Elmar Woelm

Das Wurzelholz

Auszüge aus einer Erzählung von Elmar Woelm

.... Eines Tages drang sie tiefer in den Wald vor, als sie es sonst zu tun pflegte und gelangte zu einer geheimnisvollen Stelle, an der sie noch nie zuvor gewesen war. Sie konnte nicht genau sagen, was es eigentlich war, aber der Wald fühlte sich hier ganz anders an, als alles was sie bisher kannte. Zunächst machte das Unbekannte ihr Angst und sie wollte schon kehrt machen. Aber eine vertraute Stimme ließ sie zögern, lockte sie weiter.

Leise spielte der Wind in den Zweigen, streichelte ihr sanft das Gesicht und die Haare. Deutlicher als je zuvor glaubte sie darin ein Flüstern zu vernehmen und verspürte den dringenden Wunsch die Stimmen zu verstehen. Ein warmes Gefühl der Vertrautheit durchströmte sie und alle Furcht war gewichen. Langsam ging sie weiter über das raschelnde Laub, bis sie an eine Waldlichtung kam. Der Boden war mit Gräsern und Wildblumen bewachsen und wurde von einem Bächlein durchzogen, das einer Quelle am jenseitigen Ende der Lichtung entsprang, wo sie einige riesige alte Tannen umstanden. Entlang des Bächleins tanzten zahlreiche bunte Libellen, deren Flügel blinkend in der Sonne glänzten. Elisabeth ging über die Wiese auf die Quelle zu, die aus dem Felsen plätscherte und einen kleinen Kolk von außergewöhnlicher Klarheit füllte. Das Wasser war so klar und frisch, daß Elisabeth unversehens Durst bekam. Sie beugte sich hinab, schöpfte mit den Händen aus der frischen Quelle und trank. Es schmeckte köstlich und erfrischte sie auf wundersame Weise. Wieder vernahm sie, diesmal aus dem Plätschern des Wassers, das wohlbekannte Flüstern, das sie aber auch jetzt nicht deuten konnte. Während sie so neben der Quelle saß, fiel ihr Blick zufällig auf ein merkwürdig aussehendes Stück Holz, das vor ihr auf dem Boden lag. Irgendetwas gefiel ihr an diesem Holz, das sie nun genauer betrachtete. Es sah aus, wie eine alte Baumwurzel, knorrig, etwas verbogen, aber vollständig glänzend, wie glatt poliert.

"Gefalle ich dir?", fragte plötzlich eine freundliche Stimme. Erschrocken drehte Elisabeth sich um, aber es war niemand zu sehen.

"Nein, hier!", erklang die Stimme wieder. "Du hast mich doch schon die ganze Zeit so neugierig angestarrt."

Elisabeth wandte sich wieder nach vorn und betrachtete verdutzt das alte Holzstück. Ungläubig fragte sie: "Bist du das?"

"Natürlich! Wer sonst!", bekam sie zur Antwort.

"Aber ... aber ... ," stotterte Elisabeth, "wie kommt es daß du sprechen kannst?"

"Daß ich sprechen kann, ist nichts Besonderes - alles kann sprechen. Nur habt ihr Menschen leider fast alle verlernt, es zu verstehen. Ihr seid viel zu sehr mit euch selbst beschäftigt und schafft es ja meistens nicht einmal euch untereinander zuzuhören."

"Aber," fragte Elisabeth wieder, "wie kommt es dann, daß ich dich verstehe?"

"Hast du nicht schon oft das Gefühl gehabt, als flüsterten dir der Wind und der Bach etwas zu, als sprächen Tiere und Bäume mit dir? - Doch ganz bestimmt hörst du das! Sonst wärst du nicht hierher gekommen als ich dich rief und hättest nicht von meiner Quelle getrunken."

"Du hast mich gerufen?", erwiderte Elisabeth verwundert.

"Ja, natürlich", kicherte das Holz "und du hast dir ja ganz schön Zeit gelassen ... !"

"Und warum hast du mich gerufen?"

"Weil ich dich mag. Ich habe dich lange beobachtet. Du hast ein offenes, fröhliches Wesen und dir, wie nur wenige Menschen, den Zugang zu deinem Herzen bewahrt. Ich wußte, daß du mit meiner Hilfe in der Lage wärst, die alten Sprachen zu verstehen und mit allen Wesen Kontakt aufzunehmen. So bat ich dich hierher zu kommen und von meiner Quelle zu trinken. Denn dies ist die Quelle des Lichtes und der Wahrheit und ich bin seine Hüterin. ... Aber sei gewarnt, es wartet noch ein langer beschwerlicher Weg auf dich, der dich durch viele Gefahren führen wird."

"Wovon sprichst du?", fragte Elisabeth ängstlich.

"Mehr kann ich dir dazu im Moment nicht sagen", antwortete das Holz und schwieg. Dann fuhr es fort: "Sorge dich nicht! Ich werde dich von nun an begleiten und dir beistehen, wenn es nötig ist. Aber nun wird es Zeit. Die Sonne ist schon fast untergegangen und deine Eltern werden auf dich warten."

Ohne ein weiteres Wort nahm Elisabeth das Holz und begab sich auf den Heimweg. Es war glatt und warm und schmiegte sich wunderbar ihren Händen an. Erst als es völlig dunkel war, kam sie zu Hause an.....

***

.....Sie war bereits mehrere Monate unterwegs, als sie nach einem anstrengenden Aufstieg, an einen herrlichen Bergsee kam, in den von hohen Felsen ein Wasserfall hinabrauschte. Es war ein heißer Tag und sie entschloß sich, in dem klaren Wasser zu baden und ihre verschmutzten Kleider zu waschen. So entkleidete sie sich und wusch zunächst ihre Sachen, die von der langen Reise bereits arg gelitten hatten. Sie hängte sie über einige Zweige, die sie mit ihrem Messer zurechtschnitt und geschickt mit einigen biegsamen Weidenzweigen verband. Dann begab sie sich selbst in das Wasser und schwamm in langen Zügen auf den See hinaus.

Schon nach kurzer Zeit schnitt die Kälte in ihre Haut, aber nach dem langen Aufstieg bei der Hitze des Sommertages tat ihr das gut. Ja, trotz der Kälte war es herrlich, das Wasser auf der Haut zu spüren und sich erleichtert von der üblichen Schwere des Körpers tragen zu lassen. Sie ließ sich eine Zeitlang treiben, dann schwamm sie in kräftigen Stößen vorwärts dem Wasserfall entgegen. Sein Rauschen hatte etwas kraftvolles und bot ein so romantisches Bild, daß sie unwillkürlich von ihm angezogen wurde. In mehreren Kaskaden kam das Wasser heruntergeströmt, um sich dann laut schäumend in den See zu ergießen. Sie schwamm heran, bis die aufschäumende Gischt auf sie herniederspritzte. Dann wendete sie sich seitlich dem Ufer zu, kletterte hinauf und setzte sich auf den warmen sonnenbeschienenen Stein um sich aufzuwärmen. Wie sie so da saß in ihrer vor Nässe triefenden Nacktheit und den langen dunkelblonden Haaren, hätte man sie für eine Wasserfee halten können. Bald richtete sie sich wieder auf, näherte sich auf dem felsigen Untergrund erneut dem Fall und ließ die strömenden Wassermassen auf sich herunterprasseln. Schließlich sprang sie mit einem lauten Jauchzen in den See und schwamm dem Ufer zu, wo sie ihre Sachen gelassen hatte.

Sie stieg am ganzen Leib zitternd an Land, nahm sich ihre Decke und rieb sich trocken bis die Haut sich rötete. Sie breitete die Decke aus, legte sich in die Sonne und träumte vor sich hin.....

.....Einige Zeit später hörte sie ein Geräusch vom Weg her. - Ja, das waren Schritte. Wer mochte da so spät am Abend noch unterwegs sein? Im Halbdunkel sah sie eine Gestalt auf sich zukommen, die sie mit freundlicher Stimme begrüßte: " Guten Abend. Bitte verzeih`, wenn ich dich erschrocken habe. Darf ich mich zu dir setzen?" Elisabeth sagte nichts, ließ den Fremden näherkommen. Er war von mittlerer Größe und trug einen alten Hut mit breiter Krempe. In der Hand hielt er einen langen Wanderstab, der oben eine auffällige Verbreiterung besaß, fast wie einen etwas zu groß geratenen Suppenlöffel.

Als er vor dem Feuer stand, konnte sie sehen, daß er nicht viel älter war, als sie. Sein junges freundliches Gesicht lachte sie mit offenem Lächeln an. Er legte sein Bündel, daß er auf den Rücken geschnallt trug, ab und setzte sich zu Elisabeth ans Feuer.

Eine Weile saß er so da. Dann fragte er: "Dein Kaffee - er duftet so gut - hast du etwas von ihm übrig für mich?" Elisabeth nickte. Der Bursche kramte einen verbeulten Becher aus seinem Beutel, griff nach einem alten Tuch und schenkte sich aus dem kleinen Topf ein. Laut schlürfend nahm er einige Schlucke und sah Elisabeth über den Rand des Bechers hin an. Ihre Augen verwirrten ihn. Sie waren so klar, so tief und es lag etwas in ihnen, das er nicht erklären konnte. Rasch senkte er seinen Blick und starrte ins Feuer. Elisabeth schwieg weiter und wandte ebenfalls ihre Augen den Flammen zu. Stumm saßen sie da, lauschten dem Knistern und Zischen des Feuers und dem kaum hörbaren Summen des Kaffes in dem kleinen Blechtopf.

Nach einiger Zeit sagte Elisabeth: " Du hast mich beobachtet!" Der Junge nickte. "Ich habe dein Feuer durch die Bäume scheinen sehen. Da ich nicht wußte, wer sich hier aufhalten würde, schlich ich mich an, um nachzusehen. Ich war sehr überrascht, eine junge Frau allein hier in den Bergen anzutreffen. Ich schaute dir zu und war ganz in meine Gedanken versunken, als du plötzlich riefst, wer da sei. Ich war sehr erschrocken und es war mir peinlich, dich belauscht zu haben. Also sagte ich nichts. Nachdem du dich wieder dem Feuer zugewandt hattest, schlich ich mich davon. Ich kam mir wie ein Dieb vor und beschloß mich dir nun offen vom Wege her zu nähern. Das Weitere weißt du ja. Bitte entschuldige, ich glaube, ich habe mich etwas dumm benommen."

"Ist schon gut," sagte Elisabeth, "ich wollte es nur wissen.", griff nach einem trockenen Stück Holz und legte es ins Feuer.

Der Junge nahm sein Bündel und holte eine Flöte hervor. Er betrachtete sie, hielt sie in den Händen um sie aufzuwärmen und setzte sie dann an die Lippen.....

***

.....Am nächsten Morgen schien die Sonne. Beide waren noch immer erschöpft und beschlossen einige Tage hier zu bleiben. Elisabeth ging es so schlecht wie lange nicht. - Nein, so schlecht, wie noch nie in ihrem Leben! Daß ihr Körper schmerzte und der Ruhe bedurfte, war noch das Wenigste. - Diese Wunden würden bald verheilt sein.

Sie sprach kaum etwas. Ihre Seele war von etwas ergriffen, das sie bisher nicht kannte. Meist saß sie nur einfach stumm da und starrte vor sich hin. Zwischendurch brach sie in Tränen aus und weinte, zog sich dann schnell zurück um allein zu sein. Nachts träumte sie von dem Überfall und auch tagsüber ließen sie die Gedanken daran nicht los. Vage, nur halb bewußte Schuldgefühle peinigten sie. Ihr ganzer Körper schien ihr übel und schmutzig, obwohl sie sich morgens ausgiebig am Brunnen gewaschen hatte. Immer wieder überkam sie die Angst, der sie hilflos ausgeliefert war.

Wenn es dann einmal aus ihr hervorbrach, hämmerte sie in ohnmächtiger Wut auf irgendeinen Balken ein, um anschließend in jämmerlichem Schluchzen und Weinen zusammenzubrechen, so daß Tilo sich keinen Rat wußte. Er hätte ihr so gern geholfen und wußte nicht wie. Wenn er sich ihr näherte, wich sie scheu zurück und wenn er fragte, gab sie keine Antwort oder fauchte ihn nur unwirsch an.

Am Morgen des dritten Tages saß sie allein auf einem der Felsen und schaute in die grenzenlose Weite, in dessen Horizont sich ein Berggipfel neben den anderen reihte. Unter ihr segelten einige Dohlen, deren Gekrächze von den Bergen als Echo zurückgeworfen wurde. Ein feiner Dunstschleier lag tiefer unten, versperrte den Blick ins Tal, in dem, für sie unsichtbar, der große Fluß in gemächlichen Schleifen dahinzog. Die frühen Sonnenstrahlen kamen soeben hinter den Gipfeln hervor und erfüllten die Bergwelt mit ihrem romantischen Schein. Welch eine Weite, welch ein erhabener Eindruck, dem auch Elisabeth sich nicht verschließen konnte. So weilte sie dort und nahm den sich füllenden Morgen in sich auf. Sie fühlte, wie der Friede um sie her sie berührte, ihr schweres Herz weit wurde, sich in die Unendlichkeit ausdehnte und ihr Bauch sich mit den aufsteigenden Strahlen der Sonne erwärmte. -

Von der Hütte her erklangen die sanften Töne der Flöte herüber. Als sie sich umschaute, sah sie Tilo auf sich zukommen. Ohne die Flöte abzusetzen und das Spiel zu unterbrechen, setzte er sich zu ihr und nahm, wie schon einmal, ihre Seele mit auf die Reise, ließ sie über Berge und Täler schweben, hoch hinauf in die Lüfte. Einem Traum gleich, von dem weder sie noch er zu sagen vermochte, ob er tatsächlich Traum war, oder Wirklichkeit.....

***

.....Auf leichten Füßen eilte Elisabeth hinter der Dienerin her. Als die Gelegenheit günstig war, faßte sie die Dienerin plötzlich fest bei der Hand und zog sie schnell in eine dunkle Ecke. "Wovon redest du?", fragte sie energisch, wobei sie die Gelenke der Frau fest umklammert hielt. Die Dienerin zitterte am ganzen Leib vor Furcht und ihre Augen waren die eines in die Enge getriebenen Rehs. "Nichts, laß mich, laß mich gehn, der Herr wartet!", sagte sie und versuchte sich loszureißen. Aber Elisabeth gab nicht nach: "Nein, so kommst du mir nicht davon. Was sollte das heißen, ´du bist auch eine von ihnen´? Und was ist hier eigentlich los?"

Gelähmt vor Angst sah sich die Dienerin nach beiden Seiten um. Dann schaute sie Elisabeth an und suchte in ihrem Gesicht. Schließlich stammelte sie: "Ich weiß nicht, aber deine Augen, es liegt so etwas in ihnen - und dann habe ich dich und unseren Herrn beobachtet. Es war etwas zwischen euch, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, so als kanntet ihr euch und hättet ein schweigsames Einvernehmen - aber auch etwas wie Feindschaft schien darin zu sein..."

"Was ist los mit deinem Herrn?", wollte Elisabeth wissen. "Du hast dich geirrt, ich kenne ihn nicht! Aber hier stimmt doch etwas nicht und warum hast du solche Angst? - Schlägt er dich?" Das Mädchen brach in Tränen aus und schluchzte: "Ach, wenn du nur wüßtest -!" und schniefte einige Male. Elisabeth lockerte ihren Griff, dann faßte sie sie sanft an den Schultern und beruhigte sie. "Erzähl es mir, wir sind Freunde. Ich suche nach meinem Bruder, der von einer Zauberin entführt wurde. Die lange vergebliche Suche führte mich schließlich hierher. Ich glaube, daß du hier Schreckliches zu erdulden hast." - Die Dienerin nickte und weinte. "Es ist so fürchterlich. - Meine Eltern waren verstorben und ich wußte nicht wohin. Da nahm sich der Herr meiner an. Er war freundlich und gütig zu mir und bot mir eine Stelle als Dienerin auf seiner Burg an. Die ersten Tage schien auch alles gut zu sein, aber schnell entwickelte es sich zu einem Ort des Schreckens. Es ist ein lebendiger Alptraum. Alle haben unter dem Herrn zu leiden, außer seinen Rittern - merkwürdige düstere Gestalten. Er läßt niemanden fort und wer es dennoch versucht hat, wurde immer sofort wieder eingefangen und dann sahen wir ihn nie wieder. Der Herr ist ein grausamer Tyrann und erfreut sich an unseren Leiden. Er steht mit bösen Mächten im Bund. - .....

***

......Der Alte hatte so gut es ging das Gebäude erkundet. Es waren mühsame und nervenaufreibende Stunden gewesen. Doch er war auf nichts Bedeutsames gestoßen, was ihnen weiterhelfen konnte. Kein Gefängnis, keine geheimnisvolle Kammer, die vielleicht preisgab woher die Burgherrin ihre Macht bezog. Äußerlich betrachtet schien es eine ganz normale Burg zu sein.

Zum Schluß war er noch einmal draußen herumgeschlichen. Die Zauberin war noch auf gewesen und er suchte nach einem Weg, in ihre Kammer zu schauen um sie zu beobachten. Nicht weit gegenüber ihrem Fenster befand sich eine alte Eiche, dessen riesige Krone den Hof überdeckte. Er kletterte hinauf und konnte weite Bereiche ihres Zimmers einsehen. Es war für den alten Mann kein geringes Wagnis, daß er, um noch mehr sehen zu können, weiter in die äußeren Bereiche der Krone kroch.

Die Zauberin saß an einem kleinen runden Tisch. Sie trug ihr dunkles Haar offen, das ihr bis auf die Hüften hinunterwallte. Sie war in ein langes rosafarbenes Nachtgewand gehüllt. Vor ihr stand auf einem kostbaren Kissen auf dem Tischchen ein großer Kristall. Er war von solcher Reinheit und Klarheit, daß der Alte unwillkürlich durch die Zähne pfiff. Einen Edelstein von der Größe und mit dieser Qualität hatte er lange nicht mehr gesehen. -

Ja, das war lange her gewesen. Er war damals Lehrjunge in einem entfernten Land, dessen Sprache er nicht sprach. Seine Mutter war eine angesehene Schamanin gewesen und da er ihre Begabung geerbt hatte, schickte sie ihn zu einem alten Jugendfreund, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Dieser war ein Meister mit allem was Steine und Mineralien betraf und besaß eine umfangreiche Sammlung von erlesenen Stücken. Eines Tages holte er eine ganz besondere Kostbarkeit hervor. Einen Kristall, von ausgesuchter Schönheit, der eine Kraft und Energie barg, die er nie vergessen würde. Er erinnerte sich noch, wie sein Meister zu ihm sagte: "Es ist ein großes Glück, solch einen Edelstein besitzen zu dürfen! Ich frage mich oft, womit ich das verdient habe." Leise fügte er in tiefer Bescheidenheit hinzu: "Nur die reinsten Seelen, so wird überliefert, können einen solchen Stein ihr Eigen nennen. Und siehst du, Junge, du magst zu mir hinaufblicken - ich wandle halt schon einige Jahre länger hier als du - aber als etwas Besonderes habe ich mich nie gefühlt... " -

Liebevoll betrachtete die Zauberin ihr Juwel. Ihr Gesicht war sanft und weich geworden. Alle Kälte und Härte war von ihr gewichen und der Alte mußte nun wirklich über ihre überwältigende Schönheit staunen, die diese Verwandlung offenbarte. Sie nahm den Kristall in ihre Hände und schien zu ihm zu sprechen .....

***

.....Sie verbrachten die wenigen restlichen Stunden der Nacht im Wald, um sich etwas auszuruhen. An Schlaf konnten sie allerdings nicht denken, zu sehr waren sie von den Erlebnissen aufgewühlt. Elisabeth fragte sich, was wohl mit Hans geworden war und sie schmerzte der Verlust des Wurzelholzes. Wäre sie doch bloß nicht so unbeherrscht gewesen! Als sich in der Ebene im Osten ein erster schwacher Schimmer des jungen Tages zeigte, entschlossen sie sich wieder aufzubrechen.

Elisabeth wollte unbedingt noch einmal hinauf zur Burg, um nach Hans zu suchen. Der Alte aber hatte Sorge, nicht mehr rechtzeitig bis zum Abend die Furt zu erreichen. Schließlich gab er ihr aber doch nach und gemeinsam stiegen sie zum zweiten Mal den Berg hinauf. Sie begegneten niemandem auf ihrem Weg und als sie oben anlangten, war von der ehemaligen Burg nichts mehr zu sehen. Ratlos stand Elisabeth an dem Ort, der ihnen diese Nacht schnell hätte zum Verhängnis werden können. Nicht nur, daß die Burg zerfallen gewesen wäre, das hatten sie ja mit eigenen Augen mit angesehen. - Es war nichts mehr da, was daran erinnern ließ, daß hier je eine Burg gestanden hatte! Keine Trümmer, nichts, Nur die natürlichen Felsen, bewachsen mit Moosen, Flechten und kleinen Sträuchern. "Was ist denn das?", fragte Elisabeth ungläubig und faßte den Alten unwillkürlich bei der Hand, wie um sich zu vergewissern, daß sie nicht träumte. Der Alte sah nur still vor sich hin. Es war nicht zu sagen, welche Gedanken ihm durch den Kopf gehen mochten.

"Komm, schauen wir uns um", meinte Elisabeth und ging weiter. Sie suchte einen großen Bereich rundum ab und rief nach Hans, doch es war vergebens. Niedergeschlagen gab sie schließlich auf und machte sich mit dem Alten auf den Heimweg......

***

......Es dauerte eine Weile bis er begriff, als er unter sich seinen reglosen Körper liegen sah. Er schaute auf und sah seine kleine Schwester, die bereits als Kleinkind gestorben war, auf sich zu kommen. Sie nahm ihn bei der Hand und er folgte ihr, bis sie auf einen hohen Berggipfel gelangten. "Schau!, sagte die Kleine und wies mit der Hand ins Tal, "Das ist dein Leben!" Er schaute hinunter, wo sich soeben die dichte Wolkendecke teilte und es schien ihm, als würde er von einem Strudel fortgerissen und deutlich sah er sein Leben vor sich. Er erkannte und durchlebte mit erschütternder Klarheit, was sein Tun und Streben an Verstrickungen und Leid bewirkt hatte....

Nachdem alles so offen vor ihm gelegen hatte, sagte seine Schwester: "Komm, du mußt nun gehn." Er fragte sich, wohin, doch er folgte ihr willenlos, ohne eine Frage zu stellen. Er tauchte in ein tiefes Nichts ein, daß ihn warm und voller Licht umfing. ...

Er erwachte vom Klang einer Flöte und sah sich verwundert um. Er lag in einer kleinen Hütte, die nur aus einem einzigen Raum bestand. Neben ihm saß ein uralte Frau, mit langen weißen Haaren, die ihr bis zu den Hüften reichten. Sie setzte die Flöte ab und kühlte ihm mit einem feuchten Tuch die fiebrige Stirn. Dann richtete sie seinen Kopf ein wenig auf und gab ihm von dem frischen Quellwasser zu trinken.

In den nächsten Wochen pflegte sie ihn bis er vollständig genesen war. Er blieb bei ihr und erlernte von ihr die Kunst des Flötenspiels und die Herstellung der Instrumente. Er gab all sein ehrgeiziges Streben auf und widmete sich nur noch der neuen Kunst, die ihm wie von selbst von der Hand zu gehen schien. Auch nach dem Tode der weisen Frau blieb er hier - er wußte, daß er endlich gefunden hatte, wonach er so lange gesucht hatte. Im Laufe der Jahre erbaute er an Stelle der kleinen Hütte sein jetziges Haus. - Das war nun über 30 Jahre her....

***

.....Die Sonne ging unter und Elisabeth hatte Durst bekommen. Sie fühlte sich müde und schlapp. Ihr fiel ein, daß sie seit dem frühen Morgen nichts mehr getrunken hatte und das machte sich jetzt bemerkbar. Ihr Stolz ließ sie lange zögern, den Wunsch nach Wasser zu äußern, doch das nahe Rauschen des Wassers im Bach verstärkte ihr Verlangen und ihr Hals wurde immer trockener. Schließlich bat sie mürrisch: "Ich habe Durst, bitte laß mich etwas trinken." Aber das Ungeheuer spöttelte nur wieder: "Es hat Durst -, so, so, trinken will es. - Es weiß doch, was ich von ihm verlange! Es wird sonst kein Wasser brauchen. Nein, nein, kein Wasser und auch keine Nahrung. - Es wird sterben. Langsam verdursten und sterben. Das wird ein kleiner Spaß werden und uns wenigstens etwas Nahrung geben. Dummes, dummes Mädchen. Hätte sich nicht mit Elfen einlassen sollen. Wir sind hungrig, weil es uns bestohlen hat. Doch ein kleines Mädchen, daß stirbt, ist immer noch besser als ein leerer Magen! - Kleines dummes Ding, es hätte mich zu den Elfen führen sollen. Jetzt ist es allein mit uns. Es wird schon sehen, es wird schon sehen."

Elisabeth schwankte zwischen Durst, Wut und Erschöpfung. Sie fühlte sich immer schwächer. War das möglich, ging es ihr durch den Kopf, daß der Elfenfresser ihr ihre Kraft raubte? Es kam ihr ganz so vor und seine Worte ließen darauf schließen. - Panische Angst erfaßte mit Eiseskälte ihr Herz. Es gab keinen Zweifel. Wie auch immer er es anstellte, er sog mit unbarmherziger Kraft an ihrer Energie! Wie mochte es da den sensiblen Elfen ergehen, wenn sie in seine Klauen gerieten? Und langsam konnte sie verstehen, was die junge Elfe ausgestanden hatte. Sie wehrte sich innerlich verzweifelt, versuchte sich zu verschließen und zerrte mit schwachen Kräften an ihren Fesseln.....

***

.....Es war ein lauer warmer Sommerabend. Die Frische des Grüns mischte sich mit dem Duft der Blüten und Gräser am Bach, der mit gewohntem Gluckern und Rauschen zum Haus herüber klang. Sie saßen gemeinsam auf der Terrasse, wie sie es während des Sommers meistens zu tun pflegten. Elisabeth hatte die Schwere ihres letzten Abenteuers seit dem Nachmittag von sich geschüttelt und ließ das Erlebte nun in distanziertem Abstand noch einmal an sich vorüberziehen. Irgendwo in ihrem Innern schmerzte es noch, doch die überwältigende, alles einhüllende dunkle Wolke war verschwunden.

"Das Monster", fragte sie, "was ist aus ihm geworden? Haben die Elfen es getötet?"

"Ich weiß es nicht.", meinte der Alte. "Wir haben uns nicht mehr darum gekümmert. Wir hatten genug mit dir zu tun und sind am anderen Morgen so schnell wie möglich hierher zurückgekehrt. - Aber getötet werden sie es nicht haben. Der Elfenfresser ist kein Wesen, das man im üblichen Sinne töten könnte - ganz abgesehen davon, daß die Lichtelfen niemanden töten."

"Und ihre Pfeile?", fragte Elisabeth.

"Hast du sie gesehen?", entgegnete der Alte. "Es sind keine Pfeile, wie wir sie kennen. Es sind Pfeile des Geistes, die auf den Geist zielen. Sie sind wie Symbole für Klarheit und Reinigung."

Elisabeth schaute vor sich hin. Dann wollte sie wissen: "Du hast erzählt, der Elfenfresser sei fort gewesen, als du mich gefunden hast. Hatte er die Elfen bemerkt und ist vor ihnen geflohen, obwohl er es doch so sehr auf sie abgesehen hatte?" "Nein, er ist nicht geflohen! Er ist in dem Moment verschwunden, als du alles aufgegeben hattest - sogar bereit warst zu sterben. - ..................

***

Elmar Woelm