus seinem kompositorischen Schaffen dar.
Orchesterwerke
12 Streichersymphonien
5 Symphonien: Symphonie Nr. 1 c-Moll, 1823 Symphonie Nr. 2 B-Dur op. 52, 1840 Symphonie Nr. 3 a-Moll op. 56 (Schottische Symphonie), 1829-1832 + 1841/42 Symphonie Nr. 4 A-Dur op. 90 (Italienische Symphonie), 1830-1837 Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 107 (Reformations-Symphonie), 1829/30
7 Ouvertüren (u.a. "Die Hebriden" op. 26 sowie "Meeresstille und glückliche Fahrt" op. 27)
3 Konzerte für Klavier und Orchester
2 Konzerte für zwei Klaviere und Orchester
Capriccio brilliant für Klavier und Orchester
2 Konzerte für Violine und Orchester
Kammermusik
9 Streichquartette
3 Klavierquartette
3 Klaviertrios
Sonaten für alle Streichinstrumente (außer Kontrabaß)
zwei Konzertstücke für Klarinette, Bassetthorn und Klavier
Klavier- und Orgelmusik
3 Klaviersonaten
6 Orgelsonaten
Präludien und Fugen (sowohl für Klavier als auch für Orgel)
"Charakterstücke", "Capricen" u.ä.
"Lieder ohne Worte" in 8 Bänden
Allegro brilliant zu vier Händen
Vokalmusik
3 Oratorien ("Paulus" op. 36, 1831/32 + 1834-1836; "Elias" op. 70, 1837/38 + 1844-1847; "Christus" op. 97, unvollendet)
Kantaten
Psalmvertonungen
Magnificat
geistliche Lieder
Lieder für gemischten Chor, Männerchor
Sololieder und Duette
Bühnenmusik
7 Opern (eine davon unvollendet)
5 Schauspielmusiken (v.a. zu "Ein Sommernachtstraum" von Shakespeare)
Bibliografie
Gerda van Cleemput: Das Leben des Felix Mendelssohn Bartholdy, Stuttgart 1997 Wulf Konold: Felix Mendelssohn und seine Zeit, Laaber ²1996 W. A. Lampadius: Felix Mendelssohn-Bartholdy. Ein Gesamtbild seines Lebens und Wirkens. Nachdruck der Ausgabe, Leipzig 1886 (Sändig Reprint, Vaduz, Schweiz o. J.) Hans C. Worbs: Felix Mendelssohn Bartholdy, rororo Monographie Nr. 50215, Reinbek bei Hamburg 1974
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