Creativ writing

Konzentieren wir uns auf die pragmatischen Textgattungen von professioneller Bedeutung - das kreative Schreiben, das sich aus unsicheren Anfängen zu einer enormen Schreibbewegung entwickelt hat. Sie ist eine andere, nicht weniger komplizierte Übung, der hier wenigstens mit einigen Worten gedacht sein soll. Viele glauben noch immer, dass kreatives Schreiben nicht lehrbar sei. Schauen wir uns die Literaturgeschichte an, stellen wir fest "Creativ writing" gehört zum Lehrbild amerikanischer Universitäten. Diese Methoden sind allerdings auch anwendbar auf solche Gattungen wie etwa der fiktionalen Erzählprosa. Es emphiehlt sich ohnehin, nicht etwa mit freien Gegenständen zu beginnen, sondern sich den realen Erfordernissen einer klar definierten Textgattung zu unterwerfen, die generierbar ist. Allgemein bekannt ist die gutgemeinte Laienpoesie, die mit Herzblut geschrieben baren Kitsch erreicht.

 

Wie beginnen?

Nicht spätestens jetzt sondern frühestens jetzt, ist es Zeit sich ein paar Fragen zu beantworten.
Die erste Frage lautet: Wie beginne ich? Diese Frage trifft nicht nur auf Romane zu, sie ist anwendbar auf alle erzählenden Texte. Passt jedoch nicht zu Reportagen, Biografien, Kommentare, Porträts, Literaturkritik, Glossen, Reiseberichte.

Worüber will ich schreiben?
Wie will ich schreiben?
Welche Figuren spielen eine Rolle?
Welche Konflikte treten auf?
Wie löse ich diese Konflikte?

Die so genannten grossen W, aus der Krimonologie entlehnt, helfen hier meist weiter:

1.   W er?
2.   W arum?
3.   W o?
4.   W omit?
5.   W ie?
5a. W en oder W as?

Die Reihenfolge ist dabei erst einmal belanglos.

Eine andere Frage, die sich der Autor stellen sollte:
Was will ich meinen Lesern mitteilen (Message)?

Eine immens wichtige Frage:
Bin ich in der Lage die Figuren wachsen zu lassen? Kann ich sie charakterlich entwickeln, ihr Verhalten steuern?
Ebenso wichtig sind Nachforschungen zum Stoff. Erst recht wichtig sind diese Recherchen, wenn sich die Figuren in einer historischen Umgebung, Zeit, bewegen. Man kann einen Protagonisten nicht mit Pfeil und Bogen ausstatten, mittelalterliche Welten schaffen und ihn dann Auto fahren lassen, um das einmal so grob zu sagen. Ebensowenig kann ich, wie in dem Film “Gladiator” geschehen, historische Figuren darstellen und ihnen falsche Bekleidung geben. In diesem Fall (Film) kämpft der Gladiator (verkörpert durch Russel Crowe) in einer historisch falschen Rüstung. Er trägt einen Brustpanzer an statt Visierhelm und freiem Oberkörper (mag ja ganz gut aussehen, ist aber historisch vollkommen falsch.). Das trifft auch auf Fantasiegeschichten zu und gerade deren Leser sind da sehr kritisch. Bei den SF-Lesern ist das nicht anders. Sie merken sehr wohl, ob etwas nicht stimmig ist, was technische Probleme betrifft. Die grossen Vorbilder sind hier nun einmal solche Serien wie Raumschiff Enterprice und Star Treck.

Alles in allem ist Schreiben eine mühsame, oft schwere Arbeit, die allzu oft keine Anerkennung erfährt. Doch das soll uns nicht abschrecken.
Ich habe euch entmutigt, nun muss ich euch wieder aufbauen.

Also wie beginnen wir?
An dieser Stelle zitiere ich einmal James N. Frey, den Autor von "A Last Patriot", The Armageddon Game" und "The Elexier". Er sagt:

Zitat Anfang
Eine Geschichte ist eine "Schilderung von Ereignissen".
Rotkäppchen geht in den Wald, trifft den Wolf, nimmt eine Abkürzung zum Haus der Grossmutter, sieht den Wolf wieder, sagt: >>Was hast du für grosse Zähne<<, und der Jäger kommt und schneidet dem Wolf den Bauch auf. Eine Schilderung von Ereignissen ist die schlichte Wiedergabe oder Nacherzählung von etwas, das entweder in der >>realen<< oder in einer >>fiktionalen<< Welt passiert ist. Die Geschichte von Rotkäppchen ist eindeutig eine Schilderung von Ereignissen.
Ebenso handelt es sich um eine Schilderung von Ereignissen, wenn der alte Mann sich aufmacht, um den grossen Fisch zu fangen, oder wenn Michael Corleone sich aufmacht, um die Feinde seines Vaters zu töten, oder wenn Leamas, der Spion, in die Kälte hinausgeht. Jede Geschichte ist eine Schilderung von Ereignissen. Doch das ist noch nicht alles.
Zitat Ende

Nun wissen wir immer noch nicht, wie wir anfangen sollen. Zuerst einmal müssen wir uns darüber klar werden, was eine Geschichte eine ist. Doch das erfahrt ihr in Kürze an gleicher Stelle

Nein, wir fangen hier jetzt nicht an, uns mit der Rhetorik zu beschäftigen, obwohl die "Sprachrichtigkeit" auf die Reinheit der Sprache (puritas) verweist und sich gegen den Sprachverderb richtet. Eine klare, durchsige Sprache ist hier Mittel zum Zweck.

 

Wir fangen also vor dem Anfang an.

Nein, nein, das ist nicht paradox!

Das Leben eines Menschen besteht aus Höhen und Tiefen, guten und schlechten Zeiten.

Ihr habet Freunde, deren Leben eine Geschichte oder viele Geschichten darstellt, Ereignisse genannt. Irgendwie hat es euch wehgetan, dass Moritz von seinem Chef gefeuert wurde. Was wird Moritz, mittlerweile 42 Jahre alt, wohl anfangen. Hier beginnt die Autorenschaft, die künstlerische Freiheit. Egal, was Moritz im RL wirklich macht.

Wo genau also fangen wir an? Der beste Anfang ist der Beginn vor dem eigentlichen Anfang.

Verwirrt? Macht nix, wir kommen noch drauf.

Also beginnen wir vor dem Rausschmiss. Der Rausschmiss selbst markiert den eigentlichen Beginn der Geschichte. Die Bedeutung der Kündigung für den Protagonisten können wir jedoch nicht verstehen, wenn wir die Situation der Figur vor diesem Ereignis nicht einschätzen können. War der Job schrecklich, ist die Kündigung eine Erleichterung. Wurde der Job dringend gebraucht, bedeutet die Kündigung den möglichen Ruin. Also, zwei unterschiedliche Ausgangssituationen.

Ereignisse können nur im Zusammenhang mit der Situation verstanden werden. Der Leser muss den "Status quo" kennen, die Ausgangssituation.

Also, die Ereignisse vor der Kündigung bilden die Ausgangssituation,

der zentrale Konflikt setzt mit dem Rausschmiss ein.

Alles klar?

Nein?

Lasst uns Beispiele konstruieren.